The Wolff of Wall Street: Beinahe-Crash 1998

Geld regiert die Welt. Nur, wer regiert das Geld?

Wirtschaftsjournalist Ernst Wolff erklärt jeden Freitagmittag, um 12.00 Uhr, Begriffe, Mechanismen und Gesetze aus der Finanzbranche, die uns täglich als alternativlos verkauft werden, aber nur Wenige verstehen. Das soll sich ändern! THE WOLFF OF WALL STREET erklärt uns heute: „Beinahe-Crash 1998“.

Dass das globale Finanzsystem 2007/08 kurz vor dem Kollaps stand und nur um Haaresbreite gerettet wurde, ist allgemein bekannt. Aber nur die wenigsten wissen, dass dieser Beinahe-Crash nicht der erste war. Etwa zehn Jahre zuvor, im Herbst 1998, stand das Schicksal des globalen Finanzsystems schon einmal auf Messers Schneide – nur, dass es damals außerhalb des Finanzsystems kaum jemand mitbekommen hat.

Wie kann das sein…? Sehen wir uns die Entwicklung des Geschehens samt seiner Vorgeschichte einmal an: In den 80er und 90er Jahren entstanden in den USA auf Grund der Deregulierung immer mehr Hedgefonds, die das Geld wohlhabender Investoren einsammelten, um es möglichst schnell zu vermehren.

Einer dieser Hedgefonds war Long Term Capital Management, kurz LTCM. LTCM wurde 1994 von einem der erfolgreichsten Börsenhändler der Wall Street gegründet, nahm von 100 Anlegern jeweils mindestens 10 Millionen Dollar ein, hebelte den Einsatz durch Kreditaufnahme auf ein Mehrfaches und begann, im Derivate-Bereich zu spekulieren.

Mit großem Erfolg: Die Gewinne lagen in den ersten 3 Jahren bei 28, 43 und 41 Prozent. 1997 war der Zenit erreicht: Zwei Mitarbeiter des Hedgefonds erhielten für ihre „Neuen Methoden zur Bestimmung des Wertes von Derivaten“ den Nobelpreis, LTCM zahlte seinen Anlegern im selben Jahr 2,7 Milliarden Dollar aus.

Dann aber wendete sich das Blatt. Im ersten Halbjahr 1998 machte LTCM auf Grund der Asien-Krise einen Verlust von 14 Prozent. Trotzdem blieb man zunächst ruhig, da das Eigenkapital inzwischen auf $ 4 Milliarden angewachsen war und man mittels Hebelung immer noch mehr als das Dreißigfache davon am Markt bewegen konnte.

Doch dann sprang die Asien-Krise im August 1998 auf Russland über und traf LTCM an seinem wundesten Punkt: Um die Verluste auszugleichen, hatte der Hedgefonds nämlich im großen Stil auf russische Ramschanleihen – also extrem riskante Anleihen, die sehr hohe Zinsen bringen – gesetzt – und die wurden über Nacht wertlos. LTCM verlor an einem einzigen Tag über eine halbe Milliarde Dollar.

Obwohl anschließend alles versucht wurde, die Verluste einzugrenzen, weiteten sie sich innerhalb von 6 Wochen auf über 4 Milliarden Dollar aus und nach 8 Wochen war klar: LTCM war am Ende.

Jetzt aber wurde es interessant: Wenige Jahre zuvor hatte nämlich die US-Großbank J.P. Morgan die Kreditausfall-Versicherung auf den Markt gebracht, mit der Marktteilnehmer auf einen Ausfall von Krediten wetten konnten, an deren Abschluss sie selbst gar nicht beteiligt waren.

Da die LTCM-Probleme diversen Profis an der Wallstreet nicht entgangen waren, sie den Zusammenbruch des Hedgefonds in den Wochen vor seinem Ende entweder ahnten oder zumindest für möglich hielten, schlossen viele von ihnen genau solche Kreditausfall-Versicherungen auf LTCM ab.

Hätte LTCM nun seinen Bankrott erklärt, hätten diese Versicherungen ausgezahlt werden müssen. Zwar handelte es sich bei den Banken, bei denen sie abgeschlossen worden waren, neben diversen Wall Street-Instituten um internationale Großbanken wie die UBS, die Credit Suisse, die Deutsche und die Dresdner Bank, doch die fällige Summe von insgesamt ca. 1 Billion Dollar hätte auch sie in existenzielle Schwierigkeiten gebracht.

Aus diesem Grund kam es umgehend zu Krisensitzungen der zuständigen Bankchefs mit dem Chef der US-Zentralbank Federal Reserve, bei denen schnell klar wurde: Der Bankrott von LTCM könnte wegen der Vernetzung der Großbanken nicht nur einzelne Institute gefährden, sondern eine Kettenreaktion auslösen und das gesamte globale Finanzsystem zum Einsturz bringen.

In höchster Not schlossen sich die betroffenen Großbanken daraufhin zusammen, kauften LTCM für knapp 4 Mrd. Dollar auf und wendeten so den Bankrott des Hedgefonds und die Fälligkeit der immens hohen Zahlungen in letzter Minute ab.

Warum aber erfuhr die internationale Öffentlichkeit kaum etwas über diesen für die gesamte Welt doch extrem wichtigen Vorgang? Vermutlich deswegen, weil sowohl das Spekulieren im Bereich der Derivate als auch der Abschluss von Kreditausfall-Versicherungen sich in den Jahren zuvor zu einem der lukrativsten Geschäftsfelder der internationalen Finanzindustrie entwickelt hatten. Hätte man die Konsequenzen aus dem Beinahe-Crash gezogen, hätte man in beiden Bereichen drastische Einschnitte vornehmen – und der globalen Finanzelite zwei sprudelnde Geldquellen verschließen müssen.

Das allerdings hätte Politiker und Gesetzgeber verlangt, die bereit gewesen wären, sich den Interessen der ultrareichen Elite zu widersetzen.

Die Zeit ist reif für ein demokratisches Geldsystem!

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8 Kommentare zu: “The Wolff of Wall Street: Beinahe-Crash 1998

    • Wichtiger als ein Kompendium der Pathologie obsessiven Reichtums abzubilden wäre allerdings die Frage zu beantworten, warum dann dieses Prinzip so ungeheuer erfolgreich sein kann und die Nicht-Obsessiven kein Mittel dagegen finden.
      Das muss wohl an der Systematik liegen, der beide unterworfen sind – Reiche wie nicht Obsessive.
      Diese Systematik beruht auf einem völlig verqueren Leistungsgedanken, der wiederum aus diffusen bis konkreten Ängsten sich speist – nach dem Motto:
      leiste was, dann haste was, dann kannste dir was leisten – nämlich Sicherheit.
      Konkurrenzdenken und Konkurrenzkampf werden weltweit von Kindesbeinen an indoktriniert.
      Ständig verbunden mit der verständlichen weil berechtigten Angst zu den 'Verlierern' zu gehören.
      Denn die 'Verlierer' werden ausnahmslos bestraft – mit Entzug von Privilegien, mit sozialem Abstieg und mit Ausgrenzung z.B., mit deutlich verringerten Lebenschancen generell und entsprechend dem gegenüber diametral anwachsender Unsicherheit vulgo Angst bezüglich der eigenen Existenzsicherheit.
      Darauf gibt es Antworten – zum Teil schon uralte.
      Aber solange diese nur im 'esoterischen Nirvana' existieren dürfen ändert sich an diesen perversen Unverhältnismäßigkeiten mit ihren pathologischen Auswüchsen gar nichts.

    • ….von Kindesbeinen an….Angst….Bestrafung…

      RJB-WhyViolence.pdf

      Teaser:

      WHY VIOLENCE?
      Robert J. Burrowes
      To
      The memory of my uncles: Robert Burrowes and Thomas Burrowes
      Whose courage and ultimate sacrifice in World War II utterly shaped my destiny
      My parents: Beryl and James Burrowes
      Truly, the greatest parents of all
      My nephews and niece: Stephen, Megan, Michael, Quinn and Stevie
      Who will one day live in the nonviolent world that should have been their birthright
      All those whose heart has ached, like mine, for the world that should be
      It will be soon
      and to
      The memory of a baby girl who died in Africa on 9 September 1985
      Because her starving mother, fleeing a war zone, had no breast milk to feed her.
      *****
      The human condition is one of true horror: violence, war, poverty, ecological devastation…
      But ‘everyone’ keeps telling me: ‘I don’t want to know.’
      Why?
      ***
      If you want to change human behaviour, you must first understand what is causing it.
      ***
      It is fear that makes human beings inflict violence
      It is fear that makes human beings submit to violence
      Obviously, therefore, violence is not the problem.
      ***
      My fear tells me that ending human violence is impossible
      My conscience tells me that ending human violence is what I live for
      So what do I do?
      I feel my fear until the way to end human violence lies clear before me.
      *****

      The violence inflicted by human adults on themselves, each other and the Earth is an outcome of the visible,
      invisible and utterly invisible violence inflicted on them as children
      ,,,,,,,,,

  1. Die einzige demokratische Währung ist ZEIT, genauer: eigene Lebenszeit.
    Erst wenn diese zum allgemein verbindlichen Maßstab einer Währung erhoben, installiert und limitiert ist, könnte man von einem 'demokratischen Geldsystem' sprechen.

    Hier wäre Spekulationen und ungehemmten Verfügungs-Expansionen ein vehementer Riegel vorgeschoben.
    Das würde allerdings auch bedeuten, dass private 'Investitionen' eine extreme Konsumbescheidenheit erführen und großkalibriges Wirtschaften unmöglich würde.

    Größere Unternehmungen für eine Gemeinschaft müssten sich an der realistisch gegebenen Lebenszeitverfügbarkeit der daran Beteiligten bemessen lassen.

    Was an Konsum zum Existenzerhalt nicht in Eigenleistung erstellbar wäre, müsste dann über eine Lebenszeitwährung abgerechnet werden, indem der Lebenszeitwert des erstellten Konsumgutes mit der des Konsumenten angemessen verrechnet würde (was eine entsprechende Lebenszeiteinbringung in bestimmte Prozesse, Projekte o.ä. des Konsumenten bedeutete).

    ALLES, was außerhalb dieser nur kurz und sehr grob skizzierten Verfahrensweise praktiziert würde, wird immer wieder so gnadenlos scheitern wie das aktuelle System.

    Der angenehme Nebeneffekt wäre, dass Probleme wie CO², Vermüllung, Raubbau, Vergiftung etc. sich nach und nach von selbst erledigen würden, da ein Lebenszeitkonto nicht beliebig erweiterbar ist, Zinsen komplett entfallen, Profit unmöglich wird – außer man versklavte entsprechend viele Lebenszeitkonteure und bediente sich ihrer 😉

    Ein Crash eines virtuellen Systems wie des aktuellen wäre so wenig ein Problem wie eine Pleite der Monopoly-Bank.
    Nur aufgrund einer aufgeblähten Konsumnotwendigkeit (durch die Gestaltung des Systems, innerhalb dessen man sich bewegen und erhalten muss) entstehen enorm viele Abhängigkeiten und Bringschulden(!).

    Vorschläge, die also diese Thematik (Abschaffung/Reduzierung von Konsumabhängigkeiten, gleichbedeutend mit drastischer Einschränkung von Produktionsvielfalt und Wirtschaftsumfang) weder beinhalten noch beantworten können, sind somit sinnlos, weil sie nur alten Wein in neue Schläuche umfüllen.
    Ohne einen solchen drastischen Pardigmenwechsel wird sich sonst nämlich gar nichts ändern.

  2. Ein demokratisches Geldsystem kann es nicht geben, weil und solange Recht und Freiheit nur im Wirtschaftsraum gelten; wenn Privatrecht über dem öffentlichem Recht und den Menschenrechten steht; weil Freiheitsbegriff und Rechtsbegriff der Liberalen marktwirtschaftlich definiert ist und auf dem Denken von Mill, Bentham und Hayek basiert.

    Mill:
    "Der Despotismus ist für die Barbaren die legitime Regierungsmethode, vorausgesetzt, der Zweck ist die Verbesserung ihres Zustandes. Freiheit als Prinzip wird erst dann anwendbar, wenn die Menschheit der Verbesserung mit Hilfe freier und gleicher Diskussion fähig geworden ist. Bis dahin gibt es für sie nur implizite Unterwerfung unter einen Akbar, einen Karl, wenn sie glücklich genug sind, einen solchen Führer zu finden."

    Hayeks Freiheitsbegriff und sein Rechtsbegriff basieren auf dem Denken von Jeremy Bentham, der die natürlichen Menschenrechte eines jeden Menschen bei der Geburt ablehnt und wie Hayek nur dem Homo Oeconomicus Rechte und Freiheit zugesteht. Die französische Menschenrechtserklärung bezeichnete Bentham als "Unsinn auf Stelzen". Der Begriff "international": eine Wortschöpfung Benthams. Bentham forderte erkennungsdienstliche Tätowierung der Bevölkerung und den Einsatz von Spitzeln: fair game = Freiwild also die Version der Freiheit für die Bevölkerung.

    Merkel sinngemäß: "Wir haben kein ewiges Recht auf soziale Marktwirtschaft."
    Das ist zu verstehen vor dem Hintergrund des Bürgers als Untertan:
    "Das öffentliche Recht behandelt die Bürger dagegen als Untertanen. Seine Grundprinzipien sind Autorität, Herrschaft, Befehl und obrigkeitliche Anordnung, wie beispielsweise im Steuerrecht."
    Quelle: Wikipedia; Staat und Gesellschaft

    Dagegen Rousseau: Zwischen dem Starken und dem Schwachen ist es die Freiheit, die unterdrückt, und das Recht, das befreit.

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