Tagesdosis 9.8.2017 – Trump, Schulz und Wulff treffen Merkel (Podcast)

Eine WC-Raum-Prélude in Es-Dur

Ein Kommentar von Rüdiger Lenz.

Haben Sie sich schon einmal die Frage gestellt, wofür wir Politiker eigentlich brauchen?

Sie stehen morgens auf, steigen in ihre Puschen und gehen im Halbschlaf in ihr Badezimmer. Sie putzen sich die Zähne, steigen in die Dusche, waschen sich, trocknen sich ab, machen Frühstück. Ihre Kinder wachen gerade auf, sie bereiten das Frühstück vor. Ihre Familie sitzt und isst ein wenig. Dann fahren sie die Kinder zur Schule und anschließend selbst zur Arbeit, steuern eine Fertigungsstraße oder verwalten ihren Dienst. Sie machen eine Frühstücks- und eine Mittagspause, zwei drei Zigarettenpausen, wenn sie rauchen und fahren anschließend wieder nach Hause. Kontrollieren die Hausaufgaben ihrer Kinder, machen das Abendessen. Unternehmen vielleicht noch mit der ganzen Familie etwas oder allein mit den Kindern und lesen ein Buch oder schauen Fernehen, zappen im Internet oder bei Netflix vorbei. Dann gehen sie in ihr Badezimmer und machen sich bettfertig. Gehen schlafen, haben vielleicht zuvor Sex oder lassen den Tag angenehm mit Musik oder spaßigen Gesprächen beenden.

Und jetzt kommt der Aha-Effekt! Der kommt übrigens nicht gleich bei jedem und sofort.

Sie haben das alles getan, ohne einen Politiker danach zu fragen, ob sie es so oder so hätten machen sollen. Sie haben das alles ganz allein bewältigt.

Sie haben, vermutlich wie ich auch, ihr Radio angeschaltet, während sie sich am frühen Morgen für den Tag frisch gemacht haben. Was hörten Sie? Vermutlich das Gleiche wie ich: „Martin Schulz will sich für mehr Gerechtigkeit einsetzen“, es strömten Schweißperlen ihrer Stirn hinunter bis zum Kinn, „Schulz will SPD-Partei-Chef bleiben, egal ob er die Wahl gewinnt oder nicht“. Während sie sich mit einem Kleenextuch den Schweiß abwischten erklang in ihrem Badezimmer, gleich ungebetener Geister, eine Stimme aus dem Radio und sprach: „Christian Wulff, Bundespräsident a.D. arbeitet für eine türkische Modefirma Yargici. Wulff weist jegliche Vorwürfe, einen Nebenjob zu haben, entschieden zurück!“

Sie kennen sich und wissen, Obacht gebend, sonst würden sie auf ihrer Badematte ausrutschen und unsanft auf die Fliesen fallen. Da erschallt es fanfarenhaft weiter aus dem Radio oder in ihrem Hirn, sie wissen es nicht mehr, die Gesiterstimme: „US-Präsident Donald Trump droht Nordkorea mit militärischer Macht. Wenn Nordkorea seine Drohungen fortsetze, so der US-Präsident Donald Trump, „werde dieser mit Feuer, Zorn und Macht begegnet werden, wie sie die Welt so noch nicht gesehen hat!“

Sie können sich den Schrei nicht verkneifen, während ihre Zahnbürste noch dabei ist, ihre rechten Backenzähne, die sich nun in ihrem Oberkiefer bebend der Bürste entgegen stemmen, da fliegen Speichel mit verschäumter Zahnpasta schon gegen den Spiegel. Ihre Frau kommt mit aufgerissenen Augen, den Türgriff heftig nach unten reißend in die Tür, und fragt erschrocken: „Was ist los!?“ Sie erwidern nur: „Nichts. Alles ist in Ordnung. Trump will nicht mehr mit den Chinesen spielen. Er will Nordkorea mit seiner Schippe kräftig auf den Kopf hauen.“

Im selben Atemzug erinnern sie sich an ihre Kinder, als die noch sehr klein waren und im Sandkasten ihre ersten Erfahrungen mit Wut und Zorn und Macht und Feuer im Kopf erlebten. Wie oft sie schlichten und beruhigen mussten, das wissen sie schon gar nicht mehr.

Nun das Schlussthema.

Interne Gespräche mit vorgehaltener Hand im Ministerium des niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil SPD. Sie wissen schon, Regierungskrise in Hannover, weil die Grünen-Abgeordnete Elke Twesten zur CDU emigrierte. Ministerpräsident Weil weiß, dass die vorgezogenen Wahlen im Oktober nicht zu gewinnen sinn. Und was macht ein Ministerpräsident in so einem Fall? Er muss zusehen, dass seine Schäfchen im Trocknen landen. Heißt, er muss jetzt seinen Günstlingen in der SPD einen Job besorgen. Das macht man so, wenn man nicht mehr regiert. Man lobt seine Beamte irgendwo hin, Hauptsache aufwärts. Dabei erfinden sie auch häufig irgendeine Stelle, nur um sie mit Karriere zu füllen. Beamte kann man schließlich nicht kündigen, nur weil der Arbeitsbereich nicht mehr da ist.

In Niedersachsen verstarb vor ein paar Monaten ein hoher Beamter in einem hohen Posten. Eine anderer wurde dort von eben dieser Dienststelle dorthin verordnet und arbeitete sich ein. Aufgaben wurden verteilt, Lohnerhöhungen pariert und man stimmte sich gegenseitig sehr positiv aufeinander ein. Ein neuer Dienstherr, sympathisch, kompetent und voller Elan. Nun darf er gehen, nur kurz ins Amt hinein geschnuppert, weil der Herr Weil seine Günstlinge unterbringen muss.

Das, und genau diese „Korruption unter dem Tisch“, die ständig und am Häufigsten stattfindet. In der gesamten Politik. In der großen wie der kleinen Politik. Und nur darum geht es, um wieder zum Anfang dieses Kommentars zurück zu kommen, um die Willfährigkeit dieses Berufsstandes. Der, wir erinnern uns, ja gar kein Beruf ist. Politiker ist bloß eine Bezeichnung für etwas, was vorgibt etwas zu sein, ohne dafür entsprechend gelernt oder studiert zu haben.

Was wir durch die Nachrichten ständig hören ist nicht das, was wir gleichzeitig begreifen. In der Psychologie unterteilt man die unterschiedlichen „Aufmerksamkeits-Blindheiten“, denen wir alle tagtäglich sehr oft unbewusst unterworfen sind. Eine davon ist die Unaufmerksamkeits-Blindheit. Soll heißen, dass wir etwas bestimmtes in einer Situation erwarten, etwas spezifisch individuelles und deswegen einfach nicht mitbekommen, was in der Situation tatsächlich (objektiv) geschieht.

Heißt, unsere Aufmerksamkeit steht der Außenwelt in einer Erwartungshaltung gegenüber, nicht in einer sinnhaften Erfassbarkeit von Wirklichkeit und Realität, da es der Aufmerksamkeit vollständig an objektiver Erfassung der Wirklichkeit fehlt. Wir konstruieren uns unsere Welt, unsere Erkenntnisse und Erfahrungen und formen daraus unsere Realität, in der wir dann nach Wirkmächtigkeit streben. Unser Gehirn ist so konstruiert. Es besitzt einschränkende Wahrnehmung. Das mag jetzt vielen ihre Ego verleiden, ist jedoch auch eine Chance. Nämlich die zur Konstruktion der eigen Welt. Darin liegt Schöpferkraft.

Die Uninformiertheit fast aller Menschen ist erheblich größer, als die Selbsteinsicht, doch über alles vollständig informiert zu sein. Das betrifft nicht bloß diejenigen, die sich überhaupt nicht informieren, sondern auch diejenigen die glauben, vollständig informiert zu sein. Das kann auch gefährlich werden. Dann nämlich, wenn man glaubt, niemand könne einem was, man stünde ausserhalb des Gesetzes. Dann nämlich, wenn man sein Ego ständig am Limit hält. So sagte der damals noch frisch gewählte US-Präsident Donald Trump: „Ich könnte auf der 5th Avenue stehen, jemanden erschießen und würde keine Wähler verlieren.“ 1 Wer, wie ich, mit so nennten Promis öfters zu tun hat, der merkt schnell, dass es einige von ihnen ständig übertreiben und diese Grenzüberschreitungen für normal halten. Ihr Ego fliegt ihnen quasi davon.

Ein Bundespräsident außer Dienst, der finanziell gut abgesichert ist, Vergünstigungen erhält, ein Privatauto, ein Büro und Personal, wohlgemerkt, das alles ausser Dienst, und trotzdem einem Beruf nachgeht – das stimmt nachdenklich. Nicht in dem Sinne, dass Herr Wulff ein bißchen komisch sei, sondern viel eher, dass etwas ganz grundsätzliches mit unserer Gesellschaft nicht stimmt.

Ein Ex-Präsident der EU, der schon am Anfang eines neuen Amtes weiß, dass er vergeigt hat, aber zur Forderung stellt, dass er den Vorsitz seines Versprechens als Karriere benötigt, auch das sagt mehr über die Tücken unserer Gesellschaft aus, als über den bedauernswerten Herrn Schulz.

Ein US-Präsident, also den Anführer des derzeitigen Imperiums USA, der sich zu derlei undiplomatischen Äußerungen hinreißen lässt, ja mehr noch, solche Äußerungen tagtäglich mehrfach tätigt, dem ist sicherlich schnell eine Persönlichkeitsstörung zuzurechnen, aber mehr noch der Gesellschaft, die es duldet und die einen solchen zu einem so hohen und verantwortungsvollen Amt verhilft.

Die westliche Welt scheint am Ende ihrer Moral, ihrer Werte angelangt. Genau da sind wir blind. Fast alle auf beiden Augen. Alle drei sind Karikaturen gesellschaftlicher tiefer und großer Probleme, die diese Leute einfach nur zur Schau tragen. Wir müssen handeln. Wir müssen dagegen steuern indem wir uns für etwas anderes einsetzen. Die Bundestags-Wahl, die jetzt ansteht, ist es nicht. Kann es gar nicht sein, da sie nur die Bestätigung des derzeitigen tiefen großen Problems ist. Eine zutiefst menschliche Eigenheit, sich vor Lösungen zu drücken und einfach weiter zu machen wie bisher. Damit aber passen wir uns unseren Problemen eher an, als das wir Wege aus den jeweiligen Krisen erarbeiten.

Epilog

Am Abend von der Arbeit zu Hause angekommen, verspüre ich den Drang, durch meine Stadt, durch Berlin zu schlendern. In kurzem Hemd stehe ich vor dem Athlon und sinniere über den Urlaub, in dem ich vor drei Tagen noch war, da springt die Eingangstür auf. Schnell geht ein etwas zerzauster Trump, ein um sich schauender Schulz und ein kerzengerade gehender, etwas leicht versnobter Wulff durch die Tür in Richtung der Limousine. Trump ruft schäumend, dabei stramm zur Limousine schreitend: „When i said, Amerika first, then.., dann springt die Eingangstür des Athlon noch einmal auf und eine lächelnde Merkel, beide Arme beschwichtigend leicht in die Höhe gehoben, um Trump zu beruhigen, da geht die Tür ein weiteres Mal auf und ein verschmitzt fest lächelnder junger Herr tritt nach vorne. Es ist Christoph Sieber, den ich sofort erkenne und der mir sofort ein leichtes Lächeln auf die Lippen zaubert. Gestikulierend, ohne einen Ton von sich zu geben verbeugt er sich vor den Vieren und spuckt nur drei Worte aus. Drei Worte, die immer nur das selbe Wort bedeuten. Dabei derart betonend, dass einem leicht bange wird: „Toi!..Toi!.. Toi!“

Quelle

1 Gehirn und Geist: Psychologie, Hirnforschung, Medizin Nr. 5/2017, Ego am Limit, Seite 19

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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