Zwei Jahrestage

Von Dagmar Henn.

Zwischen der Militärparade zum Jahrestag der chinesischen Volksrepublik und der lange Reihe allegorischer Darstellungen der jüngsten Geschichte mit zehntausenden Teilnehmern fuhren Busse, die an die Veteranen des Befreiungskampfes erinnern sollten. Viele davon waren nur noch durch Angehörige mit Fotos vertreten, aber dazwischen saßen noch einige Neunzigjährige, die womöglich als junge Soldaten selbst die Verkündung der Volksrepublik auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1949 miterlebt hatten. Sie saßen auf dem offenen Verdeck und salutierten in Richtung der Tribüne, und es ist schwer vorstellbar, welche Zufriedenheit und welchen Stolz sie in diesem Moment empfunden haben dürfen. Mit Sicherheit war ihnen der lange Weg gewärtig, den China in diesen Jahrzehnten zurückgelegt hat; sie haben geholfen, ihr Land von den Knien aufzurichten, und konnten heute genießen, wie es sich kühn und stolz der Welt präsentierte.

„Die Jubiläumsfeiern zeigen, wie schal und leblos dieses Land in Wahrheit ist, wie inszeniert, geglättet und diktiert der Jubel ausfällt,“ tönte pflichtbewusst der Transatlantiker Stefan Kornelius in der Süddeutschen Zeitung (1). Das muss er tun; schließlich ist eine entsprechende Feier weder in den USA noch in dieser BRD vorstellbar – was gäbe es denn zu feiern? Nichts ist vorzuweisen, dass mit der Entwicklung Chinas vergleichbar wäre, ganz im Gegenteil. Also muss so getan werden, als wäre dieses Jubiläum ein Nichts.

Die Begeisterung der Teilnehmer aber war echt, das vermitteln selbst die Fernsehbilder (2), und sie haben allen Grund dazu. 1949 war China ein Schatten seiner selbst, die älteste ununterbrochene Zivilisation dieses Globus von hundert Jahren Invasionen zerrüttet, von regelmäßigen Hungersnöten geplagt, mit Opium überschwemmt; das Land, das noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein Viertel der Weltproduktion erzeugt hatte und dessen Waren die Briten so sehr begehrten, dass sie die erste globale Drogenwelle auslösten, weil ihr Silber nicht reichte, die Waren zu zahlen, war nur noch Ziel ungehemmter Plünderung.

Bei der übrigens auch die Deutschen mitmischten und sich mit der Stadt Tsingtau einen Brocken aus dem Land rissen; dieses kleine Detail sollte auch einem Herrn Kornelius bewusst sein. In diesen siebzig Jahren sind Hunger und Analphabetismus verschwunden, das Agrarland wurde zum Industriegiganten und in Technologie und Forschung hat sich China den Platz zurückerobert, der den Erfindern des Schwarzpulvers, des Papiers und des Porzellans eigentlich zusteht. Die Hochgeschwindigkeitsbahnen, die dort mit tausenden Kilometern Streckenlänge aus dem Boden gestampft werden, können geplagte Opfer der Deutschen Bahn nur vor Neid erblassen lassen, von Flughäfen ganz zu schweigen.

Es lohnt sich, diese Parade ganz anzusehen; auch den Zug der Themenwagen mit den Menschenmengen, die sie begleiteten, und sei es nur, um sich ins Gedächtnis zu rufen, wie ein Volk aussieht, das etwas zu feiern hat.

Denn ich zumindest betrachtete diesen Zug mit Neid. Ja, ich würde auch gerne in einem Land leben, das Grund hat, sich zu feiern; ein Land, das nach einem besseren Leben für seine Bewohner strebt, das für den Frieden steht, das ungeheure Schritte nach vorne macht, die messbar sind; an der Armutsrate, an der Gesundheitsversorgung, am Bildungsstand, an der Infrastruktur.

In Deutschland scheint es, als konkurrierten die Regierungen nur noch darum, welche das erfolgreichste Abrissunternehmen darstellt. Die Armutsraten steigen seit Jahrzehnten, und es wird nicht nur nichts dagegen unternommen, im Gegenteil, es werden immer neue Wege ersonnen, sie zu erhöhen, sei es durch Hartz 4, sei es durch ‚Rentenreformen‘ oder zuletzt durch CO2-Abgaben. Das Gesundheitswesen dient inzwischen vor allem der Gewinnerzeugung; die letzte Nachricht aus diesem Bereich lautet, dass die Kinderabteilungen in den meisten Kliniken bedroht sind (3), weil die Fallpauschalen den gegenüber Erwachsenen höheren Aufwand nicht abdecken… da könnte man zynisch anfügen, nachdem viele Geburtsstationen schon aus dem selben Grund geschlossen wurden (4) und man Hausgeburten durch die Versicherungsbeiträge für Hebammen durch die Hintertür unmöglich gemacht hat (5), ist das eigentlich nur konsequent. Wer braucht schon Kinder, die sind ohnehin als CO2-Produzenten in Verruf geraten.

Eine Gesellschaft, die ihre eigene Zukunft, die eigenen Kinder, nicht mehr als Aufgabe aller begreift, ist so ziemlich am Ende; das ist das, was mir bei solchen Nachrichten durch den Kopf geht. Deutschland benimmt sich, als gäbe es keine Zukunft. Das letzte technologische Projekt, das irgendwie etwas mit einer Vorstellung von Zukunft zu tun hatte, war die Einführung des ICE; die kam erst als verspätete Antwort auf den französischen TGV und liegt auch schon Jahrzehnte zurück. Seit der Annektion der DDR hat sich die Abrissmentalität festgefressen; als hätte sich die Treuhand wie ein Krebsgeschwür im ganzen Land verbreitet, und die Plünderungsmentalität, mit der der andere Teil des Landes im Interesse der Westkonzerne ausgeweidet wurde, macht sich beharrlich weiter her über den verbliebenen kollektiven Besitz. Stuttgart 21 scheint gerade zum Anlass stilisiert zu werden, um die Bürger um die Bahn zu erleichtern, und die Schuldenbremse, die nächstes Jahr bei den Kommunen greift, lässt Schlimmes befürchten.

Der Herr Kornelius wirft sich gewaltig in die Brust in seinem Kommentar in der SZ und trötet, Zitat: „welch krasser Gegensatz also zwischen der blank polierten Kulisse in Peking, dem bis aufs letzte Staubkorn gesäuberten Paradeweg der Truppen und Schauwagen auf der einen Seite – und den Gewaltbildern aus Hongkong auf der anderen Seite.“ Hongkong? Das ist eine Stadt in China, und bei weitem nicht die grösste.

Um mal den Maßstab zurechtzurücken – das ist, als würde man eine Kneipenschlägerei in Castrop-Rauxel zur bedeutenden internationalen Nachricht stilisieren.

Klar, das Maasmännchen musste sich ja auch mit einem Hongkonger Separatisten treffen; das führt zu Verstimmung in der Volksrepublik, die im Gegensatz zum Außenministerpraktikanten sich durchaus noch an die deutschen Kanonenboote erinnert, aber was solls, man kann sich wieder einmal als ‚Verteidiger der Menschenrechte‘ aufmandln.

In Wirklichkeit ist das viel Lärm, um die Leere zu übertönen. Leere, die sich nicht in China findet, sondern in dieser deutschen Republik, in der niemand ein Anrecht auf den Stolz hat, den die chinesischen Veteranen empfunden haben dürften. Eine Leere, die aus einer Politik ohne Verantwortung den Menschen gegenüber besteht; die als einzige Ruhmestat einen stetig steigenden Handelsüberschuss vorzuweisen hat, der aber – anders als in China – mit einer ebenso stetigen Verschlechterung der Lebensverhältnisse angeheizt wird. Der also einzig den Besitzern der exportierenden Konzerne zum Vorteil gereicht, die entsprechend immer reicher werden, während die Zahl verarmter Rentner zunimmt.

Worauf sollte man stolz sein, zum Jahrestag der Anektion? Auf die immer tiefer reichende Spaltung, auf die Show der ‚Werte‘, die reale, handfeste Verbesserungen ersetzen sollen? Auf die Auslandseinsätze, die Aufrüstung, auf die immer ekelhaftere Arroganz, mit der die Berliner Politik die Vormachtstellung in Europa einfordert und die, so wie sie Kleber im Interview mit Sebastian Kurz demonstrierte, inzwischen selbst der FAZ über die Hutschnur geht (6)? Ist die rücksichtslose Verfälschung der Geschichte schlimmer, wie sie das EU-Parlament mit der Resolution vornahm (7), die ausgerechnet der Sowjetunion die Schuld am zweiten Weltkrieg zuweist, oder die Verfälschung der Gegenwart im Tonfall von ‚das Land, in dem wir gut und gerne leben‘?

Vor dreissig Jahren ist von zwei Varianten Deutschland die falsche von der Weltkarte verschwunden; die andere nahm sich daraufhin die Maske vom Gesicht, stapft wieder mit dem Stiefeltritt des Kolonialherren durch die Geschichte und müht sich nicht nur im Gebaren nach außen, sondern auch im völligen Desinteresse dem Elend im Innern gegenüber dem großen transatlantischen Vorbild nachzueifern. Diese unheimliche Heimat schickt an ihren Jahrestagen nur kalte Schauer über den Rücken, weil hinter dem unerquicklichen Heute einzig ein noch düstereres Morgen zu erwarten ist.

Der einzig wirklich gültige Maßstab, ein Land zu beurteilen, ist das Wohlergehen seiner Menschen. Und zwar der breiten Masse, nicht einer winzigen Truppe von Oligarchen. Man muss den Blick schon weit schweifen lassen, um ein solches Land zu finden… die Bundesrepublik ist es nicht. Die Chinesen, das könnte nicht einmal Herr Kornelius abstreiten, liegen allerdings gut im Rennen.

Sie haben ihren Anspruch auf eine Zukunft allerdings auch eingefordert. Auf diesem Gebiet wird bei uns nur mit sehr kleiner Münze gezahlt. Im allerbesten Fall fordert mal wer Reförmchen, verglichen mit denen selbst die BRD der siebziger Jahre schon blanker Sozialismus war. Dabei geht es, ein Land kann für seine Menschen da sein und die Menschen für das Land.
Damit dieser Gedanke gar nicht erst aufkommt, muss man die feiernden Chinesen verächtlich machen, so, wie auch der vergangene Versuch, ein solches Land auf deutschem Boden zu errichten, verächtlich gemacht werden muss, mit aller Kraft.

Die chinesischen Veteranen auf diesen Bussen konnten einen Blick auf das Ergebnis eines wahrhaftig sinnvoll verbrachten Lebens werfen. Sie hinterlassen nicht einen Haufen Gegenstände oder Geld oder flüchtige Erinnerungen, sondern ein gewandeltes, wiedergeborenes Land. Das seine Größe nicht aus Raub, sondern aus eigener Kraft zieht.

Wie gerne würde ich diesen Stolz auf mein eigenes Land empfinden können.

Quellen:

  1. https://www.sueddeutsche.de/politik/china-jahrestag-hongkong-proteste-1.4623307
  2. https://www.youtube.com/watch?v=SGdF_ajRZYg
  3. https://www.br.de/nachrichten/bayern/kranke-kinder-sind-zu-teuer-kliniken-schliessen-kinderstationen,RdYZqyy
  4. https://www.wlz-online.de/waldeck/volkmarsen/volkmarser-kreisssaal-gehen-lichter-12198050.html
  5. https://www.infranken.de/regional/forchheim/es-gibt-zu-wenig-hebammen;art216,4303149
  6. https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/klebers-zdf-interview-mit-sebastian-kurz-war-arrogant-16410702.html
  7. http://www.europarl.europa.eu/doceo/document/TA-9-2019-0021_DE.html

Bildquelle:   CCTV中国中央电视台

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Danke an die Autorin für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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39 Kommentare zu: “Zwei Jahrestage

  1. Wieviel Fehlakzentuierung dessen, was Menschen wichtig sein kann, liegt im Stolz-Sein(-Wollen) darauf, dass man als einzelne/r wie als Gruppe/Gesellschaft mindestens so gut dasteht wie andere ??

    Nichts gegen Freude am Wettstreit, am Sich-Messen:
    mit Größenverhältnissen und ihren ständigen Umgruppierungen vertraut zu werden, ist eine der wichtigsten Grundlagen unseres Selbst- und Weltverständnisses.

    Jedoch zu glauben, es sei ein guter Weg, mit dem zu protzen, also Stolz zu empfinden und zu zeigen, wie man – irgendwo zwischen zugefallen und gelungen – ggf. jeweils gerade ziemlich beeindruckend dasteht: das sollten Menschen wie Völker besser meiden …

    Denn dieser Weg reibt das Gift des Vergleichens und Auf- wie Abwertens in unsere Fußsohlen, sie mit Verächtlichkeit, Kränkung und Neid ins Fühllose härtend, so dass er sich als Raum für etwa wechselseitig anregende Schrittfolgen einfach nicht entfernt mehr anbietet !

    Was Chinesen seit den 30er Jahren des 30. Jhds. in enormer Selbstbefreiungs-Anstrengung, einer Reihe z.T. schlimmster kultureller Radikalkuren und dann mit seit gut 30 Jahren immensem wirtschaftlich-machtpolitischem Erfolg als eine der ältesten und beeindruckendsten Hochkulturen des Planeten geleistet haben, ist inzwischen Anlass zu großer Freude und somit in hohem Maße feierwürdig !

    Das Elend derer, mit deren Leibern und Seelen sie diesen Weg unterdes ein Stück weit gepflastert haben, sollte ihnen dabei nicht aus dem Blick geraten – ebenso wenig wie ´uns´, den Nachfahren unserer kolonialbesitz-besessenen Vorfahren, die sich das Recht nahmen, sich das große China ohne jeden Respekt dienstbar zu machen. Denn sie waren Mit-Auslöser der Verelendungswirren, durch die die chinesische Gesellschaft hindurchmusste, bevor sie nun zu neuen Höhenflügen ansetzen konnte …

    Viel Anlass also für Freude und Bewunderung unter den Chinesen selbst wie den Menschen in aller Welt darüber, dass und in welchem Maße da eine große Menschheitskultur zu neuem Leben gefünden hat !

    Die begleitenden militärischen Auftrumpfungsgesten jedoch lassen erahnen, als wie gift-angereichert die mittlerweile weltweiten chinesischen Wirtschaftsstrategien auch erkannt werden müssen – bei allem, was sie wohltuened von den Imperialismen westlicher Prägung unterscheidet !

    Wo Stolz zur Betrachtungssonde wird, geraten Zerrbilder ins Spiel oder werden mit veränderten Vorzeichen erneuert, die keiner (Wieder)Aufstiegs-, aber auch keiner Schwund- oder gar Verfalls-Entwicklung gerecht werden !

    Der Umstand, dass ´der Westen´ und das mit der unerwarteten Vereinigungs-Möglichkeit konfrontierte wie beschenkte Deutschland des 20 Jhds. sich den Horizonten der Wende von 1989/90 nicht gewachsen sahen – sich auf Sackgassen versteifend, wo ein konsequentes Links-Liegen-Lassen-Lernen jeder Form von Bedrohungsgesten angesagt gewesen wäre – …

    … dieser Umstand gehört in unser aller ´westliche´Köpfe und Herzen als Anlass zu so einiger Trauer und Beschämung …

    … dieser Umstand gehört da hinein als Stachel zu einem Denken, das endlich wieder zu entwerfen beginnt, wo wir hin wollen und könnten, wenn wir endlich wieder aufbrächen, wohlüberlegte Schlüsse aus einer oft und oft schief gelaufenen europäischen Streitversessenheit hin zu einer endlich wirklich produktiven Streitkultur um die in vielem phänomenalen Erkenntnisse europäischer Weltdeutung zu ziehen !

    … etwa so:
    https://diskursblickwechsel.wordpress.com/2019/10/01/brauchen-wir-messlatten-gesellschaften/
    https://diskursblickwechsel.wordpress.com/2019/10/04/umbruchszeiten-also-entwerfen-gestalten-wir-unsere-verhaeltnisse-neu/

    • Ein aufrechter und selbstbewusster Blick auf Ge- wie Mißlungenes – ganz gleich wo – hätte etwas mit "Jämmerlichkeit" oder ´jammern´zu tun, Ralph?

      Oder mit "gebückter Haltung" ?

      Und gehört zu der Art von ´Nicht-Gebücktheit´, die Ihnen offenbar vorschwebt, sogenannt ´mitleidige´ Abfälligkeit ?

    • gabrieleweis
      "Der Umstand, dass ´der Westen´ und das mit der unerwarteten Vereinigungs-Möglichkeit konfrontierte wie beschenkte Deutschland des 20 Jhds. sich den Horizonten der Wende von 1989/90 nicht gewachsen sahen …
      … dieser Umstand gehört in unser aller ´westliche´Köpfe und Herzen als Anlass zu so einiger Trauer und Beschämung …"

      Schaut man sich an, wie die "Wiedervereinigung" durchgeführt wurde:
      – die abrupte Währungsunion war ein Geschenk an die westdeutsche Autokonzerne → deren Großaktionäre
      – nachdem Birgit Breul, westdeutsche Bankierstochter und Atlantik-Brücke-Mitglied, Chefin der Treuhand wurde, verdienten USA-Investmentbanken mit und funktionierende ostdeutsche Unternehmen wurden von westdeutscher Konkurrenz für einen symbolischen Preis erworben und aufgelöst
      – die "wiedervereinigte" BRD blieb vollständig, politisch und militärisch, Mitglied der Nato
      wird klar:
      da hat eine Oligarchie der alt-BRD zusammen mit Transatlantikern die Strippen gezogen und die Wessis waren in etwa so ahnungslos wie die Ossis.

      So.
      Und nu?!
      Die BRD steht doch gut da!
      Bruttoinlandsprodukt und so, na aber HALLO! Top!
      Aber mal abgesehen von den Erwerbslosen und Niedriglöhnern im Inland …
      Die BRD ist extrem exportorientiert und größter Exportmarkt ist USA, die externe Verschuldung der BRD ist hoch, zwar aktuell zu guten Zinsen, aber sollte das Ausgeschlosse passieren, sollte der USA-Markt zusammenbrechen … aber keine Angst, das ist wirklich ausgeschlossen, die Usaner sind von der Göttern auserwählt, da wird in alle Ewigkeit alles traumhaft sein.^^

    • Hallo Andreas,

      "Und nu?!" – meine Assage war: beide deutschen Bevölkerungen haben sich der Situation und den da verfügbaren nicht gewachsen gezeigt:
      Wer Dominanz-Positionen (aus den verschiedensten Aspekten) missbraucht wie Westdeutschland und sich daran und noch einigem anderem mehr zugunsten weniger Profiteure bereichert, steht mit seiner Gesamtgesellschaft in der Folge alles andere als gut da – trotz der ergatterten fortwirkenden Positionsvorteile… – oder ?!

      Und wer wie die USA ihren imperialisischen Verirrungen zunehmend die Zügel schießen lässt, untergräbt seine eigene Standfestigkeit…

      Nirgends steht vorgergründiger Macht-Glanz auf Dauer anders da als auf tönernen, also brüchgkeitsanfälligen Füßen.

      Schauen wir also auch immer hinter alles, was blendet, und erarbeiten uns Wirtschafts-und Lebensweisen in politischen Formen, die für alle Gedeihliches leisten !
      Bauen wir uns endlich, was wir brauchen, weil wir es sorgfältig konzipieren, so dass es immer mehr Menschen einleuchtet !

      Vgl. nochmal: https://diskursblickwechsel.wordpress.com/2019/10/01/brauchen-wir-messlatten-gesellschaften/
      https://diskursblickwechsel.wordpress.com/2019/10/04/umbruchszeiten-also-entwerfen-gestalten-wir-unsere-verhaeltnisse-neu/

    • mhm, finde auch nichts Falsches daran, gern stolz zu sein auf sein Land.

      Lese es allerdings auch anders, China ist für mich hier nur der tagesaktuelle Aufhänger und ich kann natürlich nur auf das Land stolz sein, wenn ich eine Mitgestaltungsmöglichkeit habe. Die habe ich im Moment nicht.

    • ´stolz sein´, Teilchen,
      – heißt das nicht: sich nicht einfach groß fühlen, wenn man wie auch immer gut im Leben steht …,
      … sondern: größer als die nicht so gut Dastehenden ?
      Für mich ist da Gift drin.

      Sich groß fühlen, das tut, wann immer Anlass dazu besteht, gut – da ist nichts schräg dran !
      Ich stolpere hingegen jedesmal, wenn der ein Herausragen behauptende Vergleich mit anderen die Hauptschwingung eines Stolzgefühls bzw. einer entsprechenden Äußerung ausmacht…

      Das Leben hält viele Anlässe bereit, uns mal groß und mal klein zu fühlen – weil uns etwas gelungen ist, wir besonders beschenkt wurden oder eben etwas verloren, irgendetwas nicht hingekriegt haben…

      Erhöhungen wie Erniedrigungen, wo sie uns von außen widerfahren, haben demgegenüber immer etwas Falsches, z.T. erst einmal verborgene, z.T. sofort und voll Verzweiflung voll ausgefahrene Stachel.
      Sie bedienen ein Vergleichsgefühl, das wir Stolz nennen und entweder umschmeicheln oder zu brechen trachten – gegen eigene Kleinheits-Gefühle…

      Deshalb votiere ich für einfache, unaufgeblasene Freude und Bewunderung, wo und soweit angebracht, anstelle der Pose des Stolzes, in der immer auch ein Sich-Verwahren steckt gegen noch im schönsten Gelingen nie ganz vermeidbare Schadstellen…

      Wo für solche Freude, kein Sich-erfüllen-Lassen von der manchmal herrlichen Größe von etwas (einem selbst wie anderen (!)) Gelungenem bzw. ohne jedes Verdienst Geschenktem, kein Anlass ist, wie selbstredend a u c h oft, – so wäre das ja vielleicht einfach einer von vielen Impulsen, mal wieder oder grundlegend anders anzusetzen und zu gedeihlicherem Gelingen aufzubrechen …

      Ich persönlich bin auch für die Phasen verfehlter Horizonte (nicht wenige wie überall, z.t. sogar heftigste (!)), weil hier zu Hause, gerne Deutsche.

      Es ist einfach schön, die Quelle vielfältigster Lebensfreude, in örtlich, menschlich, gesellschaftlich, kulturell, geschichtlich bis politsch im Laufe des Lebens vertraut Gewordenem zu Hause zu sein und an den jeweils anstehenden Wandlungen mitzuwirken. Stolz braucht´s dazu in meinen Augen nicht – er schadet in der Regel eher …

      Größe, die wir einfach behaupten, existiert eben nun einmal nicht. Auch Größe, die wir zu erobern aufbrechen, ist nichts als eine platzensgefährliche Blase

      Groß wird, was wir wachsen und dann wechselseitig gedeihlich werden lassen. Sie lässt sich nicht ziehen, nicht konditionieren, sonst wird sie toxisch …

    • gabrieleweis
      das liegt vielleicht an der Zweidimensionalität des Schreibens hier.
      Nein, gerade das auf sein Land stolz sein und nicht nur auf sich bezieht die anderen mit ein. Da muß es gar keinen Vergleich geben.

      Freude wäre verwendbar, passt aber nicht so gut, wenn ich auch bereit war eine Anstrengung in Kauf zu nehmen.

    • "Nein, gerade das auf sein Land stolz sein und nicht nur auf sich bezieht die anderen mit ein. Da muß es gar keinen Vergleich geben. "

      W e n, Teilchen, bezieht dieser Stolz mit ein: den auf auf andere Länder oder auf Menschen ohne eigenen Staat ??

      Gibt es wirklich einen Stolz auf das eigene Land ohne den vergleichenden Blick auf andere Länder ? Ich sehe das nirgends.

      Und Freude erfüllt mich doch als Lohn eigener wie fremder Anstrenungung gleichermaßen und auch dort, wo Menschen sich mit was auch immer beschenkt fühlen dürfen …

  2. Es klingt doch irgendwie alles gleich:

    Siebzig Jahre seit der chinesischen Revolution
    Politische Lehren aus dem Bankrott des Maoismus
    2. Oktober 2019

    Vor 70 Jahren, nach der Machtergreifung der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh), rief Mao Zedong auf dem Tiananmen-Platz die Volksrepublik China aus.

    Das derzeitige KPCh-Regime unter der Leitung von Präsident Xi Jinping nutzte diesen Anlass für eine riesige Militärparade in Beijing und extravagante Feiern mit Gesang, Tanz und Feuerwerk. Xi hielt auf dem Platz des Himmlischen Friedens eine Rede, die vom chinesischen Nationalismus gesättigt war und seinen „Traum“ von der nationalen Verjüngung und der Wiedererstarkung Chinas darlegte.

    Die Chinesische Revolution war ein monumentaler gesellschaftlicher Umbruch, der die imperialistische Unterwerfung Chinas beendete, das Land vereinte, die Lebensbedingungen der Bevölkerung verbesserte und vieles, was kulturell und sozial rückständig war, eliminierte. Die politischen Erben von Mao Zedong können jedoch nicht erklären, wie und warum die Träume und das Streben der Werktätigen nach einer sozialistischen Zukunft, für die vor 70 Jahren so viele Opfer gebracht wurden, in die Sackgasse des Kapitalismus geführt haben.

    Das gewaltige Wirtschaftswachstum in China in den letzten drei Jahrzehnten hat zu einer riesigen und immer größer werdenden sozialen Kluft zwischen einer winzigen Schicht von milliardenschweren Oligarchen, die von der KPCh vertreten werden, und der Masse von chinesischen Arbeitern und Bauern geführt, die in einer von Profit und Markt dominierten Gesellschaftsordnung ums Überleben kämpfen.

    Quelle: WSWS

    Siebzig Jahre seit der chinesischen Revolution
    Politische Lehren aus dem Bankrott des Maoismus
    2. Oktober 2019
    World Socialst Web Site

    • WSW ist keine solide Quelle! Genau genommen eine recht üble Quelle. Propaganda amerikanischer Trotzkisten. Und typisch Amerika: fundamentalistisch-religiös-dogmatisch. Musste mich einst auch desillusionieren. Leider muss das jeder für sich selbst tun. Lesen, was sie schreiben; dann vergleichen mit der Wirklichkeit. Hat bei mir auch etwas Zeit gebraucht.
      Gehässige Propaganda-Formulierungen wie :"….nutzte diesen Anlass für eine riesige Militärparade…"…."extravagante Feiern mit Gesang, Tanz und Feuerwerk…".

      Die politischen Erben von Mao müssen nicht erklären, was der Schreiber des Artikels "träumt", weil Chinesen diesen Traum nach einer sozialistischen Zukunft nicht teilen mit dem Schreiber des Artikels.
      Das Schlimme ist, diese Schreiberlinge bei WSW wissen es besser: Das gewaltige Wirtschaftswachstum in China in den letzten drei Jahrzehnten hat über 600 Millionen Chinesen aus der Armut geholt – und die Masse von chinesischen Bauern kämpfen nicht ums Überleben; sie werden weiterhin sukzessive aus der Armut geholt.

      Berichterstattung eklatant im offensichtlichen Widerspruch selbst zum Informationsangebot der MSM. Fieser kann Propaganda nicht sein, wenn die MSM objektiver berichtet. Aber wie gesagt, ich war auch mal Leser von WSW. Ziemlich lange. Zu lange.

    • PS:
      Ich habe viele Jahre in Südostasien gelebt und viele Chinesen kennengelernt. Die Chinesen, besonders die jungen, leben in einer komplett anderen Welt als der des Schreibers des Artikels, der ein typischer Schreibtischtäter ist. Chinesische Studenten interessieren sich nicht für eine "sozialistische Zukunft"; sie interessieren sich für europäische Kultur und Geschäfte in und mit dem Westen. Die meisten waren die erste Generation in der Stadt; mit ihren Eltern und Großeltern noch auf dem Lande lebend.

  3. Für Stefan Kornelius sind zwei Sentenzen von Wittgenstein wie für ihn geschaffen:

    „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“.

    Und was sein "Philosophieren" über China betrifft:

    "Sein Philosophieren hat, wie er sagt, mit der „Entdeckung“ (und dadurch Entschärfung) „schlichten Unsinns“ zu tun, infolgedessen sich der Verstand „Beulen“ – „beim Anrennen an die Grenzen der Sprache“ – geholt habe. "

  4. Liebe Frau Henn,

    vielen Dank für den Artikel,
    Sie sprechen mir aus der Seele. Gestern noch hatte ich die Gedanken: Wer wohl in Germany in irgendeiner Weise wirklich Feiergefühle hat bzgl. Wiedervereinigung. . . . .??? Wenn überhaupt freut man sich höchstens über das verlängerte Wochenende und das wars dann auch!
    Alles andere geht doch (mich eingeschlossen) den meisten am Allerwertesten vorbei, bzw. ich sehe da nicht den Hauch eines Grundes für irgendwas zu feiern.
    Gruselig auch die ganze Geschichtsverklitterung (Nachrichten, Dokus, Spielfilme, blabla) auf den öffentl. Restlichen.

    Auch hatte ich gedacht, müssten doch eigentlich die "verschaukelten" Menschen in Ostdeuschland (hier passt sogar die doofe Wieddervereinigungswippe als Bild) ihre Bildrechte aus den Zeiten des Mauerfalls einfordern und den öffentl. Restlichen verbieten, diese Bilder der damals noch hoffnungsvollen Menschen in Ostdeutschland heute noch und immer wieder zu benutzen, um zu inszenieren, welche wundersames Ereignis doch über Gesamt-BRD eingetreten ist und welch wunderbares Ding die Wiedervereinigung doch ist und das wir deswegen allen Grund zum Feiern hätten, blablabla rababer, rababer . . .

    Ein stiller Gedenk- und Trauertag sollte es eigentlich sein, dieser 3 Oktober, als Beginn der kapitalistischen Einverleibung der ehem. DDR mit ihren Menschen in den USA-hörigen Vasallenstaat BRD.

  5. "Vor dreissig Jahren ist von zwei Varianten Deutschland die falsche von der Weltkarte verschwunden"
    Nein, Dagmar Henn, zu diesem Satz (bei im übrigen wie gesagt voller Zustimmung zu Ihrem wieder hervorragenden Artikel).
    Nur soviel zum Unrechtsregime DDR, zur Erinnerung, für linke Verdrängungskünstler:
    https://www.youtube.com/watch?v=2FCJbkQdnqM

    • Aber wo ist der Unterschied?
      Wo ist die BRD ein Rechtsstaat?
      Bei Gustl Mollath?
      Bei den Berufsverboten in der alten BRD?
      Bei den Hartz-IV-"Sanktionen" der heutigen BRD?
      Bei politischen Dissidenten, Asyl für Snowden oder Assange?
      Bei der bislang abwesenden Aufklärung und Bestrafung von Polizisten, die Körperverletzung begehen? (Stuttgart21 mal als prominente Spitze des Eisbergs genannt)
      Bei grundgesetzwidrigen "Auslandseinsätzen" der Bundeswehr?
      Bei massenhafter systematischer Ablehnung von Prozesskostenhilfe? (Wer kein Geld für einen Anwalt hat, darf mal ein bisschen von seinen Rechten träumen, aber praktisch dürfen sie ihm genommen werden, weil er sich gar nicht rechtlich wehren kann.)
      Bei Menschenrechtsverletzungen bei Erwerbslosen und Zuwanderern?

      Die BRD ist genau so ein Unrechtsregime, nur bunter verpackt.

    • Zugegeben, Andreas, die Methoden haben sich inzwischen sehr verfeinert. Viel Unrecht geschieht im Verborgenen und dort nur umso wirkungsvoller und brutaler. Den Herrschenden kommt dabei, wie ich meine, auch ein gewisser Abstumpfungsprozess entgegen insofern, als sich die Gesellschaft viel zu sehr an sozial unverträgliche Erscheinungen wie z.B. Mobbing gewöhnt hat. Wobei allerdings die Herrschenden sicher Derartiges gerne fördern, kommt es doch ihrem Interesse nach einer Spaltung der Gesellschaft und damit einer Schwächung ihrer Widerstandskraft sehr entgegen. Nein, der bessere deutsche Staat sind wir sicher schon lange nicht mehr.

      Es mag einem in meinem Alter vielleicht schwerfallen, sich von der Illusion zu lösen, im besseren deutschen Staat aufgewachsen zu sein. Aber Mauertote, Bautzengefolterte, Stasibespitzelte, drangsalierte, gescheiterte Republikflüchtlinge (wie überhaupt Republik“flüchtlinge“) usw. gab es bei uns im Westen nun mal nicht. Und richtig, es gab im Westen Berufsverbote. Nur: jemand wie ich mit, sorry, mit bürgerlich-akademisch familiärem Hintergrund wäre in der DDR aus Mangel an proletarischer Zugehörigkeit wohl kaum zum Studium zugelassen worden.

      Mit Prozesskostenhilfe habe ich (in Bayern) offenbar bessere Erfahrungen gemacht. Die wird meinen Mandanten durchaus oft bewilligt. Ob es daran liegt, wie manche Kollegen behaupten, dass der Richter überlastet ist und deshalb Prozesskostenhilfe lieber kurz und bündig bewilligt als mit aufwändiger, zeitraubender Begründung einen Ablehnungsbeschluss zu erlassen, weiß ich nicht, halte ich auch für unwahrscheinlich, da auch der Bezirksrevisor von der Finanzverwaltung sein Okay dazu geben muss. Umso größer ist natürlich die Freude über die Bewilligung dann, wenn wir es mit einem finanzstarken Gegner zu tun haben, der nur allzu gerne darauf spekuliert hätte, den Prozess allein schon deshalb zu gewinnen, weil unserem Mandanten das Geld dafür fehlt.

    • @ citoyen
      Da fällt mir ein:
      "In der Bundeshauptstadt Bonn am Rhein
      fürchtet sich der Kommunist.
      Sollte man etwas weiter östlich sein,
      fürchtet sich wer keiner ist."
      (Georg Kreisler, bis auf eine Verfeinerung des Reims so schon in der Version von 1958 (!) in "Zwei alte Tanten" bzw. "Zwei alte Tanten tanzen Tango")
      Also muss es mindestens ab Ende der 1950er Menschen gegeben haben, die die Ähnlichkeiten von DDR und BRD gesehen haben. Im Westen konnten sich Künstler etwas freier ausdrücken, im Osten war Kabarett die Kunst etwas zu sagen, ohne es zu sagen.

      "Mauertote, Bautzengefolterte, Stasibespitzelte, drangsalierte, gescheiterte Republikflüchtlinge (wie überhaupt Republik“flüchtlinge“) usw. gab es bei uns im Westen nun mal nicht."

      Reisefreiheit
      In der DDR gab es eine physische Mauer, in der BRD gab und gibt es eine finanzielle Mauer – und ich persönlich sage dazu: ob man nun wegen A oder wegen B nicht reisen kann; im Resultat kann man nicht.
      Tote
      mag es bis 1990 nicht gegeben haben, außer vielleicht einen erschossenen Rudi Dutschke, ein Oktoberfestattentat; aber seit Hartz-IV eingeführt wurde, sind einige Menschen gestorben, die zufälligerweise "sanktioniert" wurden. (Und ich sehe alles seit der Übernahme als Fortführung der alten BRD, nur ohne Maske.)
      Folter
      gibt es; in bundesdeutschen Knästen werden Menschen, die vom Wachpersonal als "aggressiv" angesehen werden, ohne weiteres fixiert, d.h. an eine Liege gefesselt mit allen vier Gliedmaßen – und das Erschreckende ist, dass die Polizisten das einfach so dürfen; Rechtstaatlichkeit?! Nö, in der BRD dürfen Polizisten einfach so foltern; Haftinsassen fixieren.
      Verfassungsschutzbespitzelte
      gab es und wie das heutzutage mit der Zusammenarbeit mit der NSA aussieht, ist spätestens seit Snowdens Veröffentlichung bekannt.

      "Nur: jemand wie ich mit, sorry, mit bürgerlich-akademisch familiärem Hintergrund wäre in der DDR aus Mangel an proletarischer Zugehörigkeit wohl kaum zum Studium zugelassen worden."

      Akademikereltern störte (zumindest ab den 70ern) nicht, nur falls das "bürgerlich" bedeutet bürgerlich=antikommunistisch; ja DAMIT hätten Sie so wenig studieren dürfen wie in der alten BRD Kommunisten als Lehrer arbeiten durften.
      Und wenn ich Georg Schramms autobiographische Äußerung richtig in Erinnerung haben, meinte er, dass er ohne den "Sputnik-Schock" als Arbeiterkind nicht eine Bildungslaufbahn bis zum Studium hätte nehmen können.

      "Mit Prozesskostenhilfe habe ich (in Bayern) offenbar bessere Erfahrungen gemacht. Die wird meinen Mandanten durchaus oft bewilligt."

      Vielleicht gibt es Unterschiede zwischen den Bundesländern. Da Bayern nicht eine so hohe Erwerbslosen- oder Niedriglöhnerquote hat wie andere Bundesländer, wird dort vielleicht nicht so systematisch abgelehnt, denkbar wäre es.
      Aber "oft" ist auch nicht immer.
      Und in den Fällen wo abgelehnt wurde, ist dann die Frage, ob der Bürger im Unrecht war oder ob da staatliche und kommunale Ämter und Behörden mit Rechtsbrüchen elegant durchkamen – aber wie will man das herausfinden, wenn es gar nicht vor Gericht kommt.
      Darum sehe ich alleine schon in der Möglichkeit, dass Prozesskostenhilfe mit Begründungen wie "keine Aussicht auf Erfolg" abgelehnt werden kann, eine schicke Hintertür, mit der Amtsgerichte schützend ihre Hand über staatliche und kommunale Ämter und Behörden halten können und dann gilt:
      Warum tun sie es?
      Weil sie es können.
      Oder andersrum: wenn sie es können, dann tun sie es auch.

      Unterm Strich würde ich weder (wie die Artikelautorin Dagmar Henn) die DDR als den besseren Staat bezeichnen, noch die alte BRD, noch die BRD seit 1990 .
      Denn:

      Demokratie?
      Ja PARLAMENTARISCHE Demokratie wurde und wird in der BRD besser geschauspielert als in der DDR, aber im Prinzip konnten die Wessis Parteien wählen, die auf Washingtons Kurs waren und die Ossis konnten Partei(en+Blockflöten) wählen, die auf Moskaus Kurs waren.
      (In der DDR war eine Mitgliedschaft in der "Deutsch-Sowjetischen-Freundschaft" hilfreich für eine Karriere, in der BRD war und ist eine Mitgliedschaft im "Atlantik-Brücke e.V" o.ä. hilfreich für eine Karriere.)
      Demokratie ohne Einschränkung – Volksentscheide – gab es in der DDR nicht und gab und gibt es in der BRD nicht.
      Im Westen war und ist die Theateraufführung besser, ja schön für Theaterfans. 🙂

      Rechtsstaatlichkeit?
      Da sehe ich es wie oben mit der Reisefreiheit; ob man aus ideologischen Gründen keine Chance hat seine Rechte einzuklagen oder ob man aus finanziellen Gründen keine Chance hat seine Rechte einzuklagen …

      Also in wesentlichen Punkten nimmt sich das wenig oder ich würde sagen: ist es die gleiche ScheiXe.

      Noch Mobilität
      Für Autofans war und ist es in der BRD besser, für Bahnfans schon nicht mehr unbedingt, für Radfahrer war und ist beides eine komplette Katastrophe, da wünscht man sich Kopenhagen – aber Kopenhagen liegt in einem Staat, in dem nicht eine Oligarchie aus den Großaktionären der Autokonzerne herrscht; Verkehrspolitik wie in Kopenhagen ist in der BRD unmöglich.
      Und übrigens gibts dadurch keine Mauertoten, sondern Verkehrstote, und zwar mehr als nötig.
      Okay, in der BRD kann man Fahrradteile made in Japan oder made in sonstwo kaufen; das ist tatsächlich ein Vorteil, fehlt nur noch die Verkehrsinfrastruktur … 🙂

    • Andreas, Ihre sehr zutreffende Liste von Missständen oder zumindest Zweifelhaftem ließe sich sogar noch verlängern. Z.B. gibt es sog. "Fixierungen" auch in Krankenhäusern und Pflegeanstalten. Und in einem Altenheim habe ich erst vor kurzem erlebt, wie die Privatsphäre schlicht abgeschafft war, indem nämlich die Bewohner sich um Punkt 10 Uhr in der Empfangshalle einzufinden hatten, um nach lautem namentlichem Aufruf ihr Taschengeld in Empfang zu nehmen – oder auch nicht, nach dem Motto "Herr XY, Sie bekommen heute nichts, Sie haben ihr Taschengeld diesen Monat schon aufgebraucht". Und wenn man sich die dunklen Kapitel Betreuung und Organspende einmal bewusst macht, dann packt einen das kalte Grauen vor Krankheit und Alter.

      Man konnte durchaus die Nichtzulassung von Akademikerkindern zum Studium in der DDR mit der Unterrepräsentierung von Arbeiterkindern unter westlichen Studierenden unter dem Gesichtspunkt diskriminierende Ungleichbehandlung vergleichen. Jedoch Ihr Beispiel der gegen Kommunisten verhängten Berufsverbote trifft es nicht. Denn jeder Staat, der auf einer menschengerechten Verfassung beruht – und so ein Staat sind wir immer noch, auch wenn die Verfassungswirklichkeit inzwischen oft anders aussieht – hat das Recht, sich vor seinen erklärten Feinden zu schützen. Und wer eine einzelne Bevölkerungsgruppe allen anderen vorzieht wie die KPD, deren erklärtes Ziel die Diktatur des Proletariats war, der bekämpft die Grundfesten eines freiheitlichen Staates. Das hatte ich schon als Kritik zu dem KenFM-Gespräch mit Prof. Dr. Josef Foschepoth („Verfassungswidrig! Das KPD-Verbot im Kalten Bürgerkrieg“) vom 13.8.2019 ausgeführt:

      „Die Diktatur des Proletariats ist mit der freiheitlichen demokratischen Ordnung des Grundgesetzes unvereinbar. Beide Staatsordnungen schließen einander aus; es wäre nicht denkbar, den Wesenskern des Grundgesetzes aufrechtzuerhalten, wenn eine Staatsordnung errichtet würde, die die kennzeichnenden Merkmale der Diktatur des Proletariats trüge“ (2. Abschnitt, Teil A., V., Randziffer 507 des KPD-Urteils des Bundesverfassungsgerichts vom 17.8.1956).

      Wie, bitte, ist es mit der Verfassung, also mit dem Grundgesetz (GG), vereinbar, dass nur ein Teil der Bevölkerung über den Rest der Bevölkerung herrschen soll? Wo bleibt in einer Diktatur des „Proletariats“ (oder jeder anderen Bevölkerungsgruppe) z.B.

      – die Würde der Menschen (Artikel 1 Absatz 1 GG), die nicht der herrschenden Gruppe zugerechnet werden,
      – die menschliche Gemeinschaft ALLER, die Menschenrechte JEDER/JEDES einzelnen (Artikel 1 Absatz 2 GG),
      – die Gleichheit ALLER Menschen (Artikel 3 Absatz 1 GG) und,
      – dass NIEMAND wegen Herkunft oder politischer Anschauung benachteiligt werden darf (Artikel 3 Absatz 2 GG)?

      Da sich die DDR erklärtermaßen als Arbeiter- und Bauernstaat verstand, konnte sie schon aus diesem Grund nicht der bessere deutsche Staat sein.

    • @ citoyen
      Die dürfen nicht [studieren], denn die wollen [die Grundordnung der DDR abschaffen].
      Die dürfen nicht [als Lehrer arbeiten], denn die wollen [die Grundordnung der BRD abschaffen].
      Die dürfen nicht A, denn die wollen B.
      → genau das gleiche

      BRD Grundgesetz Art.1 Abs. 2:
      "darum bekennt sich … zu den Menschenrechten … "
      UN-Menschenrechtserklärung Artikel 2:
      "Jeder hat Anspruch auf alle in dieser Erklärung verkündeten Rechte und Freiheiten, ohne
      irgendeinen Unterschied, etwa nach … politischer oder sonstiger Anschauung …"
      UN-Menschenrechtserklärung Artikel 23:
      "1. Jeder hat das Recht auf Arbeit, auf freie Berufswahl …"
      Also:
      Wegen politischer Anschauung (Art.2) freie Berufswahl (Art.23) zu verbieten, das ist eine Verletzung der Menschenrechte und damit eine Verletzung von GG Art.1 Abs.2.
      Das erwähnte Urteil des Bundesverfassungsgerichtes zu Berufsverboten hatte GG Art.1 Abs.2 in die Tonne getreten; politisch motivierte Justiz.
      → genau das gleiche

      Das Grundgesetz der BRD war und ist m.E. besser als die Verfassung der DDR, schon wegen Art.1 Abs.2 MENSCHENRECHTE.
      Aber was nützt das, wenn selbst das Bundesverfassungsgericht – Parteienproporz in der Besetzung – diesen Teil nur zu gerne ignoriert?!
      Ist ja schön, wie es auf dem Papier steht, aber wenn es Utopie bleibt – genau wie der Kommunismus, so wie er auf dem Papier stand, Utopie blieb – dann kann ich schon wieder nicht erkennen, wo und wie die BRD für Otto-Normalbürger irgendwie besser sein soll.
      Was auf dem Papier steht, das bleibt Utopie und die gesellschaftliche Realität sieht anders aus, teilweise gegenteilig; die Versprechen werden nicht eingelöst, sondern gebrochen.
      → genau das gleiche

      Hin oder her, ich kann da kein besser oder schlechter erkennen; es hat(te) beides Vor- und Nachteile und wenn bei der "Wiedervereinigung" die jeweiligen Vorteile kombiniert worden wären – wurden sie aber nicht und das hatte Gründe in der alten BRD.
      Nun hat China auf seine Art ausgewählte Vorteile der zwei Systeme kombiniert …

    • Andreas, dass ich Ihnen in so vielen Punkten zustimmen muss, ist für mich Anlass genug, einmal gründlich zu hinterfragen, ob die alte BRD wirklich der bessere Staat war. Jedenfalls ist sie es längst nicht mehr, was ich daran ablese, dass ich mich schon lange nicht mehr in einem typisch konservativen Milieu gut aufgehoben fühle.

      *im Sinne von "das Alte bewahren", was ein Unterschied ist zu "das Gute bewahren". Die Grünen z.B. mit ihrem Umweltbewusstsein, ihrer Friedensbewegung und ihrer Atomkraftgegnerschaft waren in ihrer Anfangszeit auch einmal konservativ im letzteren Sinne.

  6. "Eine Gesellschaft, die ihre eigene Zukunft, die eigenen Kinder, nicht mehr als Aufgabe aller begreift, ist so ziemlich am Ende"

    Und immer wieder grüßt:
    "Ab auf die Couch! Wie gestört ist unsere Gesellschaft?"

    "Der einzig wirklich gültige Maßstab, ein Land zu beurteilen, ist das Wohlergehen seiner Menschen. Und zwar der breiten Masse, nicht einer winzigen Truppe von Oligarchen."

    Diese Auffassung gibts auch noch in der Variante, dass der Maßstab ist, wie es Inhaftierten, Erwerbslosen, Alten, Kranken, Behinderten … geht.
    Wie es damit in China aussieht, kann ich nicht beurteilen, aber ich weiß, wie es damit in der BRD aussieht – und da sehe ich keine Gründe zu feiern.

  7. Zustimmung auf der ganzen Linie! Leider muß man da sagen.

    Da bin ich richtig froh, doch noch auf einen Widerspruch zu stoßen – Die westlichen Bundesländer haben die Freiheit(lichen Menschenrechte) miteingebracht, die ostdeutschen hätte die sozialen Menschenrechte miteinbringen können.

    Mittlerweile sind auch die Freiheitsrechte nur noch schwer erkennbar, woran liegt das? Ist man im Laufe der Zeit zu bequem geworden, auf die erkämpften Rechte zu achten? Waren sie noch nie verrechtlicht, wurden aber dennoch gewährt?

    Bei dem kurzen vor-Ort-Bericht Honkong neulich habe ich mich unangenehm an die Wendeproteste erinnert gefühlt, die Amerika-Fahnen, die da in langer Reihe auftauchen… die Deutschlandfahnen waren auch plötzlich da und wir hatten nichts mehr zu entscheiden… und leichtgläubig waren wir auch .

    Mit dem Duckmäusertum unterliegt man leicht einer Täuschung, da es den berühmten Doppelspeak Partei-Sprach-Narrativ gab.

    Was ich heute wirklich vermisse ist das Ideal – der Mensch ist Schöpfer und steht im Mittelpunkt. (Das war natürlich nie verwirklicht, aber in Ansätzen war es vorhanden)

    Huawei, der alle anderen Telekommunikationsanbieter weltweit überflügelt hat, ist größtenteils in den Händen der Belegschaft.

  8. Um aber nicht falsch verstanden zu werden: Keineswegs meine ich in meinem Kommentar pauschal alle Bürger der ehemaligen DDR. Ganz im Gegenteil, viele, sehr viele hatten dort einen beispielhaften Mut, den zu leisten uns im Westen nicht abverlangt wurde. Aber anscheinend prädestiniert einen eine gewisse Form von "Anpassungsfähigkeit" für höhere Posten unter allen Regimen, nicht nur unter solchen à la DDR.

  9. DANKE, Dagmar Henn, dass Sie in Worte fassen, was meine Befindlichkeit mit dem heutigen "Feier"-tag ist!

    Und ja doch, lieber citoyen invisible, der bessere Staat ist verschwunden. Dass Sie ihm als Staatsziel "rückratverkrümmte, stasiphobe und bautzentraumatisierte Duckmäuser" zuschreiben, zeigt nur, dass Sie offenbar schlafwandelnd durch den bundesrepublikanischen Alltag gehen und nicht wahrnehmen, um wieviel mehr rückratverkrümmt und obrigkeitstraumatisiert die westdeutsche Bevölkerung in ihrem zugegebener Weise hübsch bunten Goldenen Käfig ist.

    • Da haben Sie doch völlig recht, genauso sehe ich das auch. Und trotzdem war für mich die DDR nicht der bessere Staat, mit ihrer Stasi, ihrem Bautzen, ihren Mauertoten, ihren Zwangsadoptionen usw. Dass sich die westliche Bundesrepublik inzwischen in eine völlig falsche Richtung entwickelt hat mit teilweise noch viel subtileren und perfideren Methoden, und längst nicht mehr der bessere deutsche Staat ist, steht auf einem anderen Blatt.

  10. Hervorragender Artikel wieder, Dagmar Henn, auf den Punkt gebracht die deutsche Misere der vollständigen Abwesenheit nationalen Selbstbewusstseins*. Bis auf eines:
    "Vor dreissig Jahren ist von zwei Varianten Deutschland die falsche von der Weltkarte verschwunden"-
    Nein, Dagmar Henn, nein und nein und nein. Diesmal ein entschiedenes Nein, das aber der gewohnt hervorragenden Qualität Ihrer Artikel keinen Abbruch tut. Aber nie und nimmer war der bessere deutsche Staat jener, dessen Staatsziel der rückgratverkrümmte, stasiphobe und bautzentraumatisierte Duckmäuser war, von denen es einige mit ihrer in der DDR eingeübten "Anpassungsfähigkeit" als transatlantische Lakaien bis hinauf in die hohe Politik der allein noch verbliebenem Bundesrepublik schafften.

    *ja, SO steht es hier, nicht Nationalbewusssein und nicht Nazi, sondern sachlich präzise ausgedrückt: nationales Selbstbewusstsein

    • Um aber nicht falsch verstanden zu werden: Keineswegs meine ich in meinem Kommentar pauschal alle Bürger der ehemaligen DDR. Ganz im Gegenteil, viele, sehr viele hatten dort einen beispielhaften Mut, den zu leisten uns im Westen nicht abverlangt wurde. Aber anscheinend prädestiniert einen eine gewisse Form von "Anpassungsfähigkeit" für höhere Posten unter allen Regimen, nicht nur unter solchen à la DDR.

    • ich denke, es ist ein wichtiger und guter Artikel, Frau Henn. Er bringt es auf einen (den) Punkt, den man beachten muss. Aber einen kleinen Wermutstropfen träufele ich Ihnen doch in Ihren Wein! ich finde bei aller Berechtigung, Ihr Artikel (dieser Artikel) ist genau so extrem wie der von Stefan Kornelius. 😉

    • Warum, Andreas, sollte eine Nation kein Selbst haben und damit auch ein Selbstbewusstsein? Wo sehen Sie da den Widerspruch? Eine Nation ist kein unpersönliches Abstraktum sondern schlicht eine Bezeichnung für eine bestimmte Gruppe von Menschen.

    • @ citoyen
      Eine Gruppe hat kein eigens Gehirn, was ein Selbst(bewusstsein) erzeugt.
      Das haben nur einzelne Menschen.
      Dann können einzelne Menschen sich einer Gruppe zugehörig fühlen, sich mit einer Gruppe identifizieren bzw. können ganz einfach Teil einer Gruppe sein – und gerne Teil einer Gruppe sein / sich gerne zugehörig fühlen oder eine Gruppe eher problematisch finden.

      Ich will keine Wortklauberei betreiben, ich finde Denken kann nur gelingen, wenn die Begriffe stimmen. 😉

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