Verschwörungsinflation – Tagesdosis 26.5.2020 (Podcast)

Vorsicht! Was heute noch als solide Recherche und seriöse Berichterstattung verkauft wird, kann schon morgen gefährliche Verschwörungsideologie sein.

Ein Kommentar von Mathias Bröckers.

Als habilitierter Konspirologe und „elder statesman“ der Verschwörungstheorie verfolge ich die aktuelle Aufregung über die „Gefahren“ und die „unheimliche Macht“ (Spiegel) der Verschwörungstheoretiker  ja eher amüsiert.  Und erstaunt, dass der inflationäre Gebrauch das Diffamierungs,- und Denunziationspotential des Begriffs noch immer nicht abgenutzt hat. Was möglicherweise damit zu tun hat, dass die akademischen „Experten“, die dazu publizieren und verstärkt im Fernsehen herumgereicht werden, zu diesem Thema in der Regel nur küchen-psychologischen Bullshit von sich geben.

Dass es reale Verschwörungen gibt und viele anhand von Indizien darüber aufgestellte Hypothesen sich als wahr erwiesen haben – dass Verschwörungstheorie als heuristisches Verfahren also durchaus Berechtigung zukommt – wird von diesen Experten ebenso ausgeblendet wie die im Namen des Staats und der Großmedien verbreiteten Verschwörungstheorien. Zum Beispiel die WMD des Irak oder – soeben aufgeflogen – die Verschwörungstheorie „Russiagate“, nach der „die Russen“ die Computer der Demokraten gehackt und Trump zum Wahlsieg verholfen hätten. Wie jetzt veröffentlichte Dokumente von Kongress-Anhörungen zeigen, hat der Verantwortliche der IT-Firma „Crowdstrike“ ausgesagt, dass sie keinerlei Beweise für „russische Hacker“ gefunden hätten. Dennoch wurde diese haltlose Story mit Putin als Erzbösewicht auf allen Kanälen seit drei Jahren immer wieder hochgekocht – und kein „Qualitätsjournalist“ stellte auch nur eine kritische Frage oder gar eigene Recherchen an. Die hätten nämlich zu niemand anderem als dem ehemaligen technischen Direktor der NSA höchstselbst, Bill Binney, geführt, der nachgewiesen hat, dass die Daten aus dem DNC-Server nicht von außen gehackt, sondern von innen abgesaugt wurden. Sowie natürlich zu der Merkwürdigkeit, warum bei einem vermeintlichen Großskandal bei dem feindliche Mächte demokratische Wahlen manipulieren und in Computer einbrechen, weder das FBI noch eine andere staatliche Stelle – sondern nur die Privatfirma Crowdstrike – den betroffenen Server untersuchen durfte.

Man musste keinen Bachelor der Illuminaten-Akademie in der Tasche haben, um zu erkennen, dass die Russiagate-Story vom Tag Eins an faul war, es brauchte eigentlich nur einen IQ über Zimmertemperatur, den Willen hinzuschauen und zu tun, was einst „Spiegel“-Rudi seinem Nachrichtenmagazin verordnete: „Sagen was ist“. Aber da kam nichts, weder beim ehemaligen Nachrichtenmagazin noch sonst in einem der selbsternannten Qualitätsmedien – drei lange Jahre lang wurde nahezu täglich die Russiagate-Saga aufgetischt. Was einen weiteren Aspekt des Themas verdeutlicht, der von den Experten gern außer Acht gelassen wird: Wenn’s der Obrigkeit passt, sind auch haltlose Verschwörungstheorien völlig in Ordnung. Und Russiagate passte in jeder Hinsicht: Als Sündenbock für den unerklärlichen Betriebsunfall der Niederlage Hillary Clintons, als Dauervorwurf an Donald Trump, dessen Politik ansonsten kritiklos durchging, und als nötiges Angstszenario für weitere militärische Aufrüstung. Da kann man dann als Top-Journalist dann jahrelang zur besten Sendezeit Verschwörungstheorien verbreiten, ohne für diese Fake News-Orgie irgendwie zur Rechenschaft gezogen zu werden. Solche VertreterInnen des lügenden Gewerbes „Presstitutes“ zu nennen ist eigentlich eine Verharmlosung, da die KollegInnen aus dem liegenden Gewerbe niemals solche Schäden anrichten wie diese Verbreiter gefährlicher Verschwörungstheorien, mit denen Kriege angezettelt werden.

Wenn jetzt in Sachen Corona vor der  Gefahr und der „unheimlichen Macht“  von Verschwörungstheoretikern gewarnt wird und als Beispiel dafür ein veganer Koch, ein  Schlagersänger und ein paar Impf-Rebellen sowie der stets aufgedrehte Ken Jebsen herhalten müssen, entbehrt das nicht einer gewissen Komik. Dass dafür in Deutschland auch gleich der ganz große Diffamierungshammer herausgeholt wird („Nazis“, „Holocaustleugner“, „Antisemiten“) ist mittlerweile ebenfalls üblich – schon als unter einer Million Demonstranten gegen das Freihandels-Abkommen TTIP auch ein paar hundert Nazis mitgelaufen waren, faselten die Experten im „Spiegel“ und TV von einer gefährlichen „Querfront“. Dasselbe jetzt bei den Lockdown-Protesten, die nicht als berechtigter Bürgerprotest gegen fragwürdige Rechtseinschränkungen behandelt werden, sondern als Panoptikum von „Wirrköpfen“, „Rechten“ und „Verschwörungstheoretikern“. Sowie, weil das als Diffamierung offenbar noch nicht reicht, als potentielle Gewalttäter und Anstifter, wie es der „Spiegel“ in einem üblen Schmierenstück vorführt, das KenFM mit der Attacke auf ein ZDF-Produktionsteam bei der 1. Mai-Demo in Verbindung bringt. Weil, so die „Spiegel“-Rechercheure, KenFM würde sich ja mit diesem Produktionsteam das Studio teilen, hätte also von den geplanten Dreharbeiten gewusst. Und? That`s it! Was heißt: unterste Denunziationsschublade, Hetzjournalismus at it’s best! Zwar dreht Kollege Ken ja schon im Normalfall auf 180 und regt viele Leute auf – und seit Corona dreht er jetzt mit 250 im roten Bereich und zieht quasi als Corona-Rezo auf YouTube Millionen an. Dass es bei diesen Drehzahlen bei den Fakten zu Aussetzern kommt, Zuspitzungen zu steil werden und Kurzschlüsse verursachen, ist nahezu unvermeidlich… Hier würde dem Motor des Garagensenders KenFM etwas weniger Bleifuß fraglos guttun. Das ändert freilich nichts an der Tatsache, dass er von den Fake-News-Produzenten des „Relotius-Spiegel“ in Sachen haltlose Verschwörungstheorien weit unterboten wird.

Als ich 1999 mit  Robert Anton Wilson, dem konspirologischen Großmeister und Autor von „Illuminatus!“,  an der deutschen Ausgabe  des Lexikon der Verschwörungstheorie, arbeitete, sprachen wir auch darüber, wie er seine ersten Erfahrungen mit Verschwörungen gemacht hatte –  in der Friedensbewegung der 1960er Jahre und mit dem FBI-Programm CoIntel-Pro, das die Gruppen unterwanderte und mit Verdächtigungen und Gerüchten spaltete: „Irgendwann gegen Ende der 60er hatte ich mich dann mehr oder weniger an den Gedanken gewöhnt, dass nahezu jeder, mit dem ich einmal politisch zusammengearbeitet hatte, ein Regierungsagent war. Anstatt nun paranoid zu werden, fand ich das eher ziemlich komisch.“ Das fiel mir wieder ein, als ich jetzt erfuhr, dass bei der Demo in Leipzig die Plakate mit den wirrsten, durchgeknalltesten Parolen von einem Trupp scheinbar Autonomer stammten, der, nachdem alles von der ARD abgefilmt war, wieder verschwand. Solche Aktionen zur Spaltung und Kanalisierung von Protestbewegungen sind ebenso alte CoIntel-Pro-Schule wie die Denunziation und Kriminalisierung vermeintlicher „Rädelsführer“. Auch der Brandanschlag auf die Tontechnik-Lkws der Stuttgarter Corona-Demo passt da ins Bild.

Mit einem Ergebnis, dass laut Umfragen aktuell 85 Prozent der Bevölkerung mit den Corona-Maßnahmen weitgehend einverstanden sind, könnten die deutschen Konsens-Fabriken eigentlich äußerst zufrieden sein. Doch mit dem Geschrei um eine Großgefahr durch Verschwörungstheoretiker, dem „Wahn aus dem Internet“ (FAZ), soll diese Quote aber offenbar noch in die Nähe in die Nähe von 99,5 % geknüppelt werden. Muss so schon im Vorfeld die absolute Deutungshoheit sichergestellt werden, um jede Kritik an Immunitätsausweisen und ungeprüften Gen-Impfstoffen von vorneherein auszuschalten? Kann man noch von demokratischer Öffentlichkeit und Meinungsfreiheit sprechen, wenn Widerspruch, Kritik und Dissidenz als „gefährlich“, „wahnsinnig“ und „kriminell“ gelten ? Oder nicht besser von einer „Kirche der Angst“ in der eine Diskurspolizei Verstöße gegen den „wahren Glauben“ verfolgt und mit Ex-Kommunikation ahndet?

Mittlerweile – nachdem Panzer-Uschi von der Leyen das EU-Pandemie-Kommando an Bill Gates übertragen hat („Thank you for the leadership, Bill“) – erfüllt es jedenfalls den  Tatbestand der Blasphemie wenn man darauf hinweist, dass noch vor kurzem in der „Zeit“ , der ARD und anderswo ausführlich begründet wurde, warum man diesem Herrn nicht die Kontrolle der Weltgesundheitsorganisation und Milliardären nicht die globale Agenda überlassen sollte. Weil solche Hinweise mittlerweile als irre „Corona-Mythen“ gelten, hat der SWR seiner Doku von 2017 – Titel: „WHO am Bettelstab – Wo’s lang geht bestimmt Bill Gates“ – dann auch schnell noch einen Link vorangestellt, zu einem neuen Beitrag aus dem wir erfahren, dass Onkel Bill natürlich schwer in Ordnung ist. Also: Vorsicht Kinder, und immer schön auf die Sendungen mit der Verschwörungsmaus achten: Was euch heute noch als solide Recherche und seriöse Berichterstattung verkauft wird, kann schon morgen gefährliche Verschwörungsideologie sein…

Mathias Bröckers veröffentlichte zuletzt „Don’t Kill The Messenger – Freiheit für Julian Assange“ im Westendverlag. Er bloggt auf broeckers.com

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Danke an die Autoren für das Recht zur Veröffentlichung.

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Bildquelle: Valery Sidelnykov / shutterstock

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