The Wolff of Wall Street: Planwirtschaft

Geld regiert die Welt. Nur, wer regiert das Geld?

Wirtschaftsjournalist Ernst Wolff erklärt jeden Freitagmittag, um 12.00 Uhr, Begriffe, Mechanismen und Gesetze aus der Finanzbranche, die uns täglich als alternativlos verkauft werden, aber nur Wenige verstehen. Das soll sich ändern! THE WOLFF OF WALL STREET erklärt uns heute: „Planwirtschaft“.

Das Wort „Planwirtschaft“ lässt die meisten Menschen sofort zurückschrecken, und das nicht ohne Grund. Die erste Planwirtschaft wurde 1917 nach der Russischen Revolution errichtet, kostete wegen der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft Millionen von Menschen das Leben und festigte die Diktatur einer mit dem Staatsapparat verschmolzenen Parteielite.

Nach der Chinesischen Revolution von 1949 wurde ebenfalls eine Planwirtschaft eingeführt – mit ähnlichen Folgen wie in Russland. Auch dort wurde sie gewaltsam und ohne Rücksicht auf menschliche Verluste durchgesetzt und lieferte die Grundlage dafür, dass sich eine Staats- und Parteibürokratie herausbilden und über das Volk erheben konnte.

Weitere Planwirtschaften wurden nach dem 2. Weltkrieg im Zuge der Aufteilung der Welt unter den Siegermächten eingeführt. Während die westlichen Alliierten in ihrem Einflussbereich die Marktwirtschaft förderten, ließ die Sowjetunion in ihrem Einflussbereich – dem sogenannten Ostblock – überall die Planwirtschaft einführen.

Allen Planwirtschaften war eines gemeinsam: Sie wurden von oben herab verordnet, gegen den Willen eines erheblichen Teils der Bevölkerung errichtet und dienten als Grundlage für totalitäre Regimes, die keine Wahlen zuließen und der Mehrheit ihrer Bürger Reisen ins Ausland verboten. Außerdem hat keine einzige Planwirtschaft überlebt. Alle sind inzwischen wieder durch die Marktwirtschaft ersetzt worden.

Das Scheitern wird häufig damit erklärt, die Marktwirtschaft sei der Planwirtschaft eben überlegen. Das verkennt aber, dass die auf kontinuierlichem Wachstum basierende Marktwirtschaft das 20. Jahrhundert nur deshalb überstanden hat, weil Kriege geführt, natürliche Ressourcen geplündert, die Umwelt zerstört und die soziale Ungleichheit in nie gekanntem Ausmaß verschärft wurde.

Es verkennt außerdem, dass die Marktwirtschaft nach dem Ende des Nachkriegsbooms, der ja in erster Linie eine Folge des Wiederaufbaus nach dem 2. Weltkrieg war, nur durch die Deregulierung des Finanzsektors weiterwachsen konnte und dass sie in unserer Zeit nur durch extreme Manipulation des Finanzsektors am Leben erhalten werden kann.

Vor allem aber verkennt die Glorifizierung der Marktwirtschaft die Tatsache, dass ihr wichtigster Bereich mittlerweile selbst fast planwirtschaftlich gesteuert wird. Da die Finanzmärkte nach dem Beinahe-Zusammenbruch von 2007/08 nicht mehr von alleine auf die Beine kamen, haben die Zentralbanken nämlich deren Steuerung übernommen – und zwar in einer Weise, die einer Planwirtschaft sehr nahe kommt.

Das ist aber nicht die einzige Gemeinsamkeit zwischen beiden Systemen. Sowohl die damaligen Planwirtschaften als auch die heutige zentralbankgesteuerte Finanzmarktwirtschaft begünstigen ja nur eine Minderheit der Bevölkerung – im Fall der Planwirtschaften die Staats- und Parteibürokratie, im Fall der Finanzmärkte die Schicht mit den höchsten Vermögen.

Diese Schicht aber steht in unseren Tagen vor einem Riesenproblem: Wegen des Wachstumszwangs muss die bisherige Geldpolitik ja unter allen Umständen dauerhaft weitergeführt werden. Das heißt: Der gigantische Schuldenberg und die Blasen an den Aktien-, Anleihen- und Immobilienmärkten, die bereits historische Rekordstände erreicht haben, müssen weiter wachsen und werden das System mit absoluter Sicherheit zum Einsturz bringen.

Wir stecken also in einer historischen Sackgasse. Das bedeutet aber nichts anderes als dass wir an einem historischen Wendepunkt angekommen sind, an dem es nicht so weiter geht wie bisher, an dem also eine neue Lösung gefunden werden muss. Und hier bietet sich eine historisch einmalige Chance:

Da wir im Zeitalter der Digitalisierung – also unbegrenzter Kommunikationsmöglichkeiten – leben, wäre es zum ersten Mal möglich, ein System zu schaffen, das im Grunde das genaue Gegenteil der bisherigen Systeme ist – das nämlich nicht von einer Minderheit, sondern von der Mehrheit der Menschen geschaffen und beherrscht wird und das auch nicht eine Minderheit, sondern die Mehrheit begünstigt.

Durch eine digitale Planung von unten – also eine nicht kommerziell verzerrte, sondern sinnvolle, international koordinierte Datenerfassung und Planung unter aktiver Beteiligung aller Menschen – könnte man die Ressourcen der Erde schonend und zum Vorteil aller nutzen und der Anarchie des Marktes und all ihren Folgen – Kriegen, Umweltzerstörung und der Explosion der sozialen Ungleichheit – ein Ende bereiten, ohne dabei auf die Willkür einer Staats- und Parteibürokratie zu setzen.

Die Voraussetzung dafür wäre allerdings, die Sackgasse, in die sich die Menschheit manövriert hat, zu erkennen und die Bewältigung der Zukunft nicht länger als einen durch nationale Scheuklappen begrenzten kommerziellen Wettbewerb zu sehen, sondern sie endlich als soziale und humanitäre Aufgabe der gesamten Menschheit zu begreifen.

Die Zeit ist reif für ein demokratisches Geldsystem!

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9 Kommentare zu: “The Wolff of Wall Street: Planwirtschaft

  1. Reine Planwirtschaft als zentrale administrative Steuerung von oben funktioniert nicht, sie ist zu träge, daß sieht man am Wirtschaftsverlauf der DDR sehr deutlich. Jedoch ist meiner Meinung nach jede steuernde Methode des Staates planwirtschaftlich, auch im Kapitalismus. Man kann also nur komplett auf Planwirtschaft verzichten, wenn man den Staat zum reinen Polizeistaat ausdünnt.

    Die DDR war mit dem Anspruch gestartet, Wettbewerb der Systeme – und in den Zeiten, in denen reformerische Kräfte die Oberhand gewonnen hatten (leider viel zu kurz im Gesamtverlauf) gelang die Annäherung an den westlichen Stand in bezug auf Arbeitsproduktivität und Konsumption auch.
    Die dabei verwendeten Systeme waren NÖS und ÖSS.

    Bis 1959 war die Produktivität auf 40 Prozent des BIP/Einwohner im Vergleich zur BRD gesunken (aufgrund der Reparationen?) Reparationen und Besatzungskosten waren nicht mehr zu zahlen und so erhoffte man sich die Aufholjagd zum Nachbarstaat aufnehmen zu können.
    Die Rohstoffzufuhr, ein immerwährendes Problem der kleinen DDR, schien gesichert durch eine Zusage Chrustschows die benötigten Rohstoffe zur Verfügung zu stellen.

    In den 7-Jahr-Plan 1959 ging man mit dem ehrgeizigen Ziel, in der Arbeitsproduktivität und Konsumption aufschließen zu können. Bereits 1961 war klar, daß der Plan scheitern würde. Es wurden westliche Störmanöver und die eigene Planstruktur dafür verantwortlich gemacht. 1963 konnten sich reformerische Kräfte durchsetzen und es wurde ein neuer Perspektivplan bis 1970 in Kraft gesetzt und das Steuerungssystem angepaßt. Mit dem NÖS sollten die Betriebe ihre Gewinne selbstständig reinvestieren können bei gleichzeitiger zentraler Entwicklungsvorgabe.

    In den Folgejahren stieg tatsächlich jährlich das BIP/ Einwohner im Vergleich zur BRD.

    Diese erfreute sich jedoch ebenfalls einer guten Konjunktur und so blieb man hinter den eigenen Erwartungen zurück. Die Aufholjagd sollte nun mit einem weiter angepaßten Planungssystem vorangetrieben werden, dem ÖSS. Dabei erhoffte man sich durch gezielte Technologieentwicklung einen Quantensprung mittels vollkommen neuer Produkte (also keine nachholende Industrialisierung mehr).

    Auch in den Jahren des ÖSS verringerte man den Abstand kontinuierlich, jedoch auf Kosten auch der konsumptiven Bereiche und so kam es zu Unruhe im Land. Für eine technologische Entwicklung entsprechend des ÖSS waren einfach keine Resourcen zur Investition vorhanden.
    Hinzu kam die nicht mehr sichere Belieferung mit Rohstoffen aus der UdSSR (hatte selbst wirtschaftliche Schwierigkeiten), wieder zunehmende Wirtschaftsembargo und
    fehlende Zusammenarbeit bei der Entwicklung auch mit der UdSSR (militärische Geheimhaltung).

    Die Lieferschwierigkeiten gegenüber der Bevölkerung im Inland führten zu einem Machtwechsel 1970 (Ulbricht- Honecker) und mit Honecker wieder eine Abkehr von den reformerischen Planungsmethoden. Man kehrte zum zentralten administrativen Steuerungskonzept von 1960 zurück.

    Die wirtschaftlichen Verbesserungen bis 1975 lassen sich noch auf die bis 1970 neu geschaffenen Industriekapazitäten zurückführen, doch die Aufholjagd war vorbei. Entwicklungsziel waren jetzt jährlich 4% Wirtschaftswachstum und ab 1985 konnten nicht mal diese mehr gehalten werden.

  2. 1) Zum Zitat: "…/… und die soziale Ungleichheit in nie gekanntem Ausmaß verschärft wurde."

    Im Mittelalter und davor war doch die soziale Ungleichheit größer in vielen Gesellschaften, z. B. in Europa.

    2) Was nicht heißt, daß die zunehmende soziale Ungleichheit nicht schlimm sei.
    Ganz im Gegenteil.

    3) Ein Grund, warum es dagegen aber nur wenige (Ausnahme Frankreich) Proteste gibt ist wohl, daß trotz der heute wieder extrem zunehmenden sozialen Ungleichheit der allgemeine Lebensstandard (weltweit) steigt.

    Und es somit in vielen Gesellschaften trotz der stoßenden Zunahme steigender sozialer Ungleichheit es immer noch sehr gut geht oder zumindest gut oder einigermaßen gut-geht.

  3. Wir werden kaum umhinkommen,
    den Guten Willen in die Diskussion einzuführen .
    Wenn Demokratie heute pervertiert ist,
    eine Bevölkerung die praktisch nichts bestimmen kann und doch für die Politik in Verantwortung genommen wird
    ist der Weg dort hin z.B. in E.Bernays Analysen zur Lenkung von Demokratie nachzulesen .

    Ein Volk braucht Führung und will Führung,
    das Ideal von Demokratie, wenn (theoretisch) jeder zu jedem Thema abstimmen kann,
    bedarf der höchsten Integrität der Information .
    Wir sind heute bei den öffentlichen Medien beim Gegenpunkt angelangt .
    Über die Integrität der Information muss die Integrität der Justiz und Volksvertreter
    unmittelbar folgen .
    Der Gute Wille als dogmatische Vorgabe wiederum ist das Gegenteil
    vom Primat des Guten Willens in freier Diskussion .
    Ein Freier Markt ist kein Freier Markt, wenn er Monopole entwickelt .
    Wir haben heute weitgehend ein Finanzmonopol .

  4. "Vor allem aber verkennt die Glorifizierung der Marktwirtschaft die Tatsache, dass ihr wichtigster Bereich mittlerweile selbst fast planwirtschaftlich gesteuert wird."

    Ja, es ist eben keine Marktwirtschaft, was da beschrieben wird als Finanzmärkte, da ist kein Markt. Nicht beim Geld, nicht beim Kredit.

    Was für ein Markt? Kann ich auch dem Euro aussteigen?

  5. Bitte, lieber Ernst Wolff, lies Dir mal den Egon W. Kreutzer durch: https://egon-w-kreutzer.de/was-bitte-ist-eigentlich-digitalisierung-ein-blick-in-den-abgrund
    Der zeigt, wie ein Ende der Geschichte ohne gesamtgesellschaftlich gestützte Planwirtschaft und ohne einen grundsätzlichen Übergang zu einer nachkapitalistischen Gesellschaft aussähe, wie immer die auch hieße.
    Die "Planwirtschaft" nach Marx, Engels und Co. ist gedacht, ganz einfach die Summe aller unternehmerischer Einzelplanung generell gesamtgesellschaftlich erfassen, koordinieren und notfalls korrigieren zu helfen. Über Details von Planwirtschaft haben sich diese Wissenschaftler genauso wenig ausgelassen, wie darüber wie Sozialismus/Kommunismus überhaupt organisiert, gelenkt und geleitet werden könnte, sollte, müsste. Keine Anordner, Hellseher, Wahrsager, Deuter, Fortune Teller.

    Eine gesamtgesellschaftliche Planwirtschaft generell jedoch hielten sie für unabdingbar. Sie verhinderte nämlich diese zyklischen kapitalistischen Überproduktionskrisen und das stete Abwechseln von Konjunkturen und Krisen. Das versuchten allerdings die Zentralbanken der Welt nach Deiner Kenntnis per Geldhahn Auf/Zu abzuschaffen. Leider nur mit dem Ergebnis von Aufschub und Verstärkung. So dass voraussichtlich dieser dadurch (fast) verhinderte Wechsel zwischen Konjunktur und Krise durch nunmehr absoluter Katastrophe und Teil-Genesung ersetzt werden wird.

    Wie es besser geht? China macht das jetzt mit zarter Planwirtschaft schon sehr lange vor. 2049, in 30 Jahren also soll der Sozialismus errichtet sein. China-Kenner sehen dieses Erreichenkönnen allerdings schon eher. Ob Chinas Strategie-Ansätze erfolglos oder -reich sind, kann wohl auch jeder selbst beurteilen, der sich nicht staatsmonopolistischer Ausschluss-Information unterwirft. Oder mal unsere bundesrepublikanische Nichtplanwirtschaft beobachten: Sie taktiert, taktiert und taktiert ohne planwirtschaftliche Strategien. So beschloss das dreifach advers selektierte Parlament einen Atomausstieg, anstatt der Einführung neuer Reaktoren ohne Atommüll, einen Ausstieg aus Verbrennung mit CO2-Erstehung und stattdessen eine Energieerzeugung aus deutschen Wind- und Sonnenwinzigkeiten ohne Speicher. Das heißt, das Fehlen von deutsch gesamtgesellschaftlicher Planwirtschaft befördert potsdämliche Professors-Amokläufe und Arbeitslosigkeit durch taktisch motiviert ungewollte, nie zuvor absehbare Selbstzerstörung grüner deutscher Atomkraftwerker und KFZ-Industrien.

  6. Danke Herr Wolff.
    Ja also ich sehe das ähnlich und habe das schon von x Jahren gesagt, dass eine Zukunft nur in einer Gesellschaft möglich sein wird, die wieder Selbstbestimmt sein wird.

    Ein Systemwandel hin zu echter Demokratie ist durch die Vernetzung und das Zusammenwachsen der Menschen eigentlich auf mittlere Sicht unumgänglich, auch wenn dies von den jetzigen Systemgünstlingen aggressiv angegangen wird, wie sie so viele Optionen und Folgeerscheinungen des Fortschritts stetig versuchen zu verhindern und durch Reformen, Regulierungen und Gesetzesänderungen teils zu ihren Gunsten zu wandeln.

    Diese Art Selbstverwaltung mit übergeordneten Schlüsselpunkten bringt unglaubliche viele Vorteile für alle eben.
    Wichtig zu erwähnen wäre noch, dass bestimmte Knotenpunkte immer und stehts völlig durchleuchtet und überwacht sind, was ja mit Einsatz der Technik kein Problem mehr sein sollte.
    Das ein Wandel nicht mal eben so stattfindet liegt auch daran, dass die aktuell lebenden Menschen ja immer nur aus diesem bestehenden System heraus handeln können und ihr bisher erlebtes Dasein als Grundlage ranziehen.

    Für Folgegenerationen mit anderen Systemen, wird dies hingegen ein Klaks sein, kennen sie es nicht anders. Wenn man ihnen dann von unserer finsteren Zeit in Knechtschaft erzählt, wird sie das eher ängstigen.

    Hoffen wir auf baldige Änderungen für die Menschen. Die aktuelle Situation ist hochgradig toxisch.
    Die Menschen wurden durch diesen Raubbau in allem, sehr stark verängstigt und in ein Leben der Unsicherheit und stetiger Unzufriedenheit gedrängt.
    In so einer Situation dauerhaft zu existieren, beraubt alle ihrer wahren Lebensfülle. Man wächst nicht mehr, man funktioniert. Man reift nur noch ins Negative und wird zu einem kalten Stück Eisen, statt zu einem lebensbejaenden Lebewesen.
    Man braucht nur in die Gesichter der Leute zu schauen. Sie sind alle angeschlagen und wirken stumpf und verbittert, oder definieren sich über lächerliche Dinge, eingeredet durch Werbung und eingehämmerten Denkweisen, was im Leben zählt.
    Beziehungen brechen, bzw. werden gar nicht mehr wirklich gelebt, da jeder in seiner eigenen Welt funktioniert und gar kein Leben mit seinem Partner führt.

  7. Da letzte Woche die Marktwirtschaft dran war, war abzusehen, dass auch bald die Planwirtschaft Thema sein würde oder musste der Ausgewogenheit wegen. Und noch eines war abzusehen: Beide sind unter moralischen Gesichtspunkten zu verurteilen. An beiden kann der Idealist kein gutes Haar lassen. So dokumentiert denn Wolff auch mit seinem neuesten Beitrag das Dilemma, in dem viele Linken (was immer das auch sein mag) oder Idealisten und Intellektuellen stecken: Wie kann ich mich zur Planwirtschaft kritisch äußern, ohne für einen Kapitalismus-Verfechter gehalten zu werden – und umgekehrt? Denn es soll auch deutlich werden, dass in den Augen des Idealisten beides nicht ideal ist, weil beide nicht seinen Ansprüchen gerecht werden.
    Eigentlich wird ja nichts erklärt in dem Text in dem Sinne, dass die Hintergründe, die Verhältnisse und inneren gesellschaftliche Triebkräfte deutlich gemacht werden, die in manchen Gesellschaften zu planwirtschaftlichen Systemen führen. Vielmehr werden nur die altbekannten Phrasen gedroschen, dass es den Verantwortlichen nur darum geht, das eigene Volk zu unterdrücken und in Armut, Elend und Unwissenheit zu halten, bzw dass diesen das richtige Wissen fehlt.
    Dabei hat Planwirtschaft nicht direkt und zwangsläufig etwas mit Sozialismus zu tun. Sie ist vielmehr eine Strategie unter anderen, um wirtschaftliche Entwicklung unter ungünstigen Voraussetzungen zu ermöglichen. Sie war auch in vielen nicht-sozialistischen Ländern anzutreffen z.B. in Afghanistan und einigen Ländern des Nahen Ostens und vielen anderen Entwicklungsländern besonders nach dem Ende des 2. WK. Kennzeichnend für alle war ein niedriger wirtschaftlicher Entwicklungsstand, der nur überwunden werden konnte durch die Konzentration der zur Verfügung stehenden Mittel. Das bedeutete, dass Verteilung und Einsatz der wirtschaftlichen Ressourcen geplant werden mussten, um deren Verwendung möglichst effektiv zu machen. Was wirtschaftlich sinnvoll und normal ist, wurde im Kampf der Systeme zwischen Kapitalismus und Sozialismus zu einem politischen Kampfbegriff.
    Notwendigkeit und Ausmaß der wirtschaftlichen Planung hängt in erster Linie ab von den zur Verfügung stehenden Mitteln und den Zielen, die mit den begrenzten Mitteln erreicht werden sollen. Auch die kapitalistischen Staaten betreiben Planwirtschaft. D.h. Sie planen die staatlichen Ausgaben für alle Bereiche der Gesellschaft. Oder wird da einfach munter darauflos gewirtschaftet ohne Plan? So stand bspw in Deutschland nach dem Krieg der Wohnungsbau an vorderster Stelle und der Wiederaufbau der Industrie. Für beides wurden die verfügbaren Mittel verplant nach gesellschaftlich und politisch als sinnvoll erachteten Vorgaben. Das war vernünftig, weil nicht für alles gleichzeitig die finanziellen Mittel und Produktionskapazitäten zur Verfügung standen.
    Der Staat wirkte hier also planend nach dem gesellschaftlich zu erwartenden Bedarf. Dementsprechend förderte er oder schränkte den Bezug von Finanzmitteln und die Zuteilung von Material und sonstigen Produktionsmittel ein. Das ist wie im richtigen Leben. Wenn nicht genug vorhanden ist, muss man mit dem auskommen, was da ist. Da muss dann der Kauf eines Abendkleides erst einmal zurück gestellt werden für den Kauf eines Kühlschranks, damit die Lebensmittel nicht mehr verderben. Das Abendkleid kommt dann dran, wenn die Grundbedürfnisse erfüllt sind und das Konto besser gefüllt ist. Wenn also die Lebensbedingungen für alle sich verbessert haben, dann kann die wirtschaftliche Plan durch den Staat zurückgefahren oder ganz aufgegeben werden. Das beste Beispiel dafür ist China. Seit alle genug zum Leben haben, lässt der Staat der Privatinitiative mehr freien Lauf. Und das sogar in einer Gesellschaft, die sich als sozialistisch versteht und von einer kommunistischen Partei geleitet wird, genauso wie Vietnam auch. Dumm nur, dass die Wirklichkeit sich nicht immer nach der Theorie richtet. Ja, Wirklichkeit kann manchmal sehr lästig sein für ein Weltbild.

  8. Naja so wirklich erklärt, was Planwirtschaft ist, wird ja nicht . . .
    da stimmt dann nicht so ganz die Überschriftm, oder . . .

    ändert aber nix an der Nachvollziehbarkeit der Ausführungungen . . .
    Die Zeit scheint reif für eine Demokratisierung der Wirtschaftssysteme . . .

    Mehr dazu und sehr interessant ausgeführt, vom Namensvetter: Richard Wolff (Ökonomieprofessor, University of Massachusetts)

    siehe hier: https://www.youtube.com/watch?v=ynbgMKclWWc

    gibt viele interessante Vorträge von ihm

  9. Ergänzende Anmerkung:

    Anarchie des Marktes meint vermutlich Chaos des Marktes. Da:

    Der Begriff »Anarchismus« leitet sich vom griechischen an-archia, Nicht-Herrschaft, ab und bezeichnet die Idee einer Gesellschaft ohne Staat, Klassen oder sonstige Unterdrückungs- und Ausbeutungsformen. Anarchismus ist aber nicht nur eine Idee, sondern auch eine Praxis: politischer Kampf um Emanzipation und ein Versuch, die Idee der Selbstorganisation und Solidarität praktisch werden zu lassen.
    (junius-verlag)

    Der Begriff Anarchismus wird auffallend häufig mit Chaos und Gewalt verknüpft. Im Zusammenhang mit den Krawallen im Hamburger Schanzenviertel bei G-20 betitelte zum Beispiel die taz einen Beitrag mit der Headline “Der Abend der Anarchie”. Ich wüsste jetzt aber keine Schlagzeile in den überregionalen Medien, die anarchistische Vorzüge wie Basisdemokratie, Dialog auf Augenhöhe oder die Beteiligung aller Menschen an Entscheidungsprozessen auf den Schild heben. Wie ist historisch diese negative Sicht auf den Anarchismus begründet?

    Diese Diffamierung des Anarchiebegriffs als Chaos und Terror hat leider eine lange Tradition. Der Begriff Anarchie beziehungsweise an-archia (ohne Herrschaft) stammt aus der griechischen Antike und hat eine über 2000 Jahre alte Geschichte des Wandels hinter sich. Der Begriff “Anarchist” stammt aus der Zeit der Französischen Revolution und war bis 1840 ein reiner Schmähbegriff. Die meisten Menschen waren damals gottesfürchtige Menschen. Sie konnten oder wollten sich nicht vorstellen, dass Herrschaftsfreiheit ein erstrebenswerter Zustand sei. Immanuel Kant definierte Anarchie zwar schon im 18. Jahrhundert treffend als “Gesetz und Freiheit ohne Gewalt”. Das war allerdings auch für diesen berühmten Philosophen ein Zustand, den er ablehnte.
    (graswurzel)

    Es gibt aggressive Zerr- und Verfallsformen der Anarchie – wie bei jeder anderen, ursprünglich idealistischen Weltanschauung auch. Ihrem Selbstbild nach ist Anarchie jedoch selbstorganisierte Ordnung ohne Herrschaft und Hierarchien, eine freilassende, auf Humanität, Gerechtigkeit und Gleichheit abzielende Form gesellschaftlicher Organisation – was ausschließt, dass z.B. einer willkürlich das Gebrauchseigentum des anderen abfackelt.

    Immer wieder wird diffamierend über Anarchie geredet und geschrieben, obwohl es eine lang andauernde, ein größeres geografisches Gebiet umfassende anarchistische Epoche nie gegeben hat und obwohl das gegenteilige Prinzip – Herrschaft bzw. Macht – in der Geschichte Verwüstungen ohne gleichen angerichtet hat.
    (Rubikon)

    Auch Herr Mausfeld äußert sich im Gespräch bei AcTVism zur Anarchie:

    Rainer Mausfeld über Anarchismus, Wikileaks, Prinzipien der Demokratie & die Rolle der Wirtschaft

    In diesem exklusiven Interview sprechen wir mit Rainer Mausfeld, Professor an der Universität Kiel, der bis zu seiner Emeritierung den Lehrstuhl für für Wahrnehmungs- und Kognitionsforschung inne hatte und Autor des Buches „Warum schweigen die Lämmer“ ist. In Teil 1 des Interviews sprechen wir über seinen Werdegang und darüber, wie sich seine Ansichten und Ideen über die Zeit entwickelt haben. Wir nehmen auch den Begriff Anarchismus genauer unter die Lupe, betrachten seinen historischen Kontext und was man heute darunter verstehen sollte. Daneben sprechen wir über das Verständnis von Demokratie, was die Grundvoraussetzungen dafür sind und wie Wirtschaft in einer Demokratie aussehen sollte. Schließlich reden wir auch über die Rolle der Medien und des Finanzsektors in unserer Gesellschaft und was der Fall Julian Assange & Wikileaks für unsere Demokratie bedeutet.
    (AcTVism)

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