Tagesdosis 7.3.2020 – Mutige Frauen braucht das Land (Podcast)

Alle Jahre wieder wird versucht, mit dem internationalen Frauentag am 8. März die Unterdrückungsmechanismen gegenüber Frauen zu verschleiern und damit zu verstetigen.

Ein Kommentar von Christiane Borowy.

Der längste Krieg ist der zwischen den Geschlechtern. Vielleicht wurde deshalb der internationale Frauentag von den Vereinten Nationen als Tag für die Rechte der Frau und den Weltfrieden ernannt. Die Taz schreibt am 4.März 2020 in einem Artikel zum diesjährigen internationalen Frauentag: „Geld hat ein Geschlecht“ (1). Die amerikanische Schriftstellerin und Historikerin Rebecca Solnit bringt es präziser auf den Punkt: „Gewalt hat ein Geschlecht“ (2). Die Trennung der Geschlechter ist wie jede Trennung eine Illusion, ein gedankliches Konstrukt. Wir alle sind Menschen, die eine Menschheitsfamilie bilden. Doch an der Trennungs-Illusion wird kräftig mitgearbeitet, auch von Frauen – und das ist ein Problem, das gerade am internationalen Frauentag Beachtung finden kann.

Das Bild der Frau

Zu Zeiten von Simone de Beauvoir, von der ich sicher bin, dass sie sich im Grabe rumdreht, schien ja alles ganz klar. Da gab es die Trennung zwischen Mann und Frau. Der Mann durfte studieren, die Frau eher nicht. Der Mann durfte wählen, die Frau nicht. In der Erziehung hatte der Mann das letzte Wort. Da wusste man als Frau noch, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Im Vergleich dazu hat sich viel geändert. Also ist doch alles tutto bene, oder? Wozu brauchen wir jetzt noch einen Frauentag?
Genau diese Frage stellt sich die Welt in einem aktuellen Artikel scheinbar auch.

In dem Artikel: „Warum der 8. März als Frauentag eine schlechte Wahl ist“ (3) findet der Autor vor allem zentral, ein anderes Datum zu wählen, und zwar wegen der ehemaligen DDR, in welcher der 8. März seiner Einschätzung nach ein „gleichermaßen verklemmtes wie bemühtes Ritual“ war, obendrein noch von der Kommunistin und „Säulenheiligen der SED“ Clara Zetkin initiiert. Aber sonst gibt es keine Probleme? Angeblich nicht. In 100 Jahren Frauentag hat man schließlich viel erreicht. Als Beispiel wird angeführt: „Fridays for future sind in der Außendarstellung zu 100 Prozent feminin. Die Botschaft: Macht braucht keine Männer. Damit liegen die Klimaaktivistinnen voll im Trend.“

Interessant. Welcher Trend?

Welche Macht haben denn die Klimaaktivistinnen? Das sind Mädchen und keine Frauen. Der gesunde Menschenverstand des Welt-Redakteurs hüllt sich vornehm in Schweigen. Dann führt er auch noch die Kanzlerin, Annegret Kramp-Karrenbauer und Ursula von der Leyen an, die er als repräsentativ für den Vormarsch von Frauen in politischen Ämtern ansieht. Die Anzahl der Frauen in hohen politischen Ämtern ist allerdings eher gesunken. Das weiß immerhin der Tagesspiegel und titelt „Warum sind Frauen eine Minderheit in den Parlamenten“ (4).

Als Gründe für die geringe Anzahl an Frauen in der Politik werden genannt, dass die Familien- und Sorgearbeit mit der politischen Arbeit schwer vereinbar ist, außerdem „Grabenkämpfe“ und „Profilierungssucht“ abschreckend wirken würden und dass Frauen außerdem vermehrt Abwertungen erleben, häufiger unterbrochen werden, sowie dass sie nach ihrem Äußeren, ihrem persönlichen Lebenswandel und ihrem Auftreten nach beurteilt werden. Des Weiteren hätten Frauen oft das Gefühl, härter sein zu müssen und sich mehr anstrengen zu müssen als ihre männlichen Kollegen, um überhaupt etwas zu erreichen.

Alles an den Haaren herbeigezogen, denken Sie? Dann erinnert sich vielleicht jemand an den Trigema-Chef Wolfgang Gupp, der gerade über die andernorts als Rollenmodell des Feminismus hervorgehobenen Frauen Merkel, Kramp-Karrenbauer und von der Leyen nach der Wahl in Thüringen abfällig geäußert hat, Friedrich Merz müsse jetzt die CDU anführen, denn er, Gupp, hätte nun schon mehrmals deutlich gesagt, dass er den Kurs der „Damenriege“ (5) nicht mehr mittragen könne.

Wie tief jedoch Frauenverachtung in der Macht- und Geldelite verankert scheint, hat Gesundheitsminister Jens Spahn am vergangenen Montag, passgenau vor dem Weltfrauentag, deutlich gemacht. Er wolle eine Planstelle für einen Soldaten, einen Generalarzt, einrichten, um damit wegen der Angst vor dem Coronavirus eine neue Abteilung einzurichten, und zwar „Gesundheitssicherung, Gesundheitsschutz, Nachhaltigkeit“, wie die junge Welt berichtet (6). Wir lassen jetzt mal den Irrsinn mit dem Militär in einem zivilen Amt außen vor und gehen gleich weiter zu seiner mit Verve vorgetragenen Äußerung „Ich habe großes Vertrauen in unsere Experten, Ärzte und Pfleger“ (7).

Klingt doch eigentlich ganz gut? Hat das etwas mit Frauenverachtung oder besser gesagt Frauen-Nichtbeachtung zu tun? Ja, hat es. Überspitzt könnte man sagen, dass Spahn lieber einem Militärarzt eine Stelle einräumt, bevor er der Gruppe Personal zukommen lässt, die es gerade im Gesundheitssystem besonders schwer hat: Das Pflegepersonal. Spahn könnte es besser wissen, denn laut Bundesgesundheitsministerium sind in Pflegeberufen zu über 85 Prozent Frauen beschäftigt, Krankenschwestern erhalten ein vergleichsweise niedriges Gehalt für ihre Arbeit, und im Pflegebereich gibt es einen Fachkräftemangel (8).

Die Interessenlagen einer Gruppe, die den größten Anteil in einem Bereich ausmacht, wird also komplett ignoriert. Das kann Zufall sein, muss es aber nicht. Die Politikerin Katharina Schwabedissen, ehemalige Landessprecherin von Die Linke Nordrhein-Westfalen, empört sich über Spahn in einem Facebook-Beitrag:

„Vor seiner Rede hatte Spahn auf Twitter bereits angekündigt, dass die Vorgaben zur Mindestbesetzung mit Pflegekräften in Krankenhäusern vorerst aufgeweicht werden. Um die Kliniken zu entlasten, würden die festen Personaluntergrenzen für bestimmte Stationen bis auf weiteres außer Kraft gesetzt. Das ist eine Unverschämtheit gegenüber Pflegenden und gegenüber Patient*innen und ihren Angehörigen! Die Untergrenzen heißen Untergrenzen, weil darunter nichts mehr geht. Hygiene und Gesundheitsschutz im Namen einer möglichen Epidemie mit Füßen zu treten, zeigt erneut, wie krank dieses System ist. Gerade jetzt käme es darauf an, für mehr Personal und deutlich bessere Arbeitsbedingungen zu streiten. Spahn macht genau das Gegenteil.“

In einem Wort: Die schlechten Arbeitsbedingungen von über 85 Prozent des Pflegepersonals interessieren keinen Menschen. Sie werden als die schwächsten Glieder angesehen, denen man mehr und mehr zumuten kann. Läuft doch.

Aber: Wo hört man von einem Protest durch die Frauen selbst? Wo ist der Aufschrei der Frauen in Pflegeberufen? Die Diskriminierung von Frauen kommt einem so normal vor, dass es kaum jemandem auffällt, am wenigsten den Frauen selbst, wie es scheint. Bourdieu nannte das „inkorporierte Herrschaft“.

Viele Medien greifen zwar einmal jährlich das Thema der Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern auf und versuchen, dem ganzen einen neuen Anstrich zu geben. Doch dieser ist meist nur Makulatur. So kommt eher der Verdacht auf, dass durch einen Tag wie den internationalen Frauentag Frauen ein Appetithappen zur Besänftigung sozialen Sprengstoffes hingeworfen wird. Denn wehe, wenn Frauen es nicht mehr hinnehmen würden, von einer Macht-Elite beherrscht zu werden, welche durch Manipulationstechniken die Gewalt zwischen den Geschlechtern eher schürt, anstatt die Illusion der angeblichen Trennung der Geschlechter aufzuheben.

Es werden viele Trennlinien durch die Gesellschaft gezogen. „Divide et impera“ ist eine aus der Antike stammende und immer noch wirksam praktizierte Herrschaftsstrategie. Sie dient dazu, Einheiten zu zerschlagen, die sich formieren könnten, um die Machteliten dazu zu bringen, sowohl Macht als auch Besitz gerecht zu verteilen.
Täter-Opfer Dynamiken

Jede Unterdrückung, die nicht mit äußerem Zwang arbeitet, muss mit der Zustimmung der Beteiligten arbeiten“, formulierte Frigga Haug, Soziologin und Herausgeberin des „Argument“-Verlages, schon vor beinahe 30 Jahren. Seitdem sind viele internationale Frauentage vergangen, doch hat sich seitdem kaum etwas geändert.

Der Lackmustest für Gendergerechtigkeit ist die Statistik für Partnerschafts-Gewalt: Frauen gehören zu über 80 Prozent zu den am häufigsten Betroffenen. Dazu gehört Mord und Totschlag, sexueller Übergriff, sexuelle Nötigung, Freiheitsberaubung, Zuhälterei und Zwangsprostitution. Die Zahlen sind von 2018 und das ist ein massives Ergebnis (9).

Nach dieser Statistik könnte man als Frau durchaus auf die Idee kommen, dass es eine Spitzenidee sein könnte, einfach Single zu bleiben, doch gleich vorneweg sei gesagt: Auch wenn die meisten Straftaten von Männern begangen werden, bedeutet das nicht, dass alle Männer zu Tätern an Frauen werden. Die meisten Männer sind es nicht. Die These, dass es kaum zu Protesten von Frauen kommt, weil ihnen ab und zu Appetithappen angeboten werden, um den Anschein von großem Fortschritt zu erwecken, lässt sich an einem weiteren Beispiel nachvollziehen, das momentan als großes Vorbild für Geschlechtergerechtigkeit dienen soll und das im Grunde nichts anderes ist als eine Herrschaftsstrategie.

Die Rede ist von Gender Mainstreaming. Gemeint ist damit, dass Männer und Frauen ein gleiches Anrecht auf ein selbstbestimmtes Leben haben sollen. Es ist ein Instrument der Geschlechterpolitik, mit dessen Hilfe dafür gesorgt werden soll, dass die Gleichberechtigung von Männern und Frauen institutionell verankert werden kann. 
Allerdings versucht man mit dem Thema Gleichstellung seit Jahren, einen wirklichen Wandel zu behindern.

Gender Mainstreaming ist vor allem eins: Mainstream

An der Brisanz der Ergebnisse, in dem Buch „Blockierte Karrieren – Frauen an der Hochschule“ (10), in dem die Kieler Soziologin Elke Geenen schon früh die strukturelle Diskriminierung von Frauen an Hochschulen untersuchte, hat sich nichts geändert.

Frauen sind an Hochschulen nachweislich diskriminiert und ihre Karrieren an deutschen Universitäten blockiert. Aus dem so genannten „Mittelbau“ steigen nur wenige Frauen auf und schaffen es, eine Professur zu erhalten. Es ist allerdings keine Frage der Geschlechterdifferenz, sondern eine Frage von verstetigten Machtstrukturen und Elitenbildung.

Da ihnen die wissenschaftliche Karriere versagt wird, wählen einige Wissenschaftlerinnen den außerwissenschaftlichen Weg über die höheren Verwaltungsebenen der Universität. Dabei ist vor allem das Amt der Gleichstellungsbeauftragten im Zuge von Gender Mainstreaming interessant geworden. So gibt es nicht nur wie in der Verwaltung üblich, eine größere Aussicht auf unbefristete Vertragsverhältnisse, sondern obendrein Macht durch Präsenz in allen universitären Gremien. Außerdem ist das Amt ein Sprungbrett in die höhere Beamtenlaufbahn, wenn man zum Beispiel Berufungsbeauftragte an einer Universität wird. Anstatt also die Frage nach Macht und Herrschaft zu stellen und zu protestieren, treten Frauen im Kampf um Ämter in Konkurrenz zueinander, anstatt miteinander zu kooperieren. So machen sie sich letztlich zu „Legitimationsagenten“ (11) wissenschaftlicher Elitenbildung und sind mehr Trennungsbeauftragte als Gleichstellungsbeauftragte. Sie bestätigen also eher die Verhältnisse, die sie in Wahrheit klein halten. Ein fauler Friede.

Vielleicht ist es Zeit, dass Frauen wieder Lust bekommen, aus diesem Klammerungsverhältnis mit der Macht auszusteigen. Dazu wäre nötig, dass sie sich nicht als reine Opfer sehen, oder selbst zu (Mit-)Tätern werden. Vielleicht lässt sich der Frauentag für Frauen so nutzen, dass sie mutiger werden, sich damit zu konfrontieren, dass sie sich eingerichtet haben in einem System, das sie unterdrückt. Ich wünsche allen Frauen, dass sie den Mut aufbringen, der Wahrheit ins Auge zu blicken und sie auszusprechen.

Ich wünsche allen Frauen auch die Empathie und Liebe zu sich selbst, den dieser Mut erfordert.

Quellen:

  1. https://taz.de/Frauentaz-zum-8-Maerz-2020/!170470/?goMobile2=1581120000000
  2. https://www.randomhouse.de/Taschenbuch/Wenn-Maenner-mir-die-Welt-erklaeren/Rebecca-Solnit/btb/e496536.rhd?gclid=EAIaIQobChMIu4mA6NOE6AIVElQYCh1a5gf7EAAYAyAAEgJYdfD_BwE
  3. https://www.welt.de/debatte/kommentare/article206195049/Internationaler-Frauentag-Es-gibt-weniger-versumpfte-Termine-als-den-8-Maerz.html
  4. https://www.tagesspiegel.de/politik/maennerwirtschaft-politik-warum-sind-frauen-eine-minderheit-in-den-parlamenten/24072744.html
  5. https://www.rnd.de/wirtschaft/keine-lust-mehr-auf-die-damenriege-trigema-chef-wunscht-sich-merz-an-cdu-spitze-7TK7ISCPDRCBTIIRVAQY4BGRNM.html
  6. https://www.jungewelt.de/artikel/373782.milit%C3%A4r-auch-gegen-viren-general-im-gesundheitsministerium.html?fbclid=IwAR345c8mdwKjkvl8Y8C73DylLAfSSNLHm1rxxM2DZKFmJfBNB9pOuIafUDc
  7. https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/reden/regierungserklaerung-coronavirus.html
  8. https://www.bundesgesundheitsministerium.de/themen/pflege/pflegekraefte/beschaeftigte.html
  9. https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/aktuelles/presse/pressemitteilungen/gewalt-gegen-frauen—zahlen-weiterhin-hoch-ministerin-giffey-startet-initiative–staerker-als-gewalt-/141688
  10. https://www.buecher.de/shop/kinder-und-jugendsoziologie/blockierte-karrieren/geenen-elke-m-/products_products/detail/prod_id/05332441
  11. http://grilleau.blogspot.com/2019/06/befriedungsverbrechen-uber-die.html?m=1

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Danke an die Autorin für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Bildquelle:  nullplus / Shutterstock

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