Tagesdosis 7.9.2019 – Kindesmissbrauch – Massenmedial vermarktet oder verantwortungsvoll veröffentlicht? (Podcast)

An einem einzigen Tag füllen drei herausstechende Kindesmissbrauchsfälle die massenmedialen Blätter. Die grundsätzlichen Fragen werden jedoch nicht gestellt.

Ein Kommentar von Christiane Borowy.

Am 5.9.2019 wurde ein Urteil im Fall von Kindesmissbrauch in Lügde gesprochen, am 3.9.2019 wurde das erste Mal berichtet, dass der Fußballprofi Christoph Metzelder kinderpornografische Bilder verbreitet haben soll und in Berlin steht seit dem 5.9.2019 ein Ex-Feuerwehrmann wegen Kindesmissbrauchs vor Gericht. Seitdem wird in den Massenmedien minütlich bis täglich über Kindesmissbrauch geredet – ohne allerdings dabei etwas Wesentliches zu sagen.

Lügde – Berlin – Metzelder

Das Urteil des Landgerichtes Detmold (1) im Falle des Kindesmissbrauchs auf einem Campingplatz in Lügde (3)(2,4,5,6) scheint ein Vorstoß auf dem Gebiet der Pädokriminalität zu sein, in dem die Opfer des hundertfachen Kindesmissbrauchs in mindestens 32 Fällen scheinbar Gerechtigkeit erfahren. Zwei der Hauptangeklagten sind zu hohen Haftstrafen und anschließender Sicherheitsverwahrung verurteilt worden. Doch es bleibt ein fader Nachgeschmack. Viele der Opfer können zu ihrem Recht gar nicht kommen, weil der Fall verjährt ist. (7) Polizei und Jugendämter stehen in der Kritik. Sie sollen Hinweisen auf die Hauptverdächtigen zunächst nicht nachgegangen sein, Beweismittel sollen verschwunden, beziehungsweise nachträglich geändert worden sein (8).

In den Mainstream-Medien war am 3.9.2019 ein prominenter Fall von möglicher Pädokriminalität in den Blickpunkt gerückt: Die Hamburger Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den Fußballspieler Christoph Metzelder (9), weil er kinderpornographische Bilder verbreitet haben soll (10). Am 5.9.2019 findet ein Prozess wegen jahrelangen Kindesmissbrauchs durch einen Ex-Feuerwehrmann große mediale Beachtung. Kindesmissbrauch, wohin das mediale Auge blickt. (15) Was ist da los? Ist das eine Entwicklung, die eine Krise aufzeigt oder ist es vielmehr Ausdruck eines gesellschaftlichen Wandels in eine ungute Richtung? Kann man das noch in Ordnung bringen? Wenn ja, wie? Das sind allerdings Fragen, die in den Medien nicht gestellt werden, die dort aber übergreifend thematisiert gehören.

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Kindesmissbrauch ist ein ernstes und sehr emotionales Thema. Es ist wichtig, dass möglichst viele Medien darüber informieren. Doch wie es medial aufbereitet wird, oder eben auch nicht, wird diesem Thema meist nicht gerecht und schürt hauptsächlich Emotionen wie Wut, Hass und Angst, denn jeder, der Kinder hat oder mal eines war, kann sich sofort das unermessliche Leid vorstellen, das den Kindern selbst und den betroffenen Eltern widerfahren ist. Wenn Medien massenhaft diese Gefühle schüren, stellt sich jedoch die Frage, was sie damit erreichen wollen. Werden die Opfer geschützt? Wird weiter aufgeklärt? Wer wird zur Rechenschaft gezogen? Sind es „nur“ Einzeltäter, die psychisch gestört sind oder entspricht die mediale Präsenz des Themas einem sich rasch ausbreitenden Massenphänomen?

Auffällig ist dabei, dass das Thema Kindesmissbrauch zwar beinahe gleichzeitig in den Massenmedien auftaucht, jedoch völlig getrennt voneinander behandelt wird. Es werden kaum Querverweise gegeben, oder übergreifende Analysen erstellt, obwohl es dasselbe Thema ist. Das ist ungewöhnlich, besonders da sich die Veröffentlichungsweise sehr stark ähnelt, was besonders bei der Berichterstattung über Metzelder auffällt.

Die Bild-Zeitung, die zuerst berichtet hat und seit dem 03.09.2019 täglich über ihn berichtet, bringt um 22:19 Uhr (9) einen Bericht, der nur auf die Vita von Metzelder eingeht und darauf, dass er als Kandidat für das Amt des DFB-Präsidenten galt, nachdem sein Vorgänger Grindel zurückgetreten war, dass er als Schalke-Vorstand im Gespräch war, aus beiden Positionen aber nichts wurde und er stattdessen seinen Trainerschein macht und als Experte in der ARD auftritt. Um 22:20 Uhr, also nur eine Minute später, titelt Bild: „Kinderpornografie-Verdacht. Die Fahnder holen Metzelder aus der Sportschule“ (10).

Interessant ist das vor allem deshalb, weil andere Medien das ähnlich gemacht haben. Die Zeitung „Der Westen“ beispielsweise: Erst titelt sie am 4.09.2019: „Christoph Metzelder: Das macht der Ex-Nationalspieler heute“ (12). Hier geht es ebenfalls um Erfolge, vor allem aber um die Darstellung der Stiftungen, für die sich Metzelder engagiert hat: Allesamt zeugen von großem Engagement im Bereich Jugend. Das ist natürlich pikant, wenn dann nur einen Tag später am 5.9.2019 die Zeitung titelt: „Christoph Metzelder: Jetzt spricht ein früherer Weggefährte“. Gemeint ist Reiner Calmund, der sich geschockt zeigt (13). Ein zentraler Gesichtspunkt in der Berichterstattung ist das Aufzeigen, dass Metzelder aufgrund des Verdachtes bereits jetzt schwere Konsequenzen zu tragen hat. Obwohl er die Berichterstattung der Bild-Zeitung in der Sendung „Maischberger“ kritisiert, gibt auch der FDP-Politiker Wolfgang Kubicki zu Bedenken, welche starken Konsequenzen allein der Verdacht der Verbreitung kinderpornografischer Bilder für das berufliche und private Leben von Metzelder hat. (14)

Die Verantwortung der Medien

Der massenmediale Tenor lautet: Es ist schwer, Pädokriminalität aufzudecken, es kann Jahre dauern, doch wenn es ans Licht kommt, dann wird Gerechtigkeit hergestellt und mit allen Mitteln durchgegriffen, also Sonderkommissionen eingerichtet, Opferschutz gewährleistet und jedem geringen Verdacht nachgegangen.

Stimmt das? Wie sicher können wir uns sein, dass das Thema Kindesmissbrauch in der Politik und im Rechtsstaat geächtet ist? Oder handelt es sich um ein für die Massenmedien sensationelles, emotional aufrührendes und damit gut zu vermarktendes Thema?

Das Medienforschungsprojekt „Swiss Propaganda Research“ hat im Januar 2019 einen Beitrag mit Arbeitsmaterialien zum Thema „Geopolitik und Pädokriminalität“ veröffentlicht (16). Darin heißt es:

„Geostrategische Machtstrukturen erfordern effektive Führungsinstrumente. Eines der wirkungsvollsten Führungsinstrumente ist seit jeher die Erpressung, und die ultimative Form der Erpressung beruht insbesondere in westlichen Ländern auf der Involvierung in Pädokriminalität.
Tatsächlich deuten verschiedene Untersuchungsverfahren und Opferaussagen, aber auch sabotierte Ermittlungen und ermordete Zeugen auf eine potentiell einflussreiche Rolle pädokrimineller machtpolitischer Elitennetzwerke in Europa und den USA hin. […]
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, inwiefern pädokriminelle Elitennetzwerke eine zentrale transatlantische Führungsstruktur seit dem Zweiten Weltkrieg gebildet haben, zumal inzwischen diverse personelle Berührungspunkte zu Politik, Militär und Geheimdiensten belegt sind.
[…]
Etablierte transatlantische Medien berichten – von Ausnahmefällen abgesehen (s.u.) – kaum zeitnah und investigativ über diese Thematik. Dabei ist zu bedenken, dass diese Medien zumeist in dieselben geopolitischen Machtstrukturen eingebunden sind wie die fraglichen Akteure selbst.
[…]
In vielen Fällen waren Kinderheime oder Kinderhilfswerke direkt oder indirekt in die pädokriminellen Netzwerke eingebunden; in anderen Fällen wurden die Kinder aus Problemfamilien rekrutiert oder durch Entführungen beschafft.“

Das wirft natürlich ein ganz anderes Licht auf das Thema Kindesmissbrauch und wirft Fragen auf. Wie konnte es beispielsweise passieren, dass die Polizei und das Jugendamt in Lügde über Jahre die Ermittlungen behindert haben? Sind diejenigen, die wir wählen und bewundern, die Vermögenden und die Mächtigen vielleicht doch nicht so toll? Ist der Film „The Wolf of Wall Street“ doch realer als man denkt und eine Schau der Dekadenz einer Macht- und Führungselite anstatt Einzelfälle von psychisch gestörten Menschen?

Anstatt minütlich und täglich über Kindesmissbrauch zu berichten, sollten Medien beginnen, investigativ zu forschen, ob es sich um eine Krise von Einzelpersonen handelt oder um ein strukturelles Problem.
Ich sage es gleich: Das macht keinen Spaß und ich rate jeder privaten Einzelperson davon ab, sich in dieses Thema zu vertiefen. Die Bilder sind schrecklich, die Zusammenhänge und die Täter größtenteils unfassbar. 
Die Aufgabe der Aufgabe und der Kontrolle der herrschenden Meinung liegt hier bei den Medien. Sie haben die Aufgabe, Politik und Gesellschaft zu hinterfragen und über das zu berichten, was nicht gesagt werden darf.

Die Verantwortung des Einzelnen

Was der einzelne Mensch, also die Privatperson allerdings angesichts solcher Gewalt sehr wohl tun könnte, ist zum einen, Mainstream-Medien zu hinterfragen. Doch es gibt noch eine andere, grundlegendere Möglichkeit und die lautet Eigenverantwortung. Der Konflikt- und Gewaltexperte Rüdiger Lenz (17) weist darauf hin, dass der einzelne dadurch Gewalt verhindern kann, dass er auf den Feind im Inneren achtet. Das klingt unbequem, ist es auch. Es geht darum, nicht dabei zu bleiben einen Feind im Äußeren zu bekämpfen, zum Beispiel den Vergewaltiger, den Kinderschänder, den Mörder, sondern sich auf die Kämpfe zu konzentrieren, die im Inneren stattfinden. Bitte nicht verwechseln: Übertragen auf Kindesmissbrauch ist nicht gemeint, dass man nicht rechtlich gegen Pädokriminalität vorgehen sollte. Doch vielleicht kann man selbst auch einen Beitrag dazu leisten, Pornoindustrie zu einem Verlustkonzept zu machen, indem man sich selbst fragt:

Wie viele Pornos habe ich in meinem Leben schon gesehen? Finde ich Kinder als Topmodels nicht auch sexy? Das ist etwas anderes? Sicher? Wenn man in Bezug auf seine eigene Erotik zum reinen Konsumenten von pornoindustriellen Produkten wird, hat man eine Entscheidung getroffen. Wenn man zur Prostituierten geht, hat man ebenfalls eine Konsumentscheidung getroffen. Klar, man hat sich damit noch nicht an Kindern vergangen. Vielleicht gefällt einem auch insgeheim, dass mal die reichen Fußballbonzen einen draufkriegen und man weidet sich heimlich an dem Horror der schrecklichen Nachrichten. Es gibt viele menschliche Abgründe. Es ist unbequem, diese zu integrieren, aber es könnte sich lohnen.

Das eigene Konsumverhalten in Sachen Erotik zu überdenken kann dann ja vielleicht dazu führen, dass man die Erfahrung von erfüllter Sexualität oder wahrer Liebe macht. Vielleicht stellt sich sogar ein Gefühl von echter Freiheit ein, wenn man keinen Sex hat, der hauptsächlich den Vorschriften eines kompletten Industriezweiges folgt und der so langweilig und unlebendig ist, dass er immer wieder eine Steigerung braucht, einen weiteren Kick. Da ist der Weg zur Kinderpornographie nicht mehr so weit wie es eigentlich dem Selbstbild entspricht.

Wir tragen durch unser Konsumverhalten zu einer besseren Welt bei. Das hilft auch unseren Kindern.

Quellen:

  1. http://www.lg-detmold.nrw.de/behoerde/presse/Luegde-Prozess/index.php
  2. https://www.tagesschau.de/inland/urteil-luegde-101.html
  3. https://www.spiegel.de/panorama/justiz/luegde-lange-haftstrafen-fuer-missbrauch-auf-campingplatz-a-1285343.html
  4. https://www.zeit.de/gesellschaft/2019-09/luegde-prozess-hohe-haftstrafen-und-sicherungsverwahrung
  5. https://de.wikipedia.org/wiki/Missbrauchsfall_L%C3%BCgde
  6. https://www.radiolippe.de/nachrichten/missbrauchsfall-in-luegde.html
  7. https://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/aktuelle-stunde/video-missbrauchsprozess-luegde-nicht-alle-opfer-wurden-beruecksichtigt-100.html
  8. https://www.spiegel.de/plus/luegde-behoerdenversagen-bei-kindesmissbrauch-was-muss-sich-aendern-a-00000000-0002-0001-0000-000165695574
  9. https://www.bild.de/sport/fussball/fussball/christoph-metzelder-vize-weltmeister-vater-und-stiftungsgruender-64404438.bild.html
  10. https://m.bild.de/bild-plus/sport/fussball/fussball/kinderpornografie-verdacht-razzia-bei-christoph-metzelder-64402176,view=conversionToLogin.bildMobile.html
  11. https://www.spiegel.de/panorama/justiz/christoph-metzelder-die-vorwuerfe-die-ermittlungen-die-reaktionen-a-1285217.html
  12. https://www.derwesten.de/sport/fussball/christoph-metzelder-das-macht-der-ex-nationalspieler-heute-id226984533.html
  13. https://www.derwesten.de/sport/fussball/christoph-metzelder-kinderpornografie-das-ist-der-aktuelle-stand-id226982793.html
  14. https://www.daserste.de/information/talk/maischberger/videos/maischberger-die-woche-video-136.html
  15. https://www.morgenpost.de/berlin/article226998255/Feuerwehrmann-aus-Berlin-gesteht-Kindesmissbrauch-Sexueller-Missbrauch-eingeraeumt.html
  16. https://swprs.org/geopolitik-und-paedokriminalitaet/
  17. http://nichtkampf-prinzip.de/infos/ruediger-lenz/index.html

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Danke an die Autorin für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Bildquelle: ESB Professional/ Shutterstock

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