Zur Genese der Entspannungspolitik

von Peter Brandt.

Ein Auszug aus dem Buch „Frieden! Jetzt! Überall!“

Am Beginn der Entspannungsidee steht die Zeit der Weimarer Republik nach dem Ersten Weltkrieg.(1) Oft wird nicht gesehen, dass der durch Gebietsverluste und Reparationen, durch die Festlegung von Deutschlands Alleinschuld und die höchst selektive Anwendung des nationalen Selbstbestimmungsrechts drückende Versailler Frieden (das »Diktat«) von beinahe dem gesamten politischen Spektrum abgelehnt und für zwingend revisionsbedürftig gehalten wurde. SPD und Zentrum stimmten in der Nationalversammlung der Vertragsunterzeichnung nur angesichts der alliierten Drohung zu, den Krieg sonst wieder aufzunehmen.

Relativ rasch entwickelte sich aus der Notlage der Republik ein außenpolitischer Ansatz, der Überlegungen und Methoden vorwegnahm, die später dem Stichwort »Entspannung« zuzurechnen sind. Zu Recht wird dabei Gustav Stresemann hervorgehoben, dessen Politik der Verständigung sich deutlich von der Machtorientierung des Kaiserreichs unterschied. Ihr vorausgegangen war 1923 eine dramatische Zuspitzung des Konflikts zwischen Deutschland und der französischen Siegermacht, die zusammen mit belgischen Truppen wegen nicht erfüllter Reparationspflichten das Ruhrgebiet besetzte.

Doch auch Frankreich konnte seine Ziele nicht erreichen; die Ruhrbesetzung war zudem weltweit unpopulär. Der US-amerikanische Dawes-Plan brachte 1924 eine zwischenzeitliche Regelung der Reparationsproblematik, doch als wirklicher Durchbruch wurde erst der Vertrag von Locarno im Oktober 1925 empfunden, in dem Deutschland – jetzt aus freien Stücken – auf Elsass-Lothringen und Eupen-Malmedy verzichtete, während die Anerkennung der Grenze zu Polen (»polnischer Korridor«) unverbindlicher erfolgte. Locarno brachte dem Deutschen Reich zudem die Option auf den Eintritt in den Völkerbund ein, der im Herbst 1926 erfolgte. Mit dem Vertragswerk war ferner die Aussicht auf eine baldige Räumung, zuerst des Ruhrgebiets und dann des linksrheinischen Gebiets, von alliierten Truppen verbunden, die bis 1930 durchgeführt wurde. Die Konferenz von Locarno bewirkte eine qualitative Veränderung im Verhältnis zwischen Siegern und Besiegten, die erstmals wieder auf gleicher Augenhöhe miteinander verhandelten.

Die Rolle der SPD während der Außenpolitik der 1920er-Jahre

Die seit 1922 wiedervereinigte SPD, namentlich der spätere Reichskanzler Hermann Müller, Rudolf Breitscheid und der Parteihistoriker Rudolf Hilferding, gaben Stresemann die parlamentarische Rückendeckung.(2) Die Sozialdemokraten erstrebten die Gleichberechtigung Deutschlands nicht, damit wieder die traditionelle Macht- und Hegemonialpolitik betrieben werden konnte. Sie wollten die Einbindung des Deutschen Reiches in ein immer dichteres Netz gegenseitiger Abhängigkeiten zwischen den Staaten, die Verrechtlichung der internationalen Beziehungen, die wirtschaftlich-politische Kooperation und in dieser Perspektive die Integration in die europäische Staatengemeinschaft. Diese Ziele wurden nachdrücklich von sozialdemokratischen und sozialistischen Parteien verfochten, die damit an ihre Positionen der Vorkriegs- und Kriegszeit anknüpften.(3) Realpolitisch relevant war diese Perspektive für Deutschland deshalb, weil sie in wichtigen Sektoren den Interessen des bürgerlichen Lagers eher Rechnung trug als ein nationaler Revanchismus. Insofern gab es hier Übereinstimmungen mit Stresemanns Ansatz.

Auch wenn die Sozialdemokraten in dem 1919 ohne Deutschland gegründeten Völkerbund faktisch noch ein »Kollegium kapitalistischer Regierungen« sahen, strebten sie dessen Weiterentwicklung zu einer wirksamen, rechtswahrenden internationalen Autorität an. Man dachte sowohl an die Parlamentarisierung des Völkerbundes durch Bildung einer internationalen Repräsentation der Völker aus den Einzelparlamenten als auch an dessen Universalisierung, sprich: die Aufnahme der USA und der Sowjetunion.

Ungeachtet dieser weitreichenden Perspektiven setzte die Außenpolitik der SPD eindeutige Prioritäten. Die Verständigung mit Frankreich, von deutscher Seite gezielt betrieben, sollte den sicherheitspolitischen Maximalismus des westlichen Nachbarn aufweichen. Auch war ersichtlich, dass Fortschritte bei der internationalen Abrüstung ohne eine wesentliche Verbesserung der deutsch-französischen Beziehungen nicht würden erzielt werden können.

Während »die Deutschnationalen«, die große Rechtspartei vor dem Aufstieg der NSDAP, überall nach potenziellen Bündnissen gegen die französischen Hegemonieansprüche Ausschau hielten, konnte für die SPD der Weg zur Stärkung Deutschlands und zur Gesundung Europas nur über Frankreich eröffnet werden. Selbst als in der Endphase der Weimarer Republik, angesichts der Weltwirtschaftskrise und des Abflusses kurzfristiger amerikanischer Anleihen, die Reparationsfrage wieder zu einem großen innenpolitischen Thema wurde und überdies das Abrücken Englands und der USA von der Nachkriegsordnung erkennbar wurde, hielten die SPD-Reichstagsfraktion und der SPD-Parteivorstand an der deutsch-französischen Verständigung als Voraussetzung einer multilateralen Friedenslösung fest.

Relativ unproblematisch war das Verhältnis der Weimarer Republik zur Sowjetunion. Russland gehörte, weil 1917 von Deutschland besiegt und aus dem Krieg ausgeschieden, zu den Verliererstaaten. Es stand zudem in einem Gegensatz zu den Westmächten, die im Bürgerkrieg faktisch zugunsten der (zaristischen) »Weißen« interveniert hatten, sowie zu den mit ihnen verbündeten, an seiner Westgrenze teilweise neu geschaffenen Staaten, vor allem Polen. Aus dieser Konstellation ergab sich die Orientierung der UdSSR auf Deutschland trotz aller ideologischen Gegensätze und unterschiedlicher politischer und gesellschaftlicher Ordnung.

Von der wirtschaftlichen (und der geheimen militärischen) Zusammenarbeit abgesehen, beinhalteten die beiden grundlegenden Verträge von Rapallo (1921) und Berlin (1926) den gegenseitigen Verzicht auf Ansprüche aus der Vergangenheit und eine wechselseitige Neutralitätsverpflichtung im Kriegsfall. Für die Zwanzigerjahre war charakteristisch, dass ein Zusammengehen Deutschlands mit Russland trotz des vehementen Antibolschewismus eher in den Kreisen der Rechten befürwortet wurde (natürlich beschränkt auf die Außenpolitik), während die bürgerliche Mitte und vor allem die Sozialdemokratie keinen Gegensatz zu den Verständigungsbemühungen mit den westlichen Siegermächten des Ersten Weltkriegs aufkommen lassen wollten.

Das atomare Patt im Kalten Krieg

Die Entstehung des Ost-West-Konflikts und dessen Zuspitzung zum Kalten Krieg nach dem Zweiten Weltkrieg war ein historisches Novum. Indem die Sowjetunion das Kernwaffenmonopol der USA durchbrach und dann auch noch Interkontinentalraketen entwickelte, entstand das (relative) »Gleichgewicht des Schreckens«. Der große Atomkrieg war keine rationale militärstrategische Option, auch wenn Militärexperten beider Seiten stets über dessen Gewinnbarkeit nachdachten. Wo die Blockgrenzen fest gezogen waren, namentlich in Europa, wurde das beiderseits letztlich respektiert. Selbst in der kritischen Periode im Herbst 1956 – zeitlich parallel zum Ungarnaufstand – funktionierte ein amerikanisch-sowjetisches Krisenmanagement, als die Supermächte die neokoloniale Intervention Großbritanniens und Frankreichs gegen Ägypten (das den Suezkanal nationalisiert hatte) und den gleichzeitigen Angriff Israels auf den ägyptischen Sinai stoppten.

Schon in den Fünfzigerjahren gab es immer wieder Impulse, die auf eine Entspannung zwischen den Weltmächten zielten, zuerst kurz nach Stalins Tod 1953 seitens der neuen Sowjetführung wie auch des britischen Premiers Winston Churchill und einige Jahre später durch den polnischen Außenminister Adam Rapacki, der eine atomwaffenfreie Zone in Mitteleuropa vorschlug. Nicht zufällig waren alle diese Initiativen mit Überlegungen verbunden, die deutsche Frage einer Lösung näherzubringen.

Zum Höhe- und Wendepunkt des Kalten Krieges wurde die Doppelkrise um Berlin und Kuba 1961/62, als die Welt in den atomaren Abgrund blickte. Zunächst aus reinem Selbsterhaltungsinteresse kamen die beiden Supermächte zu spannungsdämpfenden Verabredungen, wozu die Einrichtung eines »roten Telefons« und das atomare Teststoppabkommen gehörten. Die neue Kennedy-Administration ließ sich, wie auch Nikita Chruschtschow und seine Nachfolger, auf eine friedliche Koexistenz ein, beiderseits überzeugt davon, dass sich das eigene System im friedlichen, mit partieller Kooperation verbundenen Wettstreit letztlich durchsetzen, zumindest behaupten würde.

Das atomare Patt beförderte die Umstellung der westlichen Militärdoktrin von der »massiven Vergeltung« zur »flexible response« oder abgestuften Verteidigung. Der Wunsch lag nahe, auf einen konventionellen Angriff oder örtlichen militärischen Zusammenstoß, der auch aus einer wechselseitigen Fehlperzeption entstehen konnte, nicht sofort mit einem atomaren Großangriff antworten zu müssen. Für die Bundesrepublik Deutschland war die Strategie der »flexible response« kaum weniger problematisch als die der massiven Vergeltung, denn bereits ein konventioneller und vermutlich mit taktischen Atomwaffen ausgefochtener Krieg hätte in Mitteleuropa unvergleichlich schlimmere Verwüstungen und Tote mit sich gebracht als die letzten Monate des Zweiten Weltkriegs.

Ein realer Krieg wurde während der Inkubationsphase der Entspannung in Vietnam geführt. Die Weichen für die amerikanische Intervention in den Bürgerkrieg wurden schon unter John F. Kennedy gestellt; die Eskalation erfolgte 1964/65 unter dessen Nachfolger Lyndon B. Johnson. Man befürchtete ein weiteres Vordringen des Kommunismus in Asien und strebte einen exemplarischen Sieg über die antiimperialistischen und antiwestlichen Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt an. Auf die Ost-West-Beziehungen hatte der Vietnamkrieg eine ambivalente Wirkung: Zwar stand der Sowjetblock (ebenso wie China) auf der Seite Nordvietnams, unterstützte dies auch mit Waffenlieferungen. Das musste die Beziehungen zu den USA belasten, doch verstärkte der Vietnamkrieg andererseits das Interesse der US-Regierung an Ruhe in Europa auf der Basis des territorialen Status quo.

Die Auflockerung der bipolaren Staatenordnung wurde von den europäischen Verbündeten der Supermächte zu mehr Eigenständigkeit in der Außenpolitik genutzt.(4) Nach dem Aufbau einer eigenen Atomstreitmacht löste sich Frankreich 1966 aus der militärischen Integration der Nato. Der »deutsche Gaullismus«, der sich in der ersten Hälfte der Sechzigerjahre auf dem rechten Flügel der CDU/CSU abzeichnete, entstand hauptsächlich aus der Sorge, die USA könnten sich über die Köpfe ihrer europäischen Verbündeten hinweg mit der Sowjetunion verständigen. Die Gaullisten waren eher entspannungsgegnerisch eingestellt.

Das ost- und deutschlandpolitische Denken des ersten Bundeskanzlers Konrad Adenauer war jedoch weniger starr, als seine Reden lange vermuten ließen. In den letzten Jahren seiner Amtszeit bis 1963 schlug Adenauer dem Kreml insgeheim ein zehnjähriges Stillhalteabkommen unter Verzicht auf einen Propagandakrieg zwischen der Bundesrepublik und der DDR vor, wenn dort größere innere Freiheiten hergestellt und Ostdeutschland militärisch neutralisiert würde. Die Westbindung der Bundesrepublik wollte er unter keinen Umständen zur Disposition stellen. Man muss allerdings fragen, welches Interesse die Sowjetunion an einer »Österreich-Lösung« allein für die DDR hätte haben können.

An ihre Einstellung in der Weimarer Republik anknüpfend, wo sie ungeachtet der strikten Ablehnung des sowjetkommunistischen Systems für normale zwischenstaatliche Beziehungen zur UdSSR eingetreten war, unterschied die SPD in der Frühphase der Bundesrepublik zwischen der Notwendigkeit ideologischer Auseinandersetzung und der Zwangslage, die aus der Rolle der Sowjetunion als Besatzungsmacht resultierte. Die unablässige konzeptionelle Suche nach einem Status von Gesamtdeutschland, der für alle vier Siegermächte akzeptabel sei, hatte in den unterschiedlichen Varianten stets in erster Linie Moskau im Blick. Die Sozialdemokraten ließen sich darauf ein, die legitimen Sicherheitsinteressen der UdSSR von ihren expansionistisch-repressiven Bestrebungen zu trennen, und begannen, die sowjetischen Interessen überhaupt zu berücksichtigen.

Im Zuge dieser Realitätswahrnehmung ließ die SPD, die anfangs den staatlichen Charakter der DDR ebenso bestritten hatte wie die Regierungsparteien, gegen Ende der Fünfzigerjahre auch die Bereitschaft erkennen, die Existenz eines zweiten deutschen Staates für eine begrenzte Zeit hinzunehmen (Deutschlandplan vom 18. März 1959).

Dass die starre politische und mentale Ordnung des Ost-West-Konflikts in den Sechzigerjahren aufgelockert wurde, hatte nicht zuletzt mit innergesellschaftlichen Entwicklungen zu tun. Erst jetzt konnte man im Westen von einem auch die sozial untere Hälfte der Bevölkerung erfassenden Wohlfahrtskapitalismus sprechen. Der Lebensstandard im Osten blieb weiterhin zurück, auch wenn er erkennbar anstieg. Während dort die »Entstalinisierung« die Frage nach inneren Reformen aufwarf, zeichneten sich im Westen neue Politik- und Wertemuster ab, die den Systemkonflikt relativierten und mit der Protestbewegung von 1968 assoziiert werden, aber eine längere Vorgeschichte hatten, die auch mit einem Um- und Neudenken in den etablierten politischen Formationen zu tun hatte.

In Westdeutschland bildeten die Ostermärsche das Verbindungsglied zwischen den sozialdemokratisch dominierten Protesten der Fünfzigerjahre gegen die Wiederbewaffnung und Stationierung von Atomwaffen einerseits und der 68er-Bewegung andererseits.

Für die Bundesrepublik war die neue Konstellation nach dem Mauerbau mit der Notwendigkeit einer flexibleren Außenpolitik verbunden. Der dezidierte »Atlantiker« Gerhard Schröder (CDU), Außenminister 1961–1966, bemühte sich unter Aufrechterhaltung aller Rechtspositionen um die Intensivierung der Beziehungen zu den nicht russischen Staaten Osteuropas. Bei der Einrichtung von Handelsmissionen in Polen, Rumänien, Ungarn und Bulgarien ging es Schröder um die Isolierung der DDR im Ostblock und damit indirekt auch um eine Beeinflussung der Sowjetunion.

Wandel durch Annäherung

Eine teilweise andere Richtung schlug der Westberliner Bürgermeister und seit 1964 SPD-Vorsitzende Willy Brandt ein. Für die Berliner Sozialdemokraten war der Beginn des Mauerbaus am 13. August 1961 ein Schock. Die DDR erschien als ein »erbärmlicher Satellitenstaat, der weder deutsch noch demokratisch noch eine Republik ist«, als »Kolonialregime besonderer Art«. Schneller und radikaler als im eigentlichen Bundesgebiet spürte die Berliner SPD jedoch den Zwang, der von der amerikanischen Respektierung der östlichen Machtsphäre ausging.(5)

»Wandel durch Annäherung« wurde zum Kennzeichen für die von Brandt eingeleitete Politik. Am 15. Juli 1963, als sich mit dem Atomteststopp-Abkommen ein erstes praktisches Ergebnis der seit November 1962 vorsichtig eingeleiteten Entspannung zwischen den Weltmächten abzeichnete, sprachen Willy Brandt und Egon Bahr in der Evangelischen Akademie Tutzing. Brandt kritisierte zum wiederholten Mal den Immobilismus der westdeutschen Deutschlandpolitik: »Das bloße Beharren bietet keine Perspektive.« Eine Lösung der Deutschen Frage sei nur mit der Sowjetunion möglich, nicht gegen sie. »Wir können nicht unser Recht aufgeben, aber wir müssen uns damit vertraut machen, dass zu seiner Verwirklichung ein neues Verhältnis zwischen Ost und West erforderlich ist«. Diese zu erwartende Zeitspanne könne und müsse durch die Erleichterung des Lebens der Menschen erträglicher gemacht werden.(6)

Bahr ging weiter, indem er, sich auf John F. Kennedy berufend, feststellte, eine Veränderung des Status quo sei nur möglich auf der Basis seiner Akzeptierung. Es gelte, die kommunistische Herrschaft zu verändern, nicht, sie abzuschaffen, und zwar auch in der DDR. Dabei maß Bahr insbesondere den Handelsbeziehungen eine wichtige Rolle zu. Eine gewisse Stabilisierung der politischen Ordnung im Osten sei erwünscht, denn sie mache den Wiederannäherungs- und Wiedervereinigungsprozess »mit vielen Schritten und vielen Stationen« kontrollierbar und somit für die UdSSR erträglich. »Die Zone muss mit Zustimmung der Sowjets transformiert werden.«(7) Bahrs Rede erregte großes Aufsehen und stieß auch innerhalb der SPD nicht nur auf Zustimmung, denn an eine Einbeziehung der DDR hatten bislang nur wenige Sozialdemokraten gedacht. Es dauerte noch rund drei Jahre, bis das Berliner Konzept in der SPD wirklich durchgedrungen war.

Die deutschlandpolitische Entschließung des Dortmunder SPD-Parteitags vom Juni 1966 konstatierte die Veränderung der weltpolitischen Lage und die Festigung der SED-Herrschaft in der DDR seit Beginn der Sechzigerjahre und forderte, den »Handlungsspielraum gegenüber dem Regime in der SBZ« im Bereich voll auszuschöpfen. Ohne den Alleinvertretungsanspruch der Bundesrepublik und den Grundsatz der Nichtanerkennung der DDR formell aufzugeben, wurde eine weitaus flexiblere Handhabung ins Auge gefasst. Willy Brandt sprach nach dem Deutschlandplan von 1959 erstmals wieder von der Möglichkeit eines »qualifizierten, geregelten und zeitlich begrenzten Nebeneinander der beiden Gebiete« als Zwischenlösung der Deutschen Frage, »wenn durch internationale Entscheidungen die Weichen gestellt sind und im anderen Teil Deutschlands die freie Meinung sich entfalten kann.«

Als die wichtigsten internationalen Voraussetzungen einer Lösung der »Deutschen Frage« galten Rüstungskontrolle und Entspannung mit dem Ziel der Abrüstung und Blocküberwindung. Helmut Schmidt forderte einen Entspannungsbeitrag der Bundesrepublik in Mitteleuropa: »Eine Wiedervereinigung in einem Akt mit anschließender freier Aushandlung des Friedensvertrags ist […] ein irreales Konzept geworden. Ein Versuch der Vereinbarung einer Sequenz von Stufen, bei der das Betreten der ersten Stufe voraussetzt, dass rechtliche Bindungen auch schon hinsichtlich der letzten eingegangen sind, ist in der gegenwärtigen Lage Europas ebenfalls irreal […] Wir Deutschen selbst müssen vielmehr, das Ziel fixierend, bereit sein, Schritte zu tun, obgleich die weiteren Stadien des Weges nicht im Voraus einzeln festgelegt sind.«

Mit diesen Vorstellungen ging die SPD Ende 1966 in die Große Koalition. Sie konnte wegen des Widerstands der CDU/CSU nur einige Schritte von dem durchsetzen, was der neue Außenminister Willy Brandt als »Friedenspolitik im nationalen Interesse« und als »Europäische Aufgabe des deutschen Volkes« beschrieb. Als aber bei der Bundestagswahl 1969 mit knapper Mehrheit eine SPD-FDP-Koalition zustande kam, waren, so Egon Bahr, die konzeptionellen Vorbereitungen so weit vorangetrieben worden, dass im Zuge der Vertragsverhandlungen mit Moskau 1970 keine einzige nicht vorher bedachte Situation entstanden sei.

Michael Müller, Peter Brandt, Reiner Braun: „Frieden! Jetzt! Überall!“, 336 Seiten, Westend Verlag, Juli 2019

Quellen:

(1) Krüger, Peter (1963): Die Außenpolitik der Republik von Weimar. Darmstadt.
(2) Brandt, Peter (2017): Die europäische Friedenspolitik der Sozialdemokratie in der Weimarer Republik – Nationalstaat, Europa und Weltgemeinschaft im Konzept der SPD. In: ders.: Freiheit und Einheit, Band 2: Beiträge zu Fortschritt und Reaktion in Deutschland während des 20. Jahrhunderts – das Nationale und das Universale. Neuruppin
(3) Groh, Dieter/Peter Brandt (1992): »Vaterlandslose Gesellen«. Sozialdemokratie und Nation 1860 – 1990. München
(4) Niedhart, Gottfried (2014): Entspannung in Europa. Die Bundesrepublik Deutschland und der Warschauer Pakt. München
(5( Potthoff, Heinrich (1999): Im Schatten der Mauer. Deutschlandpolitik 1961 – 1990. Berlin
(6) Siebenmorgen, Peter (1990): Gezeitenwechsel. Aufbruch zur Entspannungspolitik. Bonn
(7) Vogtmeier, Andreas (1996): Egon Bahr und die deutsche Frage. Bonn

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Danke an den Westend Verlag für das Recht zur Veröffentlichung.

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Bildhinweis: Ausschnitt aus Buch-Cover

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14 Kommentare zu: “Zur Genese der Entspannungspolitik

  1. „Russland gehörte, weil 1917 von Deutschland besiegt … “

    Das war militärisch eine Patt-Situation.

    “ in den Sechzigerjahren … Erst jetzt konnte man im Westen von einem auch die sozial untere Hälfte der Bevölkerung erfassenden Wohlfahrtskapitalismus sprechen. Der Lebensstandard im Osten blieb weiterhin zurück, auch wenn er erkennbar anstieg.“

    Wenn man Privatbesitz eines PKW, technisches Niveau der Unterhaltungselektronik und Anzahl der Telefonanschlüsse als Maßstab für Lebensstandard nimmt, dann blieb der im Osten bis 1989 zurück.
    Wenn man Gesundheitssystem, öffentlichen Nah- und Fernverkehr (jedenfalls bis zur Grenze 😀 ), Bildung für finanziell Arme und billige Wohnungen für alle als Maßstab für Lebensstandard nimmt, dann blieb der im Westen bis 1989 zurück.

    • ps.:
      „sozial untere Hälfte … Wohlfahrtskapitalismus … Lebensstandard“

      Hier ist offensichtlich die finanziell untere Hälfte gemeint.
      Dann wird ein falscher Begriff verwendet.
      Finanzielle Stärke oder Schwäche sagt alleine nichts über die sozialen Qualitäten der Personen.

  2. Kriegsschauplatz Mitteleuropa

    Mit dem deutschen Kaiserreich „… um 1870/71 – also das ist doch wirklich die Höhe, das geht ja gar nicht!!! [Ironie aus] – erlaubt sich doch dieser Bismarck, ein deutsches Kaiserreich in die Mitte Europas hinzupflanzen.“

    Nach meiner Ansicht war dies ein schwerwiegender Fehler, denn mit dem Begriff „Deutsch“, dass über die einzelnen Grenzen von Königsreichen, Herzogtümer und freien Städten eine übergeordnete Kulturlandschaft bedeutete und somit sich kleinstaatlicher Egoismen entzog. Das sogenannte Heilige Römische Reich Deutscher Nationen bildete den geistgen Überbau, während weltliche verpflichtungen, sprich ökonomische Zusammenhänge regional gelöst wurden. Das Rechtsleben war an Ländereien gekoppelt und der Handel (Ökonomie) stellte die Verbindung zu den unterschiedlichen Ländern dar.

    In der Schule mußte ich für eine gute Note lernen, dass man als Kaiser (kein Blutadel) den schwächsten ernannte, damit die Kleinstaatlerei ihr „Unwesen“ treiben konnte. Eine sehr einseitige Ansicht, denn der deutschsprachige Raum erblühte in weiten Teilen des Landes.

    Auch Kleinstaatenkonflikte traten auf, u.a. durch Mißwirtschaft (verpasste Industrialisierung, Mißernten …etc. ) von Großlehen gegenüber den Städten.

    Ein gößeres Problem lag auch in der Wehrhaftigkeit zu den Außengrenzen des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nationen.

    Diese vielen Umstände hätten anders geregelt werden können, aber der kleinstaatlicher Egoismus wurde letztendlich durch eine gemeinsame Währung gebrochen und dem Streben nach weltlicher Macht. Der Wunsch am Weltgeschehen eine bedeutende Rolle zu spielen veranlasste die Gründung zum Deutschen Reich. Nach meiner Ansicht eine Art Dolchstoß ins Herz. Nietsche rief den berühmten Satz (mit Entsetzen) aus: „Der Kaiser ist Tod, es lebe der Kaiser.“ Die Kulturlandschaft Deutsch wurde mit der Gründung eines deutschen Reiches vernichtet und führte später zu den katastrophalen Weltkriegen. Der Versailler Vertrag gehört ebenso zu den großen Verbrechen unserer Zeit.

    Diese Auseinandersetzungen sind bis heute nicht überwunden. Der alte Konflikt ist der Neue.

    • Ja, Nietzsche sprach von der „Exstirpation des deutschen Geistes zugunsten des Deutschen Reiches. Und da ist was Wahres dran, keine Frage!
      Ich bin weit davon entfernt, das Deutsche Kaiserreich für ein ideales Staatsgebilde zu halten.

      Trotzdem wende ich mich gegen eine allzu einseitige Propaganda gegen das Deutsche Kaiserreich – denn die wurde ganz gezielt schon ab den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts verbreitet – sogar schon noch früher, doch einen Beleg habe ich hier: Am 11. 9. 1897 brachte die Zeitschrift „The Saturday Review“ einen Artikel mit dem Titel „England and Germany“ – England und Deutschland heraus, der mit folgendem Satz endete: „Germania esse delenda“ (Deutschland muss zerstört werden). Quelle: Ab 1:22:42 ttps://www.youtube.com/watch?v=_Hsb9SQ6Ayw The Battle for Truth about the First World War.
      Doch ich habe noch weitere Nachweise für die gezielte Propaganda gegen Deutschland:
      Alfred Milner war geistiges Oberhaupt einer Gruppe, die sich – wohl in Anspielung auf die Große Weiße Loge des frühen Mittelalters, nämlich König Artus Tafelrunde – „Round Table“ nannte. Durch diese Round-Table-Gruppe übte Milner Einfluss auf die britische Elite aus und zwar sowohl auf die Partei der Unionisten als auch auf die Liberalen, doch geschah dieser Einfluss und diese Macht nicht durch demokratische Mittel sondern durch Herstellung eines außerparlamentarischen Konsenses bezüglich einer bestimmten politischen Agenda, vor allem in der Außenpolitik. Sobald ein strategisches Ziel gesetzt war, setzte die Round Table Bewegung alle verfügbaren Mittel ein, um es zu erreichen, auch Manipulation, was die Gruppe „Modellieren“ der öffentlichen Meinung nannte. Eine weitere, wichtige Vorgehensweise zum Erreichen eines strategischen Zieles waren koordinierte und orchestrierte Handlungen durch ein Netzwerk von miteinander verbundenen Personen und Organisationen.
      Dank des Kollateralismus einiger historischer Institutionen der Universität Oxford – All Souls College, vor allem aber auch Balliol, New College und des Rhodes Trust-und einer totalen Kontrolle über die damalige „Qualitätspresse“ wie The Times und The Observer und anderen, konnte der Round Table innerhalb des British Empire eine „kulturelle Hegemonie“ ausüben, insbesondere in den dreißig Jahren zwischen 1910 und 1940.
      Die Round Table Gruppe schuf eine Vierteljahresschrift mit dem Namen „The Round Table, die sich voll und ganz dem Empire und den auswärtigen Angelegenheiten widmete und sich, als elitäre Zeitschrift, vor allem an diejenigen richtete, die in der Lage waren, die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Sie wollte „Denkanstöße“ liefern, die dann im gesamten Empire weiter verbreitet werden sollten durch andere Zeitungen, durch Hochschulen und Thinktanks. Stellen Sie sich mal vor, was das für eine Meinungsmacht war.
      London war zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Zentrum eines weltweiten metropolitanen politischen Journalismus. Die erste Ausgabe der Zeitschrift „The Round Table“ erschien im November 1910 und beinhaltete einen Artikel mit dem Titel „Anglo-German Rivalry“ von Philip Kerr, dem späteren Lord Lothian – ein gegen Deutschland gerichteter Propaganda-Artikel. Vergl.: ttp://threeman.org/?p=2584 Boardman: „Indeed, the very first issue in Nov. 1910 of The Round Table, the movement’s journal, featured an article titled ‘Anglo-German Rivalry’ by Philip Kerr which was what today would be called an agitprop hit piece against Germany”

      Die Round Table –Bewegung war eine politische Organisation mit deutlicher Verwurzelung in allen großen peripheren Zentren des Empire, mit fast unbegrenzten finanziellen Mitteln durch den Rhodes-Trust und mit einer Zeitschrift, die bezüglich des Empire und der Außenpolitik als maßgebend anerkannt wurde. Bedeutende Mitglieder waren Lionel Curtis und Philip Kerr, der Musterschüler von Alfred Milner. Quelle: Andrea Bosco: The Round Table Movement And the Fall of the „Second“ British Empire (1909-1919), S. 8-10

    • Ja – Mitteleuropa ist Kriegsschauplatz Nummer eins und das über 200 Jahren. Nicht alles läßt sich jedoch aus den Aggressionen der damaligen und heutigen Weltmächte erklären. Das deutsche Kulturland, hat seine Stärke in der inneren Zerissenheit zwischen übertriebener Anpassung und in der gesteigerten Selbstherrlichkeit. Beide Extreme sind Tabuthemen, aber gerade aus der Fähigkeit beide Seiten wahrzunehmen, kann ein neues getragenes Bewußtsein für eine global-gesellschaftliche Heilung entstehen.

      Solange keine ernsthafte Diskussion zur Frage „Was ist Deutsch?“ zugelassen und mit emotionalen Brei herum geworfen wird, kann es kaum zu einer Heilung kommen. Deutsch ist keine Frage der Nationalität, sondern Kulturraum für ein bestimmtes Bewußtsein. Das „Minenfeld“ falsch verstanden zu werden ist emens und auch gewollt. Der weltweite Geldadel hat dafür seine Gründe, denn eine privatrechtliche Kapitalwirtschaft ist ihr Geschäft und letztendlich Raubbau an der Menschheit in allen Lebensbereichen. Leider hat sich in Presse, Bildung, Recht, Wissenschaft und Politik das noch nicht herum gesprochen, man verweilt lieber in vorgefertigten Denkmustern. Alles andere wäre zu anstrengend.

    • @ Freischwimmer
      Bei der Gründung des Deutschen Reiches spielte vieles eine Rolle und Ökonomie erklärt nicht alles, aber es war ja nicht nur Adel gegen Adel (Kleinstaaterei usw.), sondern auch Adel gegen Bürgertum (Industrialisierung usw.) und eine aufkommende Bedrohung (aus Sicht des Adels und der Kapitalisten) in Form der kommunistischen Ideologie (etwas später 1918 gab es ja tatsächlich Aufstände); da kam vieles zusammen, auch ökonomisch.

    • @ A. Eberl

      Und?!
      Weil es in Großbritannien Interessengruppen gab, deswegen gab es in Deutschland keine?
      Weil es in Großbritannien Feindbild-Propaganda gab, deswegen gab es in Deutschland keine?
      Wie kam es dann, dass z.B. auch Studenten voller „Patriotismus“ in den Krieg zogen?

      Nur weil die deutschen Interessengruppen verloren hatten, heißt das nicht, dass die keine Interessen gehabt hätten – die deutschen Imperialisten wollten ihre Macht ausbauen wie alle Imperialisten.
      Wären die deutschen Imperialisten schlau gewesen, dann hätten sie schon vor dem Krieg versucht, was die SPD (dem Artikel zufolge) nach dem Krieg versuchte; hatten sie aber nicht, sondern sie setzten auf Krieg und verloren, manchmal wird Dummheit eben doch bestraft. 😀

  3. ‚Entspannungspolitik‘ ist ein Mythos.
    Spannungen werden ja durch divergierende Interessen beteiligter Nationen aufgebaut.
    Dort wo – ausnahmsweise – dann mal die Interessen konvergieren, gibt es lokal wie temporal begrenzt ‚Entspannung‘.
    Da es divergierende Interessenlagen im Verhältnis 100:1 gibt –
    – religiös bedingt
    – finanzpolitisch bedingt
    – geostrategisch bedingt
    – Ressourcenkontrollen-bedingt
    – ideologisch bedingt
    – rassistisch bedingt
    – innenpolitisch bedingt (externe Spannungsaufbau als Ablenkung interner Probleme)
    – egomanisch bedingt, Konkurrenz-bedingt
    – spekulationsbedingt (Krisen als Börsenterminmanipulation)
    – angstpräventiv bedingt (siehe Erstschlag-Doktrin bzw. Sanktionspolitik)
    – …
    ist – FRIEDEN! JETZT! ÜBERALL! – eine schöne Märchenvision, aber bar jeglichen Realitätsbewusstseins.

    Vor allem nützen solche Vokative rein gar nichts.
    Imperatoren mit Imperativen zu belegen bedeutet den Meistern ihres Faches mit deren hauseigenen Mitteln auf derem ureigensten Terrain ihr Imperium streitig machen zu wollen – wirklich eminent schlau. 😉

    Wer Frieden will, muss Antworten auf die Frage haben, WIE DENN NUN KONKRET eine Interessenkonvergenz zwischen zwei verfehdeten Parteien konstruktiv ohne Gewalt möglich sein soll und WIE MAN KONKRET Interessenkonvergenz zum Primat machen kann, unabhängig von den Dispositionen der Beteiligten.
    Bin mal gespannt…

  4. In diesem, ansonsten sehr interessanten Text möchte ich dennoch folgenden Satz richtig stellen:

    „Die Sozialdemokraten erstrebten die Gleichberechtigung Deutschlands nicht, damit wieder die traditionelle Macht- und Hegemonialpolitik betrieben werden konnte.“

    Hier wird wieder von „traditioneller Macht- und Hegemonialpolitik Deutschlands geschrieben und so getan, als ob diese „Tradition“ schon sehr lange bestünde. Doch das ist nicht wahr! Das hier so eingebaute Wort „traditionell“ vermittelt ein falsches Bild über Deutschland.
    Zunächst einmal: Die Völker Mitteleuropas – und damit meine ich nicht nur die deutschsprachigen Völker, sondern auch die ostmitteleuropäischen Völker, waren JAHRTAUSENDE lang von Kriegen geplagt. Das liegt an der ungeschützten geographischen Lage.
    Hier eine Liste der Kriege, die unsere Vorfahren im geographisch ungeschützten Mitteleuropa zu durchleiden hatten und die ihnen von den Eliten eigener und vor allem umliegender Mächte und Reiche aufgezwungen wurden:

    430–470 kriegerische Hunnen fallen ein – Kriege gegen die Hunnen lösen Völkerwanderungen aus
    Die Legende von der Heiligen Ursula von Köln, die von Hunnen getötet worden sein soll, fällt in diese Zeit.
    772–804 Sachsenkriege, Franken gegen Sachsen
    773–774 Langobardenfeldzug
    791–803 Feldzüge Karls des Großen gegen die Awaren
    806 Franken gegen die Sorben
    Verheerungen durch Normannen, Sarazenen (nur Westen) und ab 899 durch Ungarn im Frankenreich
    899–955 Ungarneinfälle
    1241 1. Schlacht bei Liegnitz, Mongolen über Heinrich II. v. Schlesien
    1247–1264 Thyringisch-hessischer Erbfolgekrieg
    1288 Schlacht bei Worringen
    1474–1477 Burgunderkriege, Burgund gegen Eidgenossen
    1499 Schwabenkrieg (Schweizerkrieg)
    1522–1523 Pfälzischer Ritteraufstand
    1524–1526 Deutscher Bauernkrieg
    1563–1570 Dreikronenkrieg, auch Siebenjähriger Nordischer Krieg
    1566–1568 Zweiter Österreichischer Türkenkrieg
    1568–1648 Achtzigjähriger Krieg
    1618–1648 Dreißigjähriger Krieg – war besonders furchtbar – ein Drittel der Deutschen soll vernichtet worden sein – und ganze Landstriche verödeten. Die kulturelle und staatliche Entwicklung der Deutschen wurde, im Vergleich zu westeuropäischen Staaten, die sich währenddessen zu Nationalstaaten entwickeln konnten, massiv zurückgeworfen.
    Pfälzischer Krieg (1688-1697),
    Spanischer Erbfolgekrieg (1701-1714),
    Polnischer Erbfolgekrieg (1733-1735,
    Österreichischer Erbfolgekrieg (1740-1748),
    Siebenjähriger Krieg (1756 bis 1763)
    Auch in der Zeit der Revolutionskriege und Napoleons war Deutschland Kriegsschauplatz:
    Erster Koalitionskrieg (1792-1797),
    Dritter Koalitionskrieg (1805),
    Vierter Koalitionskrieg (1806-1807),
    Fünfter Koalitionskrieg (1809) und schließlich in den
    Befreiungskriegen (1813 bis 1815). In allen diesen napoleonischen Kriegen stand Frankreich, teilweise verbündet mit einzelnen deutschen Staaten, auf der Seite der Gegner des Deutschen Reiches, beziehungsweise Preußens und Frankreich führte Krieg größtenteils auf deutschem Boden.

    Im Krieg 1870-1871 wurde allerdings Frankreich Hauptkriegsschauplatz.

    • Fortsetzung: Jahrtausende lang war also Mitteleuropa nicht mächtig, sondern eine Art Spielball – und seine Bevölkerungen – wie gesagt, nicht nur die deutschen, sondern auch die slawischen und anderen Völker Mitteleuropas – haben immer wieder furchtbar gelitten. Und dann, um 1870/71 – also das ist doch wirklich die Höhe, das geht ja gar nicht!!! [Ironie aus] – erlaubt sich doch dieser Bismarck, ein deutsches Kaiserreich in die Mitte Europas hinzupflanzen: Ein deutsches Kaiserreich, das – Himmel hilf – plötzlich wehrhaft ist und die Frechheit besitzt, Frankreich zu besiegen! Doch das war eine Nachzügler-Großmacht – Andere Großmächte Europas waren längst etabliert: British Empire, Frankreich mit seinen Kolonien, Österreich-Ungarn und das riesige russische Zarenreich! Im Vergleich zwischen diesen letzteren vier europäischen Großmächten war eigentlich Österreich-Ungarn nicht allzu sehr expansiv – sie hatten eine andere Strategie verfolgt: „Du glückliches Österreich – heirate!“
      Doch dann kommt auch noch Wilhelm II. daher und will es auch so machen, wie andere europäische Großmächte: Will auch Handel mit Übersee treiben, ein paar Rest- Kolonien haben und dafür eine Flotte bauen – eine Flotte, die, dessen war er sich bewusst, kleiner sein musste, als die Royal Navy, aber die den deutschen Handel schützen sollte. Dennoch war das, zusammen mit dem aufblühenden deutschen Handel und der aufstrebenden Industrie im Kaiserreich schon zu viel für die britischen Eliten: Für die galt schon ein Wirtschaftskonkurrent als Feind! Aufschlussreich ist diesbezüglich ein Dialog zwischen Arthur Balfour und dem amerikanischen Botschafter Henry White von 1907:

      Balfour: „Wir sind vermutlich Narren, dass wir keinen Grund dafür finden, Deutschland den Krieg zu erklären, bevor die Deutschen zu viele Schiffe bauen und uns den Handel wegnehmen.“
      White: „Sie sind im Privaten ein sehr moralischer Mensch. Wie können Sie da überhaupt nachdenken über etwas politisch dermaßen Unmoralisches wie das Provozieren eines Krieges gegen eine harmlose Nation, die ein ebenso großes Anrecht auf eine Marine hat wie Sie? Wenn Sie mit dem deutschen Handel konkurrieren wollen, dann arbeiten Sie härter.
      Balfour: „Das würde bedeuten, unseren Lebensstandard zu senken. Vielleicht wäre es für uns einfacher, einen Krieg zu führen.“ … Quelle: Wolfgang Effenberger: Europas Verhängnis 14/18: Die Herren des Geldes greifen zur Weltmacht, S. 41.

    • Fortsetzung:
      Um die Frage zu klären, welche Großmächte denn jetzt wirklich während des 19. Jahrhunderts am meisten von Hegemonial- und Machtstreben getrieben waren, kann man ja mal die Liste der Kriege vergleichen, die von diesen europäischen Großreichen in der Zeit nach Napoleon bis vor dem Ersten Weltkrieg geführt wurden – ich weiß, ich wiederhole mich, aber ich halte das für nötig, damit endlich mal gewisse Vorurteile vor allem im SPD-nahen Milieu abgebaut werden:

      Kriege des British Empire zwischen 1816-1913
      1. Gurkha-Krieg (1814–1816)
      2. Dritter Marathenkrieg (1817–1818)
      3. Erster Anglo-Birmanischer Krieg (1824–1826)
      4. Zweiter Anglo-Birmanischer Krieg (1852–1853)
      5. Dritter Anglo-Birmanischer Krieg (1885)
      6. Erster Anglo-Afghanischer Krieg (1839–1842)
      7. Zweiter Anglo-Afghanischer Krieg (1878–1881)
      8. Erster Opiumkrieg (1840–1842)
      9. Zweiter Opiumkrieg (1856–1860)
      10. Neuseelandkriege (1845–1872)
      11. Erster Sikh-Krieg (1845–1846)
      12. Zweiter Sikh-Krieg (1848–1849)
      13. Krimkrieg (1853–1856)
      14. Anglo-Persischer Krieg (1856 – 1857)
      15. Sepoy-Aufstand (1857)
      16. Schweinekonflikt (1859)
      17. Britische Äthiopienexpedition von 1868
      18. Aschanti-Kriege
      19. Red River Expedition (1870)
      20. Zulukrieg (1879)
      21. Erster Burenkrieg (1880/81)
      22. Anglo-Ägyptischer Krieg (1882)
      23. Mahdi-Aufstand (1881-1898)
      24. Gordon Relief Expedition (1884/85)
      25. Britisch-Sansibarischer Krieg (1896)
      26. Zweiter Matabelekrieg (1896)
      27. Malakand Field Force (1897)
      28. Boxeraufstand (1899/1900)
      29. Zweiter Burenkrieg (1899-1902)
      30. Feldzüge in Somaliland (1902-1920)
      31. Britischer Tibetfeldzug (1903-1904) ttps://de.wikipedia.org/wiki/Britischer_Tibetfeldzug
      Weitere Quelle: ttps://de.wikipedia.org/wiki/Portal:Britisches_Weltreich/Kriege_des_Britischen_Weltreiches

      Kriege des russischen Zarenreiches zwischen 1816-1913
      1. 1816–1825: Russisch-Georgischer Krieg
      2. 1817–1864: Kaukasuskriege – nach „Russische Zaren“)
      3. 1826–1828: Russisch-Persischer Krieg
      4. 1827: Sieg von Admiral Micahil Lasarew über die türkisch-ägyptische Flotte in der Bucht von Nawarin.
      5. 1828–1829: Russisch-Osmanischer Krieg
      6. 1830-1831: Polnischer Aufstand. Niederdrückung des Aufstands im Jahre 1831.
      7. 1849: militärische Intervention zugunsten Österreichs in der Ungarischen Revolution 1848/1849
      8. 1853: Mittelmeer-Feldzug von General W. Perowski. Einnahme der kokandischen Festung Ak-Metschetj. (Quelle: Russische Zaren)
      9. 1853–1856: Krimkrieg
      10. 1857–1858: Russisch-Georgischer Krieg
      11. 1858: Gewinn der Gebiete zwischen Amur und Küste. (Quelle: Russische Zaren)
      12. 1859: Eroberung des Ostkaukasus (Quelle: Russische Zaren)
      13. 1865: Einnahme von Taschkent durch russische Truppen (Quelle: Russische Zaren).
      14. 1868: Einnahme von Samarkand. (Quelle: Russische Zaren).
      15. 1865–1868: Eroberung des Emirats Buchara
      16. 1865–1869: Eroberung des Khanats von Kokand
      17. 1877–1878: Russisch-Osmanischer Krieg
      18. 1881: Einnahme von Aschchabad.
      19. 1885: Russisch-afghanischer Konflikt. Anschluss von Merw. (Quelle: Russische Zaren).
      20. 1899–1901: Boxeraufstand
      21. 1900: Russisch-Chinesischer Krieg
      22. 1904–1905: Russisch-Japanischer Krieg
      23. 1911–1914: Russische Invasion in Täbris, Persien
      Entnommen aus:
      ttps://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Milit%C3%A4roperationen_Russlands_und_der_Sowjetunion
      und: Boris Antonow: Russische Zaren. Petersburg 2012.

      Kriege Frankreichs zwischen 1816-1913
      1. 1821-1829 Griechischer Unabhängigkeitskrieg / Griechische Revolution (Europa)
      2. 1823 Französische Invasion in Spanien (Europa)
      3. 1828-1834 Miguelistenkrieg (Portugal)
      4. 1833-1840 Erster Karlistenkrieg (Europa)
      5. 1838-1839 Kuchenkrieg (Mexiko)
      6. 1830-1848 Eroberung Algeriens (Nordafrika)
      7. 1853-1856 Krimkrieg (Krim, Schwarzes Meer, Balkan, Pazifik)
      8. 1856-1860 Zweiter Opiumkrieg (China)
      9. 1859 Sardinischer Krieg / Zweiter Italienischer Unabhängigkeitskrieg (Italien)
      10. 1862-1867 Französische Intervention in Mexiko (Mexiko)
      11. 1870-1871 Deutsch-Französischer Krieg (Europa)
      12. 1884-1885 Chinesisch-Französischer Krieg (Südostchina, Taiwan)
      13. 1893 Französisch-Siamesischer Krieg (Siam, heute Thailand)
      14. 1899-1901 Boxeraufstand (Nordchina)
      15. Am 21. Mai 1911 marschierten französische Truppen unter General Charles Moinier nach Marokko ein und besetzten Fès und Rabat. ( ttps://de.wikipedia.org/wiki/Zweite_Marokkokrise)
      Entnommen: – wissenschaftl. Dienst d. Deutschen Bundestags, als PDF herunterzuladen:
      Wd-1-046-16-pdf-data.pdf-Adobe Reader
      Siehe auch: Wissenschaftliche Dienste Deutscher Bundestag, Dokumentation: „Beteiligungen Englands und Frankreichs an Kriegen im 18. Und 19. Jahrhundert.“

      Kriege deutsch-sprachiger Staaten zwischen 1816-1913
      Und nun, im Vergleich dazu, die Liste der Kriege, die die späteren, sogenannten „Mittelmächte“, also Preußen, der Deutsche Bund und Österreich und ab 1971 das Deutsche Kaiserreich im gleichen Zeitraum geführt haben:
      1. Schleswig-Holsteinischer Krieg (1848–1851)
      2. Krieg gegen Ungarn 1848 und 1849
      3. Deutsch-Dänischer Krieg (1864)
      4. Deutscher Krieg (1866)
      5. Deutsch-Französischer Krieg (1970-1871)
      6. Militärische Besetzung Bosnien-Herzegowinas durch Österreich-Ungarn (auf Anraten Lord Salisburys während des Berliner Kongresses, 1878)
      7. Boxeraufstand (1899/1900)
      8. Herero-Aufstand (1904)
      9. Nama-Aufstand (1904-1908)

      ttps://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Kriege_und_Schlachten_Preu%C3%9Fens
      ttps://de.wikipedia.org/wiki/Deutsches_Kaiserreich
      ttps://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96sterreichische_Milit%C3%A4rgeschichte

    • @ A. Eberl

      „Hier wird wieder von „traditioneller Macht- und Hegemonialpolitik Deutschlands geschrieben und so getan, als ob diese „Tradition“ schon sehr lange bestünde. Doch das ist nicht wahr! “

      430–470 kriegerische Hunnen fallen ein“

      Und die Stämme auf dem Gebiet des späteren Deutschen Reiches waren wie organisiert? Basisdemokratisch?! Oder hatten die durchaus Oberhäupter, woraus sich über die Jahrhunderte der spätere Adel herrausbildete?
      Keine Tradition? 😀

      „772–804 Sachsenkriege, Franken gegen Sachsen“

      Einfach so aus Laune oder angeführt von Fürsten o.ä., welche ihre Macht erweitern wollten?

      „773–774 Langobardenfeldzug“

      Einfach so aus Laune oder angeführt von Fürsten o.ä., welche ihre Macht erweitern wollten?

      „791–803 Feldzüge Karls des Großen gegen die Awaren“

      Karl der Große, kein Adliger der seine Macht erweitern wollte?

      „806 Franken gegen die Sorben“

      Einfach so aus Laune oder angeführt von Fürsten o.ä., welche ihre Macht erweitern wollten?

      „Verheerungen durch Normannen, Sarazenen (nur Westen) und ab 899 durch Ungarn im Frankenreich“

      Einfach so aus Laune oder angeführt von Fürsten o.ä., welche ihre Macht erweitern wollten?

      „899–955 Ungarneinfälle“

      Einfach so aus Laune oder angeführt von Fürsten o.ä., welche ihre Macht erweitern wollten?

      „1241 1. Schlacht bei Liegnitz, Mongolen über Heinrich II. v. Schlesien“

      Mongolischer Adel gegen deutschen Adel.

      „1247–1264 Thyringisch-hessischer Erbfolgekrieg“

      Erbfolge, also Interessen von Adeligen, ihre Macht zu erhalten oder zu erweitern.

      „1288 Schlacht bei Worringen“

      Einfach so aus Laune oder angeführt von Fürsten o.ä., welche ihre Macht erweitern wollten?

      „1474–1477 Burgunderkriege, Burgund gegen Eidgenossen“

      Einfach so aus Laune oder angeführt von Fürsten o.ä., welche ihre Macht erweitern wollten?

      „1499 Schwabenkrieg (Schweizerkrieg)“

      Einfach so aus Laune oder angeführt von Fürsten o.ä., welche ihre Macht erweitern wollten?

      „1522–1523 Pfälzischer Ritteraufstand
      1524–1526 Deutscher Bauernkrieg“

      Gegen wen oder was, möglicherweise gegen die Macht- und Hegemonialansprüche der Anführer der Adelsfamilien?

      „1563–1570 Dreikronenkrieg, auch Siebenjähriger Nordischer Krieg“

      Einfach so aus Laune oder angeführt von Fürsten o.ä., welche ihre Macht erweitern wollten?

      „1566–1568 Zweiter Österreichischer Türkenkrieg“

      Türkischer Adel gegen österreichischen Adel.

      „1568–1648 Achtzigjähriger Krieg
      1618–1648 Dreißigjähriger Krieg“

      Fürsten gegen Fürsten, Machtanspruch der einen Adelsclique gegen andere Adelscliquen.
      Pfälzischer Krieg (1688-1697),

      „Spanischer Erbfolgekrieg (1701-1714) “

      Erbfolge, also Interessen von Adeligen, ihre Macht zu erhalten oder zu erweitern.

      „Polnischer Erbfolgekrieg (1733-1735)“

      Erbfolge, also Interessen von Adeligen, ihre Macht zu erhalten oder zu erweitern.

      „Österreichischer Erbfolgekrieg (1740-1748)“

      Erbfolge, also Interessen von Adeligen, ihre Macht zu erhalten oder zu erweitern.

      „Siebenjähriger Krieg (1756 bis 1763)“§

      Einfach so aus Laune oder angeführt von Fürsten o.ä., welche ihre Macht erweitern wollten?

      „Revolutionskriege und Napoleon“

      Revolution gegen die Macht- und Hegemonialansprüche des Adels; Napoleon dann selber mit seinen Macht- und Hegomonialansprüchen.

      „Erster Koalitionskrieg (1792-1797)“

      Einfach so aus Laune oder angeführt von Fürsten o.ä., welche ihre Macht erweitern wollten?

      „Dritter Koalitionskrieg (1805)“

      Einfach so aus Laune oder angeführt von Fürsten o.ä., welche ihre Macht erweitern wollten?

      „Vierter Koalitionskrieg (1806-1807)“

      Einfach so aus Laune oder angeführt von Fürsten o.ä., welche ihre Macht erweitern wollten?

      „Fünfter Koalitionskrieg (1809)“

      Einfach so aus Laune oder angeführt von Fürsten o.ä., welche ihre Macht erweitern wollten?

      „Befreiungskriegen (1813 bis 1815). In allen diesen napoleonischen Kriegen stand Frankreich, teilweise verbündet mit einzelnen deutschen Staaten, auf der Seite der Gegner des Deutschen Reiches“

      „Des Deutschen Reiches“, also des entsprechenden deutschen Adels.

      „beziehungsweise Preußens und Frankreich führte Krieg größtenteils auf deutschem Boden“

      Macht- und Hegemonialbestrebungen waren gerade Preußen völlig fremd, wie sich später zeigte, als Preußen die militärischen Mittel hatte zu expandieren. 😀

      Die deutschen Adelscliquen hatten oft militärisch verloren, aber daraus den Schuss zu ziehen, dass die deutschen Adelscliquen nicht hätten gewinnen wollen – keine Macht- und Hegemonialbestrebungen gehabt hätten – das kann ich nicht nachvollziehen.

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