Willkommen in den 80s

von Bernhard Trautvetter.

Die kritischen Nuklearwissenschaftler haben keine Panikmache betrieben, als sie Anfang 2019 in ihrem Bulletin die Weltuntergangsuhr auf zwei Minuten vor zwölf beließen.

Das ist die höchste Gefahrenstufe ihres Indikators für die Gefahr des Ausbruchs eines Atomkrieges. 1994 stand diese Uhr auf 17 Minuten vor Mitternacht. (1) Seit Jahresanfang hat sich die Situation durch die Ankündigung der USA und dann der Nato, aus dem Vertrag zum Verbot nuklearer Mittelstreckenraketen in Europa auszusteigen, zugespitzt.

Zwar wird von der Nato gebetsmühlenartig betont, der „Schwarze Peter“ liege in Russland, aber die Belege dafür, die sie vorlegt, bleiben im nebulösen Bereich eines Eindrucks.

Beispielsweise formulierte Nato-Generalsekretär Stoltenberg im ARD-Interview im November 2018: „Wir sollten nie hinnehmen, dass gegen einen Abrüstungsvertrag straflos verstoßen wird.“ Der Text der Tagesschau dazu lautete wie folgt: „Was das genau heißt, führte Stoltenberg nicht näher aus. Unzweideutig aber ist, dass mit derlei Sätzen der Druck auf Russland erhöht werden soll (…)“ (2) Der Fakten-Finder der ARD ergänzt dazu:

„Die Amerikaner seien öffentlich nicht so deutlich geworden, über welches Waffensystem sie reden würden, meint der Direktor des Friedensforschungsinstituts SIPRI, Dan Smith, in Stockholm. Man denkt, dass es ein seegestützter Marschflugkörper ist, der Kalibr, der in bodengestützte Abschussrampen gesteckt wird, die sogenannten Iskander. Aber es ist nicht ganz klar, dass die Amerikaner genau das meinen, erklärt Smith im Interview mit dem ARD-Faktenfinder. Ohne Zugang zu geheimen Dokumenten fehle auch Forschern hier die Möglichkeit, genauer nachzuprüfen, meint SIPRI-Chef Smith.“ (3)

Wir sind jetzt wieder in der Situation angekommen, in der die Nato-Staaten zu überlebenswichtigen Fragen nicht nur lügen (das kennen wir), sondern es ist die Situation, die an die Bedrohungslage der 1980er Jahre erinnert, als US-Atomraketen nach Deutschland (West) und Europa (West) kommen sollten und kamen, was u.a. die Friedensbewegung auf den Plan rief, bis dieses Teufelsgerät wieder verschwand.

Die Position des schwedischen Friedensforschungsinstituts trifft sich mit Einschätzungen, die sich schon alleine durch systematisches Nachdenken ergeben: Die Nato plant, so schnell wie möglich Militärausgaben in Höhe von zwei Prozent der Wirtschaftsleistung zu erreichen. Das wird vor allem mit der russischen Gefahr begründet. Diese Gefahr ist im 20. Jahrhundert als Rechtfertigung Deutschlands in beiden Weltkriegen an die Wand gemalt worden. Schon im ersten Weltkrieg hatte Kaiser Wilhelm Deutschlands Angriff auf Russland mit einer russischen Mobilmachung zu rechtfertigen versucht. Wilhelm II. griff dies auch in seiner Balkonrede am Abend des 31. Juli auf, in dem er anführte, dass „dem Deutschen Reich das Schwert in die Hand [gedrückt] und es von Russland, dem scheinbaren Aggressor, und allen anderen Neider[n] zu einer gerechte[n] Verteidigung des eigenen Landes genötigt worden sei. Er unterstrich dies weiter, indem er bemerkte, dass ein Krieg von Seiten des Reichs nicht gewollt und er darum bemüht sei, den Frieden zu erhalten.“ (4) Man sieht, die Nato hat vom deutschen Militarismus gut gelernt. Hitler machte es bei der Operation Barbarossa, wie er den Vernichtungsfeldzug gegen die Sowjetunion nannte, deutlich einfacher. Die Reichswehr könne ihre Aufgaben in der Welt nur erfüllen, wenn sie die Sowjetunion niedergerungen hat. (5)

Die Dämonisierung Russlands/der Sowjetunion hat eine fatale und lange Geschichte. Das Märchen von der Notwendigkeit der Zwei-Prozent-Aufrüstung bedeutet bei Licht gesehen: Es reicht der Nato nicht, wenn sie – wie es aktuell der Fall ist – vierzehn Mal mehr als der auserkorene Feind im Osten ausgibt.(6)

Was hat die Nato vor, ohne dass sie es hinter ihren Lügen offenbart?

In den 1980er Jahren kursierte die „Victory is possible-Strategie“ des US-Militärexperten Colin S. Gray. Der Spiegel-Bericht dazu trug die Überschrift: „Atomkrieg doch führbar?“ (7)

Man brauche für den gewinnbaren Atomkrieg, der zwar schon ein paar Hundert Millionen Opfer mit sich bringt, eine Erstschlags-/Enthauptungsfähigkeit, eine Raketenabwehr und einen guten Zivilschutz. Im 21. Jahrhundert brachte es der US-Führungsmilitär Breedlove auf den Punkt: Wir bereiten uns darauf vor, gegen Russland zu kämpfen und zu gewinnen. (9)

Wenn die kritischen Nuklearwissenschaftler so eindringlich vor der anwachsenden Gefahr eines Endes der Zivilisation warnen, dann verweisen sie auf die Gefahren aufgrund der Nuklearrüstung, die internationalen Spannungen, „der gesellschaftlichen Polarisierung und der Gefahren, die sich aus einer möglichen Klimakatastrophe ergeben.“ (10)

Diese Strategie nicht als Hintergrund für die Fake-News der Militaristen und ihrer Helfershelfer anzunehmen, das wäre gefährlich blauäugig. Es geht hier nicht um Panikmache. Auch als die Friedensbewegung von Millionen Bewegten bewegt wurde, gab es Angst, Sorge, Betroffenheit. Wenn derartige Gefühle vorhanden sind, dann verkrampft jede Bewegung, sie zu verdrängen, zu unterdrücken. Wenn sie in Aktivität umgesetzt werden, dann können sie beflügeln. Dies umso mehr, wenn sie das Erlebnis der Solidarität möglich machen.

Ob die Nachhaltigkeit der Friedensbewegung stark genug sein wird, ist die Hoffnung, die das Leben braucht.

Die nächsten Möglichkeiten, sich einzubringen, bestehen in München auf der Friedensdemonstration anlässlich der  so genannten „Sicherheits“Konferenz:

Samstag, den 16. Februar 2019 – München um 13 Uhr am Stachus (11)

Dann sind Anfang April die bundesweit regionalen Aktionen gegen die Nato, die dann anlässlich ihres 70. Jahres seit der Gründung Militärpropaganda über alle Mainstream-Medien in die Gehirne der Menschen einflößen wird.

Ende April bieten dann die Ostermärsche die Möglichkeit zum Friedensengagement. In den 1980er Jahren zählten sie in vielen Städten in 10.000er-Kategorien bei der Beteiligung. Das ist wieder ähnlich wichtig, wie damals – vermutlich heute noch weit wichtiger.

Die Unterschriftensammlung für den sehr erfolgreichen Appell „Abrüsten statt aufrüsten“ läuft ebenso weiter. (12)

Quellen:

(1) http://weltuntergangsuhr.com/

(2) https://www.tagesschau.de/ausland/inf-vertrag-stoltenberg-101.html

(3) http://faktenfinder.tagesschau.de/ausland/inf-usa-russland-101~_origin-9477847d-185f-4974-94bd-9ebcdbb1b611.html

(4) https://www.1000dokumente.de/index.html?c=dokument_de&dokument=0203_bal&object=context

(5) https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article153794687/Frage-nach-dem-ob-eines-Angriffs-stellte-Hitler-nicht.html

(6) http://www.bund-rvso.de/auf-ruestung-deutschland-nato-russland-ausgaben.html

(7) http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-14349766.html

(8) https://dod.defense.gov/News/Article/Article/673338/breedlove-russia-instability-threaten-us-european-security-interests/

(9) Zitat: „To counter Russia, Eucom, working … partners, is deterring Russia now and preparing to fight and win if necessary,“ Quelle: https://dod.defense.gov/News/Article/Article/673338/breedlove-russia-instability-threaten-us-european-security-interests/

(10) http://weltuntergangsuhr.com/

(11) https://sicherheitskonferenz.de/de/Aufruf-SiKo-Proteste-2019

(12) https://abruesten.jetzt/

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung.

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2 Kommentare zu: “Willkommen in den 80s

  1. Lieber Bernhard Trautvetter,
    danke für die Informationen zur Studie „Why Civil Resistance Works“.
    Um mit gewaltfreien Kampagnen erfolgreich zu sein, müssten also
    3,5 % der Bevölkerung für das Anliegen gewonnen werden.
    Nun wissen wir, dass mehr als 2/3 der deutschen Bevölkerung
    keinen Krieg will und auch für eine gute Nachbarschaft mit Russland ist.
    So viele Menschen muss man ja gar nicht für eine ständige
    Bewegung mobilisieren, sondern es reicht, sie für Ad hoc-Events
    zu gewinnen, um etwas in ihren Köpfen zu bewegen.
    Mit viel Fantasie kann man viele Menschen an vielen Orten
    erreichen. Es ist zudem viel einfacher zu den Menschen zu gehen,
    und zwar dahin, wo sie sich versammeln oder ohnehin unterwegs
    sind, als sie zum Kommen auf zusätzliche Veranstaltungen/Events
    zu veranlassen.
    Das schönste ist, dass es gar nicht so viel an Organisation
    braucht. Warum nicht mal eine Flashmob – Aktion für den Frieden?
    Oder ein Friedensgebet, wie z.B. Dorothee Sölles ‚Politisches Nachtgebet‘.
    Als mich das Grauen angesichts der bevorstehenden Siko München
    befiel, dachte ich: „Da hilft nur noch beten!“ Wenn wir das mal umdrehen,
    heißt die Botschaft: „Wenn wir zum Friedensgebet einladen“, muss es wohl
    schlimm um den Frieden stehen.“ Mehr an Erklärungen bedarf es gar nicht!
    Wenn man ganz schlicht für den Frieden in unruhigen Zeiten zu beten
    vorhat, kann man wahrscheinlich so ziemlich jede Pfarrei erreichen.
    Damit meine ich überhaupt nicht (Gott bewahre!) dass es um Äquidistanz
    geht, sondern. Menschen für den Frieden sind halt ganz unterschiedlicher
    Meinung und ganz unterschiedlich informiert und unterschiedlich heftiger
    Propaganda ausgesetzt.
    Aber warum kann man nicht einfach von der Bedrohung reden, von der
    Anwesenheit atomarer Sprengköpfen in Büchel, dass Deutschland
    das zentrale Schlachtfeld in einem heißen Krieg wäre. Man kann über
    Krieg und Frieden reden, ohne sich den Ideologievorwurf einzufangen.

    • Liebe/r phlox
      Sie bedanken sich für Informationen auch aus meinem Rubikon-Artikel von gestern zum Thema Pazifismus.
      Was das Schlachtfeld Deutschland angeht:
      Im Falle eines erneuten großen Krieges (‚major war‘) in Europa, von dem die JAPCC-[Nato]-Konferenz 2014 ‚Future Vector‘ sprach, wäre es egal, ob unser Land das erste, zweite oder… x.te wäre, das untergeht. Ein solcher Krieg wäre das Ende der Zivilisation, wie Brechts Kathargo-Text es besagte: Nach dem ersten Krieg war es noch mächtig, nach dem zweiten noch bewohnbar, nach dem dritten nicht mehr wiederzufinden. Das wäre das Schicksal nicht nur unseres Landes. Ob ich mir den Vorwurf einfange, ideologisch zu argumentieren ist mir egal. Was wurde und wird mir schon alles vorgeworfen! Ich bemühe mich darum, valide zu argumentieren. Jene, die mir etwas unterstellen, sagen oft mehr über sich als über mich/uns.
      Wir leben in der gefährlichsten Epoche der Geschichte. WIr sind vielleicht die letzte Generation, die der Menschheit, der Natur, dem Leben das ÜberLeben retten kann; das ist unserer Verantwortung, das motiviert mich.

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