STANDPUNKTE • Warum wir lernten, die Wahrheit zu ignorieren (Podcast)

Ein Artikel in der israelischen Zeitung Haaretz erklärt die Absurdität der politischen Äußerungen.

Ein Standpunkt von Jochen Mitschka.

In meinem letzten Podcast hatte ich über die Absurditäten der Politik berichtet (7) und war auf der Suche danach, warum offensichtliche Unwahrheiten im politischen Diskurs ohne wesentlichen Widerstand in der Gesellschaft möglich sind. Da höre ich heute, am 15. September in den Nachrichten von SWR3, dass die USA Saudi-Arabien bei ihrer „Selbstverteidigung“ gegen die Aggression aus dem Iran (!) beistehen würden. Nun weiß jeder, dass Saudi-Arabien seit Jahren einen verheerenden Luftkrieg und Bodenangriffskrieg, insbesondere mit Hilfe Großbritanniens und den USA, aber auch mit Hilfe Deutschlands (8), gegen den Jemen führt. Gegen ein Land, das bis dahin praktisch schutzlos auf seine Barfuß-Krieger angewiesen war, und nun endlich eine Lösung gefunden hatte, um mit Drohnen Ziele in Saudi-Arabien anzugreifen. Als Vergeltung für die Vernichtung der Infrastruktur des Landes und die Blockade, die zur größten Choleraepidemie in der Geschichte der Menschheit geführt hat und fünfzehn Millionen Menschen mit dem Hungertod bedroht. Wie kann es sein, dass die Medien, trotzdem einen solchen Schwachsinn, wie von der Regierung der USA verbreitet, also „Aggression des Iran“ und „Selbstverteidigung Saudi-Arabiens“ praktisch kommentarlos durch die vielfache Wiederholung verstärken und bestätigen (9)?

Ein Artikel in der israelischen Zeitung Haaretz könnte uns dem Verständnis dieses Phänomens einen Schritt näher bringen.

Die israelische Zeitung Haaretz ist auch ein Phänomen. Obwohl das Militär in Israel Zensur ausübt, obwohl die eher liberalen Teile der Gesellschaft immer kleiner werden, gelingt es der Zeitung immer wieder, Meilensteine der Meinung zu setzen, die wir in den deutschen Medien so selten vermelden können. Eva Illouz (6) hat nun wieder einen Meinungsartikel geschrieben (1), der weit über Israel hinausgehende Bedeutung hat. Nicht nur, weil die Krise durch die Besatzung Palästinas und der ständigen Angriffe Israels gegen seine Nachbarländer Irak, Libanon und Syrien eine Krise für den Weltfrieden ist. Sondern weil die Erkenntnisse auch losgelöst von den Ereignissen in Israel von Bedeutung sind.

Die Autorin beginnt damit zu erklären, dass Lügen zu einer weit verbreiteten Praxis im öffentlichen Leben wurden, weil sie unbestraft blieben, und, was noch schlimmer ist, weil sie oft Früchte zu tragen scheinen. Es reiche, so erklärt sie, dass Benjamin Netanjahu sagt, dass der Mufti Haj Amin al-Husseini den Holocaust mitverursacht hätte (2), oder dass Benny Gantz ein Sicherheitsrisiko für Israel wäre, dass plötzlich in den Gedanken der Bürger Zweifel aufkommen, Zweifel, welche die Realität verändern.

Vergleichen Sie die Aussage von Illouz mit der „Aussprache“ im Deutschen Bundestag am 17. Mai 2019. Es reichte, dass dort Dinge behauptet wurden, die jeder Realität entbehrten, aber schon entstand Zweifel, und schon folgten alle willig der vorgegebenen Richtung des Staates, nämlich die BDS-Bewegung (Boykott, Desinvestition, Sanktionen), die sich für Menschenrechte und das Völkerrecht in Israel einsetzt, als Antisemitisch zu sehen (3).

Der Artikel erklärt, dass der beschriebene Moment ein historischer wäre, einer, welche die fundamentalsten Grundsätze der Aufklärung in sein Gegenteil verkehrt, was Moral und Wahrheit als zentrales Element der Politik angeht. Sie stellt dann die Frage:

„Was geschah mit der westlichen Kultur, dass die Menschen der Idee der Wahrheit gegenüber so vergesslich oder gleichgültig wurden? Schließlich, wenn Lügner so einfach mit ihren Lügen durchkommen, dann kann das nur geschehen, weil wir die Wahrheit nicht mehr schätzen.“ (1)

Die Autorin weist dann auf ein Buch „Über Schwachsinn“ (on Bullshit) des Philosophen Harry Frankfurt aus dem Jahr 2005 hin (4), in der dieser sein gleichnamiges Thema als eine neue Form des Wissens definiert. Für Frankfurt, so die Erklärung der Autorin, gehören die Lügner und die Wahrheiten-Erzähler zur gleichen moralischen und erkenntnistheoretischen Welt. Ein Lügner, so behaupte Frankfurt, kümmere sich sehr wohl sehr um die Wahrheit, in diesem Sinn ist der Lügner in der gleichen Situation wie derjenige, der die Wahrheit sagt, nur dass der Lügner sehr sorgfältig die Wahrheit verbirgt, die er kenne. Aber, so die Erklärung, beide wären verdrängt worden durch eine neue Form des Diskurses, die Frankfurt „Schwachsinn“ nennt. Was Schwachsinn definieren würde, wäre die Tatsache, dass sie eine Art des Redens wäre, in der die Sprecher sich weder um die Wahrheit noch darum scheren, Lügen zu erzählen. Schwachsinn habe die üblichen Sorgen von Wahrheit, Geschichte, Fakten, Methoden usw. überwunden.

Ein Lügner lüge, weil er versuche, die Wahrheit zu verbergen, während einem, der Schwachsinn redet, einfach egal ist, ob er lügt oder die Wahrheit sagt. Er kümmere sich nicht um die Wahrheit, weil er weiß, dass, was auch immer er sagt, ob Lüge oder Wahrheit, dass dies einen Eindruck auf die Zuhörer machen wird, und so seine Wichtigkeit steigen wird, oder die seines Gegners unterminiert wird.

„Als Netanjahu sagte, dass der Großmufti von Jerusalem den Holocaust voraus gedacht hätte, oder dass das Mobiltelefon von Ganz vom Iran gehackt worden wäre, dann log er nicht (wobei er allerdings die Fakten sehr gut kannte): Er war einfach dabei, Schwachsinn zu verbreiten, von dem er wusste, dass sie unwahr war, und er wusste, dass jeder wusste, dass es nicht wahr war, aber er sagte etwas das den gemeinen Bürger durcheinanderbringen würde, und das Zweifel sähen würde. Er produzierte eine Form der Rede, die sich nicht um Wahrheit oder den Anschein von Wahrheit kümmerte.“ (1)

Genau diese Erkenntnis hatte bei mir schon vor Jahren dazu geführt keine Talk-Shows mehr zu verfolgen, aber es war erschreckend in diesem Jahr wieder zu erkennen, dass diese Form des „Schwachsinn“ Erzählens bis in den Bundestag vorgedrungen war, ohne dort ernsthaft hinterfragt zu werden. Aber zurück zu dem Artikel.

Die Autorin erklärt, dass Harry Frankfurt beschreibt, dass einer der Hauptförderer für die Verbreitung von Schwachsinn durch die außerordentliche Multiplikation durch Medien erzeugt wird. Ob im Radio, im Fernsehen oder im Internet, würden die Medien ein endloses Geschnatter erzeugen, Schwachsinn in Form von „Meinungen“, Vorhersagen, Analysen, Unterhaltung produzieren.

Der unersättliche Appetit der Medien wäre nicht der einzige Grund für das Erzeugen von Schwachsinn. Ein weiterer Treiber wäre der Kult der Emotionen und der „persönlichen inneren Wahrheit“, der die westlichen Gesellschaften erfasst habe. „Anstatt in erster Linie nach genauen Darstellungen einer gemeinsamen Welt zu suchen“, schreibe Frankfurt, „wendet sich das Individuum dem Versuch zu, ehrliche Darstellungen von sich selbst zu geben“. Weil aber Fakten über uns selbst weder solide noch widerstandsfähig gegenüber skeptischer Auflösung sind, wäre diese Hinwendung zu unserem eigenen Ich zum Scheitern verurteilt.

„Unsere Eigenschaften sind in der Tat schwer fassbar unerheblich – notorisch weniger stabil und weniger inhärent als die Eigenschaften anderer Dinge. Und soweit dies der Fall ist, ist Aufrichtigkeit selbst Schwachsinn.“ (4)

Mit anderen Worten, so die Autorin, wenn die Wahrheit in das Reich der Emotionen vordringe, würde sie zu Schwachsinn. „Ich fühle mich als Opfer, also bin ich ein Opfer“ ist ein Satz, der in vielen Kulturen zu finden wäre. Der Kult der Subjektivität würde die Menschen davon abhalten, nach der Wahrheit zu suchen, und, was noch besorgniserregender wäre, würde er das innere Selbst als Wahrheit bestätigen. Schwachsinn hätte sich ausgebreitet und wäre so tief in die politischen Institutionen eingedrungen, dass wir nach dem Ursprung dieser Form der Rede und des „Wissens“ fragen sollten. Jede Wahrheit ist relativ

Eva Illouz geht dann weiter in dem Artikel, indem Sie Hannah Arendts „Die Krise der Kulturen“ (5) anführt, um zu erklären, dass Wahrheit etwas Zwanghaftes darstellen würde.

„Behauptungen, wie ‚die Erde dreht sich um die Sonne,‘ oder ‚Schwerkraft neigt dazu, Gegenstände auf die Erde zu ziehen‘, können auf sehr unterschiedliche Arten festgestellt werden. Aber sie haben gemein, dass sie über einer Vereinbarung, Meinung, Diskussion oder auch Einverständnis stehen. Wahrheit hat dann einen despotischen Charakter.“ (1)

Illouz erklärt dann, dass diese Sicht auf die Wahrheit impliziere, dass sie sich uns aufdrängt, aber durch einen doppelten Impuls zutiefst in Frage gestellt würde: Einem, der behaupte, dass alle Wahrheiten im Verhältnis zu den Werten und dem Standpunkt der Person stehen, die diese Wahrheiten anbietet; und einem zweiten, der vorschlage, dass, wenn alle Wahrheiten relativ sind, es keinen Grund gäbe, eine Wahrheit mehr als eine andere zu bevorzugen.

Die Autorin erklärt, dass der Postmodernismus eine philosophische Bewegung ist, die sich selbst als Erklärung der Idee präsentiert, dass es viele Wahrheiten gäbe, und nicht nur eine, und dass daher der eigentliche Begriff der Wahrheit sowohl Entlarvung als auch „Demokratisierung“ erfordere.

„Richard Rorty beobachtete scharfsinnig, dass die postmoderne Theorie durch die Behauptung definiert ist, dass ‚wir die Korrespondenztheorie der Wahrheit aufgeben sollten, [Anmerkung: wonach subjektive Aussagen genau dann wahr sind, wenn sie mit den Tatsachen in der objektiven Welt übereinstimmen, also korrespondieren], dass wir eine Sprache haben, um die Realität angemessen auszudrücken, und beginnen sollten, moralische und wissenschaftliche Glaubenssätze als Werkzeuge anzuerkennen, um größeres menschliches Glück zu erreichen, statt als Darstellung der inneren Natur der Realität‘. Andere Strömungen der Postmoderne gehen noch weiter: Die Wahrheit dient der Macht. Die Wahrheit ist männlich, weiß, europäisch, kolonialistisch, heteronormativ.“ (1)

Daraus folgt laut der Autorin, dass die Betrachtung der Wahrheit als Macht zu einer spektakulären Umkehrung führe: Wenn die Wahrheit während der Aufklärung als Waffe gegen Aberglauben und politischen Autoritarismus diente, war es nun das Abschlachten der Wahrheit, das zur Moral wurde. Jede Gruppe oder Person hätte ein „Recht“ auf ihre eigene Wahrheit, und diese Position wäre die einzige wirklich moralische. Und so erklärt sie, dass der französische postmoderne Theoretiker Jean Baudrillard in „Cool Memories“ (1980) schrieb: „Die Wahrheit ist das, was wir brauchen, um es so schnell wie möglich loszuwerden und jemand anderem wie einer Krankheit weiterzugeben; sie ist der einzige Weg, um uns von ihr zu heilen. Wer die Wahrheit in seinen Händen behält, ist verloren.“ (1)

Die Autorin erklärt dann das Offensichtliche, nämlich dass es natürlich äußerst fragwürdig ist, die eigene Krankheit an jemand weiter zugeben, um sich davon zu heilen. Und doch, so stellt sie fest, wurde dieser Ruf von Baudrillard und anderer Philosophen gehört und von vielen Sozialwissenschaftlern und Philosophen aufgegriffen. Sie betrachten die Wahrheit mit der gleichen Verachtung, wie Baudrillard: „als einen primitiven Glauben, über den zivilisierte Männer und Frauen hinausgewachsen sind.“ (1) Diese Sichtweise, so die Autorin, wurde umso virulenter, als sie sich vom Bereich der Erkenntnistheorie, also einem Hauptgebiet der Philosophie, in den Bereich der Politik und Moral bewegte.

„Wie Alan Bloom 1987 in ‚The Closing of the American Mind‘ schrieb, wurde das Herausfordern der Werte eines anderen für amerikanische Studenten zum Gräuel, da man sich nie sicher sein konnte, die Wahrheit zu kennen oder zu besitzen. Wirklich demokratisch und tolerant zu sein, wurde zum Synonym dafür, sich von der Zwanghaftigkeit der Wahrheit zu befreien.“ (1)

Wenn die Wahrheit, so fragt die Autorin, obszön ist, weil sie zwingend war, was wäre der Sinn der Identifizierung von Lügnern? Wenn die Wahrheit eher Privatsache ist, als allgemeines Eigentum, dann wird die Wahrheit zu einer Frage der Meinung, sowohl was Moral als auch was die Fakten angehe. Und so hätten die Wahrheiten Donald Trumps, seine alternative Fakten, der Logik der Postmoderne zu ihrem logischen Schluss geführt: Wenn die Wahrheit von Werten abhängt, dann kann er, Trump, legitim erklären, dass der Platz am Tag seiner Amtseinführung voll war, dass Barack Obama nicht in den Vereinigten Staaten geboren worden war, und dass die mexikanischen Einwanderer amerikanische Frauen vergewaltigen. Weil diese Behauptungen eine direkte Reflexion seiner Werte wären.

Die Postmoderne, so Eva Illouz, beeinflusste Universitäten, geriet auch in den öffentlichen Diskurs, und breitete sich in weiten Teilen der Bevölkerung aus, wodurch die Legitimität nach der Suche der Wahrheit untergraben wurde. Nicht umsonst, so möchte man als Deutscher hinzufügen, spielt die Postmoderne eine große Rolle bei den so genannten Antideutschen und ihren Aktionen, deren Wirkung bis in den deutschen Bundestag hinein strahlte, und sich am 17. Mai in einem Beschluss des Deutschen Bundestages manifestierte (10).

Aber, zurück zum Artikel. Die Autorin beschreibt, dass auch andere Kräfte daran arbeiteten, die Behauptung zu untermauern, dass die Wahrheit keine Rolle mehr spiele. Wobei einem prompt die Reaktion der deutschen Regierung einfällt, die vier Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes innerhalb von zwölf Monaten, mit denen der Regierung Bruch des Völkerrechts nachgewiesen wurde, für „irrelevant“ zu erklären.
Ignoranz durch Wissen

Diese kulturellen Kräfte, die daran arbeiteten, die Behauptung zu untermauern, dass Wahrheit keine Rolle mehr spiele, so Illouz, würden sich dem Begriff der Agnosie, der Nichtwahrnehmung, dem Ignorieren, annähern. Sie erklärt, dass sie durch das Werk von Robert N. Proctor und Iain Boal dazu inspiriert worden wäre, darüber nachzudenken. Beide nutzten gemeinsam den Begriff „Agnotologie“, also eine Forschungsrichtung, welche die kulturelle Erschaffung und Aufrechterhaltung von Unwissen untersucht.

Die erste Erscheinungsform der Agnosie, also des Unwissens, wäre folgende: „Ignoranz, verursacht durch massenhaftes Wissen. Experten und die Sprache der Expertise produzieren eine enorme Menge an Daten und Wissen, deren Zweck es ist, Wahrheit-‚Effekte‘ zu erzeugen – also Behauptungen, die den Anschein von Wahrheit haben, die aber, wie wir gelernt haben, mit einem Verfallsdatum verbunden sind. Denken Sie an Daten über die Gesundheit, mit denen wir täglich bombardiert werden.“ (1)

Sie erwähnt dann als Beispiel die kurzlebigen und oft widersprüchlichen Wahrheiten zu Lebensmitteln, wie Rotwein, Eier, Fett und Kaffee. Und so kommt Eva Illouz zu dem Schluss, dass wir automatisch erwarten, dass solches Wissen kurzlebig sein wird, umstritten ist, und oft widersprüchlich. Und je mehr sich wissenschaftliches Knowhow entwickele, desto mehr würde es, ironischerweise und bizarr, unscharf und unzuverlässig, zumindest in den Augen der Öffentlichkeit. Und wer denkt bei diesen Worten wohl nicht an die Diskussion über CO2 und seine Wirkung auf das Klima?

Illouz erinnert dann an die Krise der Replizierbarkeit, welche die experimentelle Wissenschaft beschäftigt. Wissenschaftler hätten es nicht geschafft, 70% der Psychologie-Experimente, von denen einige sehr bekannt sind, zu wiederholen. In diesem Zusammenhang, so stellt sie fest, werden wir gewöhnt daran, dass Daten und Wissen nicht unbedingt die Wahrheit darstellen, dass wir Daten besitzen können, ohne damit wirklich die Wahrheit zu besitzen. In diesem Zusammenhang erinnert sie an den „Reichtum der Daten“, welche Präsident George W. Bush und sein Außenminister Colin Powell nutzten, um die amerikanische Öffentlichkeit und die Welt davon zu überzeugen, dass eine militärische Intervention im Irak gerechtfertigt war.

„Interessant an dieser Episode war, dass der Versuch, die Legitimität für die Militäroperation zu suchen, nicht durch Zensur oder Geheimhaltung verfolgt wurde, sondern indem man uns, die Öffentlichkeit, mit Wissen überwältigte, das sich als falsch herausstellte. Die Falschheit des Wissens hat nicht zu der Empörung geführt, die sie hätte hervorrufen sollen, denn schließlich haben wir uns daran gewöhnt, dass wir Wissen mit einem Verfallsdatum haben.“ (1)
Hoffnung oder Hoffnungslos

„Die Vernunft bringt die Wahrheit ans Licht – dieser programmatische Satz kennzeichnet eine Denkepoche, die man als Aufklärung bezeichnet. Sie begann bereits im 17. Jahrhundert.“ erklärt der Bayrische Rundfunk (13). Was wir derzeit erleben ist genau die gleiche Rückentwicklung, mit der die Menschen im Mittelalter die Weisheiten der Antike vergaßen.

Der Artikel in der Zeitung Haaretz erklärt uns nun also, dass die „Wahrheit“ jene Äußerung ist, welche uns das Establishment durch die Medien mitteilt, und dass wir uns daran gewöhnt haben, und es akzeptieren. Die Matrix wurde realisiert. Die Frage ist, ob wir nun kulturell hunderte Jahre zurück fallen in die dunkle Phase des Mittelalters, in die Phase vor der Aufklärung, bis es eine Renaissance der Aufklärung gibt, welche seine Werte wieder in den Mittelpunkt der Kultur rückt. Oder ob es schnellere Hoffnung gibt.

Es gibt durchaus Vertreter der Meinung, dass es zu einem „Erwachen der Gesellschaft“ kommen wird (11). Während ich zumindest im Westen eher eine längere Periode des Rückfalls in ethische und moralische Zustände des Mittelalters erwarte. Wir sehen bereits heute, wie im nationalen wie internationalen Bereich Faustrecht, das Recht des Stärkeren, ungehemmter Kapitalismus, Humanität in erster Linie als Werkzeug der Machterhaltung Zeichen an der Wand sind. Sollte die Menschheit es schaffen, der Selbstvernichtung durch einen, vielleicht automatisch ausgelösten, Atomkrieg zu entkommen, so wird der Westen aber nicht so schnell aus der Falle der „subjektiven Wahrheit“ entkommen. Und dank Medien, der immer umfassender und besser werdenden Propaganda, so befürchte ich, werden die westlichen Gesellschaften es akzeptieren. Und so werden auch in diesem Jahrtausend die Waffen darüber bestimmen, welche subjektive Wahrheit wir werden akzeptieren müssen oder nicht.

Aber auch im anderen Teil der Welt, im Osten, dort wo es die Aufklärung im europäischen Sinne nicht gab, sieht es nicht danach aus, dass die Wahrheit weniger subjektiv sein wird. Der Unterschied besteht eher in der Absicht, mit der die Subjektivität der Wahrheit genutzt wird. Vielleicht am besten zu erkennen in der Bekämpfung der Armut in China, angeblich ja einer Diktatur, und andererseits in der „größten Demokratie der Welt“, Indien. Während China zwischen 1993 und 2017 vom Land mit dem größten Anteil an Armut zum Land wurde, das in der Statistik im unteren Bereich rangiert, stieg in Indien die Armut im gleichen Zeitraum so stark, dass das Land nun die Spitzenposition übernommen hat (12).

Wie seit tausenden von Jahren hat sich also nichts geändert. Wurde die „Subjektivität der Wahrheit“ früher durch Kirche und Adel, notfalls mit Gewalt durchgesetzt, sind es heute die Medien und die moderne Propaganda, welche sie verbreitet und so den Menschen sogar Glauben macht, durch Wählen ihr eigenes Schicksal zu bestimmen. Die Zeit der Aufklärung ist vorbei und die dunkle Zeit ist wieder angebrochen. Hoffen wir, dass die Renaissance der Aufklärung schneller kommt, als die Renaissance, welche die Werte der Antike aufgriff. Es wird spannend sein zu beobachten, ob auch diese Renaissance wieder von Italien ausgehen wird.

Vorschau

Nachdem ich zuletzt die Situation der Absurdität der Politik beschrieb, heute nun dargelegt habe, warum die Politik so ist, müsste wohl noch ein Artikel folgen, was man denn dagegen machen könnte. Ich arbeite dran …

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Bildquelle: Jose HERNANDEZ Camera 51/ shutterstock

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Ein Kommentar zu: “STANDPUNKTE • Warum wir lernten, die Wahrheit zu ignorieren (Podcast)

  1. Ein sehr interessanter Artikel, den ich sogleich weitergeleitet habe.
    Nun fragt mich der Empfänger nach den Quellen, spez. nach dem Buch von Eva Illouz, das im Artikel zitiert wird.
    Leider fehlen hier die Angaben zu den numerierten Quellen, auch in der PDF-Version sind sie nicht zu finden.
    ??

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