Zu Syrien/Aleppo: Die scheinheilige Empörung

Aber die Heuchler haben Schuld an dem Grauen

Ein Kommentar von Wolfgang Bittner.

Aleppo wird seit Monaten durch die syrische und die russische Luftwaffe bombardiert. Ich bin entsetzt, wenn ich die Bilder der zerstörten Stadt sehe, die an Berlin, Dresden oder Köln gegen Ende des Zweiten Weltkriegs erinnern. Und wie viele Friedensaktivisten befinde ich mich in einer Zwickmühle. Wir sind erschüttert, wir sind selbstverständlich gegen Krieg und Bombardierungen. Andererseits lässt sich nicht einfach ignorieren, dass ein Staat berechtigt ist, sich gegen Mörderbanden, die noch dazu massiv von außen unterstützt werden, zu verteidigen und besetzte Gebiete in den eigenen Herrschaftsbereich zurückzuholen.

Die scheinheilige, verlogene Empörung von Obama, Kerry, Merkel, Steinmeier und anderen westlichen Politikern gegen Russland wegen Aleppo ist infam. Sie haben doch die Hauptschuld an der Entstaatlichung verschiedener Länder und auch an diesem schrecklichen Krieg in Syrien. Es gab mehrmals Fluchtkorridore, die aber von der Zivilbevölkerung nicht genutzt werden konnten, weil die Terrormilizen (Al-Nusra-Front, Dschabhat Fatah asch-Scham und andere) das gewaltsam verhindert haben. Und sobald das syrische Militär und Russland Zugeständnisse machten, wurde für Nachschub an Waffen, Munition und Lebensmitteln für die Terroristen gesorgt.

Für Politiker und Medien sind die Mörderbanden „Aufständische“, „gemäßigte Rebellen“, sozusagen Freiheitskämpfer, und die syrische Regierung ist ein „Regime“, Assad ein „Machthaber“, während der Kriegsherr Poroschenko ein „Präsident“ ist, der einer (von Faschisten durchsetzten) angeblich legitimen „Regierung“ vorsteht. Und die USA, Saudi-Arabien und Katar treten in Syrien angeblich für Humanität und demokratische Verhältnisse ein.

Gerade ist die syrische Stadt Palmyra erneut von IS-Truppen eingenommen worden – ein taktisches Manöver (der Hauptteil der syrischen Truppen ist in Aleppo gebunden), wieder mit Unterstützung wer weiß von wem. Und wer regt sich von den genannten Politikern über die Bombardierung von Mossul oder ostukrainischer Städte durch die Kiewer Machthaber oder jemenitischer Städte durch die Saudis auf? Wo wir hinschauen: Mörderische Strategien aus niederen Beweggründen und heuchlerische, verlogene Propaganda.

Jetzt geht es im Einvernehmen von Politik und Medien schon wieder gegen Doping in Russland (wurde Doping in anderen Ländern ebenso intensiv untersucht?) und es wird gefordert, die russischen Athleten von den Olympischen Spielen auszuschließen, am besten gleich alle. Das hatten wir doch in den vergangenen Jahren bei fast allen Olympiaden – diese Hassorgien gegen Russland oder China. Sogar beim Eurovision Song Contest wurde gegen Russland gehetzt. Vorwände werden propagiert, Halbwahrheiten und Lügen verbreitet, die Bevölkerung wird indoktriniert und aufgewiegelt. Kalter Krieg, der über Nacht heiß werden könnte. Es ist zum Verzweifeln! Aber wie Bismarck schon wusste, ist Empörung keine politische Kategorie. Die uns mögliche Antwort ist Aufklärung! Ich habe schon mehrmals gesagt und geschrieben: Die Menschen müssen wissen, was hinter ihrem Rücken geschieht und was auf sie zukommt. Nur dann können sie sich dagegen wehren.

Wolfgang Bittner, Schriftsteller und Jurist, ist Autor des Buches „Die Eroberung Europas durch die USA“, Westend Verlag 2015.

Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Artikels.

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2 Kommentare zu: “Zu Syrien/Aleppo: Die scheinheilige Empörung

  1. Solange die Mehrheit der Menschen nicht gelernt hat, was z.B. ‚Information‘, ‚Wahrheit‘ wirklich ist bzw. wie man sie von ihrem Gegenteil unterscheiden kann oder was die Grundlagen, Mechanismen von Fiktion, Manipulation sind und dieses Wissen an sich selbst konsquent anzuwenden mit In-Kauf-Nahme aller obligatorischen Opfer (Verabschiedung des bisherigen Selbstbildes; Loslassen von gewohnten Routinen, Meinungen; Verzicht auf liebgewonnnene Standards etc.), so lange wird es bei der Empörung im Bündnis mit Untätigkeit bleiben und alles so weiterlaufen wie bisher.

    Die journalistische ‚Aufklärung‘ ist ja nur eine Facette der Lösung.
    Und die sehr beliebte Delegierung von Eigenverantwortung in Aufklärungsfragen ( jedes Kind beherrscht diese Eigenverantwortung besser als die meisten Erwachsenen) an Journalisten, Autoren, ‚Intellektuelle‘, Politiker, NGOs etc. verhindert die echte, weil wirksame, weil faktisch verändernde Aufklärung.

    Diese Aufklärung ist übrigens zu keiner Zeit jemals erfolgreich gewesen, sie betraf seit jeher immer nur bestimmte Kreise und Schichten, denn trotz Voltaire oder Rousseau oder Diderot blieb das gemeine Volk Verfügungsmasse derer, die gerade die Macht inne hatten und wie die Revolution deutlichst zeigte, ist das unterschiedslos, ob das der Adel oder der Pöbel war.

    ‚Aufklärung‘ ist eine schöne Idee, die aber immer noch ihrer Wahrnehmung harrt…

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