US-Imperiale Skrupellosigkeit

Am 24.04.2020 ist das neue Buch „Imperium USA. Die skrupellose Weltmacht“ des Schweizer Historikers Daniele Ganser erschienen – genau zur richtigen Zeit.

von Christiane Borowy.

Nach dem enormen Erfolg seines letzten Buches haben viele Menschen auf das neue Buch von Daniele Ganser gewartet. Doch die Vorfreude schien zunächst getrübt. „Schade, dass das neue Buch ausgerechnet in dieser Corona-Zeit erscheint“, konnte man in sozialen Netzwerken häufiger als Kommentar unter den Buchankündigungen lesen. Hat ein historisches Sachbuch, das denen gewidmet ist, die aus vollem Herzen Krieg, Terror, Folter und Kriegspropaganda ablehnen, überhaupt Platz in einer durch die Corona-Krise durchgeschüttelten und verwirrten Zeit? Ja, wann denn auch sonst?

Corona wird in diesem beinahe 400 Seiten starken Buch, das wieder im Orell Füssli Verlag erschienen ist, natürlich nicht erwähnt. Der Historiker beurteilt eine aktuelle Krise erst mit gebührendem zeitlichen Abstand und wenn möglichst alle Informationen zum Thema vorliegen.

Allerdings können wir Grundsätzliches aus diesen historischen Nachbetrachtungen lernen und auf jedwede aktuelle Situation prüfend übertragen. Dadurch wird klar: Es macht immer Sinn, ein historisches Fachbuch zu lesen, und das nicht alleine deshalb, weil wir in Zeiten leben, in denen man die Befürchtung entwickeln könnte, dass sich bestimmte düstere Kapitel der Geschichte, möglicherweise sogar in gesteigerter Form, wiederholen könnten. Anzeichen dafür gibt es immer wieder, und dann ist es gut, wenn man beispielsweise in einem historischen Fachbuch nachschlagen kann, wann zu welcher Zeit welche Akteure durch welche Mittel Kriege geführt und angezettelt haben. Wie hat das angefangen? Gibt es durchgängige Muster? Kann man daraus lernen?

Geschichte ist also keineswegs etwas, das obsolet ist, weil es sich mit der Vergangenheit beschäftigt und keinen Bezug zum Alltag, zur Gegenwart oder zur Zukunft hat.

Wenn Artikel von verschiedenen Autoren eines kritischen Medienportals beispielsweise mehrfach willkürlich auf YouTube gelöscht werden, weil darin die herkömmliche Meinung zu einem Thema hinterfragt wird, dann kann man sich zu diesem Anlass schon fragen: Hatten wir das nicht schon früher einmal? Schlägt man dann als erstes das Inhaltsverzeichnis von Gansers neuem Werk auf, wird sofort klar: So weit weg ist Geschichte nicht von Google, Facebook, YouTube und Wikipedia. Ein Kapitel lautet zum Beispiel: „Das digitale Imperium“, mit Unterkapiteln zu genau diesen sehr aktuellen Themen.

Es ist das vorletzte Kapitel eines die Geschichte des Imperiums USA in chronologischer Folge erzählenden Buches. Ich könnte also eine Antwort auf meine Frage bekommen, ob es Zensur, also willkürliche Informations- und Konformitätskontrolle, in der Vergangenheit bereits gegeben hat und erfahren, wie dieses Prinzip mit der Gründung und dem Erhalt von Imperien zusammenhängt.

Damit sind wir schon mittendrin im Thema und bereits einigen der Hauptakteure von Gansers neuem Buch begegnet. Es geht vor allem um ein Imperium, das Imperium USA. Was hat die Zensur von Beiträgen auf einem kritischen Medienportal wohl mit dem Imperium USA zu tun?
Hier wird mir spätestens ein bisschen mulmig, denn das Buch hat einen steilen Untertitel: Die skrupellose Weltmacht. Da ich Gansers Bücher und Forschungsthema kenne, ahne ich, dass die Löschung kritischer Beiträge etwas mit Krieg, Terror, Lüge, Propaganda und Manipulation zu tun haben könnte.

Ich frage mich also nach dem Sinnzusammenhang, dem großen Bild. Wie hängt mein Alltag mit imperialer Politik zusammen? Wer sind die Hauptakteure auf dem Spielbrett der US-imperialen Weltgeschichte? Lassen sich wiederkehrende Muster und imperiale Mechanismen finden, die bis in unsere Alltagsgewohnheiten reichen, wenn man sich die Geschichte eines Landes ansieht, das aktuell als Imperium zu bezeichnen ist?

Gegen das mulmige Gefühl vom Anfang finden sich im Verlauf der Lektüre gleich zwei gute Nachrichten. Erstens: Imperien gehen irgendwann unter – und zwar immer. Daran werde ich mich beim Lesen des Öfteren erinnern müssen. Zweitens: Es gibt immer eine Gegenbewegung, die enorm wichtig für Veränderung ist. Trotz vieler Misserfolge und Rückschläge darf sich diese Friedensbewegung oder Bürgerbewegung nicht aus der Fassung bringen lassen und kann sich stattdessen immer auf ihre Werte wie Frieden und Gewaltfreiheit beziehen.

Darum nennt Ganser auf seinem analytischen Gang durch die US-Geschichte von den Indianern bis zu Facebook und Google gleich zu Beginn drei Hauptprinzipien, die der Friedensbewegung „wie Leuchtsterne“ die Richtung weisen können: Das UNO-Gewaltverbot, das Prinzip Menschheitsfamilie und die Methode der Achtsamkeit.

Man kann Gansers Buch wie einen Sensationsroman vom Anfang bis zum Ende lesen, muss aber nicht zwingend seiner Chronologie folgen. Das ist eines der besonders schätzenswerten Aspekte des Buches. Man kann einfach entlang der eigenen Interessen und Fragestellungen ein Thema herausgreifen und damit beginnen. Spannend ist alles und jedes einzelne Kapitel ist so geschrieben, dass es aus sich heraus verständlich ist. Will man sich dann weiter informieren, kann man mit einem beliebigen Kapitel weiterarbeiten, welches einen interessiert. So bekommt man nach und nach ein Gesamtbild und kann seine eigene Frage in den großen Sinnzusammenhang einordnen.

Weil mich aus aktuellem Anlass besonders die Frage interessiert hat, was YouTube mit dem Imperium zu tun hat, greife ich also zunächst das Kapitel „Das digitale Imperium“ heraus und habe wieder ein wenig dieses Gefühl der Entzauberung meiner Welt, wenn ich hier erfahre, dass auch ich, die sich eigentlich als gut informiert und wach erlebt, dennoch dem ein oder anderen Mythos aufgesessen bin. Eines dieser Mythen war, dass die Schweiz von jeher neutral und ihre Politik basisdemokratisch aufgebaut ist, zum Beispiel dadurch, dass die Bürger relativ unbeeinflusst von den großen Parteien über bestimmte Themen abstimmen dürfen. Die Information, dass Facebook beispielsweise Nutzerverhalten an Schweizer Parteien weitergegeben und parteipolitisch finanzierte politische Informationen verbreitet hat, die vermeintlich von Freunden stammen sollten, kratzt an diesem Bild. Gansers Buch belegt darüber hinaus: Facebook ist zwar gratis, aber deswegen noch lange nicht frei und unabhängig. Die Unternehmensgründer von Google und Facebook gehören zu den Superreichen in den USA und vertreten mit ihrem hohen politisch-gesellschaftlichen Einfluss weltweit transatlantische politische Interessen.

Eine ebenso weit verbreitete Vorstellung ist die, dass Wikipedia neutral wie die Schweiz sei und im Grunde jeder Nutzer einen Artikel in dem Online-Lexikon verfassen darf und die Nutzergemeinde gemeinsam die Artikel und damit die Qualität der Gesamtenzyklopädie verbessert und korrigiert. Ganser kann jedoch nicht nur anhand eigener Erfahrung nachweisen, dass gewisse historische Ereignisse falsch dargestellt werden. Der von Wikipedia als „Bürgerkrieg in Syrien“ bezeichnete Konflikt sei beispielsweise keineswegs ein Bürgerkrieg, sondern ein von ausländischen Mächten angezettelter Stellvertreterkrieg, bei dem die CIA versuchte, die syrische Regierung zu stürzen. Für den deutschen Nutzer der Wikipedia könnte das eine interessante Information sein, insbesondere da Deutschland am Krieg gegen Syrien beteiligt ist.

Es schließt sich für mich nun die Frage an, von wem Facebook denn sein Geld bekommt und wem es gehört. Facebook, Whatsapp und YouTube sind Produkte des Großkonzerns Google. Die Chefetage der genannten Unternehmen gehört zu den reichsten Männern der Welt. Ich erfahre weiter, dass 300 000 Superreiche das Imperium USA lenken, und wie man an diesen wenigen Beispielen schon sieht, hat das auch durchaus etwas mit erheblicher Einflussnahme auf unsere Politik und unseren Alltag im deutschsprachigen Raum zu tun.

Von hier aus fange ich weiter an zu denken und mich zu fragen: Moment mal – Amerika gilt in weiten Teilen der deutschen Bevölkerung doch als die moderne Demokratie schlechthin. Ein freies Land, in dem jeder zum Millionär werden und seinen Traum leben kann. Das sind, wie ich bei Ganser erfahre, gleich mehrere Mythen auf einmal. Ich lese im Kapitel „Die USA sind eine Oligarchie“ beispielsweise, dass die USA das glatte Gegenteil einer Demokratie, also einer Herrschaft des Volkes sind, sondern vielmehr die Politik von wenigen Reichen gemacht wird. Klar, es kann ein Präsident gewählt werden, das wird in diesem Jahr ja auch wieder geschehen, doch fängt die Herrschaft der Superreichen schon damit an, dass überhaupt niemand Präsident werden kann, der nicht zu dieser Geldelite gehört. Es ist aus dieser Perspektive heraus schon gleich weniger überraschend, dass viele Menschen hierzulande überhaupt zu vergessen scheinen, dass Bill Gates kein Politiker, sondern ein stinkreicher Unternehmer ist, der versucht, Politik und Gesellschaft weltweit nach seinen Vorstellungen zu gestalten.

Wie konnte es eigentlich dazu kommen? Was hat denn das für eine Entwicklung zur Voraussetzung? Am Anfang hatte ich mich beim Blick ins Inhaltsverzeichnis des Buches noch gewundert, warum Ganser bei seinen Betrachtungen bis zu den Indianern und Sklaven zurückgeht. Ich erfahre, dass die USA in ihren Anfängen und Ursprüngen bereits auf Imperialismus fußt, und zwar auf dem Europäischen. Denn es waren europäische Imperialisten, die seinerzeit den amerikanischen Kontinent untereinander aufgeteilt haben.

Bei der Darstellung der fast vollständigen Ausrottung der Indianer bekomme ich dann schon einen Eindruck davon, warum Ganser auf die Idee kommt, in seinem Untertitel von skrupelloser Weltmacht zu sprechen. Das hört dann auch leider bis in die aktuelle Zeit nicht auf mit der Brutalität. Besonders interessant ist Gansers Aufbau der Kapitel, in denen auch Menschen aus der Friedensbewegung der behandelten Zeitperiode zu Wort kommen. Diese Perspektive steht dann neben dem, was an Originalzitaten der Imperialisten angeführt wird.

Da ich in Deutschland lebe, interessiert mich natürlich auch der Zusammenhang zu den zwei Weltkriegen, und auch hier räumt Ganser mit einem Mythos auf, und zwar der deutschen Universalschuld an zwei Weltkriegen – ein Mythos, der durch die Geschichtsbücher in den Schulen, Wikipedia und anderen Medien bis heute noch weiterverbreitet wird. Ganser sieht das allerdings differenzierter. Selbstverständlich hat auch Deutschland Schuld an beiden Kriegen, jedoch „nur“ eine Teilschuld. Er weist nach, dass die Amerikaner ein imperiales Interesse daran hatten, Deutschland zu schwächen.

Dabei ist die Frage wichtig: Wie sind die oben erwähnten Superreichen so reich geworden? Da ist Gansers Analyse ganz eindeutig: Durch Krieg, denn Krieg ist ein Geschäft. Ein schmutziges obendrein. Ganser macht deutlich, dass Deutschland den ersten Weltkrieg gar nicht gewinnen durfte, weil sonst Großkredite der Banken, mit denen in Kriegsgeschäfte investiert wurde, verloren gewesen wären. Besonders interessant ist dabei der Hinweis, dass viel zu wenig beachtet wird, dass man Öl braucht, um Krieg zu führen. So hat Ganser nachgewiesen, dass ein Teil des Erdöls, das Deutschland zur Kriegsführung im zweiten Weltkrieg brauchte, aus den USA kam. Hitler hatte keinerlei Ölreserven.

Das Ereignis, durch das die Amerikaner offiziell in den zweiten Weltkrieg eingetreten sind, ist bekanntermaßen der Angriff der Japaner auf Pearl Harbour. Angeblich ein Schock für den Präsidenten Roosevelt. Ganser weist aber mittels Analyse amerikanischer Forschung nach, und das ist wirklich brisant, dass Roosevelt von dem geplanten Angriff auf Pearl Harbour aufgrund abgefangener Daten im Vorfeld gewusst hat.

Es wird einmal mehr deutlich, dass Amerika seinen imperialen Status durch die zwei Weltkriege immer mehr hat ausbauen können, weil es immer Profiteure der Kriege gab, die enorm daran verdient haben.

Egal mit welcher Perspektive man das neue Buch von Daniele Ganser zum Lesen in die Hand nimmt, man bekommt einen Überblick darüber, warum die USA zu Recht als ein Imperium und eine skrupellose Weltmacht bezeichnet werden können. Es wird ganz deutlich, dass Amerika nahezu unfassbar viele Kriege geführt hat und immer noch führt und wie stark dabei Macht und Geld ineinander verwoben sind. Bei der Lektüre wird klar, warum gesagt werden kann, dass die USA die größte Gefahr für den Weltfrieden sind.

Jeder Krieg beginnt mit einer Lüge, das weist Ganser an vielen weiteren Beispielen umfangreich und präzise nach. Er betont aber auch, dass es zu allen Zeiten Menschen gab, die sich an ethischen Werten orientiert haben und dass es in der aktuellen Friedensbewegung darauf ankommt, diese beizubehalten. Die Gegner von Krieg und Terror sollten in besonderem Maße darauf achten, selbst friedlich zu bleiben und darum mithilfe der Technik der Achtsamkeit die eigenen Gedanken und Gefühle reflektieren. Propaganda und Lüge lassen sich mit dem Bewusstsein durchschauen, dass alle Menschen zwar verschieden, aber dennoch Teil der Menschheitsfamilie sind. So kann es nicht passieren, dass man andere Menschen abwertet, sie zum Beispiel als Tiere bezeichnet, und sie dann tötet. Es ist Ganser besonders wichtig zu verdeutlichen, dass jeder Mensch als Teil der Menschheitsfamilie eine Stimme hat. Jeder Mensch hat eine Stimme, nicht nur die Superreichen oder Supermächtigen.

Hat man das verinnerlicht, kann man Gewalt und blinden Gehorsam verhindern und damit zu einer friedlicheren Welt beitragen.

Fazit: Das Buch ist so geschrieben, dass es jeden Menschen, vor allem aber auch junge Menschen ansprechen kann. Man braucht kein historisches Vorwissen. Egal von welcher Richtung her man sich einem Thema nähert, ergibt sich ein komplexes und klares Bild von geschichtlichen Zusammenhängen bis in die aktuelle Zeit. Interessant ist, dass Informationen geliefert und Sachverhalte aufgeklärt werden, die in der Schule nicht in dieser Weise gelehrt werden. Meiner Ansicht nach gehört dieses Buch deshalb in jede Schul-, Universitäts- und Stadtbibliothek und ich hoffe, dass viele Menschen die entsprechenden Einrichtungen anschreiben und es zur Anschaffung empfehlen.

Da Ganser mit diesem Buch auch wieder die Friedensbewegung stärken möchte, wäre zu wünschen, dass es in viele Sprachen übersetzt wird und die Friedensbewegung in möglichst vielen Ländern, auch in den USA unterstützen kann, denn:

„Zusammen sollten wir lernen, uns nicht zu töten, weil alles Leben heilig ist.“

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Danke an die Autorin für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Bildquellen: siper.ch; Sergii Gnatiuk / shutterstock

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