Tagesdosis 8.8.2019 – Klimaleugner, Klimagegner oder wer sind die wahren Schuldigen am Klimaumschwung? (Podcast)

Ein Kommentar von Bernhard Loyen.

Beim Thema Klima geraten die Menschen in diesem Land aktuell, freundlich formuliert, aneinander. Widerspruch wird von der jeweiligen Seite nicht geduldet. Unteilbar ist die mehrheitliche Meinung, um das Klima stehe es nicht gut in diesem Land.

AFD PolitikerInnen, Wähler und Sympathisanten haben es gerade besonders schwer. Sie erleben nicht nur eine breite gesellschaftliche Ächtung, nein zudem müssen sie sich dem Vorwurf stellen, in doppelter Hinsicht Klimaschädlinge zu sein. AFDler unterstützen nämlich am wenigsten die These des menschengemachten Klimawandels und sorgen damit auch , neben natürlich noch anderen Themen, für ein schlechtes gesellschaftliches Klima.

Laut Umfragen aus dem Mai diesen Jahres, denken 35% der AFD-Wähler, dass der Mensch nicht für den Klimawandel verantwortlich ist (1). Das bedeutet zwar, dass knappe 60% das Gegenteil denken, aber alles was AFD Meinung ist, muss für dunkle Wolken am Himmel sorgen.

Viele Menschen, speziell die Journaille und der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk, rätseln und mutmaßen, über den stetig wachsenden Erfolg der Partei, dem Zuspruch für die AFD. Favorisiertes Gegenwartsargument der Stunde – der Ossi ist schuld. Wer sonst? Zudem muss noch abschließend geklärt, bzw. erklärt werden, worin sich die Gründe für den Zuspruch im Osten des Landes finden.

Kuriosum? Es mutet skurril an, das ein geringer Prozentsatz von Ostdeutschen verurteilt wird, eine westdeutsche Partei zu wählen. Die AFD eine Ost-Partei, die jedoch eine eindeutige West-Partei darstellt. Seit ihrer Gründung im Jahre 2013 in Berlin, ist diese Partei annähernd zu 100% in der Führung mit Westdeutschen besetzt, bzw. im Bundestag und Öffentlichkeit vertreten: Meuthen, Weidel, Höcke, Gauland, von Storch, Pazderski, Junge, Gottschalk, Friedhoff, Glaser, Kalbitz, Höchst, Curio. Hampel (2). Ja, Urban in Sachsen einer der wenigen Ostdeutschen in Spitzenposition. Warum, wieso trotzdem der Erfolg im Osten des Landes?

Ein Artikel in der TAZ vom Dienstag dieser Woche könnte Aufklärung leisten. Geschrieben von Udo Knapp, einem ehemaligen SDSler, dann Grünen und schlussendlich SPDler, zeigt er aber vor allem, wie tief die Gräben, das Unverständnis einander, auch noch im 30. Jahr der Grenzöffnung vorzufinden sind. Der Artikel wurde überschrieben mit, Zitat: Ostdeutschland und die AfD. Mythos Revolution. Schon mit dem Folgesatz, weiß der potentielle Leser wo die Reise hingehen soll, Zitat: Die meisten Ostdeutschen tun sich mit der Freiheit schwer, weil sie als DDR-Bürger die Diktatur mitgetragen haben. Der Erfolg der AfD passt dazu (3).

Der TAZ-Text ist für alte und junge DDR Hasser, für Westdeutsche mit chronischen Ost-Antipathien und für Gegner der Partei AFD. Also dem Sinnbild des TAZ-Lesers. Nach der üblichen DDR – Diktatur – Deutung, Zitat: Die Mehrheit der dort gebliebenen 14 bis 16 Millionen Menschen haben die DDR-Diktatur nicht nur erlitten, sie haben sie mitgetragen, sie waren mehr oder weniger loyale, an ein Leben in der Diktatur angepasste Bürger. Ihr Mitmachen bei den Nazis ging bruchlos in das Mitmachen bei den DDR-Sozialisten über (3), die sehr aufschlussreiche Interpretation des Rückblicks der Ereignisse seit 1990, Zitat: So verwundert nicht, dass trotz des so erfolgreichen Zusammenführens der beiden Hälften in der Wiedervereinigung bis heute in den Neuen Ländern eine sich selbst tragende, selbstbewusst auf Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, auf Humanität und Freiheitsliebe fest gebaute Gesellschaft nicht entstanden ist (3).

Ein erfolgreiches Zusammenführen? Schon dieser Teilsatz wird vielen Menschen im Osten dieses Landes sauer aufstoßen. Der zweite Teil ist arrogant und anmaßend. Die folgenden zwei Sätze, mit Sicherheit für viele Menschen ein Schlag ins Gesicht, Zitat: Die AfD ist in der geistigen Nachfolge der Nazis und der SED-Sozialisten in den Neuen Ländern zu Hause. Sie ist die ehrliche Stimme der aus dem muffigen DDR-Staatsheim immer noch nicht ausgezogenen Ossis (3). Wann wurde doch gleich die AFD gegründet?

Dieser These widersprach der Berliner Tagesspiegel am 01.08., Zitat: Der typische AfD-Wähler ist ein Mann jüngeren oder mittleren Alters. Es wird gerätselt, Zitat: Was ist los im Osten? Die Überschrift dieses Artikel zeugt von gefühltem Wissen, Zitat: Protest trotz Wohlstand. Sie wählen die AfD, weil es ihnen gut geht (4). Auch hier fragliche Deutungshoheiten, Zitat: Vielleicht wählen viele Ostdeutsche die AfD, weil es ihnen gut geht. Sie leisten sich den Protest, weil sie ökonomisch abgesichert sind. Woher die folgende Zahl stammt ist nicht hinterlegt, Zitat: In Sachsen beurteilen 81 Prozent der Menschen ihre wirtschaftliche Situation als sehr gut bis eher gut. Und weiter, Zitat: In Thüringen sagen 88 Prozent der Dorfbewohner, sie seien sehr oder eher zufrieden.

Diese Zahl wird begründet mit einer verlinkten Umfrage. Schaut man sich diese Umfrage jedoch genauer an, erschließen sich andere Realitäten, aber anscheinend nicht dem Autor des Tagesspiegels? Absicht? Zitat der Umfrage: Auf die Frage „Wie zufrieden oder unzufrieden sind Sie alles in allem mit ihrem Leben?“ bezeichneten sich 88 Prozent der Dorfbewohner als sehr oder eher zufrieden. Nur zehn Prozent zeigten sich in den Orten bis zu 1500 Einwohnern unzufrieden. In Mittelstädten zwischen 20.000 und 100.000 Einwohnern war der Anteil der Unzufriedenen hingegen doppelt so hoch (5) . Aha.

Wie definieren sie für sich Zufriedenheit, in Ergänzung des Zusatzes „ alles in allem“? In der Armutsgefährdungsquote in Deutschland nach Bundesländern im Jahr 2018, liegen auf den ersten sieben Plätzen, neben Bremen (Platz 1) und Berlin (Platz 5), alle fünf neuen Bundesländer (6). Diese Realität wird gerne übersehen, bei der Suche nach Gründen für das sog. AFD-Phänomen. Könnte es etwaig mit dem Versagen der Alt-Parteien, aufgrund entsprechender Politik in den letzten Jahrzehnten, bzw. Jahren zusammenhängen? Es startete 1990 mit der Treuhand und endete aktuell im Niedriglohnsektor.

Welche Rolle spielten die Grünen und die FDP in Ostdeutschland in den letzten 30 Jahren? Richtig, keine. So dumm können die Ostdeutschen also doch nicht sein. Die LINKE verspielte fahrlässig ihre Chance, den Menschen fortlaufend zu zeigen, wie eine politische Alternative aussehen kann, muss. Man erinnere sich an die Diskussion der erfolgreicheren Jahre, die PDS, später Die Linke, sei eine reine Ostpartei. Verlorengegangene Empathie und Unvermögen, Ideenlosigkeit werden nun gnadenlos abgestraft.

Bleiben CDU und SPD. Die SPD? Regine Hildebrandt Jahre (7) gehören der Geschichte an, genauso wie der Russland-Versteher Matthias Platzeck. Die CDU hatte den Wiedervereinigungsbonus, den Kanzler Kohl Bonus, der über Jahrzehnte ausreichte für komfortable Ergebnisse. Erfolgsgeschichten, wie die des ehemaligen Kombinats Carls Zeiss, das durch den westdeutschen CDUler Lothar Späth zu Jenaoptik und damit einem Weltunternehmen gewandelt wurde (8), die glorreichen Jahre des westdeutschen Sachsenkönigs Kurt Biedenkopf gehören der Vergangenheit an.

Die Ostdeutschen, die wählen gehen, hatten 30 Jahre die neue Freiheit individuell zu wählen, zu vergleichen. Nun nutzen sie die Freiheit, das demokratische Grundrecht, sechs Jahre nach Gründung einer Partei, also einer Alternative, abzuwählen. Welch Anmaßung.

Wie schaut es denn 2019 in diesem Deutschland aus, um den TAZ-Autor und DDR Kenner Knapp zu zitieren, mit Demokratie und Rechtsstaatlichkeit,Humanität und Freiheitsliebe? Wird diese aktuelle Gesellschaft von einem festen Fundament getragen?

Klima-Wetter-Fragen, Artenschutz, CO2-Steuer, Fleisch-Steuer, E-Autos, Öko-Kreuzfahrtschiffe, Inlandsflugverbote, sind für Millionen Menschen in diesem Land schwer nachvollziehbare Diskussionen, bei der Betrachtung des schlichten individuellen Daseinskampfes. Bei der täglichen Aufgabenstellung zu funktionieren.

Die mentale Teilsedierung über Fernsehen und Social-Media-Abusus dienen sicherlich nicht einem reflektierten, kritischem Blick auf die Politik und damit auch der Gesellschaft. Den digitalen Dealer freut es.

Jedoch Menschen, Politiker die auf sichtbare, spürbare Defizite, gesellschaftliche Herausforderungen des Alltags hinweisen und umgehend gestempelt und abgestraft werden, erhalten ihre volle Aufmerksamkeit. Der erkennt meine Sorgen, der will was für mich machen. Hoffentlich. Der spricht eine Sprache, die ich verstehe. Ob die vermeintliche Alternative es auch ehrlich meint, ist für den Moment sekundär.

Die AFD ist kein reines Ost-Phänomen, das zeigen auch die steigenden Zahlen in den Altbundesländern. Bei der Europawahl verlor jedoch die AFD bundesweit 1.8 Millionen Wähler in die Gruppe der Nichtwähler (9). Dies zeigt, die AFD steht nicht über den anderen Parteien.

Politik und zuarbeitende Medien verkennen die Klimaveränderungen in diesem Land. Spiegel Online titelte gestern Abend, Zitat: Wer Fleisch höher besteuert, stellt die soziale Frage (10). Die finale Betrachtung des Tagesspiegel-Artikels absurd, Zitat: „Denen geht es zu gut“, hieß es früher über Kinder aus reichen Familien, die Drogen nahmen oder sich Autorennen lieferten, ohne einen Führerschein zu besitzen. Der Begriff dafür lautete „Wohlstandsverwahrlosung“. Man sollte Analogien nicht zu weit treiben, aber eine Stimmabgabe für die AfD könnte aus ähnlichen Motiven erfolgen, in Ost wie in West.

Ist dem so? Wo aktuell die Wohlstandsverwahrlosung wirklich zu verorten ist, bei welcher Wählerklientel, kann diskutiert werden. Treibende Kräfte erkennen sehr wohl, dass der Wind in diesem Land sich mit Gründen dreht, an denen sie maßgeblich treibende Kraft sind.

Die kommenden Folgen dieser aktuellen Klimaveränderungen, werden sich in den nächsten Wochen und Monaten zeigen. Wie heißt es so schön, der Wind kommt von vorne. Stürmische Zeiten.

Quellen:

  1. https://www.tagesschau.de/inland/deutschlandtrend-1645.html
  2. https://www.bundestag.de/abgeordnete#
  3. https://taz.de/Ostdeutschland-und-die-AfD/!5609890/
  4. https://www.tagesspiegel.de/politik/protest-trotz-wohlstand-sie-waehlen-die-afd-weil-es-ihnen-gut-geht/24861420.html
  5. https://www.thueringer-allgemeine.de/leben/land-und-leute/umfrage-in-den-thueringer-doerfern-ist-die-zufriedenheit-am-hoechsten-id225948749.html
  6. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/164203/umfrage/armutsgefaehrdungsquoten-in-den-bundeslaendern/
  7. https://www.youtube.com/watch?v=PD5uctKhHok
  8. https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/jenoptik-rueckzug-mit-rekorden-160976.html
  9. https://www.welt.de/politik/deutschland/article194198071/Waehlerwanderung-Europawahl-An-wen-Union-und-SPD-am-meisten-verloren.html
  10. https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/hoehere-mehrwertsteuer-auf-fleisch-die-soziale-frage-a-1280944.html

Bildhinweis: andersphoto/ shutterstock

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Ein Kommentar zu: “Tagesdosis 8.8.2019 – Klimaleugner, Klimagegner oder wer sind die wahren Schuldigen am Klimaumschwung? (Podcast)

  1. Vielleicht hat die AfD im Osten des Landes auch einen höheren Zuspruch, weil die Menschen dort misstrauischer und kritischer sind als im Westen, wo man es sich seit 70 Jahren ziemlich bequem machen konnte? Ein besseres Gespür dafür, dass man in dieser Fassadendemokratie mehr oder weniger verarscht wird? Schließlich wurde die Leute im Osten vierzig Jahre immer auf bessere Zeiten vertröstet. Bis sie die Nase voll hatten, sich weiter gängeln zu lassen. Nach der Wende dann hatte man die Hoffnung, dass es nun ein besseres Deutschland geben würde und schnell trat die Ernüchterung ein. Massenarbeitslosigkeit, Postenbesetzung durch Wessis, Übernahme aller Westregeln. Die Ossis sollten froh sein, dass ihre grauen Städte nun bunter wurden und schön still sich einfügen.
    Dann kommt plötzlich eine selbsternannte „Alternative“ daher. Man greift begierig nach dem angeblich rettenden Strohhalm und kann sich gleichzeitig bei den „Altparteien“ rächen. Protest! Und was machen die Wessis nun? Rätseln über die Unvernunft der Ossis. So eine Undankbarkeit aber auch. Haben denen doch soviel Geld in den Allerwertesten gesteckt.

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