Tagesdosis 7.6.2018 – Putin, der Problembär. Merkel, das Mängelchamäleon?

Ein Kommentar von Bernhard Loyen.

Die Juni Ausgabe der Zeitschrift Cicero trägt den Titel: Problembär, wie der Westen an Russland scheitert. Das Cover zeigt den russischen Präsidenten Wladimir Putin, gezeichnet mit nacktem Oberkörper und erlegtem Bärenfell als Kopfbedeckung. Die Friedenstaube hat er auch gleich mit seiner alten Flinte erlegt und sich unter das Gewehrholster geklemmt.(1)

Wöchentlich und das seit Monaten, gefühlt Jahren, möchte die deutsche Medienlandschaft ihre Leser und Zuschauer unbedingt von einer vermeintlichen Tatsache überzeugen. Grund Nummer 1 für den brüchigen Weltfrieden ist und bleibt Russland, verkörpert und in permanenter Drohgebärde durch Wladimir Putin. Bei Cicero klingt das dann so: In den vergangenen zehn Jahren aber haben sich der Westen und Russland entfremdet . Die Nato expandierte Richtung Osten, Russland verleibte sich die Krim ein. Mit seiner törichten Äußerung von der „Regionalmacht“ Russlands demütigte und reizte der amerikanische Präsident Barack Obama ohne Not Wladimir Putin, der seither alles tut, um dem Westen geopolitisch das Gegenteil zu beweisen. Russland wiederum wird mit Sanktionen belegt und darf zugleich in den nächsten Wochen die Weltmeisterschaft des größten Massensports des Westens ausrichten.(1)

Wir lernen, geopolitische Drohungen gehen seit geraumer Zeit vermehrt von dem gedemütigtem Russland aus. Welcher Art, ausser der Krim Thematik, verrät der Artikel leider nicht. Dezent sei erinnert, die sog. Nato Ost – Expansion beinhaltet seit 1999 Polen, Tschechien, Ungarn, Bulgarien, Estland, Lettland, Litauen, Rumänien, Albanien, Kroatien und Montenegro.(2) Keinerlei Gründe also für Russland irgendwie die Stirn zu runzeln.

Fussball, das möge der Cicero Leser doch bitte auch nicht vergessen, sei der größte Massensport des Westens. Warum diese explizite Erwähnung? Keine Ahnung. Für Freunde der Statistik. Im Jahre 2006 (letzte Datenerhebung) gab es ca. 264 Millionen fussballbegeisterte Spieler weltweit, davon 131 Millionen in Asien und Afrika.(3) Bleiben knapp 133 Millionen für den Rest der Welt, bei Cicero Westen genannt. Ein eher knapper Sieg, sollte es darum gehen.

Nun gab Wladimir Putin dem Österreichischen Fernsehen am 04.Juni ein knapp 60 minütiges Interview. Die Resonanz in den deutschen Medien war eher knapp, bis unmotiviert. Es ist ein sehr ungewöhnliches Interview, da man selten einen Staatspräsidenten offen für Fragen jeglicher Couleur, ohne vorherige Absprache, erleben darf. Interessierte können es nachlesen, da es der ORF leider völlig unverständlich, nur wenige Tage in seiner Mediathek belässt. – Bitte nutzen Sie diesen Link: (4). Das vollständige Gespräch auf Russisch, mit deutschen Untertiteln finden sie über diesen Link: (5) .

Zwei Punkte seien herausgenommen. Europa und der Krim Konflikt. Interessanter Weise wurden alle folgenden Zitate bei der abendlichen Ausstrahlung des ORF nicht gesendet. Es fehlten knapp 12 Minuten, die nur in der vollständigen Version in der Mediathek zu sehen, bzw. hören waren. Diese wiederum, ist wie erwähnt nur für wenige Tage verfügbar.

Zur Europa Politik Russlands erklärt Putin: Es sagt viel aus, dass das Handelsvolumen mit den EU Staaten jetzt knapp 250 Milliarden Euros beträgt. Es ist auf die Hälfte geschrumpft. Früher ist es bei mehr als 400 Milliarden gestanden. Was würde uns ein weiterer Rückgang bringen? Wozu sollten wir die EU ins Wanken bringen, um dann weitere Verluste zu erleiden, anstatt Vorteile aus der Zusammenarbeit zu ziehen? Diese Sequenz wurde den ORF Fernsehzuschauern vorenthalten.

Die Tagesschau nutze zu diesem Thema folgenden Ausschnitt: „Wir verfolgen nicht das Ziel, etwas oder jemanden in der EU zu spalten“, sagte Putin. „Wir müssen im Gegenteil die Kooperation mit der EU ausbauen.“Russland sei an einer geeinten und florierenden EU interessiert, weil sie der wichtigste Handels- und Wirtschaftspartner sei. „Je mehr Probleme es innerhalb der EU gibt, desto größer sind die Risiken und Unsicherheiten für uns“, sagte Putin.(6)

Zum Abschuss der MH17 im Donbass und russischem Misstrauen zu Aussagen der ukrainischen Seite, zog Putin Parallelen zu einem ähnlichen Vorfall im Jahre 2000. Diese waren, nach direkter Frage von Putins Seite, dem ORF Moderator nicht bekannt. Eine Passagiermaschine wurde über der Ukraine, während eines Militärmanövers abgeschossen. Das Spiegel Archiv hilft weiter: Flugzeugabsturz mit 78 Toten. Ukraine gesteht den Abschuss ein. Jetzt gibt es keine Zweifel mehr: Die Tu-154 wurde am 4. Oktober 2000 von der ukrainischen Flugabwehrrakete S-200 abgeschossen. Erst nach dem Untersuchungsergebnis hat die Ukraine den Abschuss eingestanden…Unmittelbar darauf gestand der Sekretär des ukrainischen Sicherheitsrates, Jewgenij Martschuk, einen versehentlichen Raketentreffer ein. Die Rakete war bei einem Übungsschießen auf der 200 Kilometer entfernten Halbinsel Krim abgefeuert worden.(7)

Danach zog Putin den interessanten Vergleich zwischen den Unabhängigkeitsprozessen der Krim und des Kosovo, im ehemaligen Jugoslawien 1992: Dann muss man auch die Selbstständigkeit des Kosovos Annexion nennen. Warum nennen sie diese nicht auch Annexion? Die Selbstständigkeit des Kosovo nach einer Militärintervention der NATO. Sie (der Westen) reden vom Recht der Kosovaren auf Selbständigkeit. Diese taten das Aufgrund einer rein parlamentarischen Entscheidung , aber die Krim Bevölkerung aufgrund eines Referendums mit 90%er Beteiligung, an der die Bewohner teilgenommen und entschieden haben.(8)

Merkel, das Mängelchamäleon? Nein, nicht vom Cicero, auch nicht vom Magazin Spiegel. Habe ich mir ausgedacht, sozusagen als Gegenfragment. Gestern gab es im Deutschen Bundestag eine vermeintlich herausragende Premiere. Abgeordnete aller Parteien durften der Kanzlerin echte, also persönliche Fragen stellen. Es wurde so langweilig, wie es klingt. Nicht aufgrund der Fragen, sondern aufgrund der Antworten von Angela Merkel. Der Tagesschau waren sie dann auch so unbedeutend, dass die Redaktion es an Platz vier der Tageshöhepunkte platzierte. Die Kanzlerin färbte ihre Antworten in einer Sprache, die so berechnend inhalts-und aussagelos waren, dass Anwesende nur den Kopf schüttelten. Die Zeit formulierte es so: Viel Neues haben die Zuschauer nicht erfahren. Merkel ist eine Meisterin der ungenauen, ausweichenden Rede, und diese Kunst hat sie auch im Bundestag erneut erfolgreich zur Schau gestellt. Beispiel gefällig: Da fragt zum Beispiel ein Abgeordneter, wann denn nun endlich ein Einwanderungsgesetz komme, und Merkel antwortet: „Die Arbeiten beginnen jetzt“.

Wladimir Putin ist nicht Russland, vermittelt jedoch den Eindruck eines Staatschef, der sein riesiges Land ruhig und souverän durch schwierige Zeiten führt. Angela Merkel ist nicht Deutschland. Sie hinterläßt leider den Eindruck einer Erfüllungsgehilfin, mit einem reichhaltigen Kontingent an beliebigen Fähnchen. Dies bestätigte auch die gestrige Bundestagssitzung. Sicherlich auch in einer Mediathek zu finden, aber ich empfehle ihnen unbedingt das Putin Interview.

Quellen

(1) – https://www.cicero.de/aussenpolitik/russland-westen-kalter-krieg-putin

(2) – https://de.wikipedia.org/wiki/NATO-Osterweiterung

(3) – https://de.statista.com/statistik/daten/studie/36500/umfrage/fussballspieler-weltweit/

(4) – http://orf.at/stories/2441362/2441367/

(5) – https://www.youtube.com/watch?v=eombUQtyYiE&t=1s

(6) – https://www.tagesschau.de/ausland/putin-nordkorea-101.html

(7) – http://www.spiegel.de/panorama/flugzeugabsturz-ukraine-gesteht-den-abschuss-ein-a-162030.html

(8) – https://propagandaschau.wordpress.com/2018/06/05/vladimir-putin-zerlegt-armin-wolf-wir-zeigen-was-der-orf-ausblendet/

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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8 Kommentare zu: “Tagesdosis 7.6.2018 – Putin, der Problembär. Merkel, das Mängelchamäleon?

  1. Wo ist mein Kommentar geblieben? Ich versuche es nochmal:
    Gäbe es einen „Nobelpreis für Souveränität“, gäbe es für mich weltweit, nur einen einzigen, in Frage kommenden Kandidaten PUNKT Was ist daran jetzt so löschenswert? Wird die KenFM-Site jetzt eine von vielen? Muss ich damit rechnen?

  2. Als es noch zwei verfeindete Ideologien waren – ‚Demokratie‘ versus ‚Kommunismus‘ – da ließ sich ein Krieg von Seiten der damaligen Sowjetunion denken, aber auch damals (nach Stalin) eher als Präventivmaßnahme denn als wirklichen Eroberungsfeldzug.
    Heute ist Russland wie alle ehemaligen Sowjetstaaten 100% kapitalistisch und nicht weniger ‚demokratisch‘ wie unser verkapptes Oligarchenwesen.
    Für Russland macht ein Krieg mangels Ideologie keinen Sinn und aus kapitalistischer Sicht erst recht nicht.
    Die USA, genauer der MIK, würde davon profitieren – für Russland gibt es nur was zu verlieren.
    Ich habe noch nicht ein einziges verifiziertes Argument dazu gehört, warum Russland das Baltikum oder gar die gesamte EU militärisch (ohne Präventionshintergrund im Falle einer NATO-Aktion) attackieren sollte?!
    WAS gäbe es konkret zu gewinnen, dass es dieses enorme Risiko rechtfertigen würde???

    Die USA haben vornehmlich etwas zu verlieren, wenn sie NICHT Krieg führen – so schaut’s aus.
    Und im Falle eines Krieges, der sich auf Europa begrenzen ließe, würden sie sogar mehrfach dazu gewinnen.

    Was ich persönlich bei Putin nicht verstehe sind schlicht 2 Dinge:
    1.: warum hat er die russische Zentralbank letztes Jahr nicht verstaatlicht als er es konnte und den Rubel unter die eigene Kontrolle gebracht?
    2.: warum erschöpft er seine Argumentation im ‚Klein-klein‘ (MH17, Syrien, Skrupal usw.) und nimmt keinerlei konkreten Bezug (ER müsste das auf jeden Fall wissen!!!) auf die faktischen Hinterleute, benennt sie, deckt konkrete Fäden auf, die von diesen gezogen werden und eben so zum ‚Klein-klein‘ führen, aber unmissverständlich klar machen, dass es diejenigen sind, die als (einfluss)reichste Menschen noch nicht mal bei Forbes auf der ominösen Liste auftauchen?
    Es soll für Putin und seine Geheimdienste unmöglich sein zu eruieren, wem die Fed z.B. tatsächlich gehört oder wer hier Terrorismus glasklar finanziert etc.?
    Glaubt doch kein Mensch.
    Bei einer vorliegenden Beweiskette und deren Veröffentlichung durch ihn würde er kurzum diejenigen alle diskreditieren, die ihn wiederum zumindest öffentlich angreifen.
    Um gewissen Reaktionen vorzubeugen könnte er selbst doch eine Art ‚Russileaks‘ gründen lassen, durch das dann die belastenden Beweisketten in die Öffentlichkeit sickern könnten?!
    Wenn es Zeugen gibt, die konterkarieren, was durch die westlichen Medienprostituierten verlautbart wird, wieso gibt es dazu kein öffentliches Hearing, vielleicht sogar vor dem Internationalen Gerichtshof (auch wenn der z.B. von den USA und Israel nicht anerkannt ist, so wäre die Seriosität doch deutlich höher als bei No-name-Journalisten davon zu berichten?!

    Da bleiben also eine Menge Fragen offen und niemand beantwortet sie zufriedenstellend.
    Hier gibt es schwere Widersprüchlichkeiten und Ungereimtheiten.
    Ich bin mir sehr sicher, dass die Öffentlichkeit hier schwer getäuscht wird und die wahren Verhältnisse nicht einmal ansatzweise bekannt werden.
    Man muss sich als Bürger darüber im Klaren sein, dass kaum einer von uns überhaupt die Chance hat, etwas eigenständig zu verifizieren!
    99,9% der Bürger konsumieren ihr ‚Wissen‘ über die Aktualitäten nach wie vor aus den Medien (und auch Nachdenkseiten, KenFM etc. sind keine Gewähr, da auch deren Verantwortliche in den allermeisten wichtigen Fällen nicht aus erster Hand berichten KÖNNEN!) und sind persönlich nicht involviert, haben null Zugang zu Dokumenten, Zeugen, Verantwortlichen!?
    Das, was die meisten für ‚Politik‘ oder ‚Wirtschaft‘ halten, ist nur eine black box mit jeweils den Verpackungen, die gerade in das öffentliche Bewusstsein gepusht werden sollen.
    Aber nur weil auf einer Flasche ein Weinetikett ist, muss es noch lange keine Garantie geben, dass es kein Essig oder Nitroglyzerin ist.

  3. Ich habe mir das Interview schon Vorgestern in ungekürzter Form angesehen und was mir vor allem auffiel, war zum einen die schon fast (ver)störende Ungeduld des Reporters und zum anderen die unglaubliche Geduld und Freundlichkeit von Putin. Ich hätte es verstanden, wenn er weniger ruhig damit umgegangen wäre. Desweiteren grenzfällig empfand ich das Insistieren des Interviewers auf exakt die Punkte, die er von Putin beantwortet haben wollte. Mindestens zweimal hatte ich das Gefühl, dass Putin durch das Heranziehen von Vergeleichen, die westliche Seite betreffend, sehr gut gekontert hat und dem Interviewer fällt nichts besseres ein, als darauf zu pochen, doch bitte schön bei Russland zu bleiben. Nichts gegen kritische Fragen, aber wenn dann bitte zu allen Seiten bzw. alle Akteure betreffend unbefangen. Ich habe den Interviewer nicht so wahrgenommen, als wolle er sich ernsthaft auf die russische Perspektive bzw. Sicht der Dinge einlassen.

    Ebenfalls Vorgestern habe ich mir die Pressekonferenz auf RT mit Kurz und Putin angeschaut und ich muss sagen, ich war schon fast ein wenig gerührt. Die feierliche Stimmung, die allen Akteuren anzumerken war, die offene, unvoreingenommene und freundliche Art, mit welcher Sebastian Kurz auf Putin zuging… Beim Anschauen kamen mir immer wieder die Bilder von dem Treffen zwischen Merkel und Putin von vor ein paar Wochen in den Sinn… Ein kleines Nachbarland macht vor, dass es auch ganz anders laufen kann.

  4. Vielen Dank für diese Tagesdosis Bernhard Loyen!

    Besonders das unzensierte Interview des ORF, war sehr erhellend!
    So einen Staatsmann, kann man in den Interessenssphären, der NATO Verlautbarer, lange suchen.
    Erfolglos.

    • ale Ergänzung:
      das vom ORF zur Verfügung gestellte Transscript
      https://t.co/p2Ls9gjd2M
      weisst leider (mind.) eine Lücke auf:
      (nach: `Untersuchungen dort unmöglich zu machen.`)
      – Die Aussagen zum `Giftgasangriff`in Duma von Putin sind nicht enthalten
      hier https://t.co/KXhH5IntXg ab min 39:24.
      Es handelt sich um folgendes Passage:
      Putin: `Danach haben wir dort Menschen gefunden, die eingestanden haben, das sie an der Inszenierung eines Chemiewaffen-Einsatzes beteiligt waren. Sollten Sie (Anm.: er meint Armin Wolf) das nicht gesehen haben, wäre es ganz gut, damit sie sich ihre sehr … (Anm.: scheint etwas zu fehlen) ein objektives Bild machen können. Wir haben Kinder gefunden, ihre Eltern, die man mit Wasser übergossen hat und die nicht verstanden haben, was hier vor sich geht. Wir haben sie nach Den Haag gebracht. Aber keiner will ihnen zuhören. Und dann sagen sie mir, dass alle den Einsatz von Chemiewaffen bestätigen? Nein, nicht alle! Wir finden, dass das FakeNews sind, die als Vorwand für einen Militärschlag gedient haben. Und dieser Militärschlag verletzt internationales Recht, ist ein `Angriff auf einen souveränen Staat. Wer hat diesen Angriff auf einen souveränen Staat erlaubt? Der UNO-Sicherheitsrat? Nein! Was ist das also? Ein Angriff!
      Armin Wolf übergeht dies im Interview als ob er es nicht gehört hat. Erstaunlich wie leicht hier seine `Agenda` wahrnehmbar ist … wahrscheinlich deshalb weggelassen?
      Auf mehrfache Nachfrage dazu über twitter reagiert er (bisher) leider nur mit b(l)ocken …

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