KenFM im Gespräch mit: Willy Wimmer (Juni 2014)

Nie war die deutsche Außenpolitik so wenig souverän wie in unseren Tagen. Deutschland wird von seinem großen Bruder konsequent abgehört und parallel dazu gezwungen, auf dem eigenen Kontinent gegen ureigene Interessen zu verstoßen. In etwa gegen ein entspanntes Verhältnis zum Nachbarn Russland.

Welche Folgen hat diese Politik für die BRD, aber eben auch für Europa?

„Europa soll wieder fit gemacht werden für den Krieg.“

Zu diesem niederschmetternden Urteil kommt aktuell der langjährige CDU-Bundestagsabgeordnete Willy Wimmer.

Der Mann war unter anderem als Staatssekretär des Verteidigungsministeriums während der Kanzlerschaft Helmut Kohls tätig. Er begleitete als Diplomat die 2+4-Gespräche zur deutschen Wiedervereinigung. Von 1994 bis 2000 war Willy Wimmer Vizepräsident der Parlamentarischen Versammlung der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, OSZE.

Die OSZE-Konferenzen waren die erfolgreichsten Staatentreffen in der Geschichte Europas, denn hier begegneten sich alle Teilnehmer auf Augenhöhe. Leben und leben lassen, war das gemeinsame Credo bei allen unterschiedlichen Interessen.

Seit dem Balkankrieg unter Rot/Grün 1990 geht es nicht nur diplomatisch in Europa bergab. Die aktuelle Europawahl trägt dem Rechnung. Es hat ein massiver Rechtsruck stattgefunden, dem die Bankenkrise vorausging, ausgelöst in den USA.

Seither befindet sich Europa in einer massiven sozialen Schieflage. Eine Spaltung in Arm und Reich ist die Folge und macht so Gräben auf, die seit Kriegsende ’45 mühsam geschlossen wurden.

Geschichte ist kein Zufall. Hinter ihr stecken Kräfte mit persönlichen Interessen. Diese Interessen decken sich in der Regel nicht mit den Wünschen der Mehrheit.

Wer Geschichte verstehen will, muss jeden Abschnitt, auch den der Gegenwart, als Teil eines großen Puzzles begreifen. Im Gespräch mit Willy Wimmer versuchen wir, dieses Gesamtbild zu skizzieren.

Wir streifen dabei die Themengebiete Status quo Ukraine, EU-Wahl und die Folgen und die aktuelle US-Außenpolitik nach der Rede Barack Obamas in Westpoint.

Ebenfalls zur Sprache kommt der geplante Abschied vom Parlamentsvorbehalt, sodass die Bundeswehr schon bald über Brüssel in alle Welt geschickt werden kann, ohne dass Berlin sich noch wehren könnte.

Willy Wimmer zitiert den ehemaligen US-Präsidenten Jimmy Carter, der der amerikanischen Demokratie ein ersthaftes Problem attestiert hat. Was ist los in Amerika und wie sollen Deutschland und Europa damit umgehen?

Final sprechen wir mit Wimmer über die Montagsmahnwachen, die in der BRD inzwischen in über 100 Städten stattfinden. Muss sich ein Bürger für sein ureignes Recht, auf die Straße zu gehen, entschuldigen?

Willy Wimmer hat viele unserer Fragen beantwortet, aber uns haben sich nach dem Gespräch noch weitere aufgetan. Wir werden das politische Urgestein Wimmer wohl erneut besuchen müssen, denn Politik ist ein Zug, der sich ständig bewegt und Schienen folgt, die ihn jederzeit in eine Richtung führen können, von der wir nicht wissen, wie der Endbahnhof heißt. Hier schlummert ein Risiko, das Krieg beinhaltet.

Nie waren politischer Sachverstand und jahrzehntelange Erfahrung auch während des Kalten Krieges mehr gefragt als dieser Tage.

2 Kommentare zu: “KenFM im Gespräch mit: Willy Wimmer (Juni 2014)

  1. Ein sehr interessantes Video.

    Was mich aber wundert, das ist, dass Herr Wimmer zwar darüber spricht, dass die USA einen gewissen, geostrategisch-politischen Plan gegenüber Rußland verfolgen, der sich gerade an der Ukraine zeigt, aber sowohl Sie, Herr Jebsen, als auch Ihr Gesprächspartner Herr Wimmer da so ein bißchen im Nebel zu stochern scheinen.

    Dabei ist es nicht weiter schwer, die Absichten der USA zu erkennen, wenn man sich mit dem Architekten dieser Politik der USA genauer auseinandersetzt, der darüber eine ganze Reihe von Büchern geschrieben hat, in denen er seine Ziele für die Weltmacht erklärt und auch auf Twitter fleißig seine Meinung zum aktuellen Zeitgeschehen kund tut. (http://www.twitter.com/zbig)

    Es handelt sich dabei um Zbigniew Brzezinski, der seinerzeit unter Präsident Carter dessen Sicherheitsberater war, hinter Obamas Kandidatur stand und diesen außenpolitisch berät.

    Mehr zu Brzezinski in seinem Wikipediaartikel: http://de.wikipedia.org/wiki/Zbigniew_Brzezi%C5%84ski

    Auch seine Bücher, vor allem „The grand chessboard“ von 1997 und das 2012 erschienene „Strategic Vision: America and the Crisis of Global Power“ sollte man mal in Ruhe lesen.

    Bereits 1997 sah Brzezinski die Ukraine als den Hebel an, Auf Seite 74 schreibt er:

    „Die Ukraine, ein neuer und wichtiger Raum auf dem eurasischen Schachbrett, ist ein geopolitischer Dreh- und Angelpunkt, weil ihre bloße Existenz als unabhängiger Staat zur Umwandlung Rußlands beiträgt. Ohne die Ukraine ist Rußland kein eurasisches Reich mehr. Es kann trotzdem nach einem imperialen Status streben, würde aber dann ein vorwiegend asiatisches Reich werden, das aller Wahrscheinlichkeit nach in lähmende Konflikte mit aufbegehrenden Zentralasiaten hineingezogen werden würde …
    Wenn Moskau allerdings die Herrschaft über die Ukraine mit ihren 52 Millionen Menschen, bedeutenden Bodenschätzen und dem Zugang zum Schwarzen Meer wiedergewinnen sollte, erlangte Rußland automatisch die Mittel, ein mächtiges Europa und Asien umspannendes Reich zu werden. …“

    Was wir nun in der Ukraine mit dem „Regime Change Management“ erleben ist eine Umsetzung dieser Idee Bzrezinskis, ebenso wird nach der Lektüre von dem Manne deutlich, wieso die USA im Baltikum sind und Raketenabwehreinrichtungen in Polen und Tschechien installiert haben.

    Nur das Warum hat sich gewandelt; früher war Brzezinski ein Anhänger der unilateralen Welt und wollte unbedingt um jeden Preis das Erstarken weiterer Mächte, die auf Augenhöhe der USA agieren könnten, verhindern. Sein Plan war es damals, mit China gemeinsam gegen Rußland zu agieren und Rußland an den Westen zu binden.

    In seinem Buch von 2012 aber hat er eingesehen, dass es die Neocons in den USA verbockt haben und die USA deutlich an Macht eingebüßt haben, als auch, dass die multipolare Welt nun Realität geworden ist.

    Für Brzezinski ist nun das Gebot der Stunde, Rußland zu Umwerben, um gemeinsam mit Rußland gegen China aktiv werden zu können. Während früher für Brzezinski Rußland der Gegner war, den es einzuquetschen galt, ist er heute der Ansicht, dass die USA Rußland dringend bräuchten, um ihren Status Quo aufrecht erhalten zu können.

    Auch ist er beispielsweise der Meinung, dass die USA endlich den Iran als stabilisierende Regionalmacht anerkennen müssten und mit der Verteufelung desselben aufhören sollten.

    Der Mann äußert sich aktuell auch sehr häufig zum aktuellen Geschehen in der Ukraine, ist ggf. für einen Einmarsch dort und sieht als Endlösung eine Art Status für die Ukraine wie Finnland an. Auch will er eine Militarisierung Deutschlands, denn Gaucks Rede, dass Deutschland mehr Verantwortung auf der Welt übernehmen müsse, lobte er ausdrücklich.

    So oder so, wenn Sie wirklich verstehen wollen, was aktuell und warum geschieht, dann sollten Sie sich mal in Ruhe mit diesem Mann und seinen Ideen, die danach meistens amerikanische Außenpolitik wurden, auseinandersetzen.

    Danach werden Sie manches besser verstehen.

  2. DAS war nach meiner Wahrnehmung das beste Interview, welches ich jemals gesehen habe und ich zolle Herrn Wimmer für seine wahrlich spürbare Aufrichtigkeit, Offenheit den höchstmöglichen Respekt.

    Bezüglich meiner bisherigen Einstellung zur (Bonner) Republik empfinde ich regelrecht Scham.

    Gratulation auch an Ken Jebsen, der sich mit diesem Interview tatsächlich selbst übertroffen hat.

    Hier ist Geschichte be- und geschrieben worden!

    frank hermes / Wiesbaden

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