Tagesdosis 8.2.2020 – Grundsatzfragen sind keine Frage

Wie durch medial erzeugte Pseudobetroffenheit von menschlichen Grundwerten abgelenkt wird.

Ein Kommentar von Christiane Borowy.

Coronavirus, Wahl in Thüringen, Julian Assange sitzt im Gefängnis, Markus Lanz macht schlechtes Fernsehen – mehr hat die Berichterstattung in den letzten Tagen thematisch nicht zu bieten. In jedem Medium werden die gleichen paar Themen und nachrichtentechnische Luftnummern wiedergekäut. Dabei sollen Emotionen geschürt werden, doch an echter Empathie und dem Stellen grundsätzlicher gesellschaftlich relevanter Fragen wird schlichtweg vorbeigeschrieben. Die wesentlichen Fragen kommen nicht auf den Tisch, denn schließlich ist man ja schon „am Puls der Zeit“.

Die Abnutzung des Nachrichtenwertes entsteht schon beim Studieren der Schlagzeilen. Wen überrascht es denn ernsthaft noch, dass bei Wahlen Vorabsprachen getroffen werden, damit man an die Macht kommt? Ist jemand erstaunt, dass es Ärger gibt, wenn sich jemand nicht an diese Vorgaben hält? Wen überrascht es heute noch, dass es immer wieder einmal Grippeviren gibt, resistente Keime, oder neue Zivilisationskrankheiten? Welcher informierte Mensch staunt tatsächlich darüber, dass Julian Assange im Gefängnis sitzt und sowohl sein Leben als auch die Pressefreiheit in Gefahr ist?

So werden wir schön in Pseudobetroffenheit eingelullt, und ehe wir es uns versehen, empören wir uns nicht mehr darüber, dass menschliche Grundwerte in diesem medialen Nebel verblassen.

Eine Hoffnung schien es zu geben. Am 06.02.2020 berichtet die Tagesschau (1) am frühen Abend über einen unter anderem von dem Journalisten Günter Wallraff initiierten Aufruf zur Freilassung von Julian Assange, dem sich 130 Künstler, Journalisten und Sigmar Gabriel angeschlossen haben. Man bezieht sich auf den UN-Sonderberichterstatter Nils Melzer, der vor einiger Zeit offiziell bestätigt hat, dass Assanges Gesamtzustand so schlecht ist, dass sein Leben bedroht ist und dass er Anzeichen psychischer Folter zeigt.

Das ist natürlich eine Riesenüberraschung, denn kaum sind beinahe 8 Jahre für Assange ohne Freiheit und frische Luft vergangen, fällt es den Hauptmedien auf, dass es um die Pressefreiheit geht. Man hat das Thema Assange und Pressefreiheit mainstream-medial so lange vom Tisch gewischt, bis Assange durch einen UN-Sonderberichterstatter, durch Assanges Eltern, Freunde und die so genannten „alternativen Medien“ als halbtot deklariert wurde, um dann „hochinformativ“ aber die Hälfte aussparend zu berichten, dass Assange seit einem Jahr im Gefängnis in Belmarsh sitzt. Es entsteht der Eindruck: Das ist ja noch nicht so lange, und wir Medien sind in der Berichterstattung ganz vorne. Was für eine Riesen-Heuchelei!

Sigmar Gabriel gehört zu den Unterzeichnern der prominent besetzten Kampagne. Er sehe die Rechtssicherheit gefährdet. Gabriel faselt dabei allerdings irgendetwas von britischem Recht, nach dem man handeln müsse. Assange müsse das Grundrecht zugebilligt werden, sich auf seine Verteidigung vorzubereiten. Das sei nicht gegeben. Ach so, das ist das Problem im Fall Assange? Aha.

Welche rechtlichen Absurditäten in dem gesamten Fall untersucht werden müssten, wird nicht einmal erwähnt. Wie es überhaupt sein kann, dass die USA die Auslieferung eines australischen Bürgers fordern ist nicht interessant. Im Gegenteil wird im Bericht lückenhaft und das gängige Narrativ zum Fall Assange wiederkäuend der Eindruck vermittelt, Assange hätte sich 2012 aus Angst vor rechtlichen Konsequenzen für den Verrat von Militärgeheimnissen in die ecuadorianische Botschaft geflüchtet und gleich daran wird berichtet, dass zu damaliger Zeit ein schwedischer Haftbefehl wegen Vergewaltigung gegen ihn vorlag. Mit keiner Silbe wird erwähnt, dass bereits zweimal ein schwedisches Verfahren gegen ihn eingestellt werden musste.

Assange hat geholfen, Informationen, die er selbst erhalten hat zu veröffentlichen. Das wird ignoriert. Ebenso die Grundsatzfrage: „Worum geht es in dem Fall Assange wirklich?“. Sie wird nicht einmal angedeutet. Der Zuschauer kann in dem zweiminütigen Bericht überhaupt nicht begreifen, worum es inhaltlich geht. Es soll nur der Eindruck entstehen, dass Politik und Medien gegen Folter sind und dass man für den Erhalt von Grundrechten kämpft. Immerhin kommt UN-Sonderberichterstatter Nils Melzer zu Wort, der darauf hinweist, dass Assange in den USA voraussichtlich kein gerechtes juristisches Verfahren erhalten wird. Das gängige Narrativ „Assange ist eine irgendwie zwielichtige kriminelle Figur“ wird nicht angekratzt. Gabriel weist im Gegenteil explizit und peinlich darauf hin, dass er Assange keinen „Blankoscheck ausstellen“ will.

Was im Dunst dieser medialen Nebelkerze verschwindet ist, dass der Fall Assange die gegebenen Macht- und Herrschaftsverhältnisse grundsätzlich in Frage stellt. Das, was Assange getan hat ist, rechtliche Verstöße von Regierungen aufzudecken, zum Beispiel durch das Veröffentlichen des Videos „collatoral murder“, das Kriegsverbrechen offenbart. Darüber darf anscheinend unter keinen Umständen gesprochen werden. Denn die Rechtsunsicherheit Nummer 1 ist doch, dass diejenigen, die Kriegsverbrechen begehen, von der Justiz völlig unbelästigt bleiben. Der Elefant steht im Raum.

Doch dieser Fall ist nicht der einzige, der zeigt, dass es den Medien keineswegs darum geht, aufzuklären und die grundsätzlichen Fragen zu stellen. Auch das „politische Erdbeben“, das durch die Wahl in Thüringen angeblich ausgelöst wurde, ist ein weiteres Beispiel.

Merkel nennt Kemmerichs Wahl einen unverzeihlichen Vorgang titelt am 06.02.2020 die Süddeutsche Zeitung (3). Merkel redet sogar in Südafrika davon, dass ein FDP-Mann mit den Stimmen von CDU und AfD ins Ministeramt gehoben wurde. Na sowas. Ein Skandal. Da hat sich jemand nicht an die Regeln gehalten und wollte Macht und jeden Preis. Was ist daran das Besondere? Das gehört zum politischen Alltag. Doch die Kanzlerin ist empört. Wie bitte? Seit wann steht denn dieses Thema auf der politischen Agenda? Dass ein gewählter Politiker nun zum Rücktritt gezwungen werden soll, und wie es dazu kommen konnte ist medial keine Frage.

Die Grundsatzfrage, inwiefern Wahlen wirklich den politischen Willen der Bevölkerung widerspiegeln oder inwiefern Politik tatsächlich demokratisch ist wird einfach nicht gestellt. Es ist scheinbar nebensächlich, dass politisch doch irgendetwas ganz grundsätzlich im Argen liegt. Darüber gäbe es tatsächlich Anlass, sich zu empören. Doch worüber regt sich die Kanzlerin genau auf? Warum gibt es eine „Schockwelle“, die angeblich die politische Landschaft erschüttert, weil das Abstimmungsverhalten der CDU in Thüringen mit der Parteivorsitzenden nicht abgestimmt gewesen ist. Worüber muss ich als Bürger so betroffen sein?

Was macht eigentlich die Kanzlerin in Südafrika? Diese Frage wird immerhin minimal thematisiert, doch was Deutschland und die „ausgesuchte Wirtschaftsdelegation“ damit zu tun hat, dass Afrika „den direkten Weg in die grüne Energieerzeugung gehen“ kann, bleibt diffus.

Was hat außerdem Annegret Kramp-Karrenbauer im Hintergrund bewirken wollen? Sie hat sich geärgert, so wird berichtet, dass sie ja vorhergesagt und gewarnt hat, einen FDP-Kandidaten aufzustellen. Sie plädiert für Neuwahlen, der „Preis dafür sei hoch“ wird in der Tagesschau am Morgen des 07.02.2020 berichtet. Deshalb spricht sie sich dann zunächst gegen Neuwahlen aus. Es wird nach Führung gerufen, vom „Ernst der Lage“, vom „Bollwerk gegen rechts“ und sogar gemutmaßt, dass Kramp-Karrenbauer „das nicht überlebt“, wenn sie es nicht schafft, politisch so Druck auszuüben, dass die politischen Verhältnisse in Thüringen wieder „klar“ sind. Was für ein Krampf.

Eine weitere Frage, die sich angesichts des „Eklats“ in Thüringen die Medien ja durchaus stellen könnten wäre, ob die Demokratie grundsätzlich in Gefahr ist und wie man dieses Problem lösen könnte, doch es wird lieber lautes mediales Getöse gemacht, dass ja alles so schlimm ist, weil sich niemand in Thüringen an die Warnungen Kramp-Karrenbauers gehalten hat. Na sowas.

Es ist wichtig, sich bei jedem aktuellen Bericht zu fragen: Was wird nicht gefragt? Was steht nicht in dem Bericht? So kommt man auf die wesentlichen Fragen, die es zu stellen gilt.

Dann könnte man beim Coronavirus beispielsweise die Frage stellen, ob und wer von dieser Erkrankung profitiert, ob es Zusammenhänge mit Militärtechnologie gibt und warum in den Medien solche Fragen allerdings sofort wie im Stern als „absurde Verschwörungstheorien“ diffamiert werden, damit sich möglichst niemand mehr traut, Fragen zu stellen.

In einer Sendung mit Markus Lanz vom 04.02.2020 weist der Sozialpsychologe Harald Welzer im Zusammenhang mit der Forderung nach sozialer Gerechtigkeit bei Lebensmittelpreisen darauf hin, dass bei bestimmten politischen Themen, die Politik und Medien erreichen, so getan würde, als würde man die grundsätzliche Frage nach sozialer Gerechtigkeit stellen. In Wahrheit sei es aber so, dass die soziale Frage so gut wie nie auf dem Tisch sei. Wieso kann es sein, dass in einer der reichsten Gesellschaften sich viele Menschen keine guten Lebensmittel oder andere grundsätzlichen Dinge leisten können? Wer in Berlin oder anderen Großstädten mal U- und S-Bahn fährt, bekommt einen lebendigen Eindruck davon, wie es um die soziale Gerechtigkeit in diesem Land bestellt ist. Warum schafft eine reiche Gesellschaft es nicht, dafür zu sorgen, dass alle Mitglieder in ihr ein gutes Leben führen können?

Die Antwort macht Welzer klar (6): Diese grundsätzlichen Fragen werden weder in der Politik noch in den Medien überhaupt gestellt. Welzer sieht darin vor allem ein „Kulturproblem“. Gesellschaft müsse radikal neu gedacht werden. Doch weder Medien noch Politik haben ein Interesse daran.

Der Journalist Jürgen Todenhöfer bringt das Problem bereits im Titel seines 2019 veröffentlichten Buches „Die große Heuchelei. Wie Politik und Medien unsere Werte verraten (7) auf den Punkt.

Die hier analysierten Ausschnitte aus der aktuellen Medienberichterstattung geben Welzer und Todenhöfer recht. Die grundsätzlichen Werte wie Soziale Gerechtigkeit, Frieden, Demokratie, Meinungs- und Pressefreiheit stehen nur zum Schein auf der medialen und politischen Agenda und werden damit verraten und verkauft.

Quellen:

  1. https://www.tagesschau.de/ausland/assange-aufruf-101.html
  2. https://www.rubikon.news/artikel/der-kollateral-mord
  3. https://www.sueddeutsche.de/politik/thueringen-merkel-kemmerich-wahl-fdp-afd-1.4787003
  4. https://www.tagesschau.de/inland/thueringen-fdp-cdu-103.html
  5. https://mobil.stern.de/amp/gesundheit/coronavirus–diese-absurden-verschwoerungstheorien-kursieren-9114612.html
  6. https://www.youtube.com/watch?v=q6rzYMUmmnc
  7. https://www.buchkomplizen.de/Alle-Buecher/Die-grosse-Heuchelei-oxid.html?listtype=search&searchparam=J%C3%BCrgen%20Todenh%C3%B6fer
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Danke an die Autorin für das Recht zur Veröffentlichung.

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Bildhinweis: Ozerov / Shutterstock

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10 Kommentare zu: “Tagesdosis 8.2.2020 – Grundsatzfragen sind keine Frage

  1. "Die Grundsatzfrage, inwiefern Wahlen wirklich den politischen Willen der Bevölkerung widerspiegeln oder inwiefern Politik tatsächlich demokratisch ist wird einfach nicht gestellt."

    Ich stelle sie und finde schon lange, dass wir immer mehr in einer Scheindemokratie leben. Wie wenig der Wählerwille durchgesetzt wird, kann man hier an folgenden fünf Umfragen sehen, die alle ziegen, dass die Deutschen keine Auslandseinsätze wollen – doch was macht die Bundesregierung? Sie schickt deutsche Soldaten in immer mehr Ausland. Siehe hier, die 5 Umfragen:
    1. Forsa-Umfrage 2003:69 % der Befragten für ein Nein bei einer Entscheidung über einen Militärschlag aus.“https://www.stern.de/politik/ausland/umfragen-mehrheiten-gegen-den-krieg-3337530.html
    2. Focus: 8.10.2014: Nur 30 Prozent befürworten eine direkte Beteiligung der Bundeswehr gegen den IS. https://www.focus.de/politik/deutschland/kampf-gegen-dschihadisten-in-syrien-und-irak-doppelt-so-viele-maenner-wie-frauen-fuer-bundeswehreinsatz-gegen-is_id_4188867.html
    3. Umfrage 10.6.2015: 38 Prozent der Deutschen würden einem Nato-Land laut einer US-Studie bei einem russischen Angriff militärisch helfen. Weit mehr als die Hälfte der Befragten wäre dagegen.“
    http://www.zeit.de/politik/ausland/2015-06/nato-ukraine-russland-umfrage-pew-stimmung-deutschland
    4. 2015 ergab eine Gallup Umfrage, dass nur 18 % der Deutschen bereit wären, für ihr Land zu kämpfen:https://www.reddit.com/r/europe/comments/39dqfw/would_you_be_willing_to_fight_for_your_country/
    5. 11.9.2018: Titel: „Fast drei Viertel der Deutschen gegen Bundeswehr-Einsatz in Syrien. https://www.welt.de/politik/ausland/article181491964/WELT-Trend-Fast-drei-Viertel-der-Deutschen-gegen-Bundeswehr-Einsatz-in-Syrien.html

    Außerdem: Es sind die Medien bei uns, die sehr viel Politik machen. Hier, in diesem Text zeige ich die Pressekampagnen für mehr Einsätze auf und wie die Medien die Aussagen von führenden deutschen Politikern stützen, die seit Jahrzehnten für "mehr Verantwortung in der Welt" trommeln:
    https://www.rubikon.news/artikel/die-selbstzerstorung-deutschlands

    Ich habe in einem Text auch geschrieben, dass ich vermute, dass bei denjenigen, die bei uns Macht bekommen, die USA ein gewichtiges Wörtchen mitreden, siehe hier:
    https://fassadenkratzer.wordpress.com/2020/01/09/die-zerstoerung-deutschlands-wie-es-den-fuehrenden-briten-gelang-die-deutschen-fuer-sie-kaempfen-zu-lassen/#more-5918

    • In ihrer Gründungsphase definierte die Arbeitsgemeinschaft für Friedens- und Konfliktforschung (AFK) auf einer Tagung in Berlin-Wannsee am 24. und 25. April 1971 ihr Selbstverständnis folgendermaßen:

      „Kritische Friedensforscher/innen lehnen eine am Status quo orientierte Befriedungsforschung ab. … Kritische Friedensforscher/innen begreifen sich als wissenschaftliche Parteigänger von Menschen, die durch die ungleiche Verteilung sozialer und ökonomischer Lebenschancen in und zwischen Nationen, das heißt durch strukturelle Gewalt, betroffen sind: von Ausgebeuteten, von sozial Diskriminierten und von unmittelbar in ihrer physischen Existenz Bedrohten“ (1).

      Wird Friedensforschung konsequent gedacht, kann sie sich nicht auf Kriege in Form zwischenstaatlicher bewaffneter Auseinandersetzung beschränken, sondern sie muss die Frage nach dem Ursprung und den Ursachen von Gewalt stellen.

      Aus:
      Samstag, 02. März 2019, 15:57 Uhr
      ~5 Minuten Lesezeit
      Marktgerechter Frieden
      Der Neoliberalismus hat die Friedensforschung entpolitisiert und sie den Gesetzen der Rentabilität unterworfen.
      von Werner Ruf

      Die Friedensforschung, einst beliebtes Forschungsgebiet von Akademikern, die auch in der Friedensbewegung aktiv waren, hat sich im Laufe der Jahre von der politischen Bewegung abgespalten. Dies ist symptomatisch für eine Wissenschaft, die sich an das herrschende Dogma des Wettbewerbs anpasst.
      (Rubikon)
      Zu ihrem letzten Punkt; also in Sachen Niedertracht schenken sich die alten Eliten mit den heutigen Eliten recht wenig. Dieses unabhängig davon, welcher Nationalität die gerade anscheinend "verpflichtet" sind, bzw. sich fühlen. Denn im Grunde verpflichtet sind sie in erster Linie sich selbst, danach dem Stand, dann kommt Rest, der im Grunde nur der Durchsetzung des Herrschaftsanspruches dient:

      Und:
      1884, 24. April: Reichskanzler Otto von Bismarck telegrafiert dem deutschen Konsul in Kapstadt, dass die Erwerbungen des Bremer Kaufmanns Adolf Lüderitz im Südwesten Afrikas fortan unter dem Schutz des Deutschen Reiches stünden. Lüderitz hatte im Jahr zuvor eine Bucht und einen Teil der Küste des von den Name besiedelten Landes erworben. Das vormals Lüderitzland genannte Gebiet wird noch im selben Jahr unter dem Namen Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia) zur ersten offiziellen deutschen Kolonie. 1904 verüben die deutschen Truppen einen Völkermord, um den Widerstand der Einheimischen zu brechen, und töten nach verschiedenen Schätzungen zwischen 50.000 und 80.000 Menschen.

      Aus:
      Aus: Ausgabe vom 20.04.2019, Seite 15 / Geschichte
      (junge Welt)

      Nach dem Scheitern der Revolution 1848 behielten und erweiterten die Adligen ihre Funktion in Politik und Militär. Bismarcks Politik machte in diesem Wandlungsprozess den geldbesitzenden Adligen als Grundbesitzern drei wesentliche Angebote: Sie bildeten das Rückgrat des Staates als Diplomaten, Abgesandte, Minister; sie sollten die Nahrungsmittel in der Landwirtschaft produzieren, die die städtische Bevölkerung versorgte und wurden gegen ausländische Konkurrenz durch die Lebensmittel verteuernde Schutzzölle zeitweilig geschützt. In den 1880/1890er Jahren waren es vor allem die Großgrundbesitzer, die durch neue Gebäude, Düngemittel und Maschineneinsatz mit weniger Lohnarbeitern mehr produzierten und Geld verdienten – und dieses Geld in die Industrie investierten, in den Bergbau, die Eisen- und Stahlindustrie usw.

      Viele Söhne des Adels wurden Offiziere eines größer werdenden stehenden Heeres, das den Einigungsprozess in Kriegen gegen Monarchien exekutierte – gegen Dänemark, dann gegen Österreich und schließlich gegen Frankreich. Adlige Offiziere befehligten zunächst im preußischen Heer, dann in dem des Deutschen Reiches weiterhin Bauernsöhne, die sich leichter auch gegen die eigene Bevölkerung in den Städten einsetzen ließen.

      Das Bürgertum musste in diesem bevormundenden Staat auf politische Freiheiten und parlamentarische Mitwirkung verzichten. Es gewann aber gleichzeitig die Sicherheit, dass die Arbeiterbewegung ihm nicht gefährlich werden würde, wenn es beim Ausbau von Industrie und Gewerbe seinen Reichtum mehrte.

      Aus:
      Ein halb-feudales deutsches Kaiserreich?
      3. April 2019 Jürgen Bönig

      Über einige heroische Einbildungen des Bürgertums
      (LunaPark21)

      Und wie war das mit der Emser Depesche?

      Einerlei. Eine Liste der Niedertracht, der Gier, der Herrschsucht können sie für eine Menge dieser Leute erstellen, egal welcher Nationalität.

      Adel und Geldadel, durch die Geschichte, suchen sich stets Bündnispartner zur Absicherung ihrer Ansprüche und Raubzüge. Sie beklagen lediglich, innerhalb eines elitär konstruierten nationalistischen Rahmens, daß dies Angelsachsen sind, die augenscheinlich dominieren.

    • Ja und man bedenke, dass bei den Umfragen und den Ergebnissen trotzdem ja noch die Propaganda und sonstige Gehirnwäsche seit Kindheitstagen mit im Spiel ist. Wenn da eine richtige ehrliche Aufklärung, Aufarbeitung und andere Erziheung und Schule dahinterstehen würde, würden diese Umfragen wohl eher über 95% gehen und Krieg ablehnen, soziale Ungleichheiten usw..

      Diese Entscheidungskraft hatten wir ja schon mal bei der Wasserprivatisierung, als in Berlin dann mit über 98% für die Offenlegung stimmte usw..
      Es wird immer behauptet von den elitären Kräften, die Masse sei zu dumm und könne nicht rational entscheiden.. Wie immer eine bodenlose Lügerei, um sich selbst zu schützen.. Mit ehrlicher Aufklärung, entscheidet die Masse nämlich garantiert immer richtig und zwar im Sinne von allen, zum Schutz, Sicherheit, Freiheit und Selbstbestimmheit..

    • Ja, Deutschland hätte besser auf die Kolonien verzichten sollen – wie es das ja auch lange getan hat. Und wenn man Einigkeit durch Kriege erzielen muss – dann ist sie auf Blut gebaut, was keine gute Ausgangsposition ist. Außerdem meine ich, dass die "großdeutsche Lösung" (also Einigung von deutschen Ländern und Österreich-Ungarn) aber nach föderalem Modell – also mit weitgehender Selbstverwaltung der deutschen Länder, Regionen und verschiedenen nichtdeutschen Völker – bei voller Beachtung der Minderheitenrechte im Habsburgerreich und in Ostpreußen – einem zentralistisch und preußisch dominierten Kaiserreich vorzuziehen gewesen wäre.
      Bis zur Hälfte des 19. Jahrhunderts hat es in Deutschland geistig recht gebrodelt – es waren viele Ideen da und auch ein revolutionäres geistige Potential – doch ich habe den Eindruck, dass es an der praktischen Umsetzung gemangelt hat – also am Wissen über die "politische Technik", wie man Ideen auch in die Realität umsetzt. Oder war es so, dass gewisse Politiker gefehlt haben, die sich an die Spitze derjenigen hätten stellen können, die dem Willen nach geistiger Freiheit und sozialer Gerechtigkeit und dem Wunsch nach Abschütteln der dekadenten Adelsherrschaft und Befreieung von der absolut auftretenden geistigen Dominanz des Klerus hätten entsprechen können. Wenn gewisse tatkräftige, praktische Politiker da gewesen wären, also das, was man heute "Macher" nennt und was die westliche Welt in so starker Zahl aufbringt – "Macher", die Lassalles Herzenskräfte, Ludwig II. ideell-künstlerische Ambitionen, Karl Marx Mitleidsfähigkeit und Bismarcks Willenskraft hätten harmonisch zusammenführen können – so dass sie Stätten geistigen Austauschs, Universitäten, Kunstakademien, Opernhäuser usw. gefördert hätten – neben dem industriellen Aufschwung – vielleicht unter spezieller Weiterpflege der Ideen von Goethe, Fichte, Hegel, Schelling, Novalis, Marx, Nietzsche usw – dann wäre vielleicht keine "Biedermeierzeit" entstanden, sondern ein reges geistiges Leben, das von sich aus eingesehen hätte, dass man die sogenannten Proletarier auch menschlich fördern und sie am Gewinn beteiligen muss – denn schließlich ging es doch gar nicht ohne sie. Kein Unternehmer hätte ohne sie Gewinn machen können.

      Aber leider setzten sich ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die materialistischen Ideen durch: Darwinismus, "Survival of the Fittest", Haeckelianismus, materialistische Psychologie nach Wundt, später Freud, Malthusianismus, Kapitalismus, Nationalismus, protestantische Ethik und Sozialdemokratismus – das sind alles materialistische Welt- und Menschenbilder, die mit Christus, Spiritualismus und Idealismus nicht mehr viel anzufangen wussten. Diese Weltanschauungen gehen alle davon aus, dass der Mensch nur aus Materie bestünde – einem Zellhaufen gleich sozusagen, ohne unsterbliche Seele und Geist – oder vielmehr: Geist und Seele galten nur als "Überbau". Man glaubte, wenn man nur das materielle Paradies auf Erden schaffe, dann ginge es auch Seele und Geist gut – weil die ja in der Materie ihre Grundlage hätten – aber das ist zu einseitig. Das erklärt den Menschen nicht.

    • Zu dieser Reduktion auf Zufall und Mechanik samt Evolution gehört auch, dass man im Umsturz der Besitzverhältnisse die Lösung aller Übel zu erkennen geglaubt / vorgegeben hat.

      Und damit alles nur schlimmer als je zuvor gemacht hat. Der neue Mensch des Sozialismus war dann auch eher ein seelenreduzierter Zellhaufen.

      In der Lunar Society unter Erasmus Darwin nahm es einen wichtigen Anfang.
      Alles wurde zur Industrie.

      In dust we try! Wir sind nur Staub, ohne Seele.

      Und Leute wie MArx, falls das alles wirklich von ihm alleine kam, haben es auf ihre Art auf die Spitze getrieben.

  2. Die Lösung ist nicht der Sturz der Eliten. Denn der geschieht, falls er geschieht, mit der gleichen Gewalt und den gleichen Lügen, mit denen die gestürzten Eliten gehandelt haben. Und es herrschen wieder Eliten mit Gewalt und Lügen über ängstliche, folgsame Bürger.

    Die Lösung ist, dass jeder Einzelne, jede Einzelne sich für die eigene Autorität entscheidet, welche die eigene Seele ist. Ja, die eigene Seele, die aus uns souveräne Wesen macht, wenn wir ihr gehorchen.

    "Verlassen der Staatsbürgerschaft für die Souveränität" https://www.youtube.com/watch?v=Y5N9YLNbH9c
    Das Video ist auf Französisch. Die englische oder deutsche Übersetzung kann als Untertitel gewählt werden.

    • Im pervertierten Freiheitsbegriff des Neoliberalismus bezieht sich die »Freiheit« einer Person darauf, dass sie sich den Kräften des »freien Marktes« zu unterwerfen hat, also von allen gesellschaftlichen und sozialen Banden »befreit« und somit sozial und gesellschaftlich entwurzelt ist. Scheitert sie auf dem »Markt«, so darf sie dafür nicht gesellschaftliche Verhältnisse verantwortlich machen, sondern muss dies ihrem individuellen Versagen zuschreiben. Die Unsicherheit, ob man in einer konkreten Situation flexibel genug ist, die richtigen Anpassungsleistungen angesichts der Unvorhersehbarkeit des Marktes zu erbringen, führt zu dauerhafter Anspannung und zu einer Intensivierung der Anpassungsanstrengungen. Daher kann eine Person die Haltung eines unternehmerischen Selbst nur um den Preis psychischer Deformationen annehmen. Da die Ideologie des unternehmerischen Selbst auf einem empirisch hochgradig unangemessenen Menschenbild beruht, also der tatsächlichen Beschaffenheit unseres Geistes zuwiderläuft, überrascht es nicht, dass diese Entwicklungen mit zunehmenden narzisstischen und Borderline-Störungen, mit Burn-out, schweren Depressionen und Angststörungen einhergehen.
      Die Ideologie des unternehmerischen Selbst ist mit ihren Folgen einer Individualisierung längst auch in emanzipatorischen Bewegungen wirksam geworden. Dort spiegelt sie sich beispielsweise in Parolen wider wie: »Wer die gesellschaftlichen Verhältnisse verändern will, soll die Veränderungsenergie nicht auf Zentren der Macht richten, sondern mit der eigenen Veränderung beginnen.« Diese frohe Botschaft zur Individualisierung des Glücks – die »Privatisierung der Utopie« (Steve Fraser) – wird sicherlich von den Herrschenden gerne begrüßt. Entgegen einer solchen individualisierenden Konzeption ist Glück jedoch ein Zustand, der nicht allein von unserer individuellen Selbstentfaltung und Selbstverwirklichung abhängt, sondern wesentlich auch von unseren sozialen Lebensverhältnissen, insbesondere einem Gefühl von Zugehörigkeit, und damit auch von unseren materiellen Lebensverhältnissen. Die vielfältigen Formen einer individualisierenden Psychologisierung von Glück und Selbstverwirklichung, wie sie gegenwärtig wieder hoch im Kurs stehen, tragen zur Stabilisierung der gegebenen Machtverhältnisse bei und führen zu einer weiteren Entleerung des politischen Raumes.
      (…)
      Während der Neoliberalismus die Opfer seiner Transformationsprozesse als für ihre Situation selbstverantwortlich erklärt, hat er es zugleich geschafft, für die politischen und ökonomischen Entscheidungsträger eine »Kultur der Verantwortungslosigkeit« (C. Wright Mills) zu etablieren. Durch die ideologische Behauptung, dass diese Entscheidungsträger nur Sachzwängen und Naturgesetzlichkeiten des globalisierten freien Marktes Rechnung tragen würden, werden die Folgen dieser bewußten Entscheidungen – die Agenda 2010 ist ein prominentes Beispiel – dem menschlichen Verantwortungsbereich entzogen. Der Neoliberalismus hat eine neue Kategorie menschlichen Tuns hervorgebracht, nämlich Taten ohne Täter. Damit hat er den Opfern dieser Taten die Möglichkeit genommen, diese Taten als menschliche Taten zu verstehen, sie Tätern zuzuweisen und aus diesen Taten angemessene Konsequenzen für ein gesellschaftliches Handeln zu ziehen.
      Die systematische Erzeugung von sozial-ökonomischer Unsicherheit lässt in der Gesellschaft zwangsläufig große Empörungs- und Protestpotentiale entstehen und damit politische Veränderungsbedürfnisse. Der Neoliberalismus benötigt daher besonders wirkungsmächtige Methoden, diese Veränderungsbedürfnisse zu neutralisieren und auf Ablenkziele umzuleiten.
      (…)
      Der Neoliberalismus ist sehr erfolgreich in seinem Bemühen, die Opfer seiner Transformationsprozesse dazu zu bringen, sich ihre Situation »als normale Folge von Fehlverhalten« selbst zuzuschreiben.
      (…)
      Das zunehmende gesellschaftliche Sichtbarwerden von Prekarisierung und ihren Folgen beunruhigt auch die sozioökonomisch mittleren Schichten. Sie erleben eine wachsende materielle Unsicherheit über den Erhalt ihres sozialen Status und müssen die damit verbundenen Abstiegsängste psychisch bewältigen. Da die Ideologien der Meritokratie und des unternehmerischen Selbst den Weg zu einem solidarischen politischen Handeln blockieren, werden aus realen Abstiegsängsten diffuse Binnenängste. Die damit verbundenen Psychodynamiken, wie sie in der Traumatisierungsspirale beschrieben sind, lassen sich wiederum für Zwecke einer Machtstabilisierung nutzen. Gerade die Abstiegsängste erhöhen die Neigung der Betroffenen, den jeweiligen Status quo zu rechtfertigen und zu verteidigen. Durch die gewaltigen vom Neoliberalismus erzeugten gesellschaftlichen Spannungen hat diese ideologische Verteidigung des Status quo Formen angenommen, die der Soziologe und Konflikt- und Gewaltforscher Wilhelm Heitmeyer »rohe Bürgerlichkeit« nennt.
      (…)
      Als Ursachen dieser Entwicklung einer »rohen Bürgerlichkeit« macht Heitmeyer die »ökonomistische Durchdringung sozialer Verhältnisse«, eine »Demokratieentleerung« und »fehlende politische und öffentliche Debatten über das Verhältnis von Kapitalismus und Demokratie« aus. Damit identifiziert er präzise die tieferliegenden Wurzeln sozialer Verrohungen, die mit dem Siegeszug der neoliberalen Revolution von oben ein Kennzeichen der Gesellschaften in »kapitalistischen Demokratien« geworden sind.
      Das Verhältnis von Demokratie und Kapitalismus muss daher wieder oder überhaupt erst einmal in das Zentrum öffentlicher Debatten über die Zukunft unserer Gesellschaft rücken. Solange wir dieses Verhältnis nicht geklärt haben, können wir auch keine überzeugenden und attraktiven Rahmenerzählungen anbieten, die emanzipatorischen Bewegungen erst Kohärenz und politische Wirksamkeit geben können.
      (…)
      Wie kann eine größtmögliche Freiheit von gesellschaftlicher Angst gewonnen werden?

      Der Neoliberalimus hat es vermocht, auf den dunkleren Seiten des Menschen eine Gesellschaft zu errichten. Er hat seine anthropologische Lüge eines homo oeconomicus, um mit Günther Anders zu sprechen, wahrgelogen. Obgleich das dem Neoliberalismus zugrunde liegende Menschenbild ein perverses Zerrbild des Menschen ist, hat es der Neoliberalismus geschafft, seinem Menschenbild eine gesellschaftliche Realität zu verleihen.
      Mit der Entwicklung des Kapitalismus zum Neoliberalismus hat der Kapitalismus seine kurzzeitig durch den Druck sozialer Bewegungen erzwungenen Bemühungen aufgegeben, mit der Demokratie eine gesellschaftliche Zweckverbindung einzugehen. Er hat die demokratische Maske fallengelassen, mit der er eine Zeit lang aus strategischen Gründen seine radikal antidemokratische Zielsetzung verborgen hat.
      Damit hat er auch einen demokratischen Reformismus, den der Industriekapitalismus stets zu seiner Stabilisierung und zum Schutz vor sich selbst benötigt hat, weitgehend unwirksam und unmöglich gemacht. Dadurch können sich nun in der neoliberalen Extremform des Finanzkapitalismus die selbstdestruktiven Momente des Kapitalismus und seine inneren Widersprüche ungehemmt entfalten. Mag sich der Leviathan des Neoliberalismus auch die Verkleidung einer kapitalistischen Demokratie geben, so bleibt er ein autoritäres und quasi-totalitäres System, das – in sich flexibel ändernden Formen – jederzeit bereit ist, auf autoritären Wegen sein zentrales Ziel durchzusetzen und zu erhalten, nämlich eine gegen alle demokratischen Einflüsse geschützte Ausbeutung der Vielen zu Gunsten der Wenigen. Das demokratische Versprechen einer größtmöglichen Freiheit von Angst ist damit hinfällig geworden. Mehr noch: Der Neoliberalismus produziert nicht nur systematisch den Rohstoff Angst, sondern hat die Psychotechniken einer auf Angsterzeugung basierenden Sicherung seiner Stabilität zur Perfektion verfeinert.
      Demokratie und Kapitalismus sind, wie vielfach sorgfältig aufgezeigt wurde, nicht miteinander vereinbar. Damit ist es aus grundsätzlichen Gründen auch unmöglich, in einer »kapitalistischen Demokratie« die drei demokratischen Versprechen – nämlich gesellschaftlicher Selbstbestimmung, friedliche Lösung innerer und äußerer Konflikte und Freiheit von gesellschaftlicher Angst einzulösen.
      (…)
      Wenn wir uns aus den Fesseln systematisch erzeugter gesellschaftlicher Angst befreien und emanzipatorische Fortschritte in Richtung einer menschenwürdigeren Gesellschaft ermöglichen wollen, so müssen wir, wie Noam Chomsky nicht müde wird uns zu ermahnen, entschlossen an die Wurzeln der Machtverhältnisse gehen, die einem solchen Ziel im Wege stehen: »Solange die Wirtschaft unter privater Kontrolle steht, ist es egal, welche Formen das System annimmt, weil sich mit der Form nichts erreichen lässt. Selbst wenn es politische Parteien gäbe, an denen sich die Bürger engagiert beteiligen und Programme ausarbeiten, von denen sie überzeugt sind, hätte das bestenfalls marginalen Einfluss auf die Politik, weil die Macht anderswo verortet ist.«
      (…)
      Der Neoliberalismus hat zu einem zivilisatorischen Regress einer Entzivilisierung von Macht geführt, als dessen Folge unsere Gesellschaft und unsere Lebensgrundlagen zerstört werden. Ein wirksames zivilisatorisches Gegenmittel kann nur von unten kommen und muss von unserer Entschlossenheit und unserer unbeirrbaren Überzeugung geleitet sein, dass es keine Form gesellschaftlicher Macht geben darf, die nicht demokratisch legitimiert ist. Ein solches Projekt hat zu seiner notwendigen Voraussetzung, zunächst die mit dem Neoliberalismus zum Extrem getriebene soziale Fragmentierung und Atomisierung zu überwinden und auf der Grundlage eines egalitären Humanismus – also einer Anerkennung aller Menschen als Freie und Gleiche ungeachtet ihrer faktischen Differenzen – Solidarität und Gemeinschaftssinn als Fundamente gesellschaftlichen Handelns zurückzugewinnen.
      (Rainer Mausfeld, Angst und Macht – Herrschaftstechniken der Angsterzeugung in kapitalistischen Demokratien, S. 84 u. 85/90/92 u. 93/95/98 u. 99/101 u. 102)

    • Naja, ich möchte aber darauf hinweisen, dass wir ja trotzdem ein System benötigen. Auch wenn eine Vernetzung besteht und wir uns von "Unten" selbst lenken könnten, braucht es ein Fundament.

      Natürlich ist ein reiner Elitensturz sinnlos, weil nicht die Personen zwingend alleine das Problem sind, sondern die Systemstruktur sowas eben immer wieder zulässt und hervorbringt.
      Wir brauchen also fundamentale Systemänderungen, was zwangsweise das ganze Eliten-Pyramiden-System abräumt und gegen kein neues ersetzt wird.
      Der Stand unserer Entwicklung und der Fortschritt der stetig weitergeht, lässt eh nichts anderes mehr zu als eine ganz andere Systemgrundlage, sonst haben wir keine Chance, außer die schrecklichster Zukunftvisionen und daran können nicht mal die elitären Machthaber Interesse haben, weil dies sie selbst mit in den Abgrund reißt.

      Und die Revolution muss auch von den Industriestaaten ausgehen, also von uns z.B. Irgendwo wo die Menschen noch im Sand butteln und nicht von Technik und KI die Maschinen steuern die dann 1000x effektiver als Menschenarbeit sind und das im Akkord, wird man dies nicht nur nicht erwarten können. Die sind strukturell dazu gar nicht in der Lage, abgesehen vom Stand der Entwicklung mental bereit.

      Wir brauchen diese neue Stufe nun, jeder Tag der vergeht erhöht nur den Druck im Kessel, weil genau dies stetig verhindert wird.

    • Danke für Eure Kommentare, Box und Ancastor.gardian !

      "Wie kann eine größtmögliche Freiheit von gesellschaftlicher Angst gewonnen werden?"

      Wir sind eine Einheit aus Körper, Geist und Seele. Der neoliberale Kapitalist rechnet mit unserem Körper und hat es sehr weit darin gebracht, unseren Geist zu manipulieren. Mit unserer Seele rechnet er nicht, da er die eigene nicht mehr wahrnimmt.
      Die Frage ist, ob und wie weit wir, Jeder und Jede, in Verbindung mit unserer Seele leben. Sie ist das, was uns mit der ganzen Schöpfung verbindet, sie ist unser wissender, souveräner schöpferischer Quell.
      Die Antwort auf Deine Frage, Box, ist für mich : eine größtmögliche Freiheit von gesellschaftlicher Angst kann gewonnen werden, indem wir uns zutiefst mit der Weisheit, Unerschrockenheit und Macht unserer Seele verbinden.

      An Ancastor.gardian: Die Seele, als das, was uns mit der ganzen Schöpfung verbindet, ist auch das "System" oder "Fundament" das Du, genau wie ich – was wir als notwendig für gemeinschaftliches Handeln betrachten und fordern.

      Das Video "Verlassen der Staatsbürgerschaft für die Souveränität" https://www.youtube.com/watch?v=Y5N9YLNbH9c ist hören- und sehenswert. Das, was ich hier nur ganz knapp angedeutet habe, das lebt die Frau, die im Video spricht, seit vielen Jahren. 2008 hat sie ihre staatsbürgerlichen Privilegien und Pflichten gerichtlich verweigert und lebt seitdem ohne Konto und Krankenversicherung souverän.
      Zu ihrem Vergnügen verfasste sie damals folgende Todesanzeige ihrer bürgerliche Existenz (die allerdings von keiner Zeitung veröffentlicht wurde, da die Verfasserin natürlich keine ärztlich bescheinigte Todesfeststellung vorlegen konnte):
      "Nehmen Sie Kenntnis von dem Tod der Bürgerin Marie, Eva, Sophie, Ghislaine Lanctot, der legitimen Tochter von Fernande Saint Pierre und Jean Lanctot, die am 28. Juni 1941 in Montreal geboren wurde. Sie überquerte die Schwelle des Todes am 31. Juli 2008.
      Die Verstorbene verschied in strengster Intimität nach einem langen Prozess der Bewusstseinsveränderung und intensivem Todeskampf des Ego. Aus ihren sterblichen Überresten geht Ghis hervor, ein souveränes Wesen, das seine Entwicklung in Richtung Unsterblichkeit fortführt. Die Verstorbene trauert um ihren siamesischen Zwilling,
      Ghislaine Lanctot, der mit ihr gestorben ist.
      Auch die Regierung von Quebec, die Regierung von Kanada und die Krone sowie private Unternehmen betrauern ihren Verlust, weil sie den Verlust einer fügsamen und profitablen Sklavin bedauern."

  3. Sehr gut auf den Punkt gebracht.
    Jeder wird so schlecht behandelt wie er es sich gefallen laesst.
    Die Politickser und Beuteabschneider fuehren immer noch das Spiel an.
    Selbsverstaendlich wollen sie nur unser Bestes .
    Unsere Lebens und Arbeitskraft fuer die Haute volee (Herausragenden)
    Oder waere der Begriff "Haute vole'" (Hersausragend gestohlen und hoch gefogen)nicht treffender?
    Wuerde mich nicht wundern ,wenn konotatif die selben "Schmierlappen"gemeint sind.

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