Tagesdosis 8.8.2017 – Kauft nicht beim Russen!

Ein Kommentar von Mathias Bröckers.

Nach dem US-Kongress hat nun auch der Senat mit großer Mehrheit neue Sanktionen gegen Russland beschlossen – nur zwei Senatoren stimmten dagegen, der libertäre Rand Paul und Bernie Sanders. Es scheinen die beiden letzten im Senat verbliebenen Vertreter zu sein, die ihren ökonomischen Verstand noch nicht völlig verloren haben. Denn, so hat es der keineswegs russland-freundliche Wirtschaftsdienst „Bloomberg“ unlängst vorgerechnet: schon die bisherigen Sanktionen haben Russland eher genutzt als geschadet. Trotz des niedrigen Ölpreises und der Sanktionen wird für 2017 ein Wirtschaftswachstum von 1,7 % erwartet und die Zustimmungsraten für Präsident Putin lagen im Juli bei 81 % – weder der russischen Wirtschaft noch der Beliebtheit des Kreml-Chefs konnten die Handelsbeschränkungen also wirklich schaden.  Warum also nun ein weitere Sanktionen?

Die Antwort liefert ein großes Schiff, das zum selben Zeitpunkt in Großbritannien anlandete, als Donald Trump zum G-20-Gipfel in Europa weilte: der erste Transport von Fracking-Gas  aus den USA. Mit der ökologisch bedenklichen und ökonomisch aufwändigen Gewinnung von Erdgas durch Fracking, bei dem Wasser und Chemikalien mit hohem Druck in die Tiefe gepumpt werden, wollen die Vereinigten Staaten künftig Energieexporteur werden. Und Europa, wo die Schiefergas-Förderung nach einem kurzen Hype als gefährlich und unrentabel schon wieder ad acta gelegt wurde, soll den Amerikanern ihren Stoff abkaufen. Was die rohstoffarmen EU-Länder aber nun kaum tun wrrden, wenn sie sich preiswert und zuverlässig quasi aus der Nachbarschaft versorgen könnten.  Wie über eine zweite Erdgas-Pipeline durch die Ostsee, Nord Stream 2, deren Bau und Finanzierung fünf europäische Konzerne im Juni beschlossen haben. Das vitale Interesse der westeuropäischen Industrieländer, allen voran Deutschland, an zuverlässiger Energieversorgung – und des Rohstoffriesen Russland, diese Nachfrage kostengünstig zu gewährleisten – macht „Nord Stream 2“ zu einer Win-Win-Situation für beide Seiten. Direkt durch die Ostsee statt auf dem Landweg, wo Anrainer mit Transitgebühren die Hand aufhalten, oder, wie die Ukraine, den Stoff illegal gleich selbst abzapfen.

Dass Kanzlerin Merkel und  ihr Vize Gabriel  wegen der amerikanischen Kritik an der zweiten Ostseeröhre schon im Juni  in Richtung Washington relativ lautstark protestierten, zeigt wie essentiell die Sache für den Industriestandort Deutschland ist.
Warum ist ein partnerschaftliches Verhältnis von USA, EU und Russland so schwer möglich ? Die Antwort auf diese Frage lautet:  “Dass die energiehungrige EU aus Regionen versorgt wird, die sich nicht dem Diktat des US-Imperiums beugen, läuft der Doktrin der “Full Spectrum Dominance” zu wider und wird von Washington als feindseliger Akt betrachtet.”

So einfach ist das:  “Kauft nicht beim Russen!” lautet die Parole, kauft beim Kopf-Ab-Saudi und den wahabitischen Wickelmützen oder –  noch besser – lasst euch direkt von uns versorgen: mit Fracking-Gas per Schiff – aber keinesfalls direkt und kostengünstig von eurem Ostsee-Nachbarn Russland. Es kann und darf zwischen Europa und Asien, zwischen Deutschland und Russland, keinen friedlichen Handel und “Wandel durch Annäherung” (Willy Brandt) geben, weil dieses kontinentale Zusammenwachsen im ost-mitteleuropäischen “Herzland” – wie es einst der britische Geo-Stratege Mackinder nannte und sein jetzt verstorbener Schüler Zbig  Brzeziński  in „Die einzige Weltmacht“ fortschrieb –  die unipolare Vormachtstellung der Vereinigten Staaten verhindert.

 Es geht also bei diesen Sanktionen in erster Linie um Geopolitik und nicht um Ökonomie. Dass die westeuropäischen Regierungen, allen voran die deutsche, sich diesem Diktat massiv verweigern müssen, ist klar, denn sie schneiden sich damit nur selbst ins eigene Fleisch. Russland kann sein Erdgas jederzeit nach China und ganz Asien verkaufen, für Deutschland und die EU aber sind Energie-Importe absolut essentiell. Sich von der ökonomisch wie ökologisch schwachsinnigen Frackingas-Verschiffung aus den USA abhängig zu machen käme einem Selbstmord des Industriestandorts Westeuropa gleich.

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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17 Kommentare zu: “Tagesdosis 8.8.2017 – Kauft nicht beim Russen!

  1. Guter Artikel, viele Analysen gingen genau in die Richtung: das US Imperium nutzt die Sanktionen in fast schon dreister Weise für den eigenen wirtschaftlichen Vorteil.
    Total absurd wie sich Frau Merkel nun verhalten soll – hat sie doch selbst Nord Stream 2 gefördert…
    Geht übrigens schon eine ganze Weile so: Wirtschaftssanktionen die vor allem die deutschen mittelständischen Unternehmen treffen, während Großkonzerne ungestört neue Deals auch mit Russland einfädeln.

    Problem wie immer: die Aufklärung. Wenn die vielen klugen Menschen, die sich informieren wollen, vernünftige Informationen bekämen anstatt Dauer-Manipulation über Medien, denen sie vertrauen, dann sähe die öffentliche Meinung ganz anders aus.

  2. Wie man erwartet, alles auf den Punkt gebracht. Ist ja auch nicht soooo schwer zu erkennen, was da läuft, oder?

    Ein wenig witzig fand ich allerdings, dass in dem ganzen Kommentar nicht klar gesagt wird, dass nur ein Geisteskranker glauben kann, man würde das tun was wirtschaftlih vernünftig und im Interesse der deutschen Bürger wäre.

    Leider stellt sich halt auch keine Partei zur Bundestags-Wahl die eine konsequenten Abwendung vom Depperl Dasein zu Gunsten der USA als Programm hat. Aber selbst dann würde die geballte Medie Macht von Spiegel bis Bild und Faz den Urnenpöbel davon überzeugen können, dass dies das Ende der europäischen Kultur wäre, weil dann der Russe kommt.

    Hat irgendeiner eine Lösung für das eigentliche Problem: die Dummheit, anzubieten? Natürlich nicht, also gibts bald Fracking Gas aus den USA und als Zuckerl, das die deutsche Regierung ihren dämlichen Bürgern andrehen kann, eine Preisermässigung bei den Geldstrafen für deutsche Auto Konzerne in den USA.

  3. Eine ganz hervorragende Folge, die für mich neue Standards in der Tagesdosis und der Wissensvermittlung allen interessierten Lesern und Zuhören vermittelt.

    Ich benenne auch gerne die Punkte, warum ich das hervorragend finde:

    1. Es werden Zusammenhänge in Kürze knackig erläutert, d.h. jeder bekommt so die Möglichkeit neuronale Netzwerke aufzubauen und bestimmte Themen miteinander zu verknüpfen.

    2. Es werden Literaturtips geschickt eingeflochten und zur Vertiefung von Themen angeboten. Auch sehr wichtig, denn so kann der neugierige Mensch sich noch weiter in die Themen einarbeiten.

    3. Es werden auch Lösungsperspektiven aufgezeigt – das ist umso wertvoller, da zunächst die Zusammenhänge erläutert worden sind.

    Ich möchte keinen Vergleich dazu wagen, sonst müsste ich lachen, denn was hier in weniger als fünf Minuten auf den Punkt gebracht worden ist, spottet jeder Nachrichtensendung von fünfzehn Minuten um Längen.

    Bleibt für die Freunde der Konzernmedien zu hoffen, dass nur wenige Menschen per Zufall auf diese Art der Tagesdosis aufmerksam werden, sonst könnten in absehbarer Zeit sehr viele Menschen wachwerden.

    Lieben Gruß an Herrn Bröckers, die Sprecherin und das KenFM-Team.

  4. „Und dann wird mit Sicherheit die Frage auf den Tisch kommen, warum Russland nicht in der EU ist und die russische Regierung nichts tut, um Russland in die EU zu bringen

    Pardon, das ist ein Schmarren, was Sie da behaupten!!“

    Ist es nicht. Russland in der EU wäre ein großer Fortschritt. Ich sehe nicht, dass die Putin-Regierung hierfür genug tut.
    Nicht ansatzweise. Siehe Ukraine-Krieg. Siehe Massenvernichtungswaffen, die auf EU-Länder gerichtet sind.

    Ich bestreite ja auch gar nicht, dass es Lobbyisten im Westen gibt, die Russland nicht in der EU haben wollen.

    • Was genau sollte den Rußland in DIESER EU?

      Ich nehme mal an Rußland müsste bestimmte geostrategische Bedingungen (Syrien, Kaukasus etc.) erfüllen und es müsste für die westlichen Firmen sozusagen den ungehemmten Zugriff auf seine Rohstoffe zulassen…. sozusagen ein Revival der 90iger Jahre…

      Ich persönlich bin im übrigen für die vollkommene und rückstandslose Beseitigung DIESER EU…!

    • Und ich bin dafür, dass die EU erhalten bleibt und erweitert wird (Russland/Weißrussland und Türkei, die Ukraine und Georgien sind ja bereits visafrei gestellt).
      Die EU ist die Friedensgarantie in Europa und eine beispiellose Erfolgsstory.

      Ohne EU wäre nicht mal sicher, ob man als Deutscher nach Frankreich reisen könnte. Es ist erschreckend, welche Geschichtsvergessenheit sich aktuell breitmacht.

      Russland könnte wirtschaftlich und politisch sehr von der EU profitieren, insbesondere die einfachen Bürger Russlands, allerdings gilt das nicht für die russische Miltärlobby, die große Teile der russischen Politik bestimmt.

      Wichtig für die EU ist vor allem, dass sie ihre Grundwerte – offene Grenzen und Zusammenarbeit eigenständiger Nationen – auch nach außen hin vertritt. Insbesondere müssen auch die Grenzen im Mittelmeer und nach Asien normalisiert (d.h. kontrolliert geöffnet) werden. Der Sinn der EU ist keine ‚festung Europa‘, sondern die Zusammenarbeit der Nationen.

  5. Ein wunderschönes Lied von „Les Brigandes“ einer fantastischen französischen Frauenband….

    Hier zum Thema Russland, mit deutschen Untertiteln….

    https://www.youtube.com/watch?v=oIUzU8Fs55s&list=PL58KXFT74kzYHuZaNlrSI3DdxUWvv1mN0&index=26

    • Wirklich, wunderschön das Lied..!!
      Aber unsere Künstler haben sich verkrochen, so wie auch ein großer Teil des Volks…Sie beherrschen nur das Dackelverhalten, immer schön in die Ferse beißen..

  6. Jetzt kommt erstmal die Fussball-WM 2018. Und dann wird mit Sicherheit die Frage auf den Tisch kommen, warum Russland nicht in der EU ist und die russische Regierung nichts tut, um Russland in die EU zu bringen (obwohl es eine WM ist und nicht wie 2012/Ukraine eine EM).
    Ich halte die meisten Wirtschaftssanktionen für kontraproduktiv, gerade auch die gegen Russland (vergleichbar in bezug auf mutwillige Sinnlosigkeit etwa mit denen gegen die Türkei, die gerade erwogen werden). ‚Sanktionieren‘ heißt bestrafen, und bei Strafen ist es essentiell, dass die Richtigen und NUR die Richtigen bestraft werden. Einfache russische Bürger (die ggf. nicht mal Putin gewählt haben) sind völlig unschuldig an den politischen Verwerfungen, genauso wie übrigens deutsche oder US-amerikanische Unternehmer, denen bei Sanktion ihr Grundrecht auf freien Handel ebenfalls eingeschränkt wird.

    Wie lächerlich daneben die Establishment-Politik der Trump-Regierung ist, sieht man ja daran, wie er Saudi-Arabien hofiert, während Russland ‚abgestraft‘ wird. Auch wenn man wie ich alles andere als ein Fan Putins ist: Das ist schon inhaltlich absurd, vor allem, wenn es mit dem Wort ‚Demokratie‘ begründet wird (die in Saudi-Arabien auf Landesebene inexistent ist..!). Und Saudi-Arabien führt bekanntermaßen ebenfalls Krieg, ganz aktuell.

    • Bevor man solch ausgemachten Blödsinn eines „Grundrechtes auf freien Handel“ verfasst, sollte man tatsächlich die einschlägigen Textsammlungen lesen. Sowohl die der bemittleidenswerten amerikanischen Unternehmer, als auch die der nicht putinwählenden, unschuldigen russischen Bürger!!!

    • @Thatsit
      Und dann wird mit Sicherheit die Frage auf den Tisch kommen, warum Russland nicht in der EU ist und die russische Regierung nichts tut, um Russland in die EU zu bringen

      Pardon, das ist ein Schmarren, was Sie da behaupten!!

      Dazu nur, wie oft soll Putin dem Westen noch die Hand reichen, er begann damit schon sehr früh…nur leider, unsere hochnäsigen Politiker belächelten ihn!?
      Putins Rede im Bundestag auf Deutsch (2001) – Alle sind schuldig, vor allem wir Politiker

      https://www.youtube.com/watch?v=9jyLQmyg9hs

    • Lieber Unknow74. Hier schreibt doch immer wieder der informationsresistente Transatlantik/Pro-Imperium/pro Merkel-Troll. Schade um jede Minute, das überhaupt noch zu lesen!

    • Tut mir leid,

      aber irgendwie sind diese Merkel-Trolle, doch selbstmörderisch unterwegs…

    • „Bevor man solch ausgemachten Blödsinn eines „Grundrechtes auf freien Handel“ verfasst, sollte man tatsächlich die einschlägigen Textsammlungen lesen. Sowohl die der bemittleidenswerten amerikanischen Unternehmer, als auch die der nicht putinwählenden, unschuldigen russischen Bürger!!!“

      Und bevor man hier elementare Grundrechte wie die Handelsfreiheit in Frage stellt, sollte man sich mal überlegen, warum und wozu es überhaupt Nationen gibt. Ich schlage dazu die Beantwortung folgender Fragen vor:

      – Sind die aktuellen Staaten / Nationen und ihre Grenzen natürlich entstanden oder menschengemacht?
      – Haben die Leute, die diese Ländergrenzen erfunden haben bzw. installiert haben bzw. heute verwalten, wirklich inhaltlich das Recht, andere daran zu hindern, mit anderen Handel zu treiben? Oder haben sie dazu nur in eindeutig zu vielen Fällen die MACHT?

      Natürlich gibt es Fälle, wo es sinnvoll ist, den Handel einzuschränken, etwa wenn es um Waffen an DIktaturen geht.
      Aber die Regel ist natürlich freier Handel, was selbstverständlich ein Grundrecht ist.
      Machthaber haben kein Recht, „ihren“ Bürgern pauschal vorzuschrieben, mit wem sie handeln dürfen, wohin sie reisen dürfen und mit wem sie sprechen dürfen. Sie haben in Einzelfällen höchstens die Macht dazu – leider. Wenn sie diese mißbrauchen, nennt man das Diktatur.

    • „Tut mir leid,
      aber irgendwie sind diese Merkel-Trolle, doch selbstmörderisch unterwegs…“

      Russland in der EU wäre der entscheidende Schritt bei der Realisierung des jahrhundertelangen Traums von der eurasischen Landbrücke. Es würde den Krieg mit der Ukraine beenden, die dann – wie Weißrussland – auch der EU beitreten sollte.
      Die EU hätte damit auch die Position, alle Flüchtlinge der Welt aufnehmen zu können und wäre in keinster Weise mehr erpressbar. Russland könnte seine Bevölkerung verdoppeln und wäre immer noch dünn besiedelt, d.h. Russland würde von Immigration sogar rein wirtschaftlich profitieren. Die Putin-Regierung will das aus Machtgrnden allerdings nicht, macht stattdessen auf Militarismus, fährt eine Angstkampagne und stellt sich damit gegen die Fakten.

    • Thatsit

      Es ist wunderbar wie sie die Welt einteilen, nein Sie gehen sogar einen Schritt weiter und wissen schon wohin man die Menschen verfrachtet, Sibirien?
      Ich dagegen sehe eine Lösung darin, dass das Bombardement auf der Welt aufhört, dann müssen die Familien sich nicht in fremde Länder begeben, wenn wir dann noch aufhören auf Nahrungsmittel zu spekulieren, den afrikanischen Staat nicht mehr als unsere Müllhalde nutzen..dann löst sich manches Problem und zwar für alle Menschen.

    • @ Annette318
      Im offensichtlichen Gegensatz zu Ihnen bin ich dafür
      – die Freizügigkeit wesentlich zu erhöhen, Grenzen zu öffnen
      – die Flüchtlingsproblematik europäisch zu lösen (Sibirien bietet sich dazu nicht an, da viel zu abgelegen und noch dazu zu aufwändig, aber z.B. Gebiete in Südrussland mit normalen Kontinentalklima), vor allem auch in im Sinn der Flüchtlinge, die dann auch in der ganzen EU reisen dürfen
      – die eurasische Landbrücke zu realisieren, auch wenn das manchen Lobbyisten nicht passt.

      Das würde Frieden schaffen und somit Bombardements einschränken.

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