The answer was blowing in the wind

Von Bernhard Trautvetter.

Der letzte Brief. Wahib schrieb in stockendem Englisch.
Liebe Mutter
Hier im Flüchtlingscamp
geht es ganz gut.
Keine Bomben.
Die Unruhen gegen uns haben sich gelegt.
Die Kinder haben die Nacht
des Hasses fast vergessen.
Ich finde manchmal sogar Schlaf.
Wenn mich die Erinnerung
an den Brand und die letzten Schreie
meiner Ayse nicht mehr quält
Totenstille
So von drei bis fünf
ruht auch hier auch die Angst.
Die Schusswunde an meiner Schulter
verheilt ganz gut.
Sie haben den Täter gefasst.
Strafe auf Bewährung.
Gestern den Brand am Versorgungszelt
haben wir schnell gelöscht.
Per SMS weiß ich, dass Nursen
vom Grenzzaun an der Küstenstraße
auf dem Weg nach Italien verletzt war,
ehe sie die Klippe hinab,
wie Du per SMS schriebst.
Dabei war sie doch noch so jung!
Flucht ist grausam, manchmal wie der Krieg.
Hier sagen sie uns nichts Genaues…
es wird wohl schon alles gut.
Ich bin voller Pläne.
Das gibt mir Kraft.
Wir geben nicht auf. Niemals.
Sohra, meine afghanische Freundin
muss morgen
zurück in den Krieg
Sie lehnen sie ab.
Es sei ein sicherer Bereich, wo sie wohnt.
Ich hoffe,
sie wird Dir diesen Brief bringen.
Unser aller Leben – wie Deins an einem seidenen Faden
Ich bin so froh, dass Du noch lebst.
Nicht vorzustellen, was sonst wäre.

Unser Wächter passt immer gut auf
Bei Gefahr für uns sagt er sofort
per SerienSMS Bescheid.
So können wir schlafen ohne Angst vor Nazis
Küss alle, die noch leben.
Die Nacht ist kalt.
Tags haben wir nur das elende Warten
wie Folter.
Wir können nichts tun.
Auch Kochen geht nicht.
Sicherheit gehe vor.
Die Jungs hier
halten noch still.
Sie verstehen das alles nicht.
Wir müssen froh sein,
dass wir
noch leben.
Wenigstens das.
Wir geben nicht auf.

Wahibs letzter Brief kam noch
bei Mutter an.
Sie lag kraftlos im Schatten der Ruin,
in der die Familie vor dem Brand wohnte.
Sohra wolle wiederkommen
mit Wasser und Reis.
Was dann geschah
in Kundus und Sachsen
weiß nur der Wind.
Ein Helfer fand Wahibs Handy
und dort alles
über Mutter, Sohra
und den Brief.

 

Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Textes.

KenFM bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Meinungsartikel und Gastbeiträge müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

Ein Kommentar zu: “The answer was blowing in the wind

  1. In meiner Verrohung dachte ich nur wie lächerlich doch so ein paar Leben, die 6 im Gedicht, im Vergleich zum Rest der Masse sind. Doch diese Masse sind Millionen um Millionen + 6 und ich muss mir eingestehen, das mein Gedanke lächerlich ist, denn ich bin nur einer. Bleibt am Ende entgegen meiner Überzeugung nur zu hoffen, dass der Wind nicht mehr allzu lang solche Worte tragen muss.

Hinterlasse eine Antwort