Westpolitiker zu Syrien – Mit Scheinheiligkeit durchwobene Lügen

Seit zwei Wochen beschuldigt US-Außenminister Kerry bar jedweder Schamesröte angesichts eigener Untaten Russland, in Syrien Kriegsverbrechen zu begehen. Nun brachte ein kritischer US-Journalist seinen Sprecher mit kritischen Nachfragen ins Taumeln.

Von Rainer Rupp.

Es war EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, dem wir das öffentliche Bekenntnis verdanken, in dem es heißt: „Wenn es schwierig wird, muss man lügen.“ Ohne in diesem Fall das berühmte Kreter-Paradoxon bemühen zu müssen – denn Juncker ist kein Epimenides -, können wir uns spätestens seit diesem Zeitpunkt in der Ansicht bestätigt fühlen, dass die Lüge in diesen Tagen das wichtigste Instrument westlicher Politiker ist.

Und weil die Lage in Syrien für den Westen derzeit besonders schwierig ist, wird gelogen, dass sich die Balken biegen. Das geschieht nach dem Motto: Putin und Assad sind unmenschlich böse, während den Amerikanern und ihren Verbündeten – demokratische Leuchttürme wie Saudi-Arabien, Katar und die Türkei miteingeschlossen – nur das Wohl der Zivilisten am Herzen liegt. Dies gelte sowohl in Aleppo, wo man nicht die Terroristen, die dort die Bevölkerung als Geisel nehmen, sondern die Antiterrorkämpfer für getötete und verletzte Zivilisten verantwortlich macht; sei es, wenn sie selbst für Demokratie und Menschenrechte dicht bewohnte Städte bombardieren, wie z. B. aktuell im Jemen.

„Warum unterstützt Russland Assad, der Zivilisten tötet?“, lautet die oft gestellte, heuchlerische Frage in westlichen Mainstream-Medien (MSM). Die grellen Widersprüche im Zusammenhang mit dieser Frage werden im Vertrauen auf das kurze Gedächtnis der Leser auf bequeme Weise ignoriert.

Vielleicht sollte man die MSM-Konzernmedienschreiberlinge bei dieser Gelegenheit daran erinnern, dass US-amerikanische Bomben seit 1980 auf mindestens zehn muslimische Ländern gefallen sind. Um es kurz zusammenzufassen und in Erinnerung zu rufen: Wir reden von Libyen (1981, 1986, 1989, 2011), Libanon (1983), Kuwait (1991), Irak (1991-2011, 2014-?), Somalia (1992-1993, 2007-?), Afghanistan (1998, 2001-?), Sudan (1998), Jemen (2000, 2002-?), Pakistan (2004-) und jetzt Syrien.

Manche Länder wurden dabei über viele Jahre, andere in Abständen, aber wiederholt bombardiert. Dabei wurde natürlich niemand aus der Zivilbevölkerung getötet. Nie! Und wenn doch mal Zivilisten „zu Schaden“ kamen, dann waren das stets Versehen, nur unglückliche Unfälle – immer und ausnahmslos. Und außerdem hatten diese Zivilisten dort, wo die US-Bomben gefallen oder die Raketen der Drohnen eingeschlagen sind, ja auch nichts zu suchen. Wenn sie dennoch da waren, führten sie sicher Böses im Schild, auch wenn sie sich zufällig auf einer Hochzeitsfeier oder Beerdigung befanden. US-Bomben treffen keine unschuldigen Zivilisten, und schließlich können auch Kinder von den Terroristen als Melder eingesetzt werden.

Derzeit begeht der US-Verbündete Saudi-Arabien im Jemen abscheuliche Verbrechen an Zivilisten, die ohne direkte US-Waffenhilfe, US-Aufklärung und US-Zielkoordination gar nicht möglich wären. Das macht die mit Scheinheiligkeit durchwobenen Lügen von US-Außenminister Kerry und seinen Kofferträgern besonders unerträglich. Zwecks Frustrationsabbau sei daher dem geneigten Leser empfohlen, sich ein kurzes Video von der Pressekonferenz des US-Außenministeriums vom Dienstag, dem 12. Oktober 2016 anzusehen. Darin hinterfragt der AP-Korrespondent Matt Lee die Bigotterie hinter Kerrys Beschuldigungen gegen Moskau.

Der diplomatische Korrespondent von AP wollte wissen, warum die USA die russischen Bombenangriffe in Syrien verurteilen, während sie selbst die saudischen Angriffe auf Städte im Jemen unterstützen, bei denen absichtlich zivile Infrastruktur zerstört wird und bereits Tausende von Zivilisten getötet worden sind. Damit brachte Lee den Regierungssprecher Sprecher John Kirby arg in Bedrängnis.

Matt Lee fragte:

„Übers Wochenende gab es von der Saudi-geführten Koalition dort [im Jemen] diesen Luftangriff auf eine Beerdigung. Ich wundere mich nur, welchen Unterschied die US-Regierung zwischen dieser Sache und dem macht, was Sie den Russen, Syrern und Iraner in Syrien vorwerfen, besonders in Aleppo?“

Sprecher Kirby rang sichtlich um eine Antwort. Schließlich stotterte er, dass es wohl einen Unterschied gäbe, weil die Russen und Syrer absichtlich Zivilisten ins Visier zu nehmen würden. Das saudische Königreich habe dagegen eine Untersuchung des Bombenangriffs auf die Trauerhalle im Jemen angekündigt, bei dem mehr als 140 Trauergäste getötet und hunderte weitere verletzt wurden.

Von den syrischen oder russischen Regierungen würde nichts dergleichen durchgeführt, so Kirby. Das ist natürlich einmal mehr eine frech in die Kameras hineingelogene Unwahrheit, denn Russland hat z. B. nachdrücklich eine internationale Untersuchung der Bombardierung des UN-Hilfskonvois am 19. September in der Nähe von Aleppo gefordert, die vonseiten Washingtons zur Begründung für die Aussetzung der Verhandlungen mit Moskau vorgeschoben wurde.

Aber Matt Lee ließ nicht los und grillte Kirby weiter: Eine „wachsende Zahl von Zivilisten im Jemen“ sei in ständiger Gefahr, „mit Waffen getötet zu werden, welche die Vereinigten Staaten an die Saudis und deren Koalitionspartner (Katar, UAE, usw.) geliefert haben. Aber das scheint Sie ja nicht zu stören, im Unterschied zu vielen anderen Leuten, einschließlich Leuten im [US-]Kongress“.

Kirby versuchte sich daraufhin mit dem Argument herauszureden, nämlich, dass man die Lage in Syrien nicht mit der im Jemen vergleichen könne. Das begründet er wie folgt:

„Die saudisch geführte Koalition wurde von der jemenitischen Regierung eingeladen. Jetzt weiß ich, dass Sie einwenden werden, auch die Russen wurden von Assad eingeladen. Aber die Saudis werden durch diesen Krieg auf ihrer Seite der Grenze bedroht“, so die umwerfende Logik des Sprechers des US-Außenministeriums.

 

Dieser Artikel erschien am 15.10.2016 bei RT-Deutsch.

Hier der link zum Beitrag von Rainer Rupp: Westpolitiker zu Syrien (…)

KenFM bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Meinungsartikel und Gastbeiträge müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

12 Kommentare zu: “Westpolitiker zu Syrien – Mit Scheinheiligkeit durchwobene Lügen

  1. Rede des Botschafters Baschar Dschaafari, ständiger Vertreter der Syrischen Arabischen Republik bei den Vereinten Nationen, anlässlich der Konferenz des Schiller-Instituts in New York am 10. September 2016:

    http://www.schiller-institut.de/seiten/2016/dschaafari.html

    Auszug:
    Zitat: „“Noch eine Geschichte. Ich erzähle in meinen Treffen immer Geschichten. Einmal, in Genf, als ich bei den innersyrischen Gesprächen mit dem Sondergesandten de Mistura die syrische Delegation leitete, nannte er mich einen Geschichtenerzähler. Diese Geschichte geht wie folgt – und sie ist sehr, sehr wichtig.
    Ich werde sie chronologisch erzählen, damit sie die Botschaft verstehen. Es war im Oktober 2012, also fünf Monate vor irgendwelchen Giftgaseinsätzen in Syrien. Der erste Giftgasangriff fand im März 2013 in Khan al-Assal statt, einer kleinen Vorstadt von Aleppo. Ich spreche also vom Oktober 2012, fünf Monate vor dem ersten Chemieangriff in Khan al-Assal bei Aleppo: Einige von denen, die gewöhnlich „Aktivisten der syrischen Opposition“ genannt werden, gründeten und richteten in der Türkei ein Büro ein, das nannten sie „Büro zur Dokumentation des Einsatzes chemischer Waffen“. Dieses Büro erfanden sie und richteten es ein, fünf Monate, bevor es in Syrien irgend etwas im Zusammenhang mit Chemiewaffen gab. Und plötzlich gab die OPCW, die Organisation für das Verbot chemischer Waffen, die ihren Sitz in Den Haag in den Niederlanden hat, diesem Nichtregierungszentrum eine beratende Funktion zur OPCW. Sie ließen das Zentrum, das Büro einer Nichtregierungsorganisation, als beratendes Gremium der OPCW in Chemiefragen zu.
    Wir verstanden nicht, warum die das taten, denn wir rechneten nicht damit, daß fünf Monate später so etwas passieren würde. Fünf Monate später griffen sie Khan al-Assal in Aleppo mit Giftgas an und töteten dabei 18 syrische Soldaten. CNN verlor natürlich kein Wort darüber. Aber 18 syrische Soldaten erstickten bei diesem Angriff.
    Al-Dschasira, der Sender aus Katar, verbreitete sofort das Gerücht, die syrische Armee hätte Giftgas eingesetzt. Die syrische Armee hätte sich selbst mit Giftgas angegriffen und 18 ihrer Soldaten vergiftet.
    Gleichzeitig fand eine Reihe ähnlicher Angriffe in Syrien statt. Ich habe die Namen der Orte; sie werden Ihnen nichts sagen, deshalb will ich hier nicht in die Details gehen. Carla del Ponte, die Dame aus der Schweiz, die Mitglied der Unabhängigen Untersuchungskommission der Vereinten Nationen zu Syrien war, sagte, es seien die bewaffneten Oppositionsgruppen gewesen, die in dem Angriff auf die Stadt Khan al-Assal in Aleppo die Chemiewaffen einsetzten. Das hat diese Dame gesagt, und sie wurde sofort entlassen….“

    Heike

  2. Lieber Habakuk, Syrien ist ein UNO-Staat mit einer offiziell anerkannten Delegtion. Dort einen Regime-Change von außen zu exerzieren ist/wäre völkerrechtsbruch.
    Das politische System Syriens kennzeichnet die Bundeszentrale für politische Bildung so: >Die Verfassung spiegelt somit eine Entwicklung der vergangenen Jahre wider, in der das Regime sich veränderten wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungen anpasste, dabei aber eine politische Liberalisierung vermied. Deshalb blieben auch die Versuche der sogenannten loyalen Opposition, auf politische Reformen zu drängen, ohne das Regime oder die politische Ordnung infrage zu stellen, letztlich erfolglos. Die Hoffnungen des kurzen „Damaszener Frühlings“ nach dem Amtsantritt von Baschar al-Assad im Jahr 2000 wurden schnell enttäuscht.[18]

    Seit dem Beginn der Proteste im Frühjahr 2011 sieht sich das Regime nun einer völlig neuen Art von Opposition gegenüber. Die Aufständischen lehnen das autoritäre Regime und die von ihm geprägten politische Ordnung bedingungslos ab. Dies machen sie dadurch deutlich, dass sie ihren Protest nicht mit der offiziellen Staatsflagge (rot-weiß-schwarz mit zwei grünen Sternen), sondern mit der Flagge der alten Republik von 1946 (grün-weiß-schwarz mit drei roten Sternen) zum Ausdruck bringen.[19] Damit folgten sie dem Beispiel der libyschen Revolutionäre, die im Februar 2011 in Bengasi begannen, die alte Flagge der Sanussi-Monarchie der grünen Fahne von Muammar Gaddafis „Volksmassenstaat“ entgegenzustellen.<
    Der Westen stellt Assads Macht nicht verfassungsrechtlich infrage, sondern wegen kriegerischer Handlugen, so als gäbe es diese nur auf der einen Seite. Aber das gehört zu strategischer Kommunikation, die Rainer Rupp erfrischend klar als von Scheinhiligkeit durchwobene Lüge kennzeichnet.

    • Ok, danke, ich denke, daß mir der Sachverhalt jetzt um einiges klarer ist.
      In der Argumentation der USA für einen Krieg gegen Assad geht es also einzig und allein um die Mittel, die Assad „angeblich“ anwendet, um seine Politik durchzusetzten bzw. seine Macht aufrechtzuerhalten.
      Und die USA beurteilen diese Mittel und fühlen sich aufgrund ihrer Beurteilung dazu bemüßigt, indirekt oder direkt in Syrien tätig zu werden, mit dem Ziel der politischen(?) Beseitigung Assads.

    • Nein, genau darum geht es eben nicht! Daraus wären ja noch hehre, uneigennützige Gründe (seitens der USA) abzuleiten.

      Den USA ist VÖLLIG egal wer und wieviele Menschen von wem in welchen Land abgeschlachtet werden!!!

      Es geht den USA IMMER UND AUSSCHLIEßLICH nur um (ihre) Macht, um Oel, um Gas, um Geld und im Kontext um Oel- Gas[durch]leitungen.

      Wenn ein Regierungschef eines Landes welches über Oel und Gasressourcen verfügt, oder das Land geographisch so liegt, das eine anderes Land welches bereits durch/von den USA beherrschst wird, durch dieses Land Oel und Gaspipelines ziehen will, wenn dieser Regierungschef sich nicht dem Willen und Diktat der USA unterwirft, dann wird die USA dieses Land militärisch angreifen – natürlich nur sofern es keine Atomwaffen hat.

      Das machen die USA nicht indem sie einfach einmarschieren, sondern sie schaffen selbst die voegeschobenen Gründe, um eine militärische Intervention rechtfertigen zu können.

      Maßgeblich sorgt die USA durch ihre Geheimdienste und NGO’s in dem Land des unkooperativen Regierungschefs für Revolten, Revolutionen, blutige Umstürze, Unruhen, Aufstände usw usf.

      Sollte das noch nicht zum Sturz oder Ermordung der Regierung reichen/führen – wie im Fall Syrien/Assad – setzen die USA ihr Militär ein um die Regierung zu stürzen. Das bedeutet dann das von den USA Terrororganisationen (falls nötig) gegründet, trainiert, ausgebildet und bewaffnet werden, als auch finanziell massiv unterstützt, die dann die Aufgabe der Ermordung der Regierenden und Bevölkerung übernehmen, während die USA sie dabei tatkräftig aus der Luft unterstützen.

      Wenn dann die Regierung ermordet, gestürzt oder sonstwie beseitigt wurde, wird von den USA ein Regierungschef „ernannt“.

      So verkürzt und einfach dargestellt gestaltet sich das alles…

    • „Ok, danke, ich denke, daß mir der Sachverhalt jetzt um einiges klarer ist.“

      Gerade frisch entdeckt. Hier kannst Du dir ein noch klareres Bild machen.

      https://kenfm.de/illegale-kriege-ein-interview/

      https://kenfm.de/westpolitiker-zu-syrien/#comment-101489

  3. Hallo Ken Jebsen,

    ich würde Sie bitten, im Zuge des Interesses der Öffentlichkeit (und meines eigenen Interesses) unwiderstreitbare Belege dafür zu bringen, dass der Präsident von Syrien namens Baschar Hafiz al-Assad ein rechtmäßig gewähltes Staatsoberhaupt seines Landes ist.
    .
    Der ganze Krieg in Syrien ist doch nur deshalb (nicht zu Ende), weil die USA und ihre verbündeten Natomitgliedstaaten diesen Umstand als nicht gegeben sehen, aber Russland und der Iran aber schon.
    .
    Wie kann das sein?
    .
    Ich würde mich freuen, wenn Sie mir in dieser Frage absolute Klarheit verschaffen könnten.

    • „Der ganze Krieg in Syrien ist doch nur deshalb (nicht zu Ende), weil die USA und ihre verbündeten Natomitgliedstaaten diesen Umstand als nicht gegeben sehen,…“

      ich würde Sie bitten, im Zuge des Interesses der Öffentlichkeit (und meines eigenen Interesses) unwiderstreitbare Belege dafür zu bringen, dass die USA und ihre verbündeten Natomitgliedstaaten, den Präsident von Syrien namens Baschar Hafiz al-Assad NICHT als ein rechtmäßig gewähltes Staatsoberhaupt seines Landes anerkennen.

    • @Der Souverän:
      „ich würde Sie bitten, im Zuge des Interesses der Öffentlichkeit (und meines eigenen Interesses) unwiderstreitbare Belege dafür zu bringen, dass die USA und ihre verbündeten Natomitgliedstaaten, den Präsident von Syrien namens Baschar Hafiz al-Assad NICHT als ein rechtmäßig gewähltes Staatsoberhaupt seines Landes anerkennen.“
      .
      Das kann ich nicht. Ich bin immer davon ausgegangen, dass es einfach so ist.
      Denn wie anders könnte man sonst die in den Medien gebrauchten Bezeichnungen Diktator und Regime für Assad und seine Regierung deuten – Bezeichnungen, die ja von den USA vorgegeben werden?
      .
      Sie sagen also, daß es keine offizielle Leugnung seitens der USA gibt, daß Baschar Hafiz al-Assad rechtmäßig in sein Amt also Staatsoberhaupt gewählt wurde und er somit auch für die USA als rechtmäßiger Präsident seines Landes gilt?
      Verstehe ich Sie da richtig?
      .
      Wenn das so ist, wie kann es dann sein, daß die USA seinen Sturz wollen und diesen unterstützen und sogar aktiv antreiben?
      .
      Wie passt das zusammen?
      .
      Was sagt die UN dazu?

    • „Denn wie anders könnte man sonst die in den Medien gebrauchten Bezeichnungen Diktator und Regime für Assad und seine Regierung deuten – Bezeichnungen, die ja von den USA vorgegeben werden?“

      Na das ist doch wirklich ganz offensichtlich – und somit sehr einfach (zu beantworten).

      ALS LÜGE!

  4. Sanktionen sind der leise, heimliche Krieg – weil er von der Weltöffentlichkeit kaum wahrgenommen und von den TVS [Total Verkommene Schundmedien] nicht erwähnt wird – der IMMER die Vernichtung eines Volkes zum Ziel hat. Hier insbesondere Arme, Frauen, Kinder, Alte, aber auch bis weit hinein in die Mittelschicht. Einzig die gehobene Mittelschicht und Reiche, können sich den mörderischen Auswirkungen von Sanktionen weitgehend bis völlig entziehen.

    „Wirtschaftliche Sanktionen“ oder Wirtschaftskrieg der Bankiers
    von Thierry Meyssan

    Die Vereinigten Staaten und die Europäischen Union haben einen Krieg gegen Syrien, gegen den Iran und Russland ins Leben gerufen, der nicht seinen Namen sagt, nämlich den der „wirtschaftlichen Sanktionen.“ Diese sehr gefährliche Taktik hat in den 1990er Jahren mehr als 1 Million Iraker das Leben genommen, ohne den geringsten Verdacht der westlichen Öffentlichkeit zu erwecken. Diese Taktik wird nun systematisch gegen Staaten umgesetzt, die sich weigern, sich der unipolaren Weltordnung zu unterwerfen.

    In der Vergangenheit gehörten zur Strategie der konventionellen Kriege die Belagerung einer Stadt oder eines Staates. Es ging darum, den Feind zu isolieren, ihn daran zu hindern seine Ressourcen zu nutzen, ihn auszuhungern und ihn endlich zu besiegen. In Europa hat die katholische Kirche diese Taktik als Verbrechen verurteilt, weil sie vorerst Zivilisten tötet, und erst später die kriegführenden Parteien.

    Heute gehören zu den konventionellen Kriegen die „wirtschaftlichen Sanktionen“, die auf die gleichen Objektive abzielen. Von 1990 bis 2003 haben die durch den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen gegen den Irak verordneten Sanktionen mehr als 1 Million Zivilisten getötet. In der Tat war es wirklich ein Krieg unter der Leitung von Bankiers, im Namen jener Institution, die für die Förderung des Friedens zuständig ist.

    Es ist wahrscheinlich, dass mehrere Staaten, die für diese Sanktionen gestimmt haben, weder das Ausmaß noch die Folgen vorausgesehen haben. Es ist jedoch sicher, dass die Vereinigten Staaten und das Vereinigte Königreich, als einige Mitglieder des Sicherheitsrats für ihre Aufhebung eintraten, ihnen widersprachen, und dass sie damit die Verantwortung für den Tod von einer Million zivilen Opfern tragen.

    Nachdem viele internationale UN-Kader wegen ihrer Teilnahme an dem Massaker von mehr als einer Million irakischer Zivilisten entlassen worden waren, überdachten die Vereinten Nationen, wie man die Sanktionen mit ihren erklärten Zielen in Einklang bringen könnte. D.h. um sicherzustellen, dass sie nur politische und militärische Führer nicht aber Zivilisten treffen würden. Daher sprach man von „gezielten Sanktionen“. Trotz vieler Forschung auf diesem Gebiet hat es jedoch nie Sanktionen gegen einen Staat gegeben, die nur seine Führer und nicht seine Bevölkerung trafen.

    Die Wirkung dieser Sanktionen ist an die Interpretation gebunden, die die Regierungen von den Texten machen. Die meisten Texte erwähnen z. B. Sanktionen gegen die Doppelnutzung ziviler und militärischer Produkte, die einen großen Spielraum für die Interpretation zulassen. Ein Gewehr kann zum Export in ein gewisses Land verboten werden, da es sowohl für die Jagd als für den Krieg verwendet werden kann. Aber eine Flasche Wasser kann sowohl von einer Mutter als auch von einem Soldaten getrunken werden. Infolgedessen können solche Texte – je nach den politischen Verhältnissen und der Entwicklung des Willens der Regierungen- zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen führen.

    Die Situation wird durch die Tatsache erschwert, dass zu den gesetzlichen Sanktionen des Sicherheitsrates zusätzlich illegale Sanktionen der Vereinigten Staaten und der Europäischen Union kommen. In der Tat, wenn Staaten oder zwischenstaatliche Einrichtungen rechtlich ablehnen dürfen, mit Anderen Handel zu betreiben, können sie nicht einseitig Sanktionen verhängen, ohne Krieg auszulösen.

    Der Begriff „Sanktion“ bedeutet, dass der betroffene Staat ein Verbrechen begangen hat und dass er angeklagt wurde, bevor er verurteilt wird. Dem ist so bei den durch den Sicherheitsrat verordneten Sanktionen, aber nicht bei den einseitig von den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union beschlossenen. Es handelt sich da ganz einfach nur um Kriegstaten.

    Seit dem Krieg gegen die Briten im Jahre 1872 hat Washington ein Büro, das Office of Foreign Assets Control eröffnet, das mit der Durchführung dieses Krieges durch die Bankiers beauftragt ist.

    Derzeit erhalten hauptsächlich jene Staaten, die von ihnen betroffen sind, Sanktionen nicht von den Vereinten Nationen, sondern nur von den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union. Es sind Syrien, der Iran und Russland. D. h. die drei Staaten, die gegen die vom Westen unterstützten Dschihadisten kämpfen.

    Die meisten dieser Sanktionen wurden ohne direkte Verbindung mit dem heutigen Krieg gegen Syrien verhängt. Die Sanktionen gegen Damaskus beruhen hauptsächlich auf dessen Unterstützung der libanesischen Hisbollah und auf dem Asyl, welches Damaskus dem palästinensischen Hamas gewährte (der aber inzwischen der Muslim-Bruderschaft beigetreten ist und gegen Damaskus kämpft). Die Sanktionen gegen den Iran wurden angeblich wegen seines Atomwaffenprogramms getroffen, auch wenn dieses von Ayatollah Khomeini schon vor dreißig Jahren beendet wurde. Sie gehen aber weiter, trotz der Unterzeichnung des 5 + 1 Abkommens, das dieses Problem lösen sollte, das aber gar nicht existiert. Jene gegen Russland sanktionieren den Anschluss der Krim, nachdem die Krim den Nazis-Staatsstreich von Kiew abgelehnt hatte, der aber als eine „demokratische Revolution“ von der NATO beschrieben wurde.

    Die derzeit härtesten Sanktionen sind jene gegen Syrien. Ein für das Amt des Koordinators der Vereinten Nationen in Syrien unternommener Bericht, von der Schweizerischen Eidgenossenschaft finanziert und vor vier Monaten veröffentlicht, bemerkt, dass die amerikanische und europäische Auslegung der Texte dazu führt, einer Mehrheit der Syrer gewisse medizinische Versorgung und Nahrungsquellen vorzuenthalten. Viele Medizinprodukte sind verboten, weil sie als Güter mit doppeltem Verwendungszweck eingestuft sind und es unmöglich ist, die Einfuhr von Lebensmitteln über das internationale Bankensystem abzuwickeln.

    Obwohl die Situation der Syrer nicht ganz so katastrophal ist wie die des irakischen Volkes der 1990er Jahre, ist es ein von den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union geführter Finanz- und Wirtschaftskrieg, ausschließlich gegen die Bevölkerung, die unter dem Schutz der Arabischen Republik Syrien steht, mit dem Ziel sie zu vernichten.
    Thierry Meyssan

    Übersetzung
    Horst Frohlich

    voltairenet.org/article193749.html

    beigefügte Dokumente

    Humanitarian Impact of Syria-Related Unilateral Restrictive Measures, United Nations (UN) Economic & Social Commission for Western Asia (ESCWA).
    (PDF – 596 kB)

    • http://www.voltairenet.org/IMG/pdf/Humanitarian_Impact_of_Syria-Related_Unilateral_Restrictive_Measures-7.pdf

Hinterlasse eine Antwort