The Wolff of Wall Street: Rating-Agenturen (Podcast)

Geld regiert die Welt. Nur, wer regiert das Geld?

Wirtschaftsjournalist Ernst Wolff erklärt jeden Freitagmittag, um 12:00 Uhr, Begriffe, Mechanismen und Gesetze aus der Finanzbranche, die uns täglich als alternativlos verkauft werden, aber nur Wenige verstehen. Das soll sich ändern! THE WOLFF OF WALL STREET erklärt uns heute: „Rating-Agenturen“.

Der größte Teil des globalen Kapitals fließt heute nicht mehr über Investitionen in die Realwirtschaft, sondern zu Spekulationszwecken in die Finanzmärkte.

Spekulation aber birgt Risiken. Um sie einzugrenzen, muss man sie einschätzen und bewerten. Genau diese Arbeit verrichten die Rating-Agenturen. Sie tragen alle verfügbaren Informationen über Unternehmen oder auch Staaten zusammen und kategorisieren diese dann in einem Schema, das von AAA = sehr sicher bis zu D = zahlungsunfähig reicht.

Mit der Explosion des Finanzsektors in den vergangenen 30 Jahren haben der Einfluss und die Bedeutung der Rating-Agenturen gewaltig zugenommen. Das hat zu einem heftigen Konkurrenzkampf geführt, aus dem drei US-Agenturen als Sieger hervorgegangen sind: Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch. Die drei beschäftigen zusammen etwa 20.000 Mitarbeiter und beherrschen mehr als 95 Prozent des globalen Rating-Marktes.

Seit der Krise von 2007/2008 hat ihr Geschäft einen kräftigen Schub erhalten: Da die Zinsen immer weiter gesenkt wurden, ist es heute nicht mehr möglich, sein Geld einfach anzulegen, sich zurückzulehnen und die Zinszahlungen abzuwarten. Niedrig-Zinsen, Null-Zinsen und Negativ-Zinsen zwingen immer mehr Anleger in die Spekulation.

Wegen der Risiken, die das mit sich bringt, greifen vor allem institutionelle Anleger wie Pensionskassen oder Rentenfonds, die eher konservativ handeln, auf Rating-Agenturen zurück und lassen sich von ihnen beraten. Meist sichern sie das angelegte Geld auch noch über Versicherungen ab, wobei die Höhe der Prämien sich auch nach der Einstufung der jeweiligen Anlageklasse durch die Agenturen richtet.

Die Arbeit der Rating-Agenturen hat also für die gesamte Finanzbranche eine immense Bedeutung. Deshalb sollte man doch annehmen, dass dafür gesorgt ist, dass es sich bei ihnen um seriöse, kompetente und vor allem unabhängige Organisationen handelt. Schauen wir, um das zu überprüfen, einmal auf die vergangenen fünf Jahre und beginnen wir mit der Seriosität.

Die Rating-Agentur Fitch ist im Juli 2016 von der Europäischen Börsen- und Wertpapieraufsichtsbehörde ESMA wegen unlauterer Geschäftspraktiken zu einer Strafzahlung von 1,4 Mio. Euro und im März 2019 aus dem gleichen Grund zu einer Strafzahlung von 5,1 Mio. Euro verurteilt worden.

Moody’s hat im Januar 2017 im Rechtsstreit mit dem US-Justizministerium und 21 US-Bundesstaaten, bei dem es um geschönte Kreditbewertungen ging, eine Strafzahlung in Höhe von 864 Millionen Dollar hinnehmen müssen.

Standard & Poor’s musste 2015 wegen der zweifelhaften Bewertung von Ramsch-Anleihen 125 Millionen Dollar an einen kalifornischen Pensionsfonds und 1,37 Mrd. Dollar an das US-Justizministerium zahlen.

Soviel zur Seriosität. Nun zur Kompetenz.

Im Dezember 2001 meldete ENRON, einer der größten Energiekonzerne der Welt, Insolvenz an. Vier Tage zuvor war ihm von allen drei Agenturen noch „vorzügliche Bonität“ bescheinigt worden.

Im Dezember 2003 meldete der italienische Nahrungsmittelkonzern Parmalat Insolvenz an. Die Rating-Agenturen bestätigten dem Konzern trotz jahrelanger Bilanzfälschung bis kurz vor Ende „vorzügliche Bonität“.

Am 15. September 2008 brach die Großbank Lehman Brothers zusammen. Noch drei Tage zuvor hatte war ihr von den drei Agenturen „vorzügliche Bonität“ bescheinigt worden.

Die Liste ließe sich lange fortsetzen und bestätigt, dass alle drei Agenturen nicht nur unseriös, sondern offensichtlich auch inkompetent sind. Aber kann das sein? Können drei den weltweiten Markt beherrschende milliardenschwere Agenturen so unfähig sein…?

Werfen wir, um der Frage nachzugehen, einen Blick auf die Besitzverhältnisse und einen weiteren darauf, wer diese Agenturen denn finanziert.

Zuerst zu den Besitzverhältnissen: S&P gehört dem US-Großkonzern McGrawHill. Der wiederum gehört riesigen Fonds wie Capital World, BlackRock, State Street und Vanguard. Größter Aktionär bei Moody’s ist das Investmenthaus Berkshire Hathaway des US-Milliardärs Warren Buffet, dann folgen BlackRock und Vanguard. Fitch gehört seit kurzem ausschließlich dem US-Mediengiganten Hearst.

Alle drei Rating-Agenturen gehören also Eigentümern, die mit extrem hohen Summen in diversen anderen Wirtschafts- und Finanz-Sparten engagiert sind, die wiederum standardmäßig von genau diesen Rating-Agenturen bewertet werden. Und nicht nur das: In den Aufsichtsräten der Agenturen sitzen Repräsentanten von Banken und Versicherungen wie Allianz, Morgan Stanley und Goldman Sachs oder Großkonzernen wie Coca Cola – alles Unternehmen, die ebenfalls von ihnen bewertet werden.

Aber es geht noch weiter: Seit Mitte der 70er Jahre – also seit dem Einsetzen der globalen Deregulierung – werden die Rating-Agenturen nicht mehr von denen bezahlt, für die sie ihre Gutachten erstellen, sondern von denen, die von ihnen eingeschätzt werden …

Es ist wirklich schwer zu glauben, aber das ist in etwa das gleiche als ob es in der Fußball-Bundesliga nur drei Schiedsrichter gäbe, die von Bayern München und Borussia Dortmund bezahlt, in deren Werkswohnungen wohnen und von ihnen finanzierte Autos fahren würden.

Würde irgendjemand allen Ernstes erwarten, dass diese drei Schiedsrichter auch nur eine einzige objektive Entscheidung auf dem Platz treffen…?

Die Zeit ist reif für ein demokratisches Geldsystem!

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