STANDPUNKTE • Warum wir lernten, die Wahrheit zu ignorieren

Ein Artikel in der israelischen Zeitung Haaretz erklärt die Absurdität der politischen Äußerungen.

Ein Standpunkt von Jochen Mitschka.

In meinem letzten Podcast hatte ich über die Absurditäten der Politik berichtet (7) und war auf der Suche danach, warum offensichtliche Unwahrheiten im politischen Diskurs ohne wesentlichen Widerstand in der Gesellschaft möglich sind. Da höre ich heute, am 15. September in den Nachrichten von SWR3, dass die USA Saudi-Arabien bei ihrer „Selbstverteidigung“ gegen die Aggression aus dem Iran (!) beistehen würden. Nun weiß jeder, dass Saudi-Arabien seit Jahren einen verheerenden Luftkrieg und Bodenangriffskrieg, insbesondere mit Hilfe Großbritanniens und den USA, aber auch mit Hilfe Deutschlands (8), gegen den Jemen führt. Gegen ein Land, das bis dahin praktisch schutzlos auf seine Barfuß-Krieger angewiesen war, und nun endlich eine Lösung gefunden hatte, um mit Drohnen Ziele in Saudi-Arabien anzugreifen. Als Vergeltung für die Vernichtung der Infrastruktur des Landes und die Blockade, die zur größten Choleraepidemie in der Geschichte der Menschheit geführt hat und fünfzehn Millionen Menschen mit dem Hungertod bedroht. Wie kann es sein, dass die Medien, trotzdem einen solchen Schwachsinn, wie von der Regierung der USA verbreitet, also „Aggression des Iran“ und „Selbstverteidigung Saudi-Arabiens“ praktisch kommentarlos durch die vielfache Wiederholung verstärken und bestätigen (9)?

Ein Artikel in der israelischen Zeitung Haaretz könnte uns dem Verständnis dieses Phänomens einen Schritt näher bringen.

Die israelische Zeitung Haaretz ist auch ein Phänomen. Obwohl das Militär in Israel Zensur ausübt, obwohl die eher liberalen Teile der Gesellschaft immer kleiner werden, gelingt es der Zeitung immer wieder, Meilensteine der Meinung zu setzen, die wir in den deutschen Medien so selten vermelden können. Eva Illouz (6) hat nun wieder einen Meinungsartikel geschrieben (1), der weit über Israel hinausgehende Bedeutung hat. Nicht nur, weil die Krise durch die Besatzung Palästinas und der ständigen Angriffe Israels gegen seine Nachbarländer Irak, Libanon und Syrien eine Krise für den Weltfrieden ist. Sondern weil die Erkenntnisse auch losgelöst von den Ereignissen in Israel von Bedeutung sind.

Die Autorin beginnt damit zu erklären, dass Lügen zu einer weit verbreiteten Praxis im öffentlichen Leben wurden, weil sie unbestraft blieben, und, was noch schlimmer ist, weil sie oft Früchte zu tragen scheinen. Es reiche, so erklärt sie, dass Benjamin Netanjahu sagt, dass der Mufti Haj Amin al-Husseini den Holocaust mitverursacht hätte (2), oder dass Benny Gantz ein Sicherheitsrisiko für Israel wäre, dass plötzlich in den Gedanken der Bürger Zweifel aufkommen, Zweifel, welche die Realität verändern.

Vergleichen Sie die Aussage von Illouz mit der „Aussprache“ im Deutschen Bundestag am 17. Mai 2019. Es reichte, dass dort Dinge behauptet wurden, die jeder Realität entbehrten, aber schon entstand Zweifel, und schon folgten alle willig der vorgegebenen Richtung des Staates, nämlich die BDS-Bewegung (Boykott, Desinvestition, Sanktionen), die sich für Menschenrechte und das Völkerrecht in Israel einsetzt, als Antisemitisch zu sehen (3).

Der Artikel erklärt, dass der beschriebene Moment ein historischer wäre, einer, welche die fundamentalsten Grundsätze der Aufklärung in sein Gegenteil verkehrt, was Moral und Wahrheit als zentrales Element der Politik angeht. Sie stellt dann die Frage:

„Was geschah mit der westlichen Kultur, dass die Menschen der Idee der Wahrheit gegenüber so vergesslich oder gleichgültig wurden? Schließlich, wenn Lügner so einfach mit ihren Lügen durchkommen, dann kann das nur geschehen, weil wir die Wahrheit nicht mehr schätzen.“ (1)

Die Autorin weist dann auf ein Buch „Über Schwachsinn“ (on Bullshit) des Philosophen Harry Frankfurt aus dem Jahr 2005 hin (4), in der dieser sein gleichnamiges Thema als eine neue Form des Wissens definiert. Für Frankfurt, so die Erklärung der Autorin, gehören die Lügner und die Wahrheiten-Erzähler zur gleichen moralischen und erkenntnistheoretischen Welt. Ein Lügner, so behaupte Frankfurt, kümmere sich sehr wohl sehr um die Wahrheit, in diesem Sinn ist der Lügner in der gleichen Situation wie derjenige, der die Wahrheit sagt, nur dass der Lügner sehr sorgfältig die Wahrheit verbirgt, die er kenne. Aber, so die Erklärung, beide wären verdrängt worden durch eine neue Form des Diskurses, die Frankfurt „Schwachsinn“ nennt. Was Schwachsinn definieren würde, wäre die Tatsache, dass sie eine Art des Redens wäre, in der die Sprecher sich weder um die Wahrheit noch darum scheren, Lügen zu erzählen. Schwachsinn habe die üblichen Sorgen von Wahrheit, Geschichte, Fakten, Methoden usw. überwunden.

Ein Lügner lüge, weil er versuche, die Wahrheit zu verbergen, während einem, der Schwachsinn redet, einfach egal ist, ob er lügt oder die Wahrheit sagt. Er kümmere sich nicht um die Wahrheit, weil er weiß, dass, was auch immer er sagt, ob Lüge oder Wahrheit, dass dies einen Eindruck auf die Zuhörer machen wird, und so seine Wichtigkeit steigen wird, oder die seines Gegners unterminiert wird.

„Als Netanjahu sagte, dass der Großmufti von Jerusalem den Holocaust voraus gedacht hätte, oder dass das Mobiltelefon von Ganz vom Iran gehackt worden wäre, dann log er nicht (wobei er allerdings die Fakten sehr gut kannte): Er war einfach dabei, Schwachsinn zu verbreiten, von dem er wusste, dass sie unwahr war, und er wusste, dass jeder wusste, dass es nicht wahr war, aber er sagte etwas das den gemeinen Bürger durcheinanderbringen würde, und das Zweifel sähen würde. Er produzierte eine Form der Rede, die sich nicht um Wahrheit oder den Anschein von Wahrheit kümmerte.“ (1)

Genau diese Erkenntnis hatte bei mir schon vor Jahren dazu geführt keine Talk-Shows mehr zu verfolgen, aber es war erschreckend in diesem Jahr wieder zu erkennen, dass diese Form des „Schwachsinn“ Erzählens bis in den Bundestag vorgedrungen war, ohne dort ernsthaft hinterfragt zu werden. Aber zurück zu dem Artikel.

Die Autorin erklärt, dass Harry Frankfurt beschreibt, dass einer der Hauptförderer für die Verbreitung von Schwachsinn durch die außerordentliche Multiplikation durch Medien erzeugt wird. Ob im Radio, im Fernsehen oder im Internet, würden die Medien ein endloses Geschnatter erzeugen, Schwachsinn in Form von „Meinungen“, Vorhersagen, Analysen, Unterhaltung produzieren.

Der unersättliche Appetit der Medien wäre nicht der einzige Grund für das Erzeugen von Schwachsinn. Ein weiterer Treiber wäre der Kult der Emotionen und der „persönlichen inneren Wahrheit“, der die westlichen Gesellschaften erfasst habe. „Anstatt in erster Linie nach genauen Darstellungen einer gemeinsamen Welt zu suchen“, schreibe Frankfurt, „wendet sich das Individuum dem Versuch zu, ehrliche Darstellungen von sich selbst zu geben“. Weil aber Fakten über uns selbst weder solide noch widerstandsfähig gegenüber skeptischer Auflösung sind, wäre diese Hinwendung zu unserem eigenen Ich zum Scheitern verurteilt.

„Unsere Eigenschaften sind in der Tat schwer fassbar unerheblich – notorisch weniger stabil und weniger inhärent als die Eigenschaften anderer Dinge. Und soweit dies der Fall ist, ist Aufrichtigkeit selbst Schwachsinn.“ (4)

Mit anderen Worten, so die Autorin, wenn die Wahrheit in das Reich der Emotionen vordringe, würde sie zu Schwachsinn. „Ich fühle mich als Opfer, also bin ich ein Opfer“ ist ein Satz, der in vielen Kulturen zu finden wäre. Der Kult der Subjektivität würde die Menschen davon abhalten, nach der Wahrheit zu suchen, und, was noch besorgniserregender wäre, würde er das innere Selbst als Wahrheit bestätigen. Schwachsinn hätte sich ausgebreitet und wäre so tief in die politischen Institutionen eingedrungen, dass wir nach dem Ursprung dieser Form der Rede und des „Wissens“ fragen sollten. Jede Wahrheit ist relativ

Eva Illouz geht dann weiter in dem Artikel, indem Sie Hannah Arendts „Die Krise der Kulturen“ (5) anführt, um zu erklären, dass Wahrheit etwas Zwanghaftes darstellen würde.

„Behauptungen, wie ‚die Erde dreht sich um die Sonne,‘ oder ‚Schwerkraft neigt dazu, Gegenstände auf die Erde zu ziehen‘, können auf sehr unterschiedliche Arten festgestellt werden. Aber sie haben gemein, dass sie über einer Vereinbarung, Meinung, Diskussion oder auch Einverständnis stehen. Wahrheit hat dann einen despotischen Charakter.“ (1)

Illouz erklärt dann, dass diese Sicht auf die Wahrheit impliziere, dass sie sich uns aufdrängt, aber durch einen doppelten Impuls zutiefst in Frage gestellt würde: Einem, der behaupte, dass alle Wahrheiten im Verhältnis zu den Werten und dem Standpunkt der Person stehen, die diese Wahrheiten anbietet; und einem zweiten, der vorschlage, dass, wenn alle Wahrheiten relativ sind, es keinen Grund gäbe, eine Wahrheit mehr als eine andere zu bevorzugen.

Die Autorin erklärt, dass der Postmodernismus eine philosophische Bewegung ist, die sich selbst als Erklärung der Idee präsentiert, dass es viele Wahrheiten gäbe, und nicht nur eine, und dass daher der eigentliche Begriff der Wahrheit sowohl Entlarvung als auch „Demokratisierung“ erfordere.

„Richard Rorty beobachtete scharfsinnig, dass die postmoderne Theorie durch die Behauptung definiert ist, dass ‚wir die Korrespondenztheorie der Wahrheit aufgeben sollten, [Anmerkung: wonach subjektive Aussagen genau dann wahr sind, wenn sie mit den Tatsachen in der objektiven Welt übereinstimmen, also korrespondieren], dass wir eine Sprache haben, um die Realität angemessen auszudrücken, und beginnen sollten, moralische und wissenschaftliche Glaubenssätze als Werkzeuge anzuerkennen, um größeres menschliches Glück zu erreichen, statt als Darstellung der inneren Natur der Realität‘. Andere Strömungen der Postmoderne gehen noch weiter: Die Wahrheit dient der Macht. Die Wahrheit ist männlich, weiß, europäisch, kolonialistisch, heteronormativ.“ (1)

Daraus folgt laut der Autorin, dass die Betrachtung der Wahrheit als Macht zu einer spektakulären Umkehrung führe: Wenn die Wahrheit während der Aufklärung als Waffe gegen Aberglauben und politischen Autoritarismus diente, war es nun das Abschlachten der Wahrheit, das zur Moral wurde. Jede Gruppe oder Person hätte ein „Recht“ auf ihre eigene Wahrheit, und diese Position wäre die einzige wirklich moralische. Und so erklärt sie, dass der französische postmoderne Theoretiker Jean Baudrillard in „Cool Memories“ (1980) schrieb: „Die Wahrheit ist das, was wir brauchen, um es so schnell wie möglich loszuwerden und jemand anderem wie einer Krankheit weiterzugeben; sie ist der einzige Weg, um uns von ihr zu heilen. Wer die Wahrheit in seinen Händen behält, ist verloren.“ (1)

Die Autorin erklärt dann das Offensichtliche, nämlich dass es natürlich äußerst fragwürdig ist, die eigene Krankheit an jemand weiter zugeben, um sich davon zu heilen. Und doch, so stellt sie fest, wurde dieser Ruf von Baudrillard und anderer Philosophen gehört und von vielen Sozialwissenschaftlern und Philosophen aufgegriffen. Sie betrachten die Wahrheit mit der gleichen Verachtung, wie Baudrillard: „als einen primitiven Glauben, über den zivilisierte Männer und Frauen hinausgewachsen sind.“ (1) Diese Sichtweise, so die Autorin, wurde umso virulenter, als sie sich vom Bereich der Erkenntnistheorie, also einem Hauptgebiet der Philosophie, in den Bereich der Politik und Moral bewegte.

„Wie Alan Bloom 1987 in ‚The Closing of the American Mind‘ schrieb, wurde das Herausfordern der Werte eines anderen für amerikanische Studenten zum Gräuel, da man sich nie sicher sein konnte, die Wahrheit zu kennen oder zu besitzen. Wirklich demokratisch und tolerant zu sein, wurde zum Synonym dafür, sich von der Zwanghaftigkeit der Wahrheit zu befreien.“ (1)

Wenn die Wahrheit, so fragt die Autorin, obszön ist, weil sie zwingend war, was wäre der Sinn der Identifizierung von Lügnern? Wenn die Wahrheit eher Privatsache ist, als allgemeines Eigentum, dann wird die Wahrheit zu einer Frage der Meinung, sowohl was Moral als auch was die Fakten angehe. Und so hätten die Wahrheiten Donald Trumps, seine alternative Fakten, der Logik der Postmoderne zu ihrem logischen Schluss geführt: Wenn die Wahrheit von Werten abhängt, dann kann er, Trump, legitim erklären, dass der Platz am Tag seiner Amtseinführung voll war, dass Barack Obama nicht in den Vereinigten Staaten geboren worden war, und dass die mexikanischen Einwanderer amerikanische Frauen vergewaltigen. Weil diese Behauptungen eine direkte Reflexion seiner Werte wären.

Die Postmoderne, so Eva Illouz, beeinflusste Universitäten, geriet auch in den öffentlichen Diskurs, und breitete sich in weiten Teilen der Bevölkerung aus, wodurch die Legitimität nach der Suche der Wahrheit untergraben wurde. Nicht umsonst, so möchte man als Deutscher hinzufügen, spielt die Postmoderne eine große Rolle bei den so genannten Antideutschen und ihren Aktionen, deren Wirkung bis in den deutschen Bundestag hinein strahlte, und sich am 17. Mai in einem Beschluss des Deutschen Bundestages manifestierte (10).

Aber, zurück zum Artikel. Die Autorin beschreibt, dass auch andere Kräfte daran arbeiteten, die Behauptung zu untermauern, dass die Wahrheit keine Rolle mehr spiele. Wobei einem prompt die Reaktion der deutschen Regierung einfällt, die vier Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes innerhalb von zwölf Monaten, mit denen der Regierung Bruch des Völkerrechts nachgewiesen wurde, für „irrelevant“ zu erklären.
Ignoranz durch Wissen

Diese kulturellen Kräfte, die daran arbeiteten, die Behauptung zu untermauern, dass Wahrheit keine Rolle mehr spiele, so Illouz, würden sich dem Begriff der Agnosie, der Nichtwahrnehmung, dem Ignorieren, annähern. Sie erklärt, dass sie durch das Werk von Robert N. Proctor und Iain Boal dazu inspiriert worden wäre, darüber nachzudenken. Beide nutzten gemeinsam den Begriff „Agnotologie“, also eine Forschungsrichtung, welche die kulturelle Erschaffung und Aufrechterhaltung von Unwissen untersucht.

Die erste Erscheinungsform der Agnosie, also des Unwissens, wäre folgende: „Ignoranz, verursacht durch massenhaftes Wissen. Experten und die Sprache der Expertise produzieren eine enorme Menge an Daten und Wissen, deren Zweck es ist, Wahrheit-‚Effekte‘ zu erzeugen – also Behauptungen, die den Anschein von Wahrheit haben, die aber, wie wir gelernt haben, mit einem Verfallsdatum verbunden sind. Denken Sie an Daten über die Gesundheit, mit denen wir täglich bombardiert werden.“ (1)

Sie erwähnt dann als Beispiel die kurzlebigen und oft widersprüchlichen Wahrheiten zu Lebensmitteln, wie Rotwein, Eier, Fett und Kaffee. Und so kommt Eva Illouz zu dem Schluss, dass wir automatisch erwarten, dass solches Wissen kurzlebig sein wird, umstritten ist, und oft widersprüchlich. Und je mehr sich wissenschaftliches Knowhow entwickele, desto mehr würde es, ironischerweise und bizarr, unscharf und unzuverlässig, zumindest in den Augen der Öffentlichkeit. Und wer denkt bei diesen Worten wohl nicht an die Diskussion über CO2 und seine Wirkung auf das Klima?

Illouz erinnert dann an die Krise der Replizierbarkeit, welche die experimentelle Wissenschaft beschäftigt. Wissenschaftler hätten es nicht geschafft, 70% der Psychologie-Experimente, von denen einige sehr bekannt sind, zu wiederholen. In diesem Zusammenhang, so stellt sie fest, werden wir gewöhnt daran, dass Daten und Wissen nicht unbedingt die Wahrheit darstellen, dass wir Daten besitzen können, ohne damit wirklich die Wahrheit zu besitzen. In diesem Zusammenhang erinnert sie an den „Reichtum der Daten“, welche Präsident George W. Bush und sein Außenminister Colin Powell nutzten, um die amerikanische Öffentlichkeit und die Welt davon zu überzeugen, dass eine militärische Intervention im Irak gerechtfertigt war.

„Interessant an dieser Episode war, dass der Versuch, die Legitimität für die Militäroperation zu suchen, nicht durch Zensur oder Geheimhaltung verfolgt wurde, sondern indem man uns, die Öffentlichkeit, mit Wissen überwältigte, das sich als falsch herausstellte. Die Falschheit des Wissens hat nicht zu der Empörung geführt, die sie hätte hervorrufen sollen, denn schließlich haben wir uns daran gewöhnt, dass wir Wissen mit einem Verfallsdatum haben.“ (1)
Hoffnung oder Hoffnungslos

„Die Vernunft bringt die Wahrheit ans Licht – dieser programmatische Satz kennzeichnet eine Denkepoche, die man als Aufklärung bezeichnet. Sie begann bereits im 17. Jahrhundert.“ erklärt der Bayrische Rundfunk (13). Was wir derzeit erleben ist genau die gleiche Rückentwicklung, mit der die Menschen im Mittelalter die Weisheiten der Antike vergaßen.

Der Artikel in der Zeitung Haaretz erklärt uns nun also, dass die „Wahrheit“ jene Äußerung ist, welche uns das Establishment durch die Medien mitteilt, und dass wir uns daran gewöhnt haben, und es akzeptieren. Die Matrix wurde realisiert. Die Frage ist, ob wir nun kulturell hunderte Jahre zurück fallen in die dunkle Phase des Mittelalters, in die Phase vor der Aufklärung, bis es eine Renaissance der Aufklärung gibt, welche seine Werte wieder in den Mittelpunkt der Kultur rückt. Oder ob es schnellere Hoffnung gibt.

Es gibt durchaus Vertreter der Meinung, dass es zu einem „Erwachen der Gesellschaft“ kommen wird (11). Während ich zumindest im Westen eher eine längere Periode des Rückfalls in ethische und moralische Zustände des Mittelalters erwarte. Wir sehen bereits heute, wie im nationalen wie internationalen Bereich Faustrecht, das Recht des Stärkeren, ungehemmter Kapitalismus, Humanität in erster Linie als Werkzeug der Machterhaltung Zeichen an der Wand sind. Sollte die Menschheit es schaffen, der Selbstvernichtung durch einen, vielleicht automatisch ausgelösten, Atomkrieg zu entkommen, so wird der Westen aber nicht so schnell aus der Falle der „subjektiven Wahrheit“ entkommen. Und dank Medien, der immer umfassender und besser werdenden Propaganda, so befürchte ich, werden die westlichen Gesellschaften es akzeptieren. Und so werden auch in diesem Jahrtausend die Waffen darüber bestimmen, welche subjektive Wahrheit wir werden akzeptieren müssen oder nicht.

Aber auch im anderen Teil der Welt, im Osten, dort wo es die Aufklärung im europäischen Sinne nicht gab, sieht es nicht danach aus, dass die Wahrheit weniger subjektiv sein wird. Der Unterschied besteht eher in der Absicht, mit der die Subjektivität der Wahrheit genutzt wird. Vielleicht am besten zu erkennen in der Bekämpfung der Armut in China, angeblich ja einer Diktatur, und andererseits in der „größten Demokratie der Welt“, Indien. Während China zwischen 1993 und 2017 vom Land mit dem größten Anteil an Armut zum Land wurde, das in der Statistik im unteren Bereich rangiert, stieg in Indien die Armut im gleichen Zeitraum so stark, dass das Land nun die Spitzenposition übernommen hat (12).

Wie seit tausenden von Jahren hat sich also nichts geändert. Wurde die „Subjektivität der Wahrheit“ früher durch Kirche und Adel, notfalls mit Gewalt durchgesetzt, sind es heute die Medien und die moderne Propaganda, welche sie verbreitet und so den Menschen sogar Glauben macht, durch Wählen ihr eigenes Schicksal zu bestimmen. Die Zeit der Aufklärung ist vorbei und die dunkle Zeit ist wieder angebrochen. Hoffen wir, dass die Renaissance der Aufklärung schneller kommt, als die Renaissance, welche die Werte der Antike aufgriff. Es wird spannend sein zu beobachten, ob auch diese Renaissance wieder von Italien ausgehen wird.

Vorschau

Nachdem ich zuletzt die Situation der Absurdität der Politik beschrieb, heute nun dargelegt habe, warum die Politik so ist, müsste wohl noch ein Artikel folgen, was man denn dagegen machen könnte. Ich arbeite dran …

Quellen:

  1. https://www.haaretz.com/israel-news/.premium.MAGAZINE-a-brief-history-of-bullshit-why-we-ve-learned-to-ignore-truth-1.7837206
  2. https://www.haaretz.com/israel-news/netanyahu-absolves-hitler-of-guilt-1.5411578
  3. https://www.amazon.de/Die-vergessenen-Lehren-Auschwitz-Menschenrechte/dp/3966070383/ref=sr_1_1
  4. https://www.amazon.de/Bullshit-Harry-G-Frankfurt/dp/0691122946#reader_0691122946
  5. https://www.haaretz.com/israel-news/.premium.MAGAZINE-why-does-hannah-arendt-s-banality-of-evil-still-anger-israelis-1.7213979
  6. https://www.haaretz.com/misc/writers/WRITER-1.4968979
  7. https://kenfm.de/standpunkte-%e2%80%a2-die-absurditaet-der-realitaet/
  8. https://www.amazon.de/Deutschlands-Angriffskriege-verlorene-Geist-Grundgesetzes/dp/3864456878/ref=sr_1_1
  9. Die Situation im Jemen wurde verkürzt dargestellt. Natürlich gibt es mehr Parteien in dem Land, die einerseits um Vorherrschaft oder Unabhängigkeit kämpfen und von unterschiedlichen Ländern unterstützt werden, und auch noch Terroristengruppen, die von unterschiedlichen Ländern unterstützt werden. Aber im Prinzip hatten die Huthis den größten Teil des wichtigen besiedelten Landes unter ihre Gewalt gebracht, den Marionetten-Präsidenten aus dem Amt gejagt und dann die Macht abgegeben an eine Regierung der Nationalen Einheit, die dann aber durch Attentate und Bestechung zerbrach. So dass im Moment viele gegen viele kämpfen, auch Verbündete Gruppen, die von unterschiedlichen angreifenden Ländern finanziert werden, gegeneinander. Aber der wesentliche Kampf ist derjenige der Huthis gegen Saudi-Arabien.
  10. https://www.amazon.de/Die-vergessenen-Lehren-Auschwitz-Menschenrechte/dp/3966070383
  11. https://medium.com/@caityjohnstone/the-humans-are-waking-up-eb47bcfe6fac
  12. https://twitter.com/i/status/1170829017064230912 https://openknowledge.worldbank.org/bitstream/handle/10986/30418/9781464813306.pdf
  13. https://www.br.de/mediathek/podcast/radiowissen/vernunft-als-wahrheit-gedanken-zur-aufklaerung/33023

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Bildquelle: Jose HERNANDEZ Camera 51/ shutterstock

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16 Kommentare zu: “STANDPUNKTE • Warum wir lernten, die Wahrheit zu ignorieren

  1. Ach Gott, der Artikel ist sehr gut. Manche der Kommentare allerdings sind Bestätigung der Richtigkeit des Artikels den Sie kritisch kommentieren.
    Natürlich gibt es keine absolute Wahrheit wie wahr! Und natürlich gibt es sehr oft ein Sowohl als Auch. Aber auch relative Wahrheiten sind nicht so schlecht. Z.b. wenn ich Getreide anbaue und es später mahle und daraus Brot mache, dann werde ich essen können. Die meisten Menschen mögen solche Wahrheiten. Es ist lächerlich alle Wahrheiten zu relativieren. Ob die Wahrheit von Busch über nine-eleven wahr ist oder die von Daniele Ganser macht einen welthistorischen Unterschied aus. Die Lüge ist deshalb so allgegenwärtig verbreitet weil eine Schichte vom Bereicherungs Gewinnern den Menschen ständig erzählen wollen dass es nur so sein kann. Wenn wir mit dieser Berechtigung zur Bereicherung Schluss machen würden, würde auch wieder Platz für Wahrheit sein. trotzdem würde der philosophische Satz gelten: sowohl entweder oder als auch sowohl als auch. Aber wie gesagt beim Brot – essen oder nicht – zählt das entweder und bei vielen anderen Dingen auch. DIe Wahrheit hat immer eine große Rolle gespielt und das wird sich auch in Zukunft nicht ändern. Bertram Burian, Wien

    • Ja, natürlich gibt es ein sowohl als auch. Es ermöglicht, die Subjektivität eines anderen Kennenzulernen und so meinen Raum zu erweitern. Aber sind nicht sowohl als auch-Wahrheiten immer mit einem Blickwinkel oder Schwerpunkt/Glaubenssatz verbunden? Davon unbeeinflusst sind historische Tatsachen oder allgemeingültige Fakten (wie beispielsweise Naturgesetze) eindeutig und wahr. (Zumindest will mir jetzt kein anderes Beispiel einfallen)

      Das Problem heute scheint mir die Oberflächlichkeit und künstlich erzeugte Schnellebigkeit zu sein, sowie die fehlende Möglichkeit der massenweisen Berieselung durch msm eine gleichlaute Gegenstimme entgegenzustellen.

  2. Werden hier nicht ein paar ganz banale Dinge vergessen?

    Um eine Aussage als Fakt definieren zu können und damit zu sagen – ist Wahrheit – ist die Auftretenswahrscheinlichkeit ganz entscheidend. Das es auf der Erde eine Schwerkraft gibt kann ich also getrost mit Ja. beantworten.

    Mühseliger wird die Angelegenheit bei – gehen wir ins andere Extrem – Klimamodellen. Hier werden chaotische Systeme mit einer begrenzten Anzahl an Parametern berechnet, wobei niemand mit Sicherheit vorhersagen kann, ob zukünftig nicht bislang unbekannte Wechselwirkungen auftreten. Damit bleiben Klimamodelle immer deutlich unzuverlässigere Prognosen.

    Auch würde ich der Behauptung wiedersprechen wollen, daß das Wissen ins Unermeßliche explodiert. Die Anzahl der Studien nimmt entsprechend der zunehmenden Anzahl der im wissenschaftlichen Bereich Tätigen und der erforderlichen Anzahl an Papers für die nächste Karrierestufe zu. Ergänzt wird dies mit einer durch Computerisierung extrem gestiegenen Anzahl an möglichen Datensätzen/Parametern.

    Das ist für den menschlichen Verstand etwas unhandlich und auch die Vertiefung der einzelnen Fachdisziplinen trägt zu einer Streuung der Arbeiten bei, das bedeutet aber noch keine Häufung anwendungsrelevanten Wissens.

    Die Wahrheit dort zu finden bedarf es eben ein wenig Mühe, die Existenz von Wahrheiten philosophisch wegzudefinieren ist aber wohl eher ein Auswuchs von Langeweile.

    Das es Tatsachen gibt, wie der durch den wissenschaftlichen Dienst festgestellte Völkerrechtsbruch, und dieser durch die deutsche Regierung ignoriert wird, liegt im Bereich des Politischen und des Anspruchs der Macht. Begünstigt wird das durch die derzeit fehlende Gewaltenteilung.

    Eine Handlungsmöglichkeit:

    https://epetitionen.bundestag.de/petitionen/_2019/_08/_21/Petition_98383.nc.html

    https://www.rubikon.news/artikel/der-blinde-fleck-2

  3. "Aber da unten – da redet alles, da wird alles überhört. Man mag seine Weisheit mit Glocken einläuten: die Krämer auf dem Markte werden sie mit Pfennigen überklingeln!
    Alles bei ihnen redet, niemand weiß mehr zu verstehn. Alles fällt ins Wasser, nichts fällt mehr in tiefe Brunnen.
    Alles bei ihnen redet, nichts gerät mehr und kommt zu Ende. Alles gackert, aber wer will noch still auf dem Neste sitzen und Eier brüten?
    Alles bei ihnen redet, alles wird zerredet. Und was gestern noch zu hart war für die Zeit selber und ihren Zahn: heute hängt es zerschabt und zernagt aus den Mäulern der Heutigen.
    Alles bei ihnen redet, alles wird verraten. Und was einst Geheimnis hieß und Heimlichkeit tiefer Seelen, heute gehört es den Gassen-Trompetern und andern Schmetterlingen.
    O Menschenwesen, du wunderliches!"
    (Nietzsche, Also sprach Zarathustra)

  4. Birkat Kohanim

    1. einverstanden,
    2. Glücklicherweise sind die Menschen verschieden,
    denn nur so machen demokratische Prozesse, die zu Regeln zum Wohl aller in einer
    Gemeinschaft führen sollen, Sinn.
    3. Die Kenntnis aller alternierenden Realitäten und diversen Variationen zu Themen,
    wäre unnötiger Ballast. Für eine Entscheidungsfindung sind die relevanten und
    umsetzbaren Möglichkeiten der Problemlösung von Interesse.
    Der Rest kann ausgeblendet werden. Sollten aber neue Erfahrungen andere,
    bessere Möglichkeiten aufzeigen, können diese im weiteren demokratischen
    Prozess mit berücksichtigt werden.

    4. Woher kommen diese Fixierungen? Das verstehe ich jetzt nicht.
    Dass über Ausblendungen nicht im 'logischen Ausschussverfahren'
    entschieden werden kann, hat nichts mit der Qualität des Verfahrens zur
    Wahrheitsfindung zu tun.

    5. Auch das hat nichts mit den 'erdachten Wahrheiten' zu tun,
    sondern mit den Gegenreaktionen zur Abwehr und zum Schutz der Machtverhältnisse,
    die nicht infrage gestellt werden dürfen (ein großes Thema bei Prof. Mausfeld.

  5. Man darf wohl als gegeben annehmen:

    1. Die Menschen wurden der Idee der Wahrheit gegenüber weder vergesslich noch gleichgültig – sondern es war noch nie anders, weil es nie anders sein konnte.
    Es konnte nie anders sein weil:

    2. Die 'Wahrheit' ist für das Individuum das, was es nach seinem Verständnis und Gusto als widerspruchsfrei empfinden, ertragen und vereinheitlichen kann.
    Da Individuen – Überraschung – verschieden sind, kommt es nie zu einer echten Vereinheitlichung der Dispositionen diesbezüglich.

    3. Es ist absolut (in diesem absoluten Anspruch) unmöglich die gewaltigen Unterschiede, das gesamte Spektrum, die alternierenden Realitäten und diversen Variationen der Themen alle zu einer widerspruchsfreien, für aller ertragbaren und verstehbaren Einheitlichkeit zu überführen, die die gewünschte <b>Orientierung</b> (DAS ist der Wahrheitszweck!) für alle gewährleisten.

    4. Die meisten Formen der Wahrheitssuche führen zu Fixierungen und damit zu großen Ausblendungen relevanter Anteile der Wirklichkeit, so dass sich auch so – einfach aufgrund des sogenannten 'logischen' Ausschlussverfahrens – nur Wahrheiten unter Missachtung der übrigen Wirklichkeit formulieren lassen.

    5. Keine der bisher in der Menschheitsgeschichte erdachten 'Wahrheiten' hat nennenswerte Verbesserungen der Gesamtlage erwirken können, weil eben jede 'Wahrheit' als tatsächliche Teilwahrheit immer die Gegenreaktion anderer Teilwahrheiten heraus gefordert hat.
    Ergebnisse sind hinlänglich bekannt – sie sind nicht positiv zu bewerten.

    PS: Um die physikalische Frage, ob der Stein einem auf die Füße fällt, wenn man ihn loslässt, ist noch nie ein Krieg entbrannt.

    • "Es ist absolut (in diesem absoluten Anspruch) unmöglich die gewaltigen Unterschiede, das gesamte Spektrum, die alternierenden Realitäten und diversen Variationen der Themen alle zu einer widerspruchsfreien, für aller ertragbaren und verstehbaren Einheitlichkeit zu überführen, die die gewünschte <b>Orientierung</b> (DAS ist der Wahrheitszweck!) für alle gewährleisten."

      Zusätzlich zu den gewaltigen Unterschieden im gesamten Spektrum alternierender Realitäten kommt die Tatsache, daß wir nur UNTERSCHIEDE wahrnehmen, in dem Sinne, daß wir aufhören wahrzunehmen, wenn der Stimulus dauernd anhält. Wenn wir aufhören, auf ständig wechselnde Stimuli zu reagieren, dann können wir mit Denken (und Meditieren) beginnen.

      "Orientierung" DAS ist der Wahrheitszweck" und die unmittelbare physiologische Reaktion eines Organismus auf einen Veränderung/einen Unterschied in seiner Umwelt. OR ist eine Reaktion auf neuartige oder signifikante Stimuli. Spätestens seit Pavlov sind OR – Orienting Response und Habituation, ausgearbeitet im Behaviorismus, instrumentiert für die Manipulation der Menschen im Dschungel der "Wahrheiten".

  6. "Die Zeit der Aufklärung ist vorbei und die dunkle Zeit ist wieder angebrochen. Hoffen wir, dass die Renaissance der Aufklärung schneller kommt, als die Renaissance, welche die Werte der Antike aufgriff."
    Das kann und will ich nicht hoffen. Da fällt mir nur wieder frei nach Rio Reiser ein:
    Der Traum ist aus, aber ich werde alles geben, dass er Wirklichkeit wird!
    Ja, ich will gegenhalten. Ich übernehme weder die Denke, noch den Sprachgebrauch, halte
    an den Logik-Regeln fest, wie sie z.B. hier vertreten werden:
    https://docplayer.org/18713976-Logik-skript-zur-vorlesung-argumentation-kommunikation-rhetorik.html
    akzeptiere, dass das was ein geltendes Wissenschaftsparadigma ausmacht, nicht nur aus bestätigten Ergebnissen basiert, sondern ein Prozess ist, bei dem falsifiziert und bestätigt wird, und zwar so lange bis das Paradigma nicht mehr haltbar ist,
    akzeptiere, dass Wissenschaft auch Vereinbarungen der Fachkollegen braucht über das was
    momentan gilt, akzeptiere, dass das Wissensspektrum Ränder des Übergangs enthält, dass unser Wissen Teilwissen von größeren übergreifenden Modellen und Theoriegebäuden ist, usf., dass Newtons Mechanik selbstverständlich weiter gilt, auch wenn sie zu einem Spezialfall oder Teilaspekt eines größeren Ganzen erklärt wird.
    Auf jeden Fall ist Wissenschaft ein Prozess.
    Brauchbare Diskursregeln führen zu klarem Konsens bzw. geklärten Abgrenzungen:
    https://www.wiwi.uni-siegen.de/wiwi/prod/downloads/12popperthesen.pdf
    Wie könnte ich Diskurse ernst nehmen, die sich nicht an solche Regeln halten?
    Noch einmal Gethmann zur Wissenschaftstheorie: https://www.youtube.com/watch?v=CqCHqfYRPFI

    Wenn Verwirrte meinen, man brauche sich nicht mit verschiedenen Ausprägungen z.B von Kapitalismus befassen, weil "DER" Kapitalismus sowieso überwunden werden müsse, können sie doch überhaupt nicht erkennen, welches Bausteine für eine Ökonomie sein könnten, die allen dient.
    Ich will ein Beispiel für klare Aussagen zur Ökonomie zitieren:
    https://taz.de/Oekonom-ueber-Soziale-Marktwirtschaft/!5627461/

    Hier gefällt mir dreierlei: Wie klar sich Rudolf Hickel ausdrückt, und das in ein paar Sätzen,
    und dass er das Stabilitätsgesetz von 1967 hochhält. Ausführlicher hier:
    http://www.fr.de/politik/meinung/gastbeitraege/austeritaetspolitik-blick-zurueck-nach-vorn-a-1298754

  7. Man könnte zunächst festhalten, dass der Mensch sich im Spannungsfeld zwischen Wahrheit und Lüge bewegt. Wenn wir davon ausgehen, dass Wahrheit und Lüge absolute Begriffe sind, d.h. es gibt eine absolute Wahrheit (z.B. das Göttliche) und es gibt die Lüge in Form eines Gegenspielers (z.B. Sartan). Unter diesen Bedingungen wäre es einfach seinen "richtigen Weg" zu finden, indem wir dem Göttlichen folgen.

    Das Problem ist, das der allgemeine Mensch nicht weiß, wer dass göttliche Prinzip verkörpert und uns als "Geistführer" durch den Dschungel der Täuschungen und Lügen führen kann, denn
    hinter jeden freundlichem Gesicht könnte auch eine Fratze sein und hinter jeder Fratze könnte ein freundliche Gesicht verborgen sein.

    Verfolgen wir den Gedanken weiter, dann kann der Mensch von sich aus behaupten, es gäbe keine absolute Wahrheit, bestenfalls subjektive Wahrheiten und damit wäre jede Wahrheit aus einer anderen Perspekive gesehen keine Wahrheit und käme der Lüge gleich. Um die Wahrheit der Lüge gleich näher zu setzen, muss auch der Begriff Lüge geklärt werden.

    Eine Lüge kann nur aus dem Gegensatz zur Wahrheit existieren, d.h der Lügner muss die Wahrheit kennen, und somit muss ihm die Wahrheit bewusst sein, die er nicht wahrhaben möchte. Die Motive des NICHTWAHRHABENS (denn Wahrheit erkennen und Wahrheit leben ist etweas ganz anderes) können sehr unterschiedlich sein.

    Die Existenz einer Lüge braucht das erkennen von Wahrheit und hat damit keine eigenständige Kraft. Die Lüge ist der Wahrheit untergeordnet und ist lediglich ein hilfloser Versuch der Wahrheit auszuweichen oder dient als eine Art Ventil mit der Wahrheit in einer Art und Weise umzugehen, wie man es für sich aushalten kann.

    Wenn jedoch die absolute Wahrheit "angegriffen" und "relativiert" wird, nur weil der Mensch sie nicht ohne weiteres erkennt und sich immer wieder auf Irrwegen befindet (-> wir brauchen eine Geisteswissenschaft, die eine andere Grundlage als die Naturwissenschaft hat) und sich nicht von der Naturwissenschaft der Dinge "leugnen" und "ersticken" lässt. In vielen Bereichen kommt die Naturwissenschaft an ihre Grenzen und bedient sich am Ende ihrer Kraft dem DOGMA um der Vorherrschaft. Mit dem Dogma wird das Tor der Lüge für die Wissenschaft geöffnet.

    Ähnlich wie die Kirche im Mittelalter das Dogma nutzte für die Verwaltung des Glaubens in Form ihrer zur Verfügung gestellten Religion, so benutzt heute die Naturwissenschaft das Dogma für die Verwaltung der Dinge, damit der Mensch den Weg zur Freiheit nicht findet.

    • "…..wäre jede Wahrheit aus einer anderen Perspekive gesehen keine Wahrheit".

      Konjunktiv: "wäre"!

      "Ähnlich wie die Kirche im Mittelalter das Dogma nutzte für die Verwaltung des Glaubens in Form ihrer zur Verfügung gestellten Religion, so benutzt heute die Naturwissenschaft das Dogma für die Verwaltung der Dinge, damit der Mensch den Weg zur Freiheit nicht findet."

      Im Dualismus der westlichen christlichen Kultur (Wissenschaft und Religion) IST (kein Konjunktiv!) jede Wahrheit aus einer anderen Perspektive keine Wahrheit. Es darf/kann nicht gleichzeitig zwei Wahrheiten geben. Auch der Begriff "Freiheit" kennt nur eine Wahrheit im Dogma der (wissenschaftlichen/religiösen) Verwaltung der Dinge.

      "Die Religion, sagt man, sei nur ein prächtiger Teppich, hinter dem man jeden gefährlichen Anschlag nur desto leichter ausdenkt. Das Volk liegt auf den Knien, betet die heiligen gewirkten Zeichen an, und hinten lauscht der Vogelsteller, der sie berücken will." (Goethe)

      Ich denke, Goethe hätte keine Einwände, das Wort "Religion"mit "Wissenschaft" zu ersetzen im obigen Zitat.

      "Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, / hat auch Religion; / wer jene beiden nicht besitzt, / der habe Religion." (Goethe)

      Bertolt Brecht: »Nun ist die Wissenschaft selber bei weitem nicht so frei von Aberglauben, wie sie vorgibt. Wo ihr Wissen nicht ausreicht, da produziert sich ihr Glaube, und das ist immer ein Aberglaube.«

  8. „Was geschah mit der westlichen Kultur, dass die Menschen der Idee der Wahrheit gegenüber so vergesslich oder gleichgültig wurden? Schließlich, wenn Lügner so einfach mit ihren Lügen durchkommen, dann kann das nur geschehen, weil wir die Wahrheit nicht mehr schätzen.“

    Die westliche Kultur, das bisschen das sie an Kultur hervorgebracht hat, war nicht in der Lage das eigentliche, innerste Interesse der Menschen am Durchbruch zu hindern.
    Tagtäglich mitanzusehen wie weltweit Luxus, Reichtum und Konsum Verbrechern vorbehalten ist, hat die Menschen dazu gebracht ehrlicherweise die eigene Habgier und den eigenen Konsumwunsch anzuerkennen, und sich in der Realität genauso zu benehmen wie die Reichen.
    Ein Europa Parlamentarier, bekommt nach zwei Legislaturperioden einen monatlichen 5stelligen Euro Betrag bis and Lebensende. Das zu riskieren um völlig sinnlosen Widerstand gegen die Verlogenheit dieses völlig korrupten Verbrecherladen zu leisten, wäre einfach nur dumm—

    Nicht nur Politiker, oder Banker, denken so. Ich bekomme mehr Geld? Gut, dann vergesse ich die Wahrheit, die ich zwar kenne, von der mir die Realität aber tagtäglich zeigt, dass ihr Ausprechen für mich nichts als Nachteile hätte. Um das zu bekommen was ich will, um so leben zu können wie ich möchte, muss ich lügen und betrügen wo ich nur kann. Die einzige Bedingung dabei ist, dass ich es so tue, dass ich nicht erwischt werde…

    Das ist die Grundregel der "Westlichen Kultur" der Gegenwart
    Adorno /Horkheimer haben das in der " Dialektik der Vernunft" deutlich beschrieben, wer es sehen wollte hat es gesehen!

    • Nur ein Einwand:
      Je nachdem, welche Aspekte der Kultur gemeint sind: Was an "Kultur" (= alles, was der Mensch "hervorbringt" im Unterschied zu der von ihm nicht veränderten Natur) "hervorgebracht" wurde, das war nicht ein "bisschen"; das war und ist Überflußproduktion. Aber mit ein "bißchen" Kultur meinen Sie selbstverständlich nicht diese Überschußproduktion, die Mensch und Natur so verändert hat, daß aus dem Menschen ein Verbraucher von Kultur, Mensch und Natur wurde.

      "War nicht in der Lage, das eigentliche, innerste Interesse der Menschen am Durchbruch zu hindern."

      Ich glaube nicht, daß es das eigentliche, innerste Interesse des Menschen ist, sich als Konsument versklaven zu lassen. Ich meine, daß es das schon immer gab, was Gramsci Kulturelle Hegemonie (Produktion zustimmungsfähiger Ideen) nannte. Er meinte allerdings, "…in denen die Interessen der herrschenden Gruppen überwiegen, aber nur bis zu einem gewissen Punkt, d. h. nicht bis zu einem engen ökonomisch-korporativen Interesse". Dieser Punkt ist überschritten! Abstimmung mit untergeordneten Gruppen findet nicht statt, und instabile Gleichgewichte werden nicht überwunden sondern instrumentalisiert.

  9. Herr Mischka, Sie arbeiten an einem Artikel der aufzeigen soll, was man gegen die Absurdität der Politik machen könnte? Doch sind nicht die Medien und die Politik Werkzeuge der: Lenkung (Manipulation), Ablenkung, Täuschung, Verhinderung, … ?

    Herr Mischka?
    – Warum werden wir gelenkt resp. manipuliert?
    – Was wird verschwiegen und warum?
    – Wovon werden wir abgelenkt?
    – Wovor werden wir getäuscht?
    – Was wird verhindert?

    Sie wissen es doch, Herr Mischka!
    Gemeint sind mit diesen Fragen nicht die andern und gefordert sind konkrete Antworten.

    Dazu einmal mehr Arno Gruen:
    «Ich glaube vielmehr, dass der wahre Grund das Bedürfnis von Menschen ist, die Wahrheit zu verschleiern, sie nicht wahrzunehmen, weil sie zu schmerzhaft wäre …… «

    Apropos Italien. Hier zum Beispiel Ignazio Silone:
    «Ein einziger Mensch, und sei er noch so unbedeutend, der an seiner Überzeugung festhält, ist in jeder Diktatur eine Gefahr für die öffentliche Ordnung. Viele Zentner Papier werden gedruckt, um die Parolen der Regierung zu verbreiten. Tausende von Lautsprechern, Hunderttausende von Plakaten und Flugblättern, Scharen von Redner auf allen Plätzen, unzählige Pfarrer von der Kanzel herunter wiederholen diese Parolen bis zur allgemeinen Verdummung. Aber es genügt, dass ein Mensch, ein einziger, unbedeutender Mensch NEIN sagt, und die ganze festgefügte Ordnung ist in Gefahr»
    Und Sari Nusseibeh: «Man muss daran glauben!»

    Ich glaube nicht, Herr Mischka, dass Sie mich verstanden haben.

    • Ich bitte um Entschuldigung, dass ich den Namen falsch geschrieben habe. Statt Mitschka habe ich fälschlicherweise Mischka geschrieben.

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