Warum Bernie Sanders jetzt gewinnen kann

Von Prinz Chaos II.

Die Ergebnisse des “Super Tuesday” sinnvoll zu analysieren, setzt voraus, sich an den Zahlen zu orientieren – nicht am Spin in vielen Medien, die Bernie Sanders nach dem Super Tuesday für tot und beerdigt erklären. Das Gegenteil ist der Fall.

Hillary Clinton hat sieben Staaten gewonnen. Bernie vier.

Aber um das richtig einzuschätzen, muss man genau hinschauen: wer hat warum welche Staaten gewonnen, wer hat wie viele Delegierte gewonnen und was bedeutet das für das weitere Rennen?

Beide haben mit großen Mehrheiten ihre Heimatstaaten Arkansas respektive Vermont geholt. Geschenkt.

Hillary hat ansonsten im tiefen Süden mit hohen Prozentsätzen abgeräumt, in Tennessee, Texas, Alabama, Virginia und Georgia. Diese Staaten haben einen hohen Anteil afro-amerikanischer Wähler. Aufgrund der immer noch gut besuchten schwarzen Kirchengemeinden verfügt die schwarze Community über einen Mechanismus, ihre Leute zuverlässig zu mobilisieren. Es gibt erste Einbrüche der Sanderskampagne in die afro-amerikanische Community, aber hier zu punkten braucht noch Zeit.

Der Zeitfaktor spielte bisher gegen Sanders. Dabei wirkt sich der geringere Bekanntheitsgrad bisher negativ aus. Hillary Clinton war First Lady. Hillary Clinton war Außenministerin unter Obama. Jeder Amerikaner kennt Hillary Clinton. Aber es ist auch wahr, dass die Mehrheit der Amerikaner Hillary Clinton nicht mag und nicht für vertrauenswürdig hält.

Bernie Sanders war nahezu unbekannt und er ist immer noch keine amerikaweite Größe. Diese Lücke rechtzeitig zu schließen, bevor Hillary Clinton uneinholbar vorne läge, war das strategische Ziel der Sanders-Kampagne in der erste Phase. Das ist gelungen und die Ergebnisse des Super Tuesday verschaffen Sanders jetzt genug Zeit, weiter Boden gut zu machen. Und die Leute mögen ihn, je mehr sie ihn kennenlernen. Bei Clinton ist das umgekehrt…

Zudem haben die Demokraten in jenen Staaten, die Clinton nun gewann, bei der Präsidentschaftswahl keine Chance.  Völlig gleichgültig, wer für sie antritt: Alabama und Tennessee werden an die Republikaner gehen.

Ebenso wird Massachusetts an die Demokraten gehen, mit Clinton genau wie mit Sanders. Am Dienstag gewann dort Hillary mit 1% Vorsprung. Die Delegierten verteilten sich nahezu 50:50. Vor zwei Monaten lag Clinton in Massachusetts scheinbar uneinholbar vorne.

Gewinnen konnte Sanders in Colorado und in Minnesota. Das sind vergleichsweise große Staaten. Und Sanders gewann deutlich: mit jeweils 20% Vorsprung! Diese Staaten sind bei der Präsidentschaftswahl “Swing States” – je nach Kandidat und Kampagne können sie an die Demokraten oder an die Republikaner fallen. Vieles spricht dafür, dass Sanders sie holen könnte und Clinton nicht.

Schließlich gewann Sanders in Oklahoma, mit 10% Vorsprung. Dieser Staat ist klein und hält wenige Delegierte bereit. Aber er ist aussagekräftig, denn die Demographie dort fällt etwas aus dem Raster der bisherigen Sanders-Siege. Ein Drittel der Bewohner insgesamt und 41% der jüngeren Bürger gehören ethnischen Minderheiten an. Sanders kann also auch in Staaten mit großer afro-amerikanischer und hispanischer Bevölkerung punkten.

Alles in allem hat Clinton am Super Tuesday deutlich gewonnen. Sie hat mehr Delegierte geholt und mehr Staaten gewonnen als Bernie Sanders. Aber sie hat auch bei den Vorwahlen 2008 am Super Tuesday gewonnen. Am Ende hat sie gegen Barack Obama verloren. (Die Gesamtergebnisse hier: http://www.nytimes.com/elections/results)

Wie geht es jetzt weiter?

Clintons stärkste Bastionen haben bereits gewählt. Jetzt geht das Rennen in Staaten, die eher Sanders begünstigen. Und das entscheidende Datum ist der 15. März. An diesem Tag werden große und bei den Präsidentschaftswahlen entscheidende Staaten wie Ohio und Florida wählen. Die Sanders-Kampagne hat den Super Tuesday von Anfang an für sehr schwierig gehalten, sich auf wenige Staaten konzentriert und den 15. März als den Tag ihres Gegenschlags auserkoren. Die Vorwahlen bis dahin sehen Sanders als Favoriten.

Sollte Sanders gelingen, am 15. März mit Clinton gleichzuziehen, geht das Rennen auf die lange Bahn. Erstmalig könnte dann Kalifornien, das weit hinten im Vorwahlkalender liegt, aber sehr viele Delegierte bereit hält, die Entscheidung bringen. Und die fiele vermutlich für Sanders aus, denn Kalifornien steht weit links, und der Silicon Valley hasst Clinton leidenschaftlich – als die überwachungswütige kleine Schwester des großen Bruders…

Währenddessen steigt der Druck innerhalb der Demokraten, die einseitige Parteinahme der Parteibürokratie für Hillary Clinton zu beenden. Denn immer mehr Demokraten sehen, dass Sanders weitaus bessere Chancen hätte, gegen Donald Trump zu siegen. Ausnahmslos alle Umfragen bestätigen diese Einschätzung. (Siehe hier: http://www.theguardian.com/us-news/2015/aug/28/martin-omalley-democratic-national-committee-hillary-clinton-primaries)

Dass die Mainstreammedien Sanders jetzt totsagen, zeigt, dass er durchaus als Bedrohung etablierter Interessen gesehen wird und mag eine kurzfristige Wirkung entfalten. Aber auch in den USA sind die Zeiten vorbei, in denen die Konzernmedien die Meinung alleine machten.

Der Zustrom der Kleinspenden für Sanders hält jedenfalls unvermindert an. Am letzten Tag vor dem Super Tuesday alleine bekam Sanders $5 Millionen gespendet. Seine Kampagne ist bestens organisiert, seine Kundgebungen ziehen weiterhin Tausende, ja: Zehntausende Besucher an und er hat eine klare Strategie, die durch den bisherigen Verlauf kein bisschen infrage gestellt wurde.

(Hier: Sanders Kundgebungen VS Clinton Kundgebungen: http://usuncut.com/news/how-tonights-bernie-sanders-rally-compared-to-hillary-clintons/

Für einen letztendlichen Sieg Clintons spricht dennoch und weiterhin vieles: die Unterstützung der Parteibürokratie, die skrupellos am Ausgang der Vorwahlen schraubt; die Unterstützung weiter Teile der Mainstreammedien; ihre starke Basis unter Afro-Amerikanern, die bei den demokratischen Vorwahlen eine entscheidende Wählergruppe darstellen.

Aber das Rennen ist bei weitem nicht vorbei – und einiges spricht dafür, dass es für Bernie Sanders jetzt erst richtig anfängt.

Stay tuned.

 

Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Artikels.

KenFM bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Meinungsartikel und Gastbeiträge müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

6 Kommentare zu: “Warum Bernie Sanders jetzt gewinnen kann

  1. Alles nur Theater für’s Volk

    Genau so wie hier in Deutschland sind auch die „Politiker“ in den USA nichts anderes als Darsteller, Schauspieler, gut geschulte Mimen und vor allem durch Posen beeindruckende Marionetten. Sie spielen uns Tag für Tag ihr albernes Polit-Theater vor, und die große Masse nimmt das auch noch irgendwie ernst und glaubt, das habe irgend eine Bedeutung. Der einzige Zweck dieses Theaters besteht jedoch lediglich in Ablenkung vom eigentlichen Geschehen, denn wie wirklichen Probleme werden niemals angegangen, sondern höchstens noch verschärft oder symbolisch gelöst, indem man gewisse Begriffe nach Belieben umdeutet oder Konflikte schönredet, harmlosere Probleme als drohende Gefahren darstellt und mit sonstigen Schildbürgereien aufwartet.

    Die eigentlichen Puppenspieler bekommt man so gut wie nie zu Gesicht. Würde eine dieser Marionetten es dennoch wagen, den Gehorsam zu verweigern und eigenständige Politik zu machen suchen, müßten die Fädenzieher einfach nur den Namen Kennedy [1] oder hier in unserer Ecke Barschel [2] oder Möllemann [3] leise aussprechen, und schon wäre wieder alles in der Spur. Wer will schon gebarschelt werden oder vom Hochhaus oder aus dem Flugzeug ohne Fallschirm abstürzen? Zieht das auch nicht, wird die Geheimakte des Dissidenten herausgekramt und mit Erpressung weitergearbeitet. Erpressung Prominenter muß heute gar nicht mehr auf Fakten beruhen, es genügt bereits damit zu drohen, eine entsprechende Andeutung, z.B. Kinderpornographie oder Vorteilsannahme bei BILD zu melden, und schon wäre der weg vom Fenster. Meist aber müssen die gar nicht so weit gehen, dafür sorgt die tief verwurzelte Gehorsamsbereitschaft, die den allermeisten Menschen nicht bewußt ist, wie das Milgram-Experiment [4] eindrücklich zeigte.

    Egal „unter“ welchem US-Präsidenten, die Politik der USA wird sich nicht ändern, wenn sich die Bevölkerung nicht ändert. So weit ich die maßgeblichen Leute dort in der US-Administration verstehe, die davon träumen, einen weltweiten Atomkrieg zu gewinnen oder ihr Imperium durch Abschlachten von Zivilisten, durch weltweit angerichtete Blutbäder zu retten, würden die lieber die ganze Welt in die Luft jagen, bevor sie auf ihre Macht und ihren Einfluß verzichten würden. Macht ist sowieso trügerisch, denn in Wirklichkeit haben diese Leute nicht mehr Macht als du und ich, aber die anderen, die an diese Machtmenschen glauben, die verleihen ihnen den Anschein von Macht. Die Macht kommt am Ende immer aus einem Gewehrlauf. Es sind aber nicht diese „Mächtigen“, die schießen, sondern Verblendete, Unterworfene, Gehorsame. Es läuft immer wieder auf die Masse der Gehorsamsbereiten hinaus.

    Ich kann es daher nur immer und immer wiederholen: Das Unheilvollste an der ganzen Sache ist die früh implantierte absolute Gehorsamsbereitschaft. Ohne diese schwarze Erziehungspraktik wäre das alles nicht möglich. Da können wir noch so viel an den Symptomen herumdoktern, falls wir das überhaupt könnten, es wäre nicht nachhaltig, denn die unterworfene, zu absolutem Gehorsam abgerichtete Seele sucht immer nach einem vermeintlich Stärkeren, dem sie sich unterordnen kann, und wird immer, wenn sie auf vermeintlich Schwächere trifft, versuchen, jene sich selbst unterzuordnen, da bilden sich die unerwünschten Strukturen wieder ganz von selbst heraus. Vor allem aber werden diese Menschen ihre eigenen Kinder genau so abrichten, wie sie einst selbst abgerichtet wurden.

    So lange die nicht oder nur nachlässig abgerichteten Menschen auf der Welt deutlich in der Minderzahl sind, wird sich daran nichts ändern. Natürlich kann man erreichen, daß die Menschen eine Zeit lang mehr oder weniger friedlich miteinander umgehen, aber meinen langjährigen Beobachtungen nach tun sie das nur zum Schein, weil aus den falschen Gründen: Nicht weil sie wirklich „gut“ sein wollen, sondern vor allem, weil sie als „gute Menschen“ gelten wollen, gehorchen sie dem Diktus des jeweiligen Appells und versuchen eine zeitlang, sich daran zu halten, ohne jemals auch nur zu ahnen, welch mächtigen „Trieben“ [5] sie unterliegen, die sie unweigerlich zu einem nahezu willenlosen Herdentier machen, die sie den Kopf senken lassen, wenn ein Platzhirsch vorübergeht, die sie stillehalten lassen, wenn sie Unrecht beobachten, die sie davon abhalten, sich aktiv zu informieren statt sich täglich mehrmals passiv briefen zu lassen.

    Es gibt allerdings Möglichkeiten, aus dieser Bewußtlosigkeit auszubrechen, auch für erwachsene Menschen, die den Mut haben oder die Verzweiflung empfinden, sich all dem stellen zu wollen. Das geht leider nicht von heute auf morgen, sondern erfordert das Einlassen auf unerfreuliche Tatsachen, wie sie zum Beispiel von Arno Gruen [6] in seinen Büchern dargestellt werden. Arno Gruen ist ein kürzlich im Alter von 92 Jahren verstorbener Psychoanalytiker und Sozialpsychologe, der sich sein Leben lang intensiv mit diesen Fragen auseinandergesetzt hatte. Seinem vorletzten Buch mit dem Titel „Wider den Gehorsam“ stellte er ein Gedicht von Theodor Fontane voran:

    Es kann die Ehre dieser Welt
    Dir keine Ehre geben,
    Was dich in Wahrheit hebt und hält,
    Muß in dir selber leben.

    Wenn’s deinem Innersten gebricht
    An echten Stolzes Stütze,
    Ob dann die Welt dir Beifall spricht,
    Ist all dir wenig nütze.

    Das flücht’ge Lob, des Tages Ruhm
    Magst du dem Eitlen gönnen;
    Das aber sei dein Heiligtum:
    Vor dir bestehen können.

    Der „echte“ Stolz unterscheidet sich vom „falschen“ Stolz darin, daß er sich weder auf narzißtische Eitelkeiten noch auf äußere Anerkennungen beruft, sondern einzig und allein aus sich selbst heraus ent- und besteht. Der echte menschliche Stolz hat nichts mit falscher, weil narzißtischer Eigenliebe zu tun, sondern beruht auf der Tatsache, daß sich der betreffende Mensch seiner eigenen Leistungen und seines eigenen inneren Fortschritts bewußt ist. Die Entwicklung echten Stolzes setzt ein nahezu voll integriertes Selbst ohne abgespaltene Selbstanteile voraus. Der scheinbare Stolz eines Kindes, das Vater oder Mutter mit stolzgeschwellter Brust seine gemalten Bilder zeigt und auf Anerkennung hofft, nicht selten sogar darum buhlt (quengelt), ist bereits der falsche Stolz. Zum Warmwerden ein Auszug dem erwähnten Buch:

    Erzwungene Unterwerfung und blinder Gehorsam

    Im Jahr 1961 erschien eine Studie des Heidelberger Psychosomatikers Friedtjov Schaeffer über »Pathologische Treue« in der Zeitschrift »Nervenarzt«. Der Autor beschreibt in seinem Beitrag, wie verheerend sich die Treue einer jungen Frau zu ihrer Großmutter auswirkte, die ihre Enkelin unmenschlich, sadistisch und gewalttätig quälte. Menschliche Regungen bekämpfte diese Großmutter als hassenswerte Schwäche der Enkelin, die schließlich gegen ihre eigenen Gefühle ankämpfte und sie unterdrückte.

    Die Brutalität ihrer Ersatzmutter entschuldigte das Opfer damit, dass die Großmutter so viel arbeiten müsse. Der Alltag der Großmutter wurde so zum alleinigen Maßstab dessen, was die Enkelin erwarten durfte. Jede Möglichkeit, etwas Besseres zu erleben, verschwand aus ihrem Gesichtskreis, da alle Vorstellungen von Angst und Terror besetzt waren. Eine solche Treue schlägt in kritiklosen Gehorsam um; jede Regung der Großmutter machte die junge Frau zu ihrer eigenen. Dadurch wurden die unerträglichen Verhältnisse, in denen das Opfer lebte, aufrechterhalten, moralisch gerechtfertigt und auch noch verteidigt.

    Genau diese moralischen Rechtfertigungen treffen wir im gesellschaftlichen Leben immer wieder dort an, wo Menschen ihrem Unterdrücker beigetreten sind. Die Kehrseite jeder Treue ist Gehorsam. Umgekehrt impliziert jeder Gehorsam Treue. Menschen halten sich für treu, aber deswegen nicht für gehorsam, weil sie sich – aus freier Wahl – als treu empfinden und erleben. Aber indem man Treue als einen moralischen Wert empfindet, den man selbst wählt, verhüllt man jenen Gehorsam, der der Identifikation mit den Mächtigen dient. Beide, Treue und Gehorsam, wurzeln in der Autorität, wodurch freiwillige Knechtschaft zum moralischen Wert und zu einer bewundernswerten menschlichen Qualität erhoben werden. Ein derartiges Verhalten resultiert aus einem destruktiven Vorgang, bei dem der Wert des eigenen Selbst zum Unwert erklärt und der Unwert des Unterdrückers zum Wert verklärt, also in sein Gegenteil umgewandelt wird.

    Dies bewirkt und steuert zugleich den Gehorsam. Die Wurzeln dieses uralten Mechanismus finden sich in der frühesten Kindheit: Damals waren wir den Erwachsenen, die uns versorgten, aber uns auch ihren Willen aufzwangen, ausgesetzt. Diese Erfahrung bedroht jedes kindliche Selbst, das sich gerade entwickelt. Kinder, deren Willen auf diese Weise gebrochen wurde, entwickeln einen verhängnisvollen Gehorsam gegenüber Autoritäten.

    Wie Gehorsam unsere natürliche Entwicklung unterbricht und verhindert.

    Unsere Entwicklung wird dadurch gestört, dass sie Gehorsam verlangt und eine Identifizierung mit demjenigen, der Gehorsam einfordert. Gehorsam ist immer Unterwerfung unter den Willen eines anderen, weil dieser Macht über einen hat. Wenn ein Kind von demjenigen, der es schützen sollte, körperlich und/oder seelisch überwältigt wird und das Kind zu niemandem fliehen kann, wird es von Angst überwältigt. Eine Todesangst sucht das Kind heim. Es kann nicht damit leben, dass die Eltern sich von ihm zurückziehen. Ohne Echo für seine ihm eigene Wahrnehmungs- und Reaktionsfähigkeit kann ein Kind nicht überleben. Es übernimmt, um eine Verbindung aufrechtzuerhalten, die Erwartungen der Eltern. Auf diese Weise wird das seelische Sein eines Kindes in seiner autonomen Wahrnehmungs- und Reaktionsfähigkeit geradezu ausgelöscht (Gruen, 1999).

    Für ein heranwachsendes Kind oder einen jungen Erwachsenen ist dann nur noch ein Ausweichmanöver möglich, um die Angst, mit der keiner leben kann, in den Griff zu bekommen: Die Todesangst ist so überwältigend, so paralysierend, dass sie beiseitegeschoben und abgespalten werden muss – nicht nur verdrängt. Abspaltung bedeutet, dass ein Mensch Teile seiner Psyche, die ihm zur Gefahr werden, absondert.

    In Zeiten wirtschaftlicher Not und Rezessionen fühlen sich Menschen deshalb von Existenzängsten bedroht. Die vom Bewusstsein abgespaltene Angst dringt plötzlich wieder in das Bewusstsein ein. Der überrumpelte Mensch muss dann auf Lösungen zurückgreifen, die diese Angst bändigen. In solchen Fällen wiederholt sich unsere eigene Geschichte. Erneut unterwerfen wir uns – wie früher – demjenigen aus Angst, der auf uns Zwang ausübt, um von ihm gerettet zu werden.

    Das bringt uns zurück zu unseren frühesten Lebenserfahrungen, als der Wille der Eltern Autorität und Entschlossenheit verkörperte. Man sucht, wie Marcel Proust treffend bemerkte, die Erlösung von den Schmerzen gerade bei jenen, die einem diese Schmerzen zugefügt haben: »Wie haben wir den Mut, in einer Welt zu leben, in der die Liebe durch eine Lüge provoziert wird, die aus dem Bedürfnis besteht, unsere Leiden von denen mildern zu lassen, die uns zum Leiden brachten.« (Proust 1987)

    Mich haben im Laufe vieler Jahre, in denen ich statt fernzusehen, in Diskos oder Klubs, wie man heute sagt, herumzuhängen oder auf Parties meine Zeit totzuschlagen, hauptsächlich Bücher las, etliche Autoren weitergebracht. Sie haben mir dabei geholfen, mein Bewußtsein zu erweitern, indem ich mir beim Lesen, mehr aber noch beim Nachdenken über das Gelesene meiner abgespaltenen, weil unerwünschten Selbstanteile wieder und wieder bewußt zu werden gezwungen war. Über die vielen Jahre hinweg hat das zwar nicht dazu geführt, daß ich alles, was aufzuarbeiten wäre, angehen konnte, denn dafür wäre wohl eine Psychoanalyse oder sonst eine Therapie, die ich mir nicht leisten kann, notwendig. Doch immerhin konnte ich soweit Einblick erlangen, daß ich nicht nur behaupten, sondern auch beobachten kann, einen großen Teil der Abspaltungen wieder rückgängig gemacht zu haben. Ich bemerke das sehr an den Reaktionen meiner Mitmenschen, die häufig nicht etwa deshalb ablehnend sind, weil ich vielleicht unfreundlich wäre oder stinken würde oder häßlich und abstoßend aussähe. Vielmehr spüren die meisten Menschen, wenn sie einem Unangepaßtem, einem Außenseiter gegenüberstehen. Sie reagieren auf Menschen, die Bereiche zeigen und herauslassen, die von ihnen selbst verachtet oder gefürchtet werden, zumeist allergisch, abwehrend, ängstlich, ja sie fühlen sich bedroht. Allein schon die Erwähnung psychischer Zusammenhänge und Wirkmechanismen läßt viele „normale“ Menschen regelrecht zurückschrecken, denn sie glauben, wer darüber redet, müsse selbst „einen an der Klatsche“ haben.

    Die Angst, der man sich nicht stellen kann, weil sie von der Autorität verboten wurde.

    Genau diese Erfahrung beschreibt Rilke so einfühlsam: Die Angst, der man sich nicht stellen kann, weil sie von der Autorität verboten wurde, führt dazu, sich dem Täter unterzuordnen, indem man sich mit ihm verbündet und seine Gewalt in Liebe umwandelt. Und darum gelangen in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche rechtsradikale und totalitär ausgerichtete Führer an die Macht.

    Etienne de La Boétie belegte dies bereits im 16. Jahrhundert in seiner Abhandlung „Von der freiwilligen Knechtschaft“, und zahlreiche politische Ereignisse beweisen es immer wieder – wie beispielsweise der Umstand, dass Marine Le Pen und ihre Front National bei der Europawahl am 25. Mai 2014 mit rund 25 Prozent die stärkste Partei in Frankreich wurde und unter Arbeitern in wirtschaftlich desolaten Gegenden bis zu 48 Prozent der Stimmen erhielt.

    Der Verlust des authentischen Lebens

    Der Gehorsam ist ein nicht zu leugnender Aspekt unserer Kultur. Aus ihm resultieren politische Folgen, die ihrerseits eine Pathologie spiegeln, die von unserer Kultur begünstigt werden. Wer Demokratie stärken will, muss daher auf die Wurzel dieser Pathologie – den kritiklosen, blinden Gehorsam – zielen. Eine intellektuelle, rationale Erziehung mag helfen, aber letztlich geht es darum, die Strukturen unserer Kultur, die den oben beschriebenen Gehorsam fördern, zu verändern.

    Der Literaturnobelpreisträger John M. Coetzee fragt in seinem Roman „Warten auf die Barbaren“: »Wieso ist es für uns unmöglich geworden, in der Zeit zu leben wie die Fische im Wasser, wie die Vögel in der Luft, wie die Kinder?« Damit deutet er an, dass authentisches Erleben in einer Kultur wie der unsrigen nicht möglich ist – denn sie verherrlicht den Verstand und macht ihn zum Problem, indem sie von Geburt an unser Gefühlsleben verkümmern lässt.

    Wir verdammen uns dazu, so Coetzee, in unserer Geschichte zu leben, schmieden jedoch ein Komplott gegen diese Geschichte, indem wir durch die subtile Art des Gehorsams dazu gebracht werden, von Gedanken beherrscht zu werden, um im Wettbewerb nicht unterzugehen.

    Wir befinden uns deshalb in einem ständigen Überlebenskampf, dessen Ziel es ist, nicht abgewertet zu werden und vor allem nicht zu versagen. Was authentisches Erleben sein sollte, wird so irrational, weil die Angst unterzugehen oder zu versagen, Menschen die Möglichkeit raubt, mit den ursprünglichen Lebenskräften ganz unmittelbar in Kontakt zu treten und diesen Kontakt auch aufrechtzuerhalten. Alles wird zum Ausdruck eines Überlebenskampfes, dessen Ziel es ist, nicht abgewertet zu werden und vor allem nicht zu versagen. Leben als Ausdruck von Liebe, von empathischen Wahrnehmungen und menschlichem Mitgefühl, geht verloren. An seine Stelle tritt die stets lauernde Angst vor der Ohnmacht. Deshalb identifiziert man sich mit dem Aggressor. Quelle: ebd.

    Heute gibt es eine zunehmende Anzahl von Menschen, die aus dem Produktionsprozeß ausgescheiden und von den Zwängen, die damit verbunden sind, gewissermaßen befreit wurden. Obwohl man als Arbeitsloser oder ALG-II-Empfänger nicht mehr Geld hat, um gewohnten Vergnügungen und Zerstreuungen nachgehen zu können, kann man sich noch immer in einer Bücherei oder Landesbibliothek mit wertvoller Literatur versorgen. Ich möchte daher an all jene appellieren, die Zeit finden, täglich ein paar Stunden oder mehr zu lesen, sich mit diesen Autoren und ihren Schriften zu befassen. Es lohnt sich vielleicht nicht sofort, langfristig aber auf jeden Fall, das kann ich euch versprechen.

    [1] https://de.wikipedia.org/wiki/Attentat_auf_John_F._Kennedy
    [2] https://de.wikipedia.org/wiki/Uwe_Barschel
    [3] https://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCrgen_M%C3%B6llemann
    [4] Das Milgram-Experiment: http://www.irwish.de/Site/Texte2c.htm
    [5] Der Begriff wurde von mir absichtlich in Anführungszeichen gesetzt, weil ich nicht die von Sigmund Freud beschriebenen „Triebe“ meine, sondern auf die weitverbreitete, aber irrige Ansicht anspiele, daß es sich bei Gehorsams- und Unterwerfungsbereitschaft quasi um genetisch veranlagte Verhaltensweisen handeln müsse, also um „Triebe“ im weitläufigen Sinn. Nichts ist falscher als diese Annahme, denn wir erlernen Gehorsam und verlieren dabei die Möglichkeit, das Urvertrauen in unsere eigene Wahrnehmung und in unsere eigene Urteilskraft herauszubilden. Dadurch bleiben wir ein Leben lang lenk- und steuerbar, ohne uns dessen jemals bewußt zu werden.
    [6] Arno Gruen’s Werke: http://www.irwish.de/Site/Biblio/ArnoGruen.htm Download komplett: http://www.irwish.de/bin/gruen.zip
    Erich Fromm’s Werke: http://www.irwish.de/Site/Biblio/Fromm.htm
    Download komplett: http://www.irwish.de/bin/frommpdf.zip

    Meine Literaturliste der letzten 15 Jahre findet ihr unter dem entsprechenden Menüpunkt meiner Homepage: http://www.irwish.de/

  2. Hoffen wir das du Recht behältst. Wünschenswert wäre es allemal. Sollte Sanders jedoch das Rennen machen und auch noch Präsident werden wird er wohl nicht Lange im Amt bleiben , da er entweder erschossen wird oder einen Herzinfarkt erleidet, sollte er so Politik durchziehen die er vor der Wahl versprach.

  3. Andererseits denke ich, dass auch dann, wenn Sanders nicht mehrheitlich gewählt wird (er hat ja auch die meisten Superdelegierten (= Parteiestablishment, das seltsamerweise gerade bei den Demokraten Sonderdelegierte senden kann) gegen sich), alleine seine Kampagne für ziemlichen Druck gesorgt hat. Die kommende US-Regierung kann die Themen, für die Sanders steht, wohl nicht mehr wie bisher ignorieren.

  4. Ich denke, es wird schwer für Sanders. Ich vermute, dass viele Demokraten-Wähler, die gegen das Establishment sind, Trump wählen. Clinton bekommt hingegen meines Erachtens massiv Stimmen von Republikanern. Das wird durch die offenen Vorwahlen begünstigt, in denen man auch Kandidaten der anderen Partei wählen kann. Das halte ich für verzerrend.

    • Allerdings gibt es auch Republikaner, die Sanders unterstützen. Abwarten, bei wem es mehr zu Buche schlägt.

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