Unsere Freunde, die Amerikaner

Verschwörungstheorien, Drohnen und die Schmach von Stalingrad.

Satire von Wolfgang Bittner.

Die Amerikaner sind unsere Freunde. Sie bewohnen zwar nur einen Teil Amerikas, werden aber so genannt, weil die Bewohner der anderen amerikanischen Staaten im Verhältnis zu ihnen völlig unbedeutend sind. Die amerikanische Wirtschaft und ihre Banken bestimmen im Einvernehmen mit ihrer Regierung, ob und wie die Wirtschaft in weiten Teilen der Welt funktioniert. Zum Beispiel regulieren sie die Kapital- und Energiemärkte und den zwischenstaatlichen Warenaustausch. An erster Stelle steht natürlich die Erdöl- und die Waffenindustrie, zu der die Regierungsmitglieder intensive und auch persönliche Kontakte pflegen.

Befreundet sind die Amerikaner mit Staatsoberhäuptern auf der ganzen Welt, so mit dem ukrainischen Präsidenten und Oligarchen Petro Poroschenko, den sie bei der Beseitigung seiner russophilen Landsleute unterstützen. Oder mit König Salman ibn Abd al-Azis Al Saud von Saudi-Arabien, der seine sunnitischen Glaubensbrüder in Syrien und im Irak in ihrem beherzten Kampf gegen die irrgläubigen Schiiten mit Waffen beliefert. Auch der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan gehört zu diesen Freunden, denn er bewacht verlässlich den Bosporus gegen einen Einfall der Mongolen und hält sein Land sauber von allen oppositionellen Quertreibern.

Dass dieses Amerika, das auch als USA firmiert, 19 Billionen Dollar Schulden hat und dass dort Millionen Menschen unterhalb der Armutsgrenze leben, ist selbstverständlich ein Gerücht. Und auch die Behauptung, es existiere eine kriminelle Organisation namens NSA mit Tausenden von Spitzeln, die uns und die übrige Welt ausspionieren, ist nur eine von den vielen Verschwörungstheorien unserer Gegner. Dazu gehört übrigens auch das böswillige Gerede, bei uns seien Atomraketen der USA stationiert und von Ramstein aus würden amerikanische Drohnen zur Ermordung politischer Widersacher gesteuert.

Ebenso wenig gibt es eine Spionageagentur namens CIA, die durch Farb- und Blümchen-Revolutionen Regimewechsel zum Zweck der Entstaatlichung anderer Länder vorbereitet sowie Interventionskriege anzettelt und dadurch Millionen Menschen zur Flucht zwingt. Alles nur niederträchtige Verschwörungstheorien! Schon immer ist dieses Amerika „the land of the free and the home of the brave“ gewesen, ob für die gottesfürchtigen Einwanderer, die heidnischen Ureinwohner, genannt Indianer, oder die afrikanischen Zuwanderer. Eine mustergültige Demokratie! Und was für die Amerikaner gut ist, soll der ganzen Welt zugutekommen.

Unsere Freunde sind verlässlich, sie schützen uns. Vor wem, ist entsprechend der jeweiligen weltpolitischen Lage ganz verschieden. Sie unterhalten etwa 1.000 Militärbasen in aller Welt und sind auch sonst überall präsent. Ihre Raketen stehen an allen strategisch wichtigen Punkten. Ihre Kriegsschiffe liegen im Pazifik, im Atlantik, im Mittelmeer und sogar im Schwarzen Meer. Mit Atomsprengköpfen ausgestattete B-52-Bomber, liebevoll „Big Ugly Fat Fucker“ genannt, patrouillieren entlang den Grenzen Russlands.

Jederzeit sind 40.000 Soldaten mit Kampfjets, Panzern, Artillerie und Raketen bereit, Polen, die baltischen Staaten, Bulgarien oder Rumänien wie auch uns zu verteidigen, vor wem auch immer und ob wir es wollen oder nicht. Aber wir wollen es, unsere Politiker bestehen darauf! Sie folgen bereitwillig den Anweisungen der NATO, deren oberste Befehlszentrale in Washington unsere Sicherheit gewährleistet.

Deswegen sind unsere Soldaten wieder in aller Welt aktiv. Sie dürfen sogar eine sogenannte Speerspitze von 5.000 Elitekämpfern anführen, die an vorderster Front gegen Russland stehen soll und auf die unsere Regierung stolz ist. Bekanntlich ist der deutsche Soldat ein Vorbild für Tapferkeit und Opferbereitschaft. Vielleicht gelingt es ihm mit Hilfe unserer Freunde demnächst ja doch noch, die Schmach von Stalingrad zu tilgen. Freedom and democracy forever!

(Erstveröffentlichung: Ossietzky Nr. 4 v. 13.2.2016)

 

Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Artikels.

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5 Kommentare zu: “Unsere Freunde, die Amerikaner

  1. Eine Ergänzung zu, Zitat: „Oder mit König Salman ibn Abd al-Azis Al Saud von Saudi-Arabien, der seine sunnitischen Glaubensbrüder in Syrien und im Irak in ihrem beherzten Kampf gegen die irrgläubigen Schiiten mit Waffen beliefert.“

    Über siebzig Prozent der Syrer sind sunnitischen Glaubens, dieser Prozentsatz gilt auch für die syrisch-arabische Armee.
    Daraus läßt sich schlußfolgern daß in Syrien überwiegend Sunniten gegen Sunniten kämpfen.

    Dies sollte keinen aufmerksamen Beobachter verwundern, geht es in Syrien doch um andere, anstelle von konfessionellen Interessen.

  2. Alles nur eine Frage der Kanzlerin, äh, der Gefügigkeit meinte ich.
    Wir müssen doch dankbar sein!

    §1: Die Amis haben halt immer Recht.
    §2: Sollte dem mal nicht so sein, tritt automatisch §1 in Kraft.

    Man kann heutzutage für oder gegen Putin, in Ami- oder in Russland sein – am Bösen sind sowieso immer die Russen schuld:
    http://www.zeit.de/politik/ausland/2016-03/michail-lessin-washington-russland-tod-gutachten

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