Tagesdosis 9.10.2018 – Atombomben und Chemiewaffen auf Vietnam (Podcast)

Der Plan des US Oberbefehlhabers Westmoreland.

Ein Kommentar von Dirk Pohlmann.

Anfang Februar 1968 plante das US Militär unter dem Kommando von General William Westmoreland die Entscheidungsschlacht im Vietnamkrieg. Wenig später sah es so aus, als ob den Vereinigten Staaten in Khe Sanh bevorstand, was die Franzosen 1954 in Dien Bien Phu erlebt hatten – die kriegsentscheidende Niederlage gegen die Truppen des kommunistischen Nord-Vietnam.

Lyndon B. Johnson, der 1963 nach dem Mordanschlag auf John F. Kennedy vom Vizepräsidenten zum Präsidenten aufgestiegen war, instruierte seine Militärs, mit allen Mitteln für einen Sieg in Khe Sanh zu sorgen.

Denn das letzte, was er brauchen konnte, waren immer neue schlechte Nachrichten aus einem leichtfertig losgetretenen Krieg, bei dem die US Militärs anfangs sicher waren, ihn problemlos gewinnen zu können.

Aber Vietnam hatte sich zu einem beispiellosen militärischen Desaster entwickelt. Die sieggewohnte amerikanische Nation, von ihrer göttlichen Auserwähltheit überzeugt, wofür die militärische Erfolge und der unaufhaltsame Aufstieg zur Supermacht als Beweis galten, war trotz ihres gigantischen Militärapperates nicht in der Lage, kleine gelbe Menschen in schwarzen Pyjamas zu besiegen, die mit dem Mut der Verzweiflung für ihre Unabhängigkeit kämpften. Der Anführer der Nordvietnamesen, Ho Chi Minh war einmal ein Freund und Bewunderer der USA gewesen, der ersten Kolonie, die nicht nur unabhängig, sondern sogar eine Weltmacht geworden war. Er hatte auf die Hilfe der USA im Kampf gegen die französische und japanische Kolonialmacht gesetzt und war von den USA verraten worden. Man hatte ihm die Unabhängigkeit Vietnams versprochen, wenn er dabei helfen würde, die Japaner in Indochina zu besiegen – was er tat. Aber das wussten nur die Wenigsten Ende der 60er Jahre. Der Fokus in den westlichen Medien lag auf dem Kampf gegen den Kommunismus, auf der Dominotheorie. Die besagte: Wenn auch Vietnam fällt, wird ganz Asien kommunistisch. Auch die Ost-Medien wollten über die Kollaboration Ho Chi Minhs mit dem US Geheimdienst OSS im 2. Weltkrieg nicht berichten.

Aber statt Schauplatz eines weiteren US-Triumphs zu werden, untergrub Vietnam das amerikanische Selbstbewusstsein. Mehr noch: Der Vietnamkrieg spaltete die amerikanische Bevölkerung in einem Maß, das es bisher nicht gegeben hatte. Weite Teile der jungen Generation befanden sich in Fundamentalopposition zur Regierungspolitik, waren vereint in einem Lebensgefühl, dass sie meilenweit von ihrer Elterngeneration trennte. Die USA hatten plötzlich Einwohner, die von mindestens zwei verschiedenen Sternen zu stammen schienen. Die Rolling Stones, Doors, Byrds und Santana lieferten den Soundtrack zu einer Revolte, die an den Fundamenten der USA rüttelte. Oder sie wiederbelebte. Die Einschätzungen waren unterschiedlich, je nachdem, auf welcher Seite der Barrikade man sich befand. Eine neue Kultur mit einem eigenen Lebensgefühl entstand. Der Film dieser Epoche war Easy Rider. Untertitel: „Ein Mann suchte Amerika, doch er konnte es nirgends mehr finden.“

Es ging also um mehr als eine Schlacht in Khe Sanh. Es ging um das Schicksal der USA. In dieser Situation und unter dem Druck seines Präsidenten begann General Westmoreland, die Verlegung von Atomwaffen nach Vietnam zu organisieren, um sie einsetzen zu können, sollte die Situation in Khe Sanh außer Kontrolle geraten.

Die Vorbereitung für den Nuklearkrieg geschah hinter dem Rücken von Präsident Johnson. Als er davon erfuhr, unterband er die Planungen, nicht aus ethischen Erwägungen, sondern weil er ein massives Eingreifen der Chinesen wie im Koreakrieg fürchtete. So der Autor des Buches „Präsidenten im Krieg“, Michael Beschloss, als Historiker Spezialist für die Geschichte der US Präsidenten. Der Subtext lautet: General Westmoreland war für brutale Maßnahmen, aber der Präsident blieb besonnen. Zitat: „Präsident Johnson unterliefen beim Vietnamkrieg sicher schwere Fehler, aber wir müssen ihm dafür danken, dass er nicht zuließ, dass der tragische Konflikt Anfang 1968 zu einem Nuklearwaffeneinsatz führte.“

Die New York Times, die über den Fall berichtet, erweist sich einmal mehr als staatstragend. Sie berichtet zwar, dass auch General McArthur bereits im Koreakrieg 1951 den Einsatz von Atomwaffen plante, erwähnt aber nicht, dass das US Militär 1954 die Niederlage der Franzosen in Dien Bien Phu mit US-Atomwaffen verhindern wollte, was Präsident Eisenhower ablehnte. Ebenso wird nicht erwähnt, dass US Generalstabschef Thomas D. White 1959 Atomwaffen gegen mehrere Ziele in Nord-Vietnam einsetzen wollte, und im Dezember 1960 und 1961 die US Stabschefs mit 60.000 US Soldaten, Luftangriffen und Nuklearwaffeneinsätzen gegen die Lieferung von Nahrungsmitteln, Treibstoff und militärischen Gütern durch die Sowjetunion an Laos vorgehen wollte.

Der ebenfalls erwogene großflächige Einsatz von Chemiewaffen wird nur nebenbei erwähnt und nicht mit Entsetzen und Abscheu bedacht. Westmoreland ist eben nicht Assad, er gehört zu den Guten.

Insgesamt kann man also ohne Übertreibung feststellen, dass die Atomwaffen nicht, wie seit Hiroshima und Nagasaki behauptet wird, gerade durch ihre Grausamkeit den Frieden sicherer machen und ihren Einsatz selbst verhindern. Tatsächlich waren es US Präsidenten, die ihre Militärs daran gehindert haben, um des besseren militärischen Erfolges willen Atomwaffen einzusetzen.

Bei US-Präsident Trump war es in jüngster Zeit umgekehrt. Er wollte Nordkorea mit Nuklearwaffen angreifen, wovon ihm seine Militärs abrieten.

Man kann also außerdem feststellen, dass es ziemlich erstaunlich ist, dass noch kein Nuklearkrieg stattgefunden hat. Viele kriegslüsterne Idioten haben hart daran gearbeitet, ihn möglich zu machen. Der Chef des strategischen Bomberkommandos der USA, Curtis LeMay, der Nordvietnam in die Steinzeit zurückbomben wollte, sagte 1965 nach seiner Pensionierung, Zitat: „wir wären verdammt viel besser dran, wenn wir damals den 3. Weltkrieg gestartet hätten“. Er meinte Mitte der 50er Jahre, bevor die Sowjetunion hunderte Sprengköpfe besaß.

Der letzte Chef des strategischen Bomberkommandos der USA General Lee Butler sagte: „Wir haben den Kalten Krieg durch eine Kombination von Können, Glück und göttlicher Intervention überlebt, und ich nehme an, letzteres war dabei wohl am wichtigsten.“ Er fordert heute die Abschaffung aller Nuklearwaffen. Dass ein Atombomber-General diese Forderung vertritt, könnte auch abgeklärte Realisten dazu anregen, über „utopische“ Forderungen und „realistisch zu erwartende“ Vernichtung nachzudenken.

Olof Palme und Michail Gorbatschow forderten Friedensaktivisten auf, von unten Druck zu erzeugen, der ihnen dabei helfen würde, von oben Friedenspolitik zu realisieren.

Druck von unten ist in Zeiten wie diesen bitter nötig, in denen ähnlich wie 1914 ausprobiert wird, wie lange man an einem Pulverfass herumzündeln kann, bevor es explodiert.

1989 stand die Atomkriegs-Uhr des „Bulletin of American Scientists“ auf 17 Minuten vor 12. Heute steht sie, wie 1962 bei der Kuba Krise, auf 2 Minuten vor 12. Die 15 Minuten Unterschied sind  keine „utopischen Forderungen“ sondern schlicht Politik. Ein Beweis dafür, was 1989 alles möglich war und wohin uns 29 Jahre imperialistisches Totalversagen gebracht haben. Die Machtpolitiker, die meinen, 1989 den Kalten Krieg „gewonnen“ zu haben, haben ihre Unfähigkeit, Frieden zu schaffen, eindrucksvoll bewiesen. Sie haben 29 Jahre eine einzigartige historische Chance versiebt. Wir stehen am Abgrund. In welche Richtung unternehmen wir angesichts dieser Lage den nächsten Schritt?

Alle suizidalen Personen können weitermachen. Sie können auf Murphys Gesetz vertrauen: Alles, was schiefgehen kann, wird irgendwann schiefgehen.

Alle, die „Es wird schon schiefgehen“ nicht für eine vernünftige Zukunftsoption halten, sollten aufstehen. Olof Palme ist ermordet worden, Willy Brandt ist tot, Egon Bahr ist tot, Michael Gorbatschow entmachtet. Es gibt keine mächtigen Friedenspolitiker ihrer Größe mehr. Es bleibt uns nichts anderes übrig als „alleine groß zu sein“.

Das ist die Lehre aus den Ereignissen seit 1945, die Lehre aus den Ereignissen von 1968. Wir müssen von unten Druck machen. Dafür sorgen, dass wir in Zukunft selbst entscheiden können. Durch direkte Demokratie. Das ist wohl ganz realistisch die einzige Möglichkeit, Militärs und Politiker zu überleben.

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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