Versailles – das schwere Erbe der EU

Von Wolfgang Effenberger.

Nachdem der 100. Jahrestag der Pariser Vorort-Friedensverträge von Versailles (Deutschland), Saint-Germain (Österreich), Neuilly-sur-Seine (Bulgarien), Trianon (Ungarn) und Sèvres (Türkei) schamvoll übergangen wurde, muss die Äußerung des französischen Präsidenten Macron gegenüber der Süddeutschen Zeitung vom 18. April 2020 als große Überraschung gelten.(1)

Für Willy Wimmer hat Macron mit seiner Aussage zum Ende des Ersten Weltkriegs die Säulen der westlichen Politik gegenüber Deutschland umgestürzt: „Das, was er in diesem Gespräch über die Zukunft Europas sagte, legte die westliche Verantwortung für das Schicksal Deutschlands offen und spannte den Bogen von „Versailles 1919“ über Adolf Hitler bis zum deutschen Krieg gegen Polen und die Ausdehnung dieses Krieges durch Frankreich und England auf die Ebene eines Weltkrieges. Ja, so ließ sich der französische Präsident vernehmen, es sei die Politik Frankreichs gegenüber Deutschland gewesen, über die Bestrafung Deutschlands in Versailles den Boden für den Aufstieg des Nationalsozialismus zu bereiten.“(2)

Eine ähnliche historische Einordnung von „Versailles“ in die geschichtlichen Abläufe des vergangenen Jahrhunderts hatte unmittelbar vor Weihnachten 2019 der russische Präsident Putin in St. Petersburg vorgenommen. Und damit dem französischen Präsidenten Macron geradezu den Weg dafür bereitet, „im Kartell der damaligen Friedensfeinde der historischen Wahrheit eine Bresche zu schlagen“(3).

Für Willy Wimmer verströmen heute sowohl NATO als auch EU aus allen Poren den Geist von Versailles. Dazu erinnert er an das Bekenntnis des ersten Generalsekretärs der NATO, Herr Ismay aus England, der sich zur Aufgabe der NATO geäußert hatte: „die Russen raus, die Amerikaner rein und die Deutschen unten“. Und Willy Wimmer folgert daraus: „Das war nicht nur das britische Denken zu Versailles oder das Postulat von Herrn Churchill in den dreißiger Jahren zu einem wirtschaftlich nicht mehr am Boden liegenden Deutschland. Es war der reinste Ausdruck britischer Kriegsplanung gegen das kaiserliche Deutschland seit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts.“(4)

Was mag die geschichtsvergessene Haltung der deutschen Staatsspitze im vergangenen Jahr zur Verweigerung des Gedenkens an Versailles veranlasst haben? Überall sind in den letzten Jahren die Verwerfungslinien des Ersten Weltkriegs wieder aufgebrochen: auf dem Balkan, in Nordafrika und in der Ukraine. Lösungen, nachhaltige Versöhnung und vielleicht Heilung wird es nur geben können, bei einer wahrhaftigen Aufarbeitung des leidvollen und für viele schmerzhaften Themas.

Die Ukraine kämpfte im Ersten Weltkrieg auf beiden Seiten der Front, im Zweiten noch einmal und durch eine von EU und NATO mitverschuldeter Politik kämpfen Ukrainer wieder auf zwei Seiten. Dabei könnte die Ukraine aufgrund ihrer Geschichte einen idealen Brückenkopf zwischen West und Ost spielen. Das scheint aber nicht gewollt zu sein.

Im Hinblick auf den 100. Jahrestag von Versailles hat der Autor Vorträge zum Thema „Drehscheibe Versailles: Ursachen und Folgen imperialistischer Europapolitik“.

Am 12. April 2019 vor Bautzener Bürger (Youtube eingeSCHENKT.tv) (5)

Im Bild: Demonstration gegen den Versailler Vertrag auf dem

Münchner Odeonsplatz am 6. Januar 1921

Im Vortrag wurde der Weg in die machtpolitische „Neuordnung“ Europas aufgezeigt und die Bedeutung für die heutige Zeit beleuchtet.

Ankündigungsplakat in Immenstaad für den 8. Mai 2019 im Bürgersaal

Ende April 2019 war auch schon das Rohmanuskript für das Buch „Europas Verhängnis 14/18 – Revolution, Rätewirren und Versailles“(6) fertiggestellt.

Zum 100. Jahrestag erschienen dann im Zeitgeist-Verlag zwei Bücher zum gleichen Thema:

   

Zur Erinnerung: Am 28. Juni 1919 wurde in Versailles mehr als 7 Monate nach dem Ende des Ersten Weltkriegs der Friedensvertrag mit Deutschland unterschrieben, der Deutschland die alleinige Schuld am Krieg gab. Die Unterschrift der Deutschen wurde durch die Fortsetzung der Seeblockade quasi erzwungen. Es folgten die weiteren Pariser Vorort-Friedensverträge von Saint-Germain (Österreich), Neuilly-sur-Seine (Bulgarien), Trianon (Ungarn) und Sèvres (Türkei).

Beschämend für die „westliche Wertegemeinschaft“ ist das Übergehen des 100. Jahrestages von Versailles und aller anderen Verträge. Offensichtlich sollten die näheren Umstände dieses Friedensvertrages und seine Folgen nicht ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt werden.

Und so geben die Äußerungen von Putin und Macron hinsichtlich Versailles ein hoffnungsvolles Zeichen für eine dem Frieden und der Versöhnung dienende Geschichtsaufarbeitung.

Der Wahrheit wird man sich zwar immer nur annähern können, und Geschichte bleibt eine Frage der jeweiligen Interpretation von Fakten und ihrem Zusammenhang, doch das bewusste Weglassen von Fakten und das Zementieren bloßer Vermutungen und Fiktionen muss man einfach als Täuschung bezeichnen. Und wenn schon die Vergangenheit dermaßen manipuliert wird, wie wahrhaftig geht man dann mit den Zielsetzungen um? Werden wir da nicht auch massiv getäuscht? Eine auf universellen humanitären Werten beruhende europäische Gemeinschaft, wie sie immer wieder blumig beschworen wird, werden wir nur mit absoluter Wahrhaftigkeit verwirklichen können. Ohne Wahrhaftigkeit gibt es weder Frieden noch Freiheit, wie es der Philosoph Karl Jaspers formuliert hat:

„Friede ist nur durch Freiheit, Freiheit nur durch Wahrheit möglich. Daher ist die Unwahrheit das eigentlich Böse, jeden Frieden Vernichtende: die Unwahrheit von der Verschleierung bis zur blinden Lässigkeit, von der Lüge bis zur inneren Verlogenheit, von der Gedankenlosigkeit bis zum doktrinären Wahrheitsfanatismus, von der Unwahrhaftigkeit des einzelnen bis zur Unwahrhaftigkeit des öffentlichen Zustandes.“(7)

Quellen und Anmerkungen:

1 „Europas Moment der Wahrheit“, Süddeutsche Zeitung vom 18.4.2020, S. 8

2 Willy Wimmer: Trump muß weg und wenn es über Corona ist vom 22. 4. 2020 unter https://www.world-economy.eu/nachrichten/detail/trump-muss-weg-und-wenn-es-ueber-corona-ist/

3 Ebenda

4 Ebenda

5 Wolfgang Effenberger: Drehscheibe Versailles, eingeSCHENKT.TV vom 12.
April 2019 unter https://www.youtube.com/watch?v=Bgz36G5aNj0

6 Wolfgang Effenberger: Europas Verhängnis – Revolution, rätewirren und Versailles

7 Karl Jaspers: Die Voraussetzung des Friedens (1958) https://www.zitate.eu/autor/karl-jaspers-zitate/134363

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung.

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Bildquelle: PhotoFires / shutterstock

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3 Kommentare zu: “Versailles – das schwere Erbe der EU

  1. Hallo, ich wollte nur noch anmerken,das alles aber fast alles am Versailler Vertrag hängt. Ob Kurdenfrage, das osmanische Reich und damit die Syrienfrage, alles läuft auf den Versailler Vertrag zu. Dazu kann ich ein Buch nur sehr empfehlen, es heißt "Die Friedensmacher" von Margaret MacMillan, sie ist sogar die Urenkelin des Lloyd Geroge. Das Buch hat 650 Seiten und ist sehr informativ. Damals wurde die Welt am Reißbrett neu aufgeteilt, und Deutschland war außen vor.
    Jeder sollte sich selber aus nachvollziehbarer Literatur ein Bild der letzten 150 Jahre machen, dann wird einfach vieles klarer.

  2. Es ist ja nicht sicher, in welchem Umfeld Aussagen von Politikern zu interpretieren sind .
    Vielleicht wollte der Macron sagen, mir gleitet die Politik aus der Hand und Deutschland tut, will es die Stabilität der EU haben, gut daran, meine Politik finanziell zu unterstützen .

    WK1 und WK2 sind Geschichte, als das Internationale Kapital ihr Machtspiel weniger über Nationalstaaten als gegen alle Nationalstaaten führt und die Zerstörung der Handlungsfähigkeit differenzierter Gesellschaften/Nationen, die Produktion von Failed States Ziel ist, die Neue Herrschaft über konzernfinanzerte ThinkTanks und konzernfinanzerte NGOs oder gerade aktuell über eine konzernfinanzerte WHO läuft.

  3. Nicht zu vergessen an der Stelle zu erwähnen ist die Belfor-Declaration, die eine große Rolle bei der weiteren Entwicklung der Weltpolitik, der folgenden Kriege bis hin zum heutigen Unrecht gegen das palästinensische Volk durch die Juden Israels führte – m.M.n. spielt auch gerade diese Entwicklung heute, bei den "Corona Schutzmaßnahmen" in Deutschland eine große Rolle. Was wird hier am meisten geschädigt? Die Wirtschaft Deutschlands, ach nein, ich berichtige mich, der BRD (wo die Deutschen nur Personal) sind. Es wäre wohl eine weise Idee, wenn das deutsche Volk sich in Frieden und mit dem Willen zu freundschaftlichen Handelsbeziehungen endlich in Richtung Russland wenden würde und die Beziehungen zu Amerikas Millionäre und Billionäre für 999 Jahre einfrieren würde. (ich nehmen ausdrücklich das Volk Amerikas davon aus, denn das sind wie wir, ausgenutzte und verarschte Menschen)

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