The Wolff of Wall Street: Neue Seidenstraße (Podacst)

Geld regiert die Welt. Nur, wer regiert das Geld?

Wirtschaftsjournalist Ernst Wolff erklärt jeden Freitagmittag, um 12.00 Uhr, Begriffe, Mechanismen und Gesetze aus der Finanzbranche, die uns täglich als alternativlos verkauft werden, aber nur Wenige verstehen. Das soll sich ändern! THE WOLFF OF WALL STREET erklärt uns heute: „Neue Seidenstraße“.

China hat eine in der Wirtschaftsgeschichte einmalige Entwicklung hinter sich. Nach der Revolution von 1949 wurde es jahrzehntelang planwirtschaftlich organisiert. In den 80er und 90er Jahren hat die Führung des Landes eine Kursänderung vollzogen: Sie hat schrittweise die Marktwirtschaft eingeführt, den Zentralismus der Planwirtschaft aber beibehalten und so einen Turbo-Kapitalismus geschaffen, wie ihn die Welt zuvor nicht gesehen hat.

Dieses rasante Wirtschaftswachstum hat allerdings auch ein großes Problem mit sich gebracht – eine kontinuierlich zunehmende Überproduktion, die einen ständig wachsenden Nachschub an Rohstoffen und die Erschließung immer neuer Absatzmärkte erfordert.

Um sich beides langfristig zu sichern, hat China 2013 das bisher größte Wirtschaftsprojekt in der gesamten Geschichte der Menschheit begonnen – den Bau der „Neuen Seidenstraße“. Der Name geht auf die historischen Karawanenstraßen der frühen Seidenhändler zurück, deren Route vor vielen Jahrhunderten von Ostasien über Zentralasien bis in den Mittelmeerraum verlief.

Das Projekt „Neue Seidenstraße“ sieht vor, durch den Bau von Verkehrswegen, Kraftwerken, Staudämmen, Pipelines und digitalen Netzen eine Land- und Seeverbindung zwischen Asien und Europa herzustellen und so zusammen mit dem Nahen und Mittleren Osten einen riesigen interkontinentalen Wirtschaftsraum zu schaffen. Mehr als 60 Länder sollen in das Projekt einbezogen werden, das bis 2049 – zum 100. Jahrestag der chinesischen Revolution – fertig gestellt werden soll.

Zur Finanzierung der „Neuen Seidenstraße“ hat China 2013 die „Asian Infrastructure and Investment Bank“ (AIIB) und 2014 einen staatlichen Investmentfonds – den Seidenstraßenfonds – gegründet. Die Kosten des Projekts werden nach Berechnungen der Großbank Morgan Stanley allein bis 2027 $ 1,2 bis $ 1,3 Billionen betragen.

Welche Folgen hat der Bau der Seidenstraße für die betroffenen Länder, deren Bürger und vor allem – für den Rest der Welt?

Beginnen wir mit den betroffenen Ländern: Da die Infrastrukturprojekte oft sehr teuer sind und die Staatshaushalte oft überfordern, müssen diese Länder in vielen Fällen chinesische Kredite in Anspruch nehmen. Auf diese Weise geraten sie häufig in eine finanzielle Abhängigkeit, die China nutzt, um sich wirtschaftliche, politische und geostrategische Vorteile zu sichern.

Für die arbeitende Bevölkerung der beteiligten Länder bringt die Neue Seidenstraße keine Verbesserung ihrer Lage, im Gegenteil: Da China bei den Bauprojekten fast ausschließlich eigene Firmen und chinesisches Personal einsetzt, entstehen in diesem Bereich kaum neue Arbeitsplätze. Dafür aber sind mehr als 50 Sonderwirtschaftszonen nach dem Muster der chinesischen Sonderwirtschaftszone Shenzhen geplant.

Dabei handelt es sich um Gebiete, in denen spezielle Bestimmungen gelten, die sie für Investoren besonders attraktiv machen sollen. In Shenzhen heißt das: Zu Niedriglöhnen zu arbeiten, auf Gewerkschaften zu verzichten und sich damit abzufinden, dass Proteste gegen zu harte Arbeitsbedingungen im Keim erstickt werden.

Was aber bedeutet die Neue Seidenstraße für den Rest der Welt? Vor allem eins: Den vermutlich größten Unsicherheitsfaktor unserer Zeit – und zwar aus folgendem Grund: Die USA, seit dem 2. Weltkrieg größte Wirtschaftsmacht der Erde, haben es ja auf dem Weltmarkt mit 2 großen Konkurrenten zu tun: China und der Europäischen Union.

Wenn diese beiden nun auf Grund der Neuen Seidenstraße miteinander zu einem Wirtschaftsraum verschmelzen, dann ist es mit der Vormachtstellung der USA vorbei. Das heißt: Wenn die USA auch weiterhin die globale Nr. 1 bleiben wollen, dann kann die politische Führung in Washington gar nicht anders als alles zu unternehmen, um das Projekt zu torpedieren.

Und genau das tut sie – indem sie einen Wirtschafts- und Währungskrieg gegen China führt, aber auch, indem sie mit militärischen Mitteln versucht, die Neue Seidenstraße zu verhindern, insbesondere durch die Destabilisierung des Iran.

Der Iran nimmt nämlich eine besondere strategische Stellung ein: Im Norden durch das Kaspische Meer und im Süden durch den Persischen Golf begrenzt, stellt er eine Art Landenge und damit das für Störungen anfälligste Glied in der Kette der Länder der Neuen Seidenstraße dar. Außerdem soll er wegen seiner riesigen Erdöl- und Erdgasvorkommen der größte Energielieferant des Projekts werden.

Die ständigen Aggressionen der USA gegen den Iran dienen also auch dazu, die Verschmelzung der Wirtschaftsräume Asien und Europa zu verhindern. Da das für die USA die einzige Möglichkeit darstellt, ihre Vormachtstellung zu erhalten, China aber zur eigenen weiteren Entwicklung auf diesen Brückenschlag nicht verzichten kann, dürfte es sich bei der Neuen Seidenstraße nicht nur um das größte, sondern auch um das gefährlichste und möglicherweise folgenreichste Wirtschaftsprojekt in der Geschichte der Menschheit handeln.

Die Zeit ist reif für ein demokratisches Geldsystem!

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Ein Kommentar zu: “The Wolff of Wall Street: Neue Seidenstraße (Podacst)

  1. Lieber Herr Wolff,

    ich schätze ihre Arbeit sehr und ich durfte Sie in Wien bei der langen Nacht der Kirchen im Juni dieses Jahres persönlich kennen lernen, was meinen Eindruck bestätigte.
    Trotzdem möchte ich zu ihrem Podcast zur Seidenstraße ein paar Anmerkungen aus meiner Sicht hinzufügen, die ihrer Einschätzung dieses welthistorischen Vorgangs einige andere Aspekte hinzufügen.

    Ich versuche einmal ihre impliziten Prämissen zu benennen:

    1. China ist genauso ein kapitalistisches Land wie die USA
    2. China will die neue Weltmacht werden
    3. Der Welthandel ist jedenfalls sehr kritisch zu sehen
    3. Die Sache ist gefährlich, denn sie könnte die USA dazu ermutigen noch wilder um sich zu schlagen, als sie es schon bisher tun und dass könnte einen fatalen Ausgang für die Menschheit nehmen. (Also sollten die Chinesen lieber Abstand nehmen von ihrem Projekt)

    Ich gehe kurz auf diese vier Prämissen, bzw. Fragen ein:

    Zur ersten Frage:

    Ist China ein kapitalistisches Land (so wie die USA)?
    Sie formulieren, die kommunistische Führung der Volksrepublik „führte“ mit Deng Xiaoping „die Marktwirtschaft ein“. Dem kann natürlich nicht widersprochen werden. Trotzdem denke ich, es wird gut sein, sich die Frage noch einmal anzuschauen, ob China genauso ein kapitalistisches Land ist, wie beispielsweise die USA, Europa oder Japan oder anders gesagt, wie es das „Westliche Imperium“ ist. Ich füge hier zuerst einmal einer vorzüglichen These von Daniele Ganser, dass die USA das Imperium der Jetztzeit sind, noch einen Gedanken hinzu: Die USA sind vor allem der (noch) führenden Staat im „Westlichen Imperium“. Wir könnten es z.B. auch das „Capitalo-Imperium“ nennen. Was meine ich damit?

    Es ist typisch und ein äußerst wichtiges Merkmal des seit weit über hundert Jahren real existierenden Imperialismus, dass das große Konzern- und Bankeigentum die Macht des Staates in größtem Maße unter seine Kontrolle gebracht hat.
    „Zivilisatorische“ Gesellschaften stehen seit Jahrtausenden auf drei Beinen: Dem Staat, dem großen Eigentum (beides letztlich Regelkonstruktionen, die aber unerlässlich scheinen) und der Zivilgesellschaft, die wir als den Nachhall des originär Menschlichen bezeichnen dürfen (wenn diese Zivilgesellschaft denn zu Wort kommt). Das typische für den „Westen“ ist, dass der Staat unter Kontrolle des großen (gigantischen) Eigentums tanzt und in seinem Auftrag arbeitet. Dieser Auftrag schließt die Inszenierung von Demokratie und Freiheit mit Hilfe der Massenmedien mit ein, landet aber bei Bedarf locker bei Militärdiktatur und Krieg. Das heißt, das große Kapital regiert mit Hilfe des Staates (gegen die Zivilgesellschaft)! Es steht also ein übermächtiger Block von Kapital und Staat gegen die Zivilgesellschaft.

    Ist das in China (und Russland) genau so? Ich denke nein! Die Erkenntnis, dass es hier einen fundamentalen Unterschied gibt, formuliere ich hier vor allem einmal nur als eine These, die weiter belegt werden müsste, was ich hier nicht tun kann und wozu auch wohl eine ausreichende Forschung notwendig wäre. Trotzdem, mein Bild ist, da gibt es erhebliche Unterschiede zwischen dem „West-Imperium“ und China und Russland. Und ich denke, das genau ist es, was den Westen so wütend und so kriegsbereit macht: Das westliche „Capitalo-Imperium“ hätte logischer Weise gerne die Kontrolle über ALLE Staatsapparate dieser Welt und nicht nur über die westlichen! Und ob China (und Russland) nun ein „kapitalistisches“ Wirtschaftssystem haben oder nicht (wie genau wollen wir das definieren und von welchem Standpunkt her?) – damit ist noch nicht geklärt ob das große Eigentum in diesen Ländern auch die Staatsmacht unter seine Kontrolle gebracht hat. Nun, auch ohne detaillierte Recherche, wird jedem schnell klar sein: Da gibt es erhebliche Unterschiede zwischen China (und Russland u.a.) und dem „West-Imperium“.

    Mir würde das auch logisch erscheinen. Historische Erfahrungen gehen nie ganz verloren. Sowohl Russland als auch China waren in der Folge der Oktoberrevolution und der chinesischen Revolution Staaten, die die Organisation der Wirtschaft getreu dem marxistischen Grundsatz: „Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln“ verwirklichten. Das führte zu einer Stellung des Staates (und der Partei), die mehr an die theokratischen Staaten der frühen „Hochkulturen“, wie z.B. Ägypten oder Persien erinnerte als an die demokratische Macht der Bevölkerung. Der Marxismus hat zweifelsfrei ein fundamentales Problem erkannt, warum wirtschaftliche Ego-Interessen über die Menschen herrschen und nicht die Wirtschaft den Menschen dient. Aber diese Staaten wussten vor allem, wie man Staatsmacht umsetzt! Das führte dazu, dass sie sich von der Kapitalmacht die Trümpfe nicht aus der Hand schlagen ließen. Unter Jelzin sah es in Russland eine Weile – aus der Perspektive des „West-Imperiums“- ganz „gut“ aus. Dieser sich anbahnende Triumph des „West-Imperiums“, ein dann noch kaum aufzuhaltendes „Welt-Imperium“ zu werden, wurde von Putin und dem russischen Staat über den Haufen geworfen und daher rührt dieser unbeschreibliche Hass der westlichen Bereicherungs“eliten“ auf Putin. In China war man in Folge der maoistischen Bauernschläue und des östlichen Denkens, das Gegensätze locker miteinander verbinden kann, von Anfang an in der Rolle, die Staatsmacht nie herzugeben und trotzdem Eigentum an Produktionsmitteln in (durchaus auch großem Maßstab) zuzulassen. Wir haben in diesen Staaten also einen erheblichen Unterschied zum „West-Imperialismus“: Der Staat hat als eigenständige Macht die Kontrolle nicht an die gesellschaftliche Kapital-Fraktion abgegeben.

    Wahrscheinlich dürfen wir uns bei dieser Analyse keinen Illusionen hingeben, dass die Staatsmacht in China oder Russland der Zivilgesellschaft mehr Raum gibt, als es das große Kapital (mit allem demokratisch-freiheitlichem Blöff) im Westen tut. Aber drei Beine sind für einen Tisch besser als zwei Beine. Und wenn auch die Zivilgesellschaft hier und dort nicht annähernd die Position innehat, die sie wirklich innehaben sollte, so ist doch wahrscheinlich in einer Hinsicht die Lage in China und Russland besser: Es gibt nicht nur einen Gegenspieler (die Kapitalfraktion, die sich den Staat unterworfen hat) sondern zwei Gegenspieler: Den Staat und das große Eigentum. Staat – Eigentum – Zivilgesellschaft, das sind drei Beine. Eigentum + Staat gegen Zivilgesellschaft, das sind nur zwei Beine! Möglicherweise sind es auch in China nur zwei Beine, nämlich Staat + Eigentum gegen Zivilgesellschaft. Aber hier gilt es viel differenziertere Betrachtungen zuzulassen!

    Zu klären wäre zum Beispiel die Frage, ob die chinesische Führung Ausbeutung in demselben Maße gut heißt, wie es das „West-Imperium“ tut, das die Ausbeutung ja vor allem im globalen Süden und auch in China selbst (!) mit gieriger und schandhafter Erfolgsbilanz zu eigenem Gunsten umsetzte und nach wie vor umsetzt. Darauf sollte man einen Blick werfen, bevor man den Stab bricht. Im Zuge der Proteste in Hongkong (das man hier als vor allem „westlich“ sehen kann), sind interessante Zahlen bekannt geworden. Hongkong hat die längste durchschnittliche Arbeitszeit der Welt – eine ca. 50 h/Woche (Durchschnitt!), während Main-China je nach Angabe mit einer durchschnittlichen Arbeitszeit von 38 bis 43 Stunden aufwartet. Wir sollten uns in Erinnerung rufen, welch gewaltige Arbeiterkämpfe notwendig waren um einen 8-Stundentag in Europa zu erkämpfen! Zumindest 7 Stunden Unterschied zwischen Hongkong und China das ist schon eine bemerkenswerte Zahl!
    Das alles soll nicht heißen, dass es in China nicht auch extreme Ausbeutung gibt, was ja auch durch eine gehörige Zahl von Milliardären bewiesen ist. Aber alle Vorstellungen, in China gehe es mit den Milliardären zu, wie in den USA und China würde gar das „West-Imperium“ übertreffen, sind einfach nur Unsinn und Westpropaganda:

    Aus westlichen (!) Statistiken lässt sich ganz einfach folgendes errechen: Nimmt man Asien (einschließlich Japan!) als Ausgangswert 1 so gibt es in den USA 12 mal so viele Millionäre pro Bevölkerung, in Europa 7 mal und im Nahen Osten 3 mal so viele (ohne Berücksichtigung wie viele Millionen diese Millionäre zur Verfügung haben).
    In einer entsprechenden Grafik sieht das als Anteil der Millionäre pro Bevölkerung so aus:

    Ich bin der Sache nicht weiter nachgegangen, aber würde man Japan herausrechnen, wo bliebe dann China?
    Und noch ein Beispiel: 2016 waren von den 25 reichsten Milliardären der Welt, (die weit mehr Vermögen ihr eigen nennen, als die Hälfte aller Menschen dieses Planeten zusammen besitzen), 15 aus den USA und 3 aus Frankreich und nur 4 aus China. Mit fallender Tendenz (!), denn 2019 schafften es nur mehr 2 Milliardäre aus China unter die ersten 25 der Welt. Pro Kopf der Bevölkerung besaßen die US-Milliardäre 2782 Dollar, während es bei den chinesischen Milliardären gerade mal 112 Dollar waren (1/25zigstel).

    China hat gewiss auch eine enorme Ungleichverteilung – ohne Zweifel! Aber auf der Karte der weltpolitischen Einflussnahme der Milliardäre werden die chinesischen Kapitalisten das „West-Imperium“ bestimmt nicht so rasch einholen – sofern es überhaupt das Ziel des chinesischen Staates ist, dies zu ermöglichen bzw. zuzulassen. In der nun schon etwas älteren, aber immer noch sehr bemerkenswert aufschlussreichen Studie der ETH-Zürich über das Netzwerk der einflussreichsten Konzerne („Superzelle“) sind unter den 50 erstgereihten Konzernen 49 (!!) aus dem „West-Imperium“ (24 USA, 8 GB, 5 FR, 7 JP, 2 DE, 2 NL, 1 IT) und nur einer aus China!

    Und damit sind wir bei meiner zweiten Frage:

    Will China das Imperium des Westens verdrängen? Nun wir wissen aus der Geschichte, dass China, das im europäischen Mittelalter Europa in der Wirtschaftskraft weit überflügelte und im beginnenden 15. Jhd. (!) eine kaiserliche Handels-Armada von 1681 Schiffen aufstellte, trotz seiner offensichtlichen Macht darauf verzichtete, Ambitionen in diese Richtung zu verwirklichen. Der Westen wurde in den folgenden Jahrhunderten „kapitalistisch“ und China wurde zur Kolonie bis es durch die Revolution von 1949 das Joch abgeschüttelt und einen eigenständigen Weg, – wenn auch in Armut und mit vielen Irrwegen – zu gehen begann.

    Und heute? Ist die Idee der Seidenstraße vor allem ein Versuch selbst das Imperium zu werden – oder ist es mehr ein Versuch die äußerst bedrohliche Vormacht des real existierenden Imperiums zurück zu drängen und vielleicht auch zu Fall zu bringen? Sind die Worte von einer multipolaren Weltordnung nur ein Täuschungsmanöver oder ein Faktor der Hoffnung?

    Nehmen wir als Beispiel, das bei uns viel zu wenig beachtete Ereignis in der UNO Vollversammlung, die Ende 2016 mehrheitlich ein Menschenrecht auf Frieden beschlossen hat. Es sind einfache, wenn auch unverbindliche Formulierungen für Frieden und gegen Krieg. Eine Selbstverständlichkeit und nur ein zarter Versuch das Verbot von Angriffskriege und die Menschenrechtserklärung zu erweitern! 131 Staaten dieser Welt haben dafür gestimmt, 19 haben sich der Stimme enthalten und 34 Staaten haben dagegen (!) gestimmt. Alle 34 sind Teil des „West-Capitalo-Imperiums“ – oder wollen dazugehören! Es ist unfassbar. Da stimmen die Staaten, die sich stets als Speerspitze für Demokratie und Menschenrechte bezeichnen en bloc gegen ein Menschenrecht auf Frieden! Wofür hat China gestimmt? Wofür Russland? Ich brauch es hier nicht sagen, ihr wisst es. Diese beiden Länder haben auch erklärt, dass sie von sich aus keinen Atomkrieg anfangen werden. Das Gegenteil behalten sich Länder wie die USA oder GB für sich als Anspruch vor. Ja, diese edlen Länder des Westens, sie würden auch einen Erstschlag nicht ausschließen wollen… und behalten sich das Recht vor, einen Atomkrieg zu beginnen!
    Was hat das mit dem Projekt Seidenstraße zu tun? Nun, das liegt auf der Hand: Kommen die Länder der asiatisch-europäischen Landmasse näher zusammen (was Wirtschaft ja bekanntlich bewirken kann), dann ist die Vormachtstellung der USA unterminiert. Darauf weisen Sie, Herr Wolff ja auch ganz richtig hin. Die Konsequenz könnte aber auch sein, dass treue Vasallen des „West-Imperiums“ sich vielleicht sagen: Besser wir geben unser Vasallentum auf, als dass wir Opfer auf einem Schlachtfeld eines Atomkrieges in Europa werden. Die Seidenstraße erscheint hier zuerst einmal als Friedensprojekt!

    Spricht nun die Vergabe von Krediten durch China dagegen, dass China hier – wenn auch vielleicht zuerst einmal vor allem aus Not – ein Friedensprojekt plant? Ich denke, das wäre wohl viel zu oberflächlich betrachtet. (Und das Argument, die wollen selbst einen Vorteil aus der Entwicklung ziehen ist nicht legitim!) Viele Länder, die dem „West-Imperialismus“ mehr oder weniger ausgeliefert sind, bekommen keine Investitionsmöglichkeiten und haben es satt sich von IWF und Weltbank ausplündern zu lassen. Dass hier die westlichen Propagandamedien die Spuren nach dem Prinzip „haltet den Dieb“ verwischen wollen, indem sie vehement gegen China hetzen ist nur allzu logisch. Aber in der Realität dürfte es keineswegs ganz so aussehen, wie es ein kurzer Schluss nahe zu legen scheint. Als Zeugen rufe ich Robert Fitzthum, Autor des Buches „China verstehen“ auf, der bei KenFm im Interview rund um die Minute 57 ein ganz anderes Bild entwarf.

    Damit zur dritte Frage:

    Spricht die wirtschaftliche Vernetzung der asiatisch-europäischen Landmasse unter Einbeziehung von Teilen Afrikas gegen dieses Projekt? Wenn Daniele Ganser von der Menschheitsfamilie spricht, so wäre die so, wie sie heute existiert nie ohne Handel und wirtschaftliche Zusammenarbeit entstanden. Wir müssen für eine Gemeinwohlökonomie für alle kämpfen, aber nicht für wirtschaftlichen Lokalpatriotismus, auch wenn „lokal“ natürlich besser ist, wo es besser sein kann. Wir müssen den Kapitalismus, wie wir ihn bisher kennen überwinden. Wie wir dorthin kommen, ist die alles entscheidende Frage. Lokal zu produzieren ist hier gewiss nur eine Scheinlösung und höchstens ein Teilergebnis. Hingegen ist ihr Schlusssatz – „Die Zeit ist reif für ein demokratisches Geldsystem“ da schon ein wesentlich wichtigerer Leitgedanke.
    Steht die Dollar-Hegemonie oder die chinesische und die russische Währungspolitik einem denkbaren demokratischen Geldsystem näher? Nun, man wird in Russland und China höchst wahrscheinlich nicht das Modell finden, wie eine Gemeinwohl-Wirtschaft durch ein Geldsystem gefördert wird. Aber so viel ist sicher, und das haben Sie, Herr Wolff, auch schon oft und zu recht betont: Die Dollar-Hegemonie ist einer der größten Machtfaktoren der USA und damit das größte Bollwerk gegen Demokratie in Währungsfragen! Ein Wirtschaftsraum von Asien über Afrika nach Europa ist hingegen per se kein Widerspruch zu einem demokratischen Geldsystem!

    Und nun zur vierten Frage:

    Soll China von der Seidenstraße ablassen, weil sie die USA dadurch provozieren könnten? Wenn es nur diese Alternative gäbe! Die Kriegsbereitschaft geht ja eben vom „West-Imperium“ unter Führung der USA aus. Es erscheint mir als undenkbar, dass diese Kriegsbereitschaft anders gebrochen werden kann als durch einen Untergang des Imperiums USA. Wie das römische Imperium auf sein universelles Recht zum Krieg nicht verzichtet hätte, bevor es als Imperium zerbrach, würden es auch die USA als Leitmacht des „West-Imperiums“ nicht tun. Und selbst wenn China und Russland sich unterwerfen würden, die Logik des Kapitalismus würde den militärisch-industriellen Komplex immer weiter treiben und niemals würde durch diese Art der Unterwerfung Frieden und Gemeinwohlökonomie über die Menschheit kommen.

    Nein, wenn, dann gibt es eher Chance auf Frieden, wenn dem US-Imperium Schritt für Schritt das Wasser abgegraben wird. Daran wird weltweit gearbeitet, was nur natürlich ist. Die Seidenstraße ist ein Element dieser Strategien zu der sich die Menschen aus nahe liegenden Gründen hingezogen fühlen müssen, wenn sie das Imperium abschütteln wollen. Wenn wir nicht wollen, dass das wirtschaftliche System, das im Falle eines Zerbrechens des „West-Imperiums“ entsteht, ein aberwitziges Abbild des alten Kapitalismus ist, dann müssen wir eben genau dafür kämpfen – unter anderem indem wir für ein demokratisches Geldsystem kämpfen! Aber wir sollten unsere Zeit und Kraft nicht damit verschwenden, dass wir die Seidenstraße bekämpfen und damit dem „West-Capitalo-Imperium“ helfen eine Vormachtstellung auszubauen. Ja, die Lage ist gefährlich, aber ohne die Seidenstraßen-Initiative wäre sie noch ein wenig perspektivloser.

    Beste Grüße

    Bertram Burian, Wien

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