„Vielleicht“ und „Radikal“ – Zwei Gedichte von Bernhard Trautvetter

Vielleicht
nach Erich Frieds Gedicht – Kinder und Linke

Wer anderen sagt,
was sie denken sollen,
ist rechts.

Wer anderen sagt,
was sie nicht denken sollen,
ist rechts.

Wer anderen sagt,
es ist egal,
was Ihr denkt,
ist rechts.

Wer anderen sagt,
was er selber denkt
und was daran
vielleicht
falsch sein könnte,
ist vielleicht
ein Linker oder
eine Linke

*********
***
*

Radikal
Das mathematische Ergebnis
des Wurzelziehens
oder auch
die Eigenschaft tiefen schnellen Wandels,
um zu verstehen, was das heißt,
muss Mensch
den Dingen auf den Grund gehen
an die Wurzeln
dessen
was
ist

Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung der Texte.

KenFM bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Meinungsartikel und Gastbeiträge müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

5 Kommentare zu: “„Vielleicht“ und „Radikal“ – Zwei Gedichte von Bernhard Trautvetter

  1. Gut. Nach dieser Antwort will ich einen Teil meiner Kritik zurücknehmen. Sie (die Antwort) offenbart aber auch die Fallstricke der Sprache. Bereits scheinbar eindeutig definierte Begriffe lassen Spielraum für Missverständnisse und Konflikte. Umso mehr solche Begriffe, in denen A) etwas anderes drin ist, als außen drauf steht (links-rechts sind Ortsangaben), die B) eine Vielfalt von Inhalten transporieren sollen, welche aber nicht einheitlich festgelegt sind, die C) im Laufe der Geschichte einen Bedeutungswandel vollzogen und bei denen D) am Ende ja doch jeder Einzelne die individuelle Deutungshoheit hat. Wenn diese Begriffe dann auch noch mit Emotionen stark aufgeladen werden, sind sie m.E. eher geeignet Konflikte zu erzeugen und zu vertiefen. U.U. liegt dann die Ursache für eine Differenz nur im unterschiedlichen Sprachgebrauch.

  2. Lieber Freiherr,
    die Friedensbewegung lebt von der Solidarität unterschiedlichster Menschen auf der Grundlage des Humanismus, der sich für Solidarität und Achtsamkeit gegenüber der Menschenwürde einsetzt.
    Weggefährten, seien sie im Selbstverständnis konservativ, sehe ich im Sinne des Textes als ‚links‘ an, wenn sie sich selbst gegenüber kritisch sind und wissen, dass sie sich in Über-zeugungen irren können. Die Idee, links und rechts eben gerade nicht an Schubladen fest zu machen, führte zu dem Text. Wenn ich dadurch von einem Mitengagierten nicht mehr ernst genommen werde, finde ich das sehr schade. Der Text will etwas ganz anderes, als das Stecken in Schubladen. Und er wendet sich zugleich dagegen, Menschen mit Vorschriften zu uniformieren und dagegen, ihnen mit Beliebigkeit gleichgültig zu begegnen. Unserem Engagement ist es nicht egal, was jemand denkt. Wenn etwa ein US-Botschafter Diplomatie ohne Waffen mit einem Orchester ohne Instrumente vergleicht, dann sage ich dazu „Nein“. Das Links-Rechts-Schema wird gemeinhin so verstanden, wie es die Pegida-Protagonistin K. Oertel tut: Am 15. 12.14 sagte sie: „…wir sind alle rechts. Wir verfolgen rechte Politik, wir sind Patrioten…“ (https://www.boell.de/de/feed/9281/rss.xml) Ich sage, dass rechts für mich nicht nur Nationalismus, Rassismus, Militarismus und autoritäres Law-and-Order-Denken ist, sondern auch jegliche Form von Rücksichtslosigkeit, die mit schnellem Ausgrenzen von unbequemen Meinungen. Ich empfehle auch mir, genau hinzusehen, wo wir Menschen in ihrer [und damit auch in unserer] Entwicklung eingrenzen; dabei warne ich vor Unachtsamkeit im Umgang mit anderen. Und mit sich selbst. So ist das Gedicht entstanden: der so handelt ist …vielleicht ein Linker. In der französischen Nationalversammlung saßen die auf Veränderung drängenden links, da kommt der Begriff her. Und wir brauchen Veränderung. Nach einem anderen Erich Fried-Gedicht sage ich. Wer sagt, der Mensch bleibt nun einmal so, wie er nun einmal ist, der sagt, dass der Mensch nicht bleibt. Das zu verhindern engagiere ich mich. Es ist schön, dass Ihr kritischer Text, mit einer Frage endet. Meine Antwort wird hoffentlich ausdrücken: Gestriges kann helfen, wir müssen das Rad nicht immer neu erfinden. Denkschablenen sind Denkverbote – damit lässt sich nichts lösen. Meine Versuche, auf Herausforderungen zu reagieren, können ins Leere laufen, wenn ich etwas übersehen habe. Aber dass mein Plädoyer für (selbst-) kritisches Denken zerstörerisch wirken soll, wie Benzin im Feuerwehr-Schlauch, dem vermag ich mich nicht anzuschließen. Hier noch eine schöne Geschichte des von mir geschätzten ehemaligen Essener Bundspräsidenten Gustav Heinemann: Gefragt, ob er Deutschland liebe, antwortete er: „Ich liebe keine Länder. Ich liebe meine Frau.“ Mit Begriffen spielen öffnet die Sinne und hoffentlich auch Herzen. Früher habe ich mich oft an anderen orientiert, bis ich feststellte, die tun das auch.

  3. Herr Trautvetter, nach diesem Beitrag kann ich sie nicht mehr richtig ernst nehmen. Ein „Friedensaktivist“, der Menschen in zwei Schubladen steckt, diese mit den Etiketten „rechts“ und „links“ versieht sowie derart simplen klischeehaften Charakterisierungen, ist so glaubhaft wie ein Feuerwehrmann, der statt Wasser Benzin ins Feuer gießt. Glauben Sie ernsthaft, dass sich die Herausforderungen der nächsten Jahre mit gestrigen Denkschablonen lösen lassen?

  4. Zu „Vielleicht“

    Wieso ist man RECHTS wenn man anderen sagt was Sie zu denken haben?

    Das tut doch die Medienlandschaft .tagtäglich!
    Die sind doch nicht rechts, dann wären Sie ja die waren NASOs?

    Wie immer will der Mensch verstehen, wie das funktioniert und warum? WURZELN HABEN OHNE ALLES dazugehörige keinen Sinn!
    Und ohne Koordinaten sytem ist ein links und rechts nicht möglich, einzuordnen.
    Dies kennt auch nicht nur ein oben und unten.

    Der Baum auf dem Bild ist entscheidend:
    Oben keine tollen Blüten wenn man die Wurzeln absägt, egal ob sie nach rechts oder links wachsen!

    Die Wurzeln sind nicht radikal, einfach nur pragmatisch!

    Kurze Geschichte: Habe mich auf dem Wochenmarkt mit einem Bio-Gemüse-Obst-Händler unterhalten. Der hatte zwar Ahnung aber auch einen Tinitus im Ohr, da half im nichtmal Bio!
    Ich habe ihm erklärt das ich von Bio nichts halte.
    Seine Antwort: Ja aber wir sind zertifziert!

    Und das ist das Problem. Zertifizierte UN-Waffen und nach Menschenrechtskonventionen klassifizierte Waffen, blabla, alles käuflich!
    Genauso wie Tomaten und sonstiges Gemüse.

    Mein Gedicht wäre: schaut euch mal den Artikel „Arbeit“ auf stupededia.org an und laßt das auf euch wirken.

    Lg
    „Zitat von Hanover Fist“: Jetzt pack ich aus!

    Ps. Danke für Biss Nix Modell richtig gut!

  5. Es gibt und gab aber auch Linke und Grüne, die anderen vorgeben wollten, wie sie zu denken hätten. Man denke an die Sowjetunion und an die Grünen und an die Genderideologen… sie alle wollen über Begriffsverbote und Begriffsneuschöpfungen das Denken der Menschen lenken und beeinflussen.

    Ich habe auch ein Gedicht gemacht, anlässlich der Münchner Unsicherheitskonferenz. Hier ist es:

    Wir Puppenspieler

    Hier sitz ich, mach Puppen aus Stoff
    Hier der Kasper, da Gretel mit Zopf
    An Fäden und mit der Hand zu spielen
    Als Gleichnis für die vielen.
    Ob Ritter, Magier und Soldat
    König, Bettler, Lumpenpack
    Und auch der Teufel wird von oben
    An den Fäden nur gezogen.

    Die Puppen lass ich tanzen.

    Ich bin die Herrin im Bühnenzelt
    Und denke an die große Welt.
    Hat nicht der Dichtkunst Meister
    Verlockt durch Puppengeister
    Sein Lebens-Thema und Dichtkunst-Ziel
    Gefunden durch ein Puppenspiel?
    Das er als Kind gesehn recht schnelle
    „Vom Himmel durch die Welt zur Hölle.“

    Die Puppen ließ er tanzen.

    Und trübe denk ich an die Kühnen,
    Die hochmütig, die Welt als Bühne,
    Sich selbst für mächtge Götter halten
    Um Krieg und Aufruhr zu gestalten.
    Zu schieben die Masse im Spielefeld
    Wie Mühlsteine schwer, egal, wer fällt.
    Mit dämonischer Gewalt,
    Ergreifen sie Menschengestalt.

    Die Puppen lassen sie tanzen.

    Sie jagen mit feigen Waffen
    Die „Feinde“, die selbst sie geschaffen,
    Die Soldaten, die Drohnenpiloten,
    Die Narren und die Idioten,
    Sie lassen sich instrumentalisieren,
    Als Söldner des Westens Kriege zu führen.
    Und Bürger, die mit sich spielen lassen
    Und lernen, einander zu hassen.

    Die Puppen lassen sie fallen.

    Mit lebenden Puppen wollen sie spielen
    Wollen ergreifen Dich, mich, uns, die vielen
    Und führen zu ohnmächtger Wut.
    Mit lodernder Höllenglut.
    Mit Kriegen wollen sie uns mindern?
    Zusammen mit schuldlosen Kindern?
    Damit sie noch mehr prassen können?
    Den Armen keinen Platz sie gönnen?

    Die Puppen tanzen nicht mehr!

    Wir sind keinen Puppen, an Fäden geschleift.
    Mensch ist, wer sich selbst ergreift.
    Guido Westerwelle war ein Held,
    Der sich dem Krieg entgegenstellt‘.
    Verraten ward im eignen Land
    Durch eine Mail, heimlich versandt.
    Obwohl friedliebend Souverän verpflichtet,
    Wird Krieg gemacht, der vernichtet.

    Die Toten lassen sie tanzen.

    Scham zu fühlen und Empörung
    Über Bilder der Zerstörung.
    Von unsrer Regierung mit verschuldet!
    Vom Volk, zähneknirschend, geduldet.
    Syrer und Deutsche sind Schicksalsgemeinschaft,
    Zusammengeschmiedet durch Willkürs Kraft,
    Trümmerstädte! Heute dort, damals dieses Land:
    Krieg, Tod und Vertreibung sind hier wohlbekannt.

    Deshalb dürfen wir nicht mitmachen!
    Wann endlich stehen die Deutschen auf?

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