Wer wird die Serengeti erben? | Von Hartmut Barth-Engelbart

Wer hat den Massai die Sohlen gestohlen?

Mit den beiden so überschriebenen Short-Storys aus Ostafrika ist es nicht getan. 

Von Hartmut Barth-Engelbart.

Eigentlich müsste ich eine Monatsdosis schreiben. Denn der angeblich rein humanitäre Besuch Macrons in Ruanda und Burundi und die dazu erfolgte Berichterstattung (1) ist die Perpetuierung des europäischen Kolonialismus auf höherer Stufe.  Macron soll dafür um Entschuldigung gebeten haben, dass Frankreich die Hutus gegen die Tutsis bewaffnet hat.

Der Herr und seine Pressemeute haben dabei ganz „vergessen“, dass Deutschland, Frankreich und Belgien die Tutsi als Sklaventreiber benutzt und sie bewaffnet haben.  Die Hutu haben die Unabhängigkeit dieser Länder gegen die Kolonialmächte und ihre Kompradoren-Kalfaktoren erkämpft und wollten ihre Henker nicht wieder über sich sehen. Macrons Besuch galt dem Zugang zu den seltenen Erden, dem Tantal, dem Koltan, dem Kupfer in der Region und nicht nur den Usambara-Veilchen. Da gleichen sich EU von der Leichen und das Pariser Macronat wie das Berliner Matronat.

Wie schön man Neo-Kolonialismus tarnen kann, hat nicht erst Nina Hoss als „Die weiße Massai“ bewiesen.  Das ging schon in den 1950ern mit Professor Bernhard Grzimek und seinem Sohn sehr gut, mit der Rettung der Serengeti vor den bösen „Massai-Wilderern“, denen rund um die Weidegründe geraubt wurden. Die zur Vergrößerung ihrer Herden auf überweideten Restflächen gezwungenen Massai gerieten nicht nur mit den europäischen Nationalparkfreunden in Konflikt. Sie konkurrierten jetzt zusätzlich mit den auf noch nicht kapitalisierten Böden Kleinlandwirtschaft-betreibenden  Stämmen.

Ein wunderbarer Ansatz für das Teile und Herrsche neokolonialer „Entwicklungshelfer“ und weiterer Landgrabber in den Startlöchern… Der Ngorogoro-Krater und die Serengeti als Übersee-Museum und renaturierter Zirkus Hagenbeck zur Bespaßung denaturierter Europäer, als Ausweichfläche für den zu engen Frankfurter Zoo, der wegen seiner Immobilienpreis-Steigerung im Schatten der EZB-Twintower so oder so nicht länger zu halten ist. Da jubeln sich selbst Grüne schwarz, wenn endlich in Afrika artgerechte Zoohaltung durchgesetzt wird.  Schluss mit lustig, jetzt wird es blut-ernst:

Wie Kenia mit Rosen zum Valentinstag Millionen verdient“ (2), schreibt auf dem Valentinstags-FR-Titel vom 14.02.2017 Johannes Dietrich, der FRontschau Afrika-Erschließer und unterschlägt dabei in dieser verFAZten Abendpost-Nachtausgabe für Besserverdienende das fortgesetzte Massai-Schlachten in dieser französisch-belgisch-deutsch-britisch und USAIDs- kolonial- und neokolonial beglückten Region des schwarzen Kontinents.

Der deutsche Völkermord der Churchill-bewunderten Niedermetzleung des Maji-Maji-Aufstandes gegen die deutschen Kolonisatoren mit über 300.000 Todesopfern wird von der FR wie den anderen Exzellenz-Medien ebenso verschwiegen wie der letztlich nicht ganz so vollständige Genozid der Britischen Kolonisatoren bei der Bekämpfung des Mau-Mau-Aufstandes, der zur Unabhängigkeit Kenias führte.  Doch Kenyattas Erben sterben jetzt am Landgrabbing, bei Hungerlöhnen in Pestizid-, Herbizid- und Fungizid-Nebeln und an vergiftetem Wasser.  Tot- und Fehlgeburten Verkrüppelungen der Föten häufen sich.

Bedauert wird das nur insoweit, als bei der Vergiftung des größten Süsswassersees ein Tourismusmagnet verloren geht. Dass durch die Vernichtung der traditionellen Landwirtschaft in Kenia die Genozid-überlebenden Kenianer massenweise in die Lohnsklaverei der weiß-kapitalbeherrschten Agrarindustrie vertrieben wurden, kommt in den Mainstream-Medien nicht zur Sprache (abgesehen von der einen oder anderen postmidnight-Sendung bei 3sat-arte).  Kenia verdient ? Wenn überhaupt, dann partizipiert eine angefütterte schwarze Oberschicht bei den Profitspannen zwischen Nairobi und Mombasa, der solche Kompradoren-Quissling-Figuren wie Barack Obama entstammen.

Die zusammenbrechende Trinkwasserversorgung kenianischer Großstädte liegt schon lange in der Hand französischer Großkonzerne wie SUEZ und VEOLIA, die es ja auch bei französischen Metropolen wie Paris geschafft haben, die Wasserversorgung  zu ruinieren, mehr Wasser zu verpantschen, als bei den Menschen ankommen zu lassen, bei gleichzeitiger Auspressung der Bevölkerung bis zum Verdursten. Die Versuche mutiger NGOs, wie der „Ingenieure ohne Grenzen“, die Trinkwasserversorgung zumindest in den Suburbs und auf dem Land in Zusammenarbeit mit der Bevölkerung mit Hilfe von Low-Tech-Selfmade-Wasseraufbereitung zu sichern, verdunsten in der Hitze der Agro-Kapitalschlachten wie der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein.

Einziger Ausweg aus dieser gigantischen Brunnenvergiftung und Wasserräuberei, Waldvernichtung und Erosion wäre eine radikale Bodenreform, die auf den fruchtbaren Hochebenenböden eine autarke kenianische bäuerliche Landwirtschaft mit dem Fokus Lebensmittelproduktion und Selbstversorgung ermöglichen würde.

Stattdessen zwingen sowohl der IWF als auch die Weltbank, die EU und solche Neo-Kolonialismus-Einrichtungen wie das deutsche „Entwicklungshilfe-Ministerium“ und die GIZ, die Gesellschaft zur Internationalen Zusammenarbeit, Länder wie Kenia zur Boden-Kapialisierung, zum „Abbau von Investitionshemmnissen“, d.h.  auch Rücknahme letzter Reste antikolonialer Bodenreformen.

Und KenianerINNEN, die sich gegen diese Neo-Kon-“Modernisierung”, gegen das Kaputtsparen und Privatisieren im Bildungs- und Gesundheitswesen wehren, wie die Lehrkräfte  und die Ärzte und das Pflegepersonal werden mit Gefängnis bestraft (3)

Ein wunderbarer Ansatz für das Teile und Herrsche neokolonialer „Entwicklungshelfer“ war schon immer die von Aussen gesteuerte Aufspaltung der afrikanischen Völker. Bis hin zur Unterwanderung und Instrumentalisierung von Befreiungsbewegungen. Hutu, Tuareg, Berber, Owambo, Haussa, Massai. Wohin da in Kenia entwickelt wurde, welche Seiten dazu gehör(t)en, beschreibt die Erste Allgemeine Verunsicherung in ihrem Lied “Afrika” im Klartext (4).

Gerade wird in Kenias Nachbarland Tansania die Erbschaft des afrikanischen Weges zum Sozialismus Julius Nyereres durch diesen kapitalen Fleischwolf gedreht, und auch hier sind die Opfer des Landgrabbing Massai und Kleinbauern.

Dass „der deutsche Kolonialbeamte Walter von Saint Paul-Illaire (1860-1940) …die (Usambara-Veilchen)Pflanzen in den ostafrikanischen Bergen» entdeckte und so den Grundstein für einen beträchtlichen Zierpflanzenmarkt außerhalb Tansanias legte, ist nur eine  Rand-Petitesse. Wo die Entwicklung in Tansania hingeht beschreibt der britische  „Guardian“(5)

„Die Kaffee-Produktion in der Kilimanjaro-Region hat sich im Vergleich zu den letzten drei Jahren sehr verbessert, denn einige Investoren aus dem Ausland kauften Kaffee-Farmen, die in Regierungsbesitz waren. Sie werden jetzt mit moderner Technik bewirtschaftet. “Problematisch sind Trockenheit und Krankheiten”, sagte die Direktorin zweier Kaffeefarmen. “Unsere Studien zeigen, dass die Nachfrage nach Arabicakaffee groß ist, denn unser Produkt ist besser als das aus anderen Ländern, Brasilien z. B.” Den Kleinbauern rings um die Farm biete man Kurse an, damit sie Bescheid wüssten über moderne Landwirtschaft und Bekämpfung der Krankheiten. 150 Einwohner aus den Dörfern rings um die beiden Farmen finden auf diesen Arbeit.” (Guardian 7.3.06)

Es handelt sich hierbei um Dörfer in der noch wasserreichsten Region Tansanias mit traditionell kleinstrukturierter landwirtschaftlicher Lebensmittel-Produktion, die mit der Kaffee-Monokultur vernichtet wird. Und mittendrin verwandelt USAIDs staatliche Landwirtschftsausbildungszentren und Muster-Farmen, Saatgut-und Züchtungszentren in zunächst noch staatliche und dann private Luxus-Resorts.

In den Nachbarstaaten von Uganda Ruanda und Burundi bis in die Republik Kongo konnten alle europäischen (Neo-)Kolonialmächte  die von der deutschen Kolonialherrschaft mit Hilfe der evangelischen Deutschen Ostafrika-Mission installierte Spaltung des Volkes in Hutu und Tutsi zur Dauerdestabilisierung und zur Sicherung ihres Zugriffs auf Koltan und Tantal und Kupfer weitgehend aufrechterhalten. Verfahren wurde dabei ähnlich wie bei der Vertreibung der Tuareg aus Mali und Süd-Algerien: man rekrutierte in französischen, US-amerikanischen, algerischen Gefängnissen gewaltkriminelle Elemente der jeweiligen Ethnien, um sie dann als Hutu- oder Tutsi-Miliz, als IS oder Bokoharam quer durch Afrika jeweils dort einzusetzen unter Führung der jeweiligen Geheimdienste, wo gerade die geostrategischen Interessen es erforderten, im Kampf um  Uran, Öl, Erdgas, Bauxit, Wasser, Koltan, Tantal, Kupfer, Platin, und agrarisch nutzbare Böden.

In diese Geschäfte werden dann neben USAIDs auch der WWF eingespannt, der zur Sicherung eines riesigen Reservates für Berg-Gorillas mit internationaler Unterstützung eine Rangertruppe aufbaut, der die Berg-Gorillas gegen Wilderer schützen soll. Der schwarzen Bevölkerung wird die Schuld am Kahlschlag der Regenwälder in die Schuhe geschoben, „weil die vorwiegend mit Holz heizt!“ …

Was WWF geflissentlich verschweigt, ist die von einem Konsortium unter deutscher Beteiligung geplante Abtransport-Trasse von Bodenschätzen aus dem Kongobecken, die genau durch den WWF-bewachten Virunga-Nationalpark   von der Republik Kongo über Burundi, Ruanda, Uganda, Süd-Sudan, (auch dafür war die Abspaltung des Südens von Sudan so wichtig) und Äthiopien nach Eritrea führt.

Wenn die „Wiedervereinigung von Eritrea und Äthiopien“ und damit der Zugang zum Roten Meer nicht funktioniert, käme noch die Trasse durch Äthiopien nach Dschibuti in Frage.

Nachdem Nachkommen der wenigen den deutschen Völkermord an den Herero und Nama Überlebenden vor einigen Wochen an diesen schwarzen Holocaust erinnerten und Wiedergutmachung einforderten, nachdem vom großen schwarzen Holocaust an über 10 Millionen Kongolesen durch Leopold von Sachsen-Gotha in Leopoldville so gut wie nicht berichtet wird.

Nachdem zwar jeder weiß, dass Professor Grzimek die Serengeti gegen böse schwarze (meist Massai-) Wilderer verteidigt hat, aber vom Abschlachten der über 126 000 Maji-Maji-(meist Massai-)Aufständischen in “Deutsch-Ostafrika” hier niemand redet und die Aushungerung und Vernichtung durch Krankheit (spanisches Fieber) von rund 300 000 afrikanischen “Kollateralschäden” nicht der Rede wert ist.

Nachdem die Zwangsrekrutierung für den ersten Weltkrieg aus den Überresten der Deutsch-Ostafrikanischen Völker kaum eine Fußnote füllt …  geht das Rauben und Morden, die Vernichtung afrikanischer Ökonomien und Kulturen unter der fadenscheinigen Tarnung als “Friedensmissionen” im Rahmen der Merkel‘schen “Chefsache Afrika” im Windschatten des US-Africom mit seiner Stuttgarter Kommandozentrale munter weiter … in bestem neokolonialen Kräftemessen zwischen den europäischen Junior-Partnern der USA.

Wer meint, der deutsche Anteil am Abschlachten der afrikanischen Völker sei nicht so bedeutend gewesen, den muss Winston Churchill himself eines Besseren belehren. Der kabelte nämlich als Kriegsberichterstatter bei der Niederschlagung des Maji-Maji-Aufstandes voller Begeisterung nach London, man könne von den Deutschen gut lernen, wie man mit den eingeborenen Völkern umzugehen habe.

Quellen:

  1. https://www.fr.de/politik/macrons-reise-in-die-finstere-vergangenheit-90661753.html
  2. http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/rosen-aus-kenia-ostafrikas-gefaehrliche-blueten-1939203.html
  3. http://www.labournet.de/category/internationales/kenia/
  4. https://www.youtube.com/watch?v=cEAnDgJe7ug
  5. http://www.tansania-information.de/index.php?title=Landwirtschaftliche_Produkte_und_Rohstofflieferanten_-_06/2006

Zum Autor:

Hartmut Barth-Engelbart (HaBE) forscht und schreibt seit  1961 zu Afrika, als er im zarten Alter von 14 Jahren der „Deutschen Ostafrika-Mission“ nachweisen konnte, dass sie für die Erfindung zweier Rassen- der Tutsi und Hutu in „Deutsch-Ostafrika“ mitverantwortlich war und die Hutu „zur Arbeitsmoral“ erzog.

Für diesen Nachweis musste er die Schule verlassen und wurde dann u.a. auch wegen seiner Afrika-Forschungen zum zweiten Mal von einer Schule verwiesen, als er mit afrikanischen Stipendiaten zusammen die 100 Jahrfeier der „Deutschen Ost-Afrika-Mission“ in Mannheim störte. Als Grundschullehrer hat er mit afrikanischen Flüchtlingsgruppen zusammengearbeitet und unterstützt nach Afrika abgeschobene Hunger- & Kriegsflüchtlinge unter dem Stichwort „Neue Heimat“. Mehr dazu auf seiner Website: http//www.barth-engelbart.de

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Danke an den Autoren für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Bildquelle:      Thomas Brissiaud/ shutterstock

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2 Kommentare zu: “Wer wird die Serengeti erben? | Von Hartmut Barth-Engelbart

  1. amery sagt:

    [Ursprünglicher Kommentar vom 11. Juni 2021 um 23:39 Uhr; nach dem Absturz der Domain kenfm.de und der damit scheinbar verbundenen Löschung der Kommentare hier unverändert wiedereingefügt.]

    Endlich wird Herrn Barth-​Engelbart hier ein Türchen geöffnet und somit einer urig-​aufrichtigen linksgrünen Rebellen-​Stimme Gehör verschafft! Herzlichen Dank dafür!

    Bitte denken Sie nun noch an Mikis Theodorakis (falls ihm ein Interview noch zuzumuten ist) und vor allem aber an Johan Galtung, der trotz seines hohen Alters einen wacheren Geist hat als ganze ‚Kohorten’ seiner Enkel– und Urenkelgeneration; idealerweise – und auch, weil er offenbar einen besonderen Draht nach Skandinavien hat – beauftragen Sie Herrn Pohlmann mit einem ausführlichen Interview! Das klingt vielleicht unschicklich fordernd, doch bin ich sicher, daß es eine große Bereicherung sowohl für Herrn Pohlmann als auch für „uns” alle wäre!

    Ich denke, Herrn Ganser hat man nun wahrlich oft genug gehört und Herr Galtung sowohl als sein ‚Vorgänger’ als auch ein ‚Prophet’ des Niedergangs des US-​Imperiums (in China nimmt man ihn sehr interessiert wahr) brächte auf seine alten Tage frischen Wind in diese eingespielten Gefilde.

    Hören Sie einfach auf Ullrich Mies, der erst kürzlich im Gespräch mit Robert Cibis nachdrücklich auf Johan Galtung verwies:

    https://youtu.be/8cinQGhxXLE?t=5689

    Und zuletzt noch ein Dankeschön dafür, daß Sie neulich endlich wieder einmal, wenn auch ‚über Bande’, der noch 2019 hier in den Kommentaren teilweise sehr unschön behandelten Susan Bonath eine Stimme gaben!

    Mit freundlichen Grüßen,

    amery

  2. How-Lennon sagt:

    Kapitalismus darf nicht sterben!

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