Tagesdosis 9.10.2019 – Mit Jutta Ditfurth gegen Extinction Rebellion (Podcast)

Ein Kommentar von Florian Kirner.

Und dann ist plötzlich Weihnachten – mitten im Oktober!

Die antideutschen „Ruhrbarone“ und die Redaktion des linksradikalen „Lower Class Magazins“, Bernhard Loyen von KenFM, Rainer Balcerowiak, der gerne im Neuen Deutschland veröffentlicht, Volker Beck von den Grünen, die Ex-Grüne Jutta Ditfurth, Oliver Janich und die Leute von der BILD, von Russia Today, von der Jungle World und von Cicero – alle sitzen sie einträchtig unterm geschmückten Baum und können ihre so plötzliche Einigkeit schier nicht fassen.

Wer nun aber hat dieses vorgezogene Weihnachtswunder vermocht?

Es sind die Aktivistinnen und Aktivisten von Extinction Rebellion.

Um zunächst meine eigene Haltung kenntlich zu machen: ich kam des Montags dieser Woche, um 2:23 Uhr Morgens, in Berlin an. Sieben Minuten später hatte ich mich an einem vereinbarten Treffpunkt eingefunden, ohne Handy, selbstverständlich. Gegen 3 Uhr habe ich mit 50, 60 Leuten die erste Straße besetzt. Bis 6 Uhr morgens war ich bei der Besetzung des Großen Sterns. Später war ich Teil der Besetzung am Potsdamer Platz.

Ich persönlich finde Extinction Rebellion hervorragend.

Ganz und gar nicht findet das Jutta Ditfurth. In bekannter Manier hat sie einen„Warnhinweis Extinction Rebellion“ veröffentlicht. Sie rät davon ab, mit Extinction Rebellion zusammenzuarbeiten. Und sehr besorgt um die Kleinsten in unserer umweltbewegten Mitte, empfiehlt Mama Ditfurth „ebenso dringend, Kinder und Jugendliche“ über den wahren Charakter dieser Bewegung aufzuklären.

Einen Tag später ist die Ditfurthianische Warnung bereits von Focus, taz, Tagesspiegel, BZ, Spiegel Online, Berliner Zeitung, Berliner Kurier, dem Münchner Merkur, der Welt, der BILD-Zeitung, der Morgenpost, aber auch von berlin.de, dem offiziellen Hauptstadtportal, weiträumig zitiert oder komplett übernommen worden. Die Liste verlängert sich stündlich.

Ein schöner Erfolg für die Ditfurth, ein medialer Auftrieb wie sie ihn seit besten Mahnwachenbashingzeiten nicht mehr verbuchen konnte. Bestimmt ruft bald die Redaktion der Kulturzeit an. Gratulation nach Frankfurt am Main!

Dieser „Warnhinweis“ ist nun so charakteristisch, dass wir uns ein wenig eingehender damit beschäftigen wollen. Zumal zentrale Punkte der ditfurthschen Anklage sich bei vermeintlich politisch ganz anders gelagerten Kritikern von XR wiederfinden.

Da ist etwa der Vorwurf, XR sei eine Sekte. Eine „Öko-Sekte“, eine „esoterische Sekte“, eine „Weltuntergangssekte“ oder eine „Wirre Endzeitsekte“, um genau zu sein. Darin sind sich alle Kritiker einig.

Bei Lady Ditfurth klingt das so:

„XR ist keine »gewaltfreie Klimabewegung« sondern eine religiöse-gewaltfreie esoterische Sekte, welche an die Apokalypse der baldigen »Auslöschung der Menschheit« glaubt und »Selbstaufopferung« empfiehlt. XR schürt Emotionen, die den Verstand vernebeln, wenn sie z.B. behaupten »Wir sind die letzte Generation der Menschheit vor der Auslöschung« (…) XR will nicht aufklären sondern Stimmung schaffen. XR setzt auf Hyperemotionalisierung und ist intellektuellenfeindlich. Dafür wird gemeinsam geweint und meditiert. (…) XR zielt vor allem auf junge Leute und emotionalisiert sie. XR versucht rauschhafte Ängste vor der Zukunft zu erzeugen und spricht von der Bereitschaft der »Selbstaufopferung«.

Und als wäre es nicht schon kindisch genug, die Zerstörung der Natur, die Vergiftung der Weltmeere und das Artensterben zum Anlass zu nehmen, gemeinsam zu weinen und als sei nicht Meditation bekanntermaßen der Gipfel der Sektenhaftigkeit, bringen diese wirren Irren von XR auch noch fertig, sich auf den schlimmsten, reaktionärsten und gefährlichsten Sektenführer aller Zeiten zu beziehen, nämlich auf … Mahatma Gandhi.

Jutta Ditfurth:

„XR bezieht sich ideologisch u.a. auf Ghandi. Der war keineswegs gewaltfrei. Vergewaltigte Frauen waren für ihn keine Menschen mehr. 1938 forderte er die Jüdinnen und Juden in Deutschland auf, sich »gewaltfrei« in die Messer ihrer Schlächter zu stürzen und kollektiv Selbstmord zu begehen. Auf keinen Fall dürften jüdische Menschen sich wehren.“

Da haben wir es! Gandhi war in Wirklichkeit ein Antisemit. Auch Elke Wittich, Autorin der antideutschen Jungle World, hat diese Fährte aufgenommen. Auf Facebook schreibt sie:

„Ein bisschen Antisemitismus ist für Extinction Rebellion (…) genauso okay wie ein bisschen Rassismus oder ein bisschen Frauenfeindlichkeit.“

Diesen weitreichenden Vorwurf stützt Elke Wittich einzig darauf, dass ein offenbar oder tatsächlich nicht unbedeutendes Mitglied von XR Großbritannien einmal einen Facebook-Post geteilt hat, in dem der Vorsitzende der Labour Party, Jeremy Corbyn, gegen „eine massive Schmierenkampagne“ in Schutz genommen wird, die von „Netanjahu-Fans in der Partei und in den weiteren Medien / der Gesellschaft“ ausgehe.

Aha. Ein Einzelner teilt einen Post auf Facebook und schwupps ist bewiesen, dass für die ganze Bewegung „ein bisschen Antisemitismus okay“ ist.

Wir kennen diese Methodik. Und wir kennen ja auch die restlichen Vorwürfe aus dem Hause Ditfurth. „Emotionen zu schüren“ zum Beispiel ist für die Ditfurth grundsätzlich anti-aufklärerisch. Denn Emotionen „vernebeln den Verstand“ und zwar in diesem Fall mit „rauschhaften Ängsten vor der Zukunft“.

Es sind das diese Dinge, die Pseudo-Linke vom Schlage Ditfurth wahrscheinlich nie lernen werden. Wie Jens Berger von den Nachdenkseiten auf Facebook schreibt:

„Occupy, Anti-TTIP, Mahnwachen, Friedenswinter, Aufstehen, Unteilbar, FFF, XR … es wird in diesem Land NIEMALS eine Bewegung geben, die von einem Teil der „linken Blase“ nicht heftig attackiert wird. Das gehört dazu. Vor allem „die Alten“ sind da ja sehr erfahren. Das Sektierertum liegt in der Genen der K-Gruppen. Es langweilt mich wirklich nur noch.“

Diese pseudolinke Feindseligkeit gegen Emotionalität, die ihre Vertreter für intellektuelle Brillanz oder Wissenschaftlichkeit halten, drückt leider nur eine seelische Verkrüppelung aus und ist ein wesentlicher Faktor ihrer politischen Wirkungslosigkeit. „Es lebe die Fantasie“ stand im Mai 1968 auf Pariser Hauswänden. Grauenhaft reaktionär, was Jutta?

Aber, ja: Extinction Rebellion ist emotional. Greta Thunberg ist emotional. Ich bin auch emotional. So what? Sollen wir immer hübsch kühl und sachlich bleiben, während sich die Erde erhitzt, jeden Tag 200 Arten aussterben und bereits in den Körpern von Kindern Mikroplastik nachgewiesen wird?

An der Sorge vor der Zukunft ist mit anderen Worten vieles rational, aber rein gar nichts „rauschhaft“.

Denn zunächst einmal ist diese Sorge nur vernünftig in einer mit Atomwaffen vollgestopften Welt, die mit immer größeren Verlusten ein todkrankes Wirtschaftssystem aufrecht erhält, während unsere konsumsüchtige Lebensweise die materielle Grundlage der menschliche Zivilisation konsequent zerstört.

Man hätte vermuten können, der Ex-Grünen Ditfurth wäre immerhin die Dramatik der ökologischen Situation bewusst. Rein wissenschaftlich gesehen, versteht sich. Aber nein. Das alles sind für sie alberne Weltuntergangsfantasien, ein Sektentrick. Und so wird die linkeste aller linken Linken einmal mehr als Stabilisatorin des Status Quo tätig. Kommt alle mal wieder bisschen runter, Kinder.

Extinction Rebellion ist aber das Ergebnis der Entschlossenheit, sich nicht mehr runterregulieren zu lassen auf das Level des braven, symbolischen Protests. XR steht für Gewaltfreiheit. Aber XR steht vor allem dafür, durch konsequenten Regelbruch, durch Disruption und durch den massenhaften Eingriff in unsere krankhafte, selbstzerstörerische Normalität, den Ausnahmezustand, in dem wir uns objektiv befinden, auch subjektiv erfahrbar zu machen. Insofern kann man sagen, es läuft alles nach Plan, wenn die Aktionen von XR eine solche Welle neurotischer Ablehnung auslösen.

Rauschhaft allerdings geht es bei Extinction Rebellion in der Tat mitunter zu. Es ist aber nicht ein Rausch der Angst, sondern einer der Lebensfreude und der Selbstbestimmung. Die Blockaden von XR sind Orte von blühender Kreativität, hier wird gesungen und getanzt, gemalt und gepflanzt, die Leute haben Musikinstrumente bei den Blockaden dabei, es gibt Theaterperformances und wissenschaftliche Vorträge.

Zu den Blockaden werden Sofas angeschleppt und Zimmerpflanzen. So hat sich gestern das Architekturverbrechen namens „Potsdamer Platz“ für viele Stunden in ein urgemütliches Blockadewohnzimmer verwandelt, mit Spielecken für Kinder, einer kleinen Bibliothek und Leseecken, Essenszelt und Workshops. Die Stimmung untereinander ist geprägt von spontanem Vertrauen, von Offenherzigkeit und Freundlichkeit.

Die Ditfurth sagt dazu: „XR will nicht aufklären sondern Stimmung schaffen.“ Nun, aufklären will XR schon. Aber eben auch Stimmung schaffen. Eine schöne, solidarische und kreative Stimmung nämlich. Daraus aber folgert messerscharf die Ditfurth: „XR wird niemals ein kritisches, rationales, linkes Projekt sein.“

Stattdessen also ist XR eine Weltuntergangssekte. Die Journalistin Claudia Wangerin, tätig für die Junge Welt, hat da allerdings den berechtigten Einwand, dass der Begriff ganz falsch verwendet ist, denn:

„Wenn ich das richtig verstanden habe, zeichnen sich Weltuntergangssekten gerade nicht dadurch aus, dass sie von einer Apokalypse reden, die sich verhindern ließe und genau dazu aufrufen. Weltuntergangssekten sehnen den Weltuntergang entweder direkt herbei oder sie stellen ihn zumindest als nicht verhinderbar dar, um mit Erlösungsversprechen in einer anderen Welt, im Himmelreich oder sonstwo Punkte sammeln zu können.“

Aber so genau nimmt man es nicht im Hause Ditfurth, denn dort ist seit jeher eine feststehende Tatsache, dass jegliche Form der Spiritualität sich erstens mit Wissenschaftlichtkeit nicht vereinbaren lässt und zweitens nach rechts führt.

Dazu kommt, besonders erschreckend, der Aufruf von Extinction Rebellion zur „Selbstaufopferung“. Dies bezieht sich auf eine Aussage von XR-Mitbegründer Roger Hallam, wonach in der Auseinandersetzung um die Natur „auch Menschen sterben werden“.

Ich kann, rein sachlich, rational und wissenschaftlich, nichts Skandalöses an dieser Aussage erkennen. Sie beschreibt einfach nur die Realität.

So berichtet Franz Alt von einer Studie im wissenschaftlichen Fachmagazin Nature Sustainability, wonach sich die Zahl der ermordeten Umweltaktivisten in den letzten 15 Jahren verdoppelt hat, und zwar von zwei Morden auf vier Morde – pro Woche! Wir reden von 1588 ermordeten Umweltaktivisten in 50 Ländern der Erde im Zeitraum von 15 Jahren. Die Dunkelziffer liegt weit höher. Gerade 10% dieser Morde endeten mit einer Verurteilung der Täter.

Und da wagt es dieser Sektenguru Roger Hallam, von „Selbstaufopferung“ zu reden?

Ja, er wagt es. Er wagt es, die Realität zu benennen.

Aber genug gedithfurtet. Wenden wir uns dem angeblich entgegengesetzten, politischen Spektrum zu.

Feiern denn nun wenigstens die Rechten und Rechtslastigen Extinction Rebellion, wo es schon von vielen Linken so kritisch gesehen wird? Freuen die sich über XR, das ja laut Ditfurth ein linkes Projekt niemals nicht werden wird?

Mitnichten. Auch die AFD spricht, Überraschung: von einer „Klima-Sekte“.

Währenddessen  machen die Klimawandelleugner der Webseite „Science File“ aus der Tatsache, dass es bei XR tatsächlich auch einige bezahlte Hauptamtliche gibt oder dass für sozial bedürftige Menschen auch einmal Reisekosten übernommen werden, die Behauptung:

„In Berlin blockieren also wohl in ihrer Mehrheit bezahlte Aktivisten die Straße.“

Ach, verdammt. Wenn ich das gewusst hätte!! Da habe ich Volldepp von 2:30 Morgens bis 2 Uhr Nachts kostenlos durch die Gegend blockiert, während die Mehrheit meiner Mitblockierer laut „Sciene File“ satte 450 Euro dafür bekommen hat…

Zu Hochform läuft auch Oliver Janich auf. Der hat die „satanischen Rituale“ von XR entschlüsselt, und ihm ist aufgefallen, dass ein Davidsstern herauskommt, wenn man die zwei Dreiecke übereinanderlegt, die im Logo von XR eine Sanduhr ergeben.

Hohe Zeit der Dummheiten! Und was für eine Allianz, was für eine, na, nennen wir es doch ruhig eine: Querfront! … hat sich da ergeben in dem hehren, gemeinsamen Ziel, Extinction Rebellion zu bashen.

Irgendwie muss XR einen ziemlich wunden Punkt erwischt haben, dass diese gesammelten Damen und Herren gar so laut aufschreien. Und gestern traf ich dann noch eine Frau, die hatte erwartet, dass XR „ganz Berlin auseinandernehmen und Autos anzünden“ werde. Die hatte das wiederum aus dem Hause Springer.

Spannend, spannend. Vielleicht sollte man zu der zugegebenermaßen extremen Maßnahme greifen, sich Extinction Rebellion einfach mal selber ansehen, sich ein eigenes Bild zu machen… Wer das bis Sonntag in Berlin tut, hat übrigens gewisse Chancen, mich dort anzutreffen.

Abschließend und quasi zur Entgiftung, ein Zitat von Rainer Mausfeld, der im aktuellen Rubikon die Klimadebatte analysiert. Mausfeld:

„In der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation, die durch eine große ideologische Homogenisierung, eine Entleerung des politischen Raumes und einen massiven Abbau mühsam errungener demokratischer Substanz gekennzeichnet ist, ist jede Form außerparlamentarischer emanzipatorischer Bewegungen zu begrüßen.

Bei dem lange verdrängten Thema einer drohenden Klimakatastrophe haben die Fridays for Future– und die Extinction Rebellion-Bewegung überhaupt erst wieder für die erforderliche mediale Aufmerksamkeit gesorgt. Zugleich haben sie in der jüngeren Generation eine erfreuliche Repolitisierung bewirkt. Bereits das gibt Anlass zur Hoffnung.“

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Bildquelle: Ink Drop /Shutterstock

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Ein Kommentar zu: “Tagesdosis 9.10.2019 – Mit Jutta Ditfurth gegen Extinction Rebellion (Podcast)

  1. Lieber Florian,

    ausgezeichneter Kommentar.
    Vor allem zeigt sich hier einmal wieder der bornierte Alleinvertretungsanspruch einer kaputten, innerlich zerissenen, empathiefreien, dogmatischen Pseudo-Linken, die zur bedeutungslosen Sekte in diesem Lande zusammengeschrumpft ist.

    Vor allem muss sie Recht behalten und sie macht sich zum Affen der Herrschenden, weil sie selbst als Spaltpilz aktiv ist, weil sie sich zum nützlichen Idioten der Herrschaftsmedien macht, um jeden kraftvollen Angriff auf das System zu lähmen. In ihrer widerwärtigen Rechthaberei sind sie selbst zu hervorragenden Stützen des Systems geworden.

    Es sind diese Vollpfosten, die sich die Diktatur der Arbeiterklasse als Rettung der Welt herbeihalluzinieren während sie von der Arbeiterklasse längst verlassen wurden.

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