Young women from Brazil

Zwischenwelten – von Sofia Lux.

Weihnachtsessen. Bei einer Freundin zu Hause.

Eingeladen für Samstag Abend.

Meine Lust auf viele Menschen hielt sich wie gewohnt in Grenzen, als ich am letzten Samstag durch die nasskalten und vernebelten Straßen Berlins nach Pankow zu meiner Freundin fuhr.

Mein Beitrag: ein Dessert. Schokokuchen mit Vanilleeis. Diese Bio-Backmischung ist stets der Renner und erfreut sich immer großer Beliebtheit. Is` ja auch lecker.

Der Schokokuchen vom Beifahrersitz geschnappt geht, in meinen Arm gepresst, mit mir die Treppe in den 3.Stock des Berliner Neubaus hinauf.

Ein paar Leute sind schon da. Es soll eine kleine Runde bleiben.

Neben Julias bestem Freund, Ray, kenne ich Kathi. Ich sehe sie 1-2 mal im Jahr bei Gelegenheiten wie diesen, veranlasst durch unsere gemeinsame Freundin Julia.

Kathi ist eigentlich immer am Reden. Pausen, Fragen an sich selbst oder schlichte Zurückhaltung im Gespräch sind nicht ihre Sache. Kathi plappert und plaudert wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Und in dieser Runde von Menschen, die sich im wesentlichen aus zwei sich nicht bekannten Lagern speist- Julias Freunden und Rays Freunden- ist Kathis Plapperwesen eine echte Bereicherung. Hier scheint keiner so richtig aus dem Knick zu kommen ein wenig Interesse für den noch fremden Menschen zu zeigen. Ich selbst kann das bis zu einem gewissen Grad gut nachvollziehen: man steht im eigenen Leben oftmals mehr als genug in Kommunikation mit Menschen, denen man Freundlichkeit, Höflichkeit und Interesse signalisieren muss oder möchte. Ob im Berufsleben oder beim Bäcker. Manche Menschen müssen sich eben durchringen, dem Gegenüber ausreichend Respekt zu zollen, weil sie innerlich zu sehr mit sich selbst hadern. Ich zähle mich durchaus zu dieser Gruppe. Auch, wenn es mir nicht passieren würde unhöflich oder respektlos gegenüber Menschen zu sein, die mir höflich und respektvoll begegnen. Aber ich kenne das Gefühl gut, im eigenen Innern festzustecken und jede Regung nach außen als einen Akt der Arbeit zu empfinden. Und, wenn es das müde Lächeln ist, das ich der Bäckereiverkäuferin entgegenbringe. Oder bloß die Formulierung „ein Roggenmischbrot bitte“ schon reicht, um zu denken das kommunikative Pensum für den heutigen Tag vollständig erreicht zu haben.

Nachdem ich nun alle Anwesenden kurz begrüßte, Kathi mit einem Pärchen im Gespräch (oder Monolog?) vertieft war, ließ ich mir von Julia ein Glas Weißwein geben und verzog mich auf den verglasten Balkon, um eine Zigarette zu rauchen. Ray saß auf der Bank und Julia kam kurze Zeit später hinterher. Wir unterhielten uns. Ray hat zum Glück ein ruhigeres Gemüt, das mir, meinem Wesen oder meiner Stimmung mehr entspricht, als das Non-stop-Gerede, das Kathi ihrem Gesprächsteilnehmer zu versprechen vermochte.

Nach kurzer Zeit klingelte es und der kleine Bruder von Julia kam mit seiner Freundin Giovanna in den Raum. Julias Bruder, Jens, habe ich im Laufe unserer 10-jährigen Freundschaft in unregelmäßigen Abständen immer mal wieder gesehen. Wir unterhielten uns nur, wenn nötig und wechselten ein paar Worte. Er war in der Vergangenheit immer zu arg fixiert darauf, angenommen zu werden, so dass sich sein eigentlich nicht unsympathisches Wesen, in der Kommunikation stark verzerrte und sein immenser innerer Druck vor Anderen genügen zu müssen, jede angenehme, authentische Gesprächsverbindung für mich verunmöglichte.
Jens ging mir deswegen immer eher auf die Nerven und mein Interesse an einer Unterhaltung mit ihm war sehr gering oder besser gesagt: eigentlich nicht vorhanden.

Seine Freundin hingegen, die er via Internet vor etwa einem Jahr kennenlernte und die aus Brasilia stammte, hatte eine ausgesprochen angenehme, warme und herzliche Aura. Ihr Wesen lässt sich mit dem Begriff „offenherzig“ wohl am ehesten beschreiben. Zu diesen positiven inneren Attributen, brachte die junge Frau auch noch ein umwerfendes Äußeres mit: ein schönes und liebevolles Gesicht, hohe Wangenknochen, vollmundige Lippen, schöne Zähne und freundliche, große braune Augen. Ihr Teint war dunkel, ihre Haut weich wie ihr Wesen wirkte. Die Haare pechschwarz, glatt und glänzend. Ihre Figur wohlgeformt rund.
Wäre ich ein Mann, würde ich sie vermutlich unbedingt erobern wollen.

Nun bin ich eine Frau, im etwa gleichen Alter wie sie und der Teil meines Herzens, der erobert werden will, gehört bereits der Männerwelt.

Giovanna spricht schlecht deutsch. Und mein englisch ist nur Ok. Viel schlimmer aber: ich spreche es wirklich sehr sehr ungern. Ich bin genug damit beschäftigt Worte für meine Gefühle und Gedanken in meiner Muttersprache zu entwickeln, dass mir die unzureichende Wortgestaltung in englischer Sprache etwas ist, vor dem ich stetig auf der Flucht bin. Das ist sicher nicht gut. Ich sollte neugieriger und toleranter mit mir und meiner englisch-sprechenden Umwelt sein. Ich bin es aber leider nicht. In diesem Sinne bin ich eine echte Anti-Berlinerin. Hier spricht schließlich fast Jeder meiner Generation, fast so gut englisch wie deutsch. Ich wehre mich irgendwie dagegen. Es überfordert mich schlichtweg. Vermutlich bin ich in dieser Hinsicht eine einfache Provinzlerin geblieben. Aber die will ich durchaus nicht bleiben. Und Begegnungen wie mit Giovanna offenbaren mir, wie schön es sein kann (auch in einer fremden, kalt empfundenen Sprache wie der Englischen) miteinander kommunizieren zu können. Denn, wenn es um Begegnung geht, dann kann Sprache eben ziemlich hilfreich sein. Sie stellt keine Notwendigkeit dar, denn für die Erfassung von Giovannas Seelenwesen benötigte ich keine Fachkenntnisse, weder im Englischen noch im Deutschen. Man kann Menschen glücklicherweise auch ganz ohne Sprachkenntnis ausgesprochen klar erspüren.

Giovanna besuchte uns auf dem Balkon und so kamen wir alle miteinander ins Gespräch. Auch Kathi tappte zu uns und brachte die Gruppe in ihr kommunikatives Fahrwasser: laut und lustig und immer lieber an der glitzernden Oberfläche des Geschehens. Es war in Ordnung so. Kathi erkannte in Giovanna eine neue Gesprächsbeute. Sie plapperte ohne Unterlass und mit einem English dessen Akzentuierung in der Gruppe Rätsel aufkommen ließ: ursprünglich aus Chemnitz stammend, mischte sich dieser urkomische Dialekt in Kathis englische Aussprache. Gleichzeitig betonte sie Endungen wie eine englischsprechende Französin. Woher diese besondere Mischung hin zum französischen Englisch bei ihr kam, konnte Kathi sich auch nicht erklären. Sie hätte das aber schon öfter gehört. Verunsicherung kam deswegen bei Kathi selbstverständlich nicht auf, nein, im Gegenteil sie hatte die Stärke gemeinsam mit uns herzlich darüber zu lachen. Wir fühlten uns zunehmend wohler miteinander.

Sekt und Weißwein schenkten wir uns gegenseitig nach. Mein neugekaufter, schlichter dunkler Wintermantel erhielt bei unserem Rauchpensum seine erste „Kneipendusche“. Wenn ich zu Hause bin, werde ich den Mantel auf meinem Balkon zwei Tage auslüften lassen, dachte ich und zündete mir genüsslich den nächsten Glimmstengel an.

Derweil erwiderte Giovanna Kathis Gesprächs-Ping-Pong gekonnt und freudvoll. Julia schaltete sich ebenfalls immer wieder in die Kommunikation ein, Ray siedelte ins Wohnzimmer über und Jens kam raus zu uns, um auf der schmalen Stufe zur Balkontür sitzend die Gruppe zu beobachten oder ihr zuteil zu werden. Ich hörte dem Geschnatter ebenfalls einigermaßen aufmerksam zu und merkte, dass mich die Antworten von Giovanna zunehmend interessierten. Ein leichtes Unwohlsein, weil ich so ungern englisch spreche, begleitete mich in dieser Szenerie stetig, wie ich es bereits aus zahlreichen vorangegangenen ähnlichen Situationen von mir kannte.

Wenn ich etwas zum Gespräch beisteuerte, war Giovannas Aufmerksamkeit sehr fokussiert auf mich. Ich befürchte sie konnte meine anfängliche Zurückhaltung im Gespräch nicht richtig einordnen oder fühlte sich veranlasst mir zu signalisieren, dass sie mich im Gesprächs-Ping-Pong gern dabei hätte. Ich lächelte zurück und sagte oder fragte etwas, wenn mir danach war.

Als Kathi urplötzlich und leicht stolpernd den Balkon verließ rückte Giovanna näher an mich heran. Wir schenkten uns gegenseitig Zigaretten, gaben einander Feuer und genossen die durch Kathis Abwesenheit entstandene neue Stimmungslage auf dem Balkon.

Julia erzählte von ihrer Zeit, die sie in den letzten Monaten hatte, von der Aufarbeitung mit ihrem Therapeuten. Von Burnout und Energiemangel. Mir ist all das kein Fremdwort. Julia und ich sind sehr vertraut. Ich weiß um ihre Gefühlswelt sehr genau. Auch Giovanna öffnete sich und erzählte, dass sie fünf Jahre lang in großer Traurigkeit gewesen ist, sie viel in Bars rumhing und gute Miene zum bösen Spiel machte, aber sich innerlich immer leerer und leerer fühlte. Sie beschloss dem ganzen ein Ende zu setzen: Sie beschloss allein zu reisen, obwohl sie große Angst davor hatte. Sich aufzumachen in ein fremdes Land auf einem anderen Kontinent. Sie beschloss nach Berlin zu kommen. Sie erzählte uns, indem sie eine wesentliche Sache in ihrem Leben veränderte, veränderte sich alles andere drum herum mit. Und es begann ein Kreislauf der positiven Veränderung in ihrem Leben. Sie spürte wie die Dinge zu ihr kamen, wie sie loslassen konnte und die Überzeugung im Leben Entscheidungen zu treffen, in ihr stark geworden ist.

Sie sagte und fragte mich verschiedene Dinge: sie sagte, dass sie mich schön fände. Äußerlich und auch meine Seele. Ich bedankte mich höflich und wollte weiter im Gespräch, aber sie insistierte bis ich ernsthaft auf ihr Kompliment reagieren und lächeln musste. Sie fragte, auf welchen Typ Mann ich stehe würde: eher dominant oder soft? (Und natürlich braucht es eine gut balancierte Mischung, um mein Interesse wecken zu können). Sie fragte weiter: ob es etwas gäbe was ich in meinem Leben ändern wollen würde. Ich verriet es ihr, nachdem ich längere Zeit laut darüber nachdachte. Denn sicher gibt es einige kleinere Stellschrauben in jedem Leben, die man problemloser in der Lage ist, vor sich sichtbar werden zu lassen. Aber den Blick für eine wirklich elementare Umstellung des eigenen Lebens zu riskieren, stellte sich für mich als etwas komplexer heraus. Ich doktere wie die meisten Menschen, an sehr verschiedenen Baustellen in meinem Leben herum. Versuche mehr Gleichgewicht in mein Leben zu bringen. Setze an verschiedenen Punkten an, die sich jedoch alle auf einer ähnlichen Ebene verorten lassen. Dies wurde mir klar, als Giovanna mich nach meinem Wunsch für eine Veränderung in meinem Leben fragte: ich erkannte, dass die bisherigen Schritte in meinem Leben, trotz (oder wegen?) aller versuchter analytischer Auseinandersetzung, im Grunde nur eine einzige Ebene umfassten: die der Theorie, der vernünftigen Abwägung, die der Materie. Es kam mir das Bild eines Baumstammes, der seine Ringe um sich trägt. Und ich bilde mit jeder Baustelle, die ich umgrabe, kleine Holzmulden in einem der Jahresringe. Giovanna eröffnete mir, mit ihrer schlichten, ehrlichen Frage und mit ihrer Schilderung eigener Erfahrungen, dass ich zwischen diesen Kreisen, den Ringen des Baumes, pendeln kann. Ich bin nicht gefangen in einem Ringkreislauf. Ich kann auch die anderen Ringe betreten…jederzeit. Weil sie da sind. Für mich, für sie und für jeden von uns.

Und genau das möchte ich tun: Einen anderen Ring betreten. Ob es gelingt? Wir werden sehen.

Was im Moment für mich zählt ist, dass diese schlichte Erkenntnis, dieser innere Wunsch, mit Hilfe von Giovannas beherzter Ehrlichkeit, in meinen Seelenkosmos dringen konnte.

Und dafür gilt es Danke zu sagen- das tat ich und tu ich nochmal: Merci, young women from Brazil!

Dank an die Autorin für das Recht zur Veröffentlichung des Artikels.

KenFM bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Meinungsartikel und Gastbeiträge müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

3 Kommentare zu: “Young women from Brazil

  1. Auch wenn es mich eigentlich kaum interessiert, was jemand darüber schreibt, wie Gäste bei einem Weihnachtsessen interagieren, habe ich – vor allem aufgrund des flüssigen, zwanglosen Stils – diese Weihnachtsgschichte von vorn bis hinten gelesen und bin nun doch erstaunt, dass sie mich auf eine ganz andere Art zur Besinnung brachte, als dies bei Weihnachtsgeschichten gewöhnlich der Fall ist. Ich bin angenehm überrascht, so, als hätte ich langsam und genussvoll ein Weihnachtsgeschenk ausgepackt, um festzustellen, dass es eine kleine Lebensweisheit enthielt.

  2. Thema dieses Tagebucheintrags: Sprache, Kommunikation. „Young women from Brazil“. Dafür, daß Sophia Lux Englisch eigentlich nicht sprechen mag, nutzt er/sie es recht oft (geschrieben). Die persönliche Begegnung hätte reichen können für ein: „Mulheres jovens do Brasil“ (bzw „Mulhere jovem do Brasil“ – ist ja nur eine Giovanna – woman). Und ein „obrigada“ statt „merci“?

    Der Autor sieht meinen Kommentar bitte als persönliche subjektive Meinung. Der Text ist mir zu depri/egozentriert/oberflächlich.

  3. Wenn auch der größte Teil der Geschichte hinter einer Maske der Vieldeutigkeit verborgen bleibt, wie es schon bei Goethe und zig Schriftstellern und Schriftstellerinnen vorher und nacher der Fall war, zeigt sie dennoch eine wichtige Eigenschaft unserer menschlichen Gesellschaft, die wir immer wieder vergessen: Die Gegenseitige Hilfe, die wir ausüben, und die jede Auffassung des bürgerlichen Individualismus zerschlägt.
    Sie bedeutet für uns Menschen mehr als man gemeinhin bei all dem Gelaber von Konkurrenz und solchen abstrakten Begriffen rüberkommt. Wie wir an der Geschichte sehen, ist die einfache Kommunikation mit einer Fremden manchmal ein Schritt zu einer bisher verborgenen Selbsterkenntnis. Der Spiegel des eigenen Ichs ist die andere.
    Das hat man ja oft – Nietzsche hatte mal die Metapher von der Sonne, die nichts mit ihrer Pracht anzufangen wüsste, würde sie niemandem scheinen… und hier kann man auch gleich seine Forderung nach der Umwertung der Werte ins Spiel bringen, denn die ist heute immernoch bitter nötig, wie man an den entfremdeten zwischenmenschlichen Beziehungen in der Geschichte ebenfalls wahrnehmen kann.
    Super, dass KenFM mit einigen literarischen Ergüssen versehen wird – das erweitert das Wirkspektrum und macht alles noch interessanter! Klasse!

    Schon mal über Lesungen solcher Texte nachgedacht? Vielleicht auch mal an historisch interessanten Orten oder so.

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